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Last-Train-Home

Über mich.

Ich bin in der Sonne anders als im Dunkel. Mal hungere ich, mal bin ich satt. Heute ziehe ich mit den Wolken, morgen versinke ich in der Erde. All das bin ich. Ich will mich sehen wie ein Turm, und bin doch kaum mehr als das Gras im Wind.

Musikliste




Il Divo
Ancora


the Ten Tenors
Larger Than Life


Pet Shop Boys
Nightlife


Sarah Brightman
Timeless


Herbert Grönemeyer
Mensch


Sonntag, 8. November 2009

Eyland 90, 12.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.1. Die Leibesfreudigen.

"Meine Erinnerungen", sagen die Leibesfreudigen aller Generationen, "kann mir keiner mehr nehmen." Die Leibesfreudigen zerkleinern das Leben in genießbare Events. "All you can eat." An jeder Ecke lungern die Leibesfreudigen mit ihren Tellern auf einen weiteren Schlag Leben. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt werden. Die Leibesfreudigen schlecken, dippen, glotzen, schmökern, voten, erwählen leibesfreudige Götter. So vertreiben die Leibesfreudigen das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen sind die Könige des Gewesenen.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.2. Die Liebesnestler.

Ihre Liebe ist groß wie ihre Welt, und die ist ziemlich klein: 2,00 x 1,60 Meter im Schnitt. Selten fühlt Gleichgültigkeit sich herzlicher an, als hoch oben im Liebesnest. Zwei Greifvögel beim Balzflug, bevor sie auf uns hinab stürzen. Haben wir Glück, bauen sie unser Fleisch in ihr Liebesspiel ein, füttern und necken sich damit. Liebesnestler fressen nicht, Liebesnestler schlingen nicht. Gemeine und heimtückische Reißzähne sind ihrer Liebe fremd. Liebesnestler picken sich aus dem Leben nur das zarteste Fleisch heraus. Liebesnestler sind die warmherzigsten Fleischfresser der Welt.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.3. Die Sandburgen.

Sandburgen empfinden sich als Kronen der Schöpfung, selbst wenn sie an einer Supermarktkasse erbaut wurden oder irgendwo Häppchen bereit halten. Bis auf die Zinnen sind Sandburgen gestylt. Liebevolle Peelings, harte Arbeit am Idealmaß. Geht der Wind über sie hinweg, ist es den Sandburgen, als könnten sie fliegen. Brennt Sonne auf sie herab, vermuten die Sandburgen sich in ihrer gesündesten Farbe. Und vom Wasser glauben sie bis zum Schluss, dass es sie trägt. Wenn alles Leben längst heimgekehrt ist, finden sich am Strand noch Reste einstmals stolzer Sandburgen. Oft werden Sandburgen eben selbst vom Tod vergessen.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.4. Die Engelmacher.

Allzuvieles gibt es, das wir mit unseren Sinnen schwerlich begreifen können. Der simple Blick noch durch ein Mikroskop für Kinder beweist uns jene Ebene des Unfassbaren, die Demut fordert und zur Vorsicht mahnt. Gebietet diese Unfassbarkeit aber nun, unseren Sinnen Unsinne entgegen zu setzen? Engelmacher gehen auf eine Weise mit dem Nichts um, wo selbst Kinder keine Wauwaus mehr erkennen mögen. Hat man Kinder je vor dem Nichts knien sehen? Hingegen Engelmacher für ihr Nichts gar zum Schwert greifen. Eines aber misslingt den Engelmachern regelmäßig: im Nichts Essen zu fassen.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.5. Die Fleischfeste.

Was des Menschen Anteilnahme betrifft, jene Adjuvanzien des Mitgefühls, so sind mir kinoreife Busen Lehre genug: Selten kommen Männer umhin, solchen Busen ihre Freundschaft anzudienen. Im Falle des (Frei-)Todes reichen kinoreife Busen zwar selten hin zu einem Fackelzug durch die Stadt, aber ihnen wird im Regelfall mit mehr Hingabe nachgetrauert, als den gemeinen Stücken Fleisch.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.6. Die Platzhalter.

Das Jetzt ist den Platzhaltern ihr Heiligtum. Kein Trotzkopf klammert sich inniger an seinen Fetisch, als ein Platzhalter an das Jetzt. Platzhalter sind begeisterte Durchatmer und leidenschaftliche Nipper. Ihre Bleiben sind dekoriert, wie nirgends sonst auf der Welt. Augenblicke gelten den Platzhaltern als Trauben des Lebens, die erlesen und breitgetreten sein wollen. Vom Wesen her sind Platzhalter zutiefst pünktlich, immer auf den besten Rängen, stets angemessen kostümiert. Wer einen Platzhalter kennt, braucht keine Zeitansage mehr.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.7. Die Rudeler.

Man sollte sich nicht täuschen lassen, wenn Rudeler ausgelassen beim Kartenspiel zusammen sitzen. Rudeler sind auf der Jagd, immer auf der Jagd. Für Rudeler ist das Leben eine Frage der Beute. Und niemandem ist gewiss wie den Rudelern, dass einsame Jäger des Todes sind. Wer den Rudelern also genehm sein will, der mag sie tüchtig bewirten. Keine Suppe, kein Gemüse, Fleisch!

Des Philosophen Reich!

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Fortsetzung auf meinem neuen Weblog: http://chschlesinger.blog.de/

Samstag, 17. Oktober 2009

Mein neues Leben.

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Freitag, 25. September 2009

Places.

Warum sind wir Wohlstandsbürger entsetzt, wenn jemand mit Anfang vierzig unheilbar erkrankt, warum werden an Krebs leidenden Siebzigjährige beruhigt, dass der Krebs sicher nur "eine Episode" sei? Oft fühle ich mich schrecklich verkehrt mit meinem aus Jahrtausenden gewonnenen Lebensgefühl. Einem Lebensgefühl, das Goethe bereits im 50. Lebensjahr als "ehrwürdigen Greis" erkannte. Und verwehen nicht überall auf der Welt Millionen Menschen wie Gras? Wahrscheinlich gleicht unser Lebensgefühl sich der Zivilcourage an: Was drei Abteile weiter passiert, geht einen nichts an, ist also quasi nicht vorhanden. Anders kann ich es mir schwer erklären, dass Christen regelmäßig unbeeindruckt sind von Hindus und Buddhisten. Als habe der Christengott Kontinente mit Irrglauben verfinstert. Ein ödes Nirwana, wo wir doch in Wirklichkeit Mama und Papa wieder in die Arme schließen dürfen.
Teile ich nun mein Leben durch Milliarden gelebte Leben, komme ich zu dem Endergebnis, meine kleine Reise heute vielleicht zum letzten Male angetreten zu haben. Der "Berg des Schicksals", auf dem ich am 7. Juni 1985 zum ersten Male jenes Gefühl von Freiheit empfand, die Welt erobern zu können. Wenige Augenblicke nur, während sie ringsum Segelflieger steigen ließen, welche wir im Werkunterricht gebastelt hatten.

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Konnte ich jenes rasende Gefühl von Freiheit im August 1999 und im Mai 2001 noch nachempfinden, als ich des Gedenkens wegen erneut dort hinauf kraxelte, so ist es jetzt eher die Freiheit des Heimkehrenden, die ich suche: Getan zu haben, was ich tun konnte.
Mein Leben führte ich immer mit einem gewissen Umweltbewusstsein. Tragfähiges schaffen wollte ich. Für kommende Generationen. Vielleicht hätte ich dem Leben so an anderer Stelle ein nützlicheres Werkzeug sein können, als als Kleinkünstler, aber wer kann das schon wissen?
Statt die Welt zu erobern, nun also der Friede, heimzukehren an die Orte meiner Kindheit. Jene Straßen, die immer noch sind, obwohl sie längst nicht mehr sind.
Mein Leben lang haben mich die Realitäten fasziniert, wann wir träumen und wann wir wachen. Ob das Jenseits unserer Träume weniger ist als ein Diesseits, das wir aus der Mitte unseres Bewusstseins heraus erleben, obwohl wir tatsächlich allein am Rande stehen.
Die Fassade des Glashütter Einkaufszentrums etwa, wie mag sie für andere "real" sein: Empfinden andere sich dort auch als das Kind, das selig in einer Werbung für allererste Spielkonsolen von Atari blätterte, das im Pro-Markt gegenüber seinen ersten Band "Superman" geschenkt bekam? Hier spendierte meine verstorbene Großmama mir ein Zitroneneis, hier pflückte ich Löwenzahn für mein Kaninchen "Albi". Was für andere nur Steine sein mögen, lebt und atmet in mir. Traum? Realität?
Ich habe die rechte Tageszeit gewählt. Dutzende Schüler juckeln ins Wochenende, prahlend, johlend oder selbstvergessen mit der Gitarre an der Hand. Fünfundzwanzig Jahre her, seit ich zum letzten Male mit meinem Schulranzen in den Gilcher Weg einbog. Direkt neben dem Straßenschild die "Bathöhle". Der Sandkasten am Ende der 34 b abgedeckt, eine Bank daneben für älteres Publikum. Alles so klein, so eng, so vergangen, mit wenigen Schritten zu durchmessen.
Wo im Einkaufszentrum Träume von Spider-Man verkauft wurden, jetzt ein Nagelstudio. Tattoos und Piercings haben sie auch im Angebot. Körperphantasien sind gefragt heute.
Es gibt den Chinamann noch! 1982, nach einer Klassenreise an die Ostsee: So glücklich war ich, wieder daheim zu sein. Und am Abend dann Hand in Hand mit meinen Eltern zu eben jenem Chinamann. Boxenstopp!
Eine alleinspeisende Frau vorgerückten Alters. Sie bestellt Wein zum Essen. Eine Familie. Die Tochter kauert über ihrem Gameboy, die Eltern blättern in Zeitschriften.

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Wo im Glashütter Einkaufszentrum das Hauptgeschäft meines Comichändlers "Holz" war, mit Figuren von Asterix & Obelix und Miniaturen ägyptischer Krieger, ist jetzt "Kik", wo ein freier Blick auf das evangelische Gotteshaus herrschte, haben sie einen Aldi vorgeknallt. Ich verzichte auf Fotos.
Am Ende, am Ziel dann der "Berg des Schicksals". Kein unbeschwertes Kraxeln Richtung Gipfel mehr. Stattdessen horche ich auf meine Bronchien, ob sie sich verengen unter der Anstrengung. Ich bin es so leid! Das hundeelende Gefühl am Morgen jedes einzelnen Schultages, das ließ sich händeln. Nie musste ich mich in aller Öffentlichkeit übergeben, nie ließ ich mich beherrschen von meinen Panikattacken. Aber gegen den Tod, gegen den kann ich nicht gewinnen.
Mit dieser Übermacht im Nacken, eröffnet sich mir nun auf dem Gipfel ein anderer Horizont: die Zeit, sie verrinnt! Gab ich mich nach der Schule mit einer Tafel weißer Schokolade für Stunden dem Commodore 64 hin, weil Morgen eben auch noch ein Tag war, stehe ich jetzt unter der Hochspannung Sterbenskranker. Ein intensives, ein erschöpfendes Leben. Keine Zeit, dort oben zu Atem zu kommen, zu Träumen, Mensch zu sein. Mit zwei Kameras beschieße ich die wundervolle Aussicht. Bam! Bam! Bam! Damit ich am späten Abend noch die daraus geformte Kunstgestalt in den Space frei lassen kann. Denn eines habe ich vom Leben erfahren, es wird von unseren Abbildern des Lebens bei weitem übertroffen. Für kommende Generationen sind Abbilder gar die einzige Währung. Erleben ist unteilbar. Ein sich wohlbefindender Mensch, der vielleicht bald schon wie ein Vogel von der Stange fällt. Und allzu oft begeistern wir uns für unser Federvieh mehr als für Mitmenschen, die sich einen Tag im Grünen gemacht haben. Höfliches Interesse. Freundschaftliches Interesse. Eine Insel kann kaum einsamer sein. Wenn mir keine Abbilder meines Erlebens gelingen, bin ich lebendig begraben.

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Als ich den Berg hinabgestiegen war, entspannte ich mich langsam. Mission erfüllt. Noch bevor die Nacht von neuem über mich herfallen konnte, würde ich ein weiteres Abbild von mir in die Welt gestellt haben. Für den Tag hatte ich dann getan, was ich tun konnte. Und es wird bis ans Ende meiner Tage nicht mehr nötig sein, zum "Berg des Schicksals" zurück zu kehren. Es ist nicht mehr meine Welt.

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Mittwoch, 16. September 2009

Ein alter Vogel und seine Viola.

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Die Wirtin gibt mir einen Brief. Einen Brief von Viola! Sie muss mittlerweile verheiratet sein, aber ihre Schrift erkenne ich sofort. Seit wie vielen Jahren ist der Kontakt abgerissen? Zwei eng mit dem Computer beschriebene Seiten, ein handschriftlicher Nachtrag. Wahrscheinlich, weil der Brief zurück kam: "Unbekannt verzogen." Ich mag gar nicht mit der Wirtin schimpfen, dass sie mir Violas Brief vielleicht über Monate vorenthielt. Jetzt hat er mich erreicht, welch ein Glück!
Ich ziehe mich in den hintersten Winkel der Gastwirtschaft zurück. Augenblicklich verlischt das Leben ringsum. Der Brief von Viola und ich, wir sind allein im Dunkeln. Und es ist genug, es ist uns zum Weiterexistieren genug. Vielleicht kann mein Bewusstsein auf einer Ebene Jahrtausende überdauern mit der Frage, was wohl in Violas Brief stehen mag?
Aber für dieses Mal noch dringt das Morgenlicht durch in mein Sein. Du träumst! Mit Macht versuche ich zurück zu kommen in den Traum: Den Brief aufreißen, und vielleicht drei, vier Worte noch lesen können! Aber zu früh. Das Leben hat mich wieder. Jener blaue Himmel, der so hungrig macht und so wenig satt.
Selbst wenn ich Viola jetzt google mit dem Nachnamen, der auf ihrem Brief stand, was soll es? Worte sind im Leben nur Worte. Keine Ewigkeit, in der wir für immer sein können.

Donnerstag, 10. September 2009

Meine Muse, ein Brecheisen.

Kunst, wie ich sie verstehe, will verschlingen, nicht gefallen. Wenn ich auch nur ein Wort bloggen würde, um beliebt zu sein, bliebe ich eine Laune der Natur. Besessen sein will ich von jenem Irrsinn, der mich seit Jahrzehnten dazu quält, an einem meisterhaften Kunstwerk zu scheitern. Einem Kunstwerk, das alles beiseite fegt in jenen, die davon berührt werden, und das sie heraus bricht aus Sitten, Ritualen und Tabus.

Mittwoch, 9. September 2009

Buschfeuer.

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Auf dem Papier leben oder gut im Fleisch sein?

Als Kind, da war ich Spiderman, Batman, Luke Skywalker, was Ihr wollt. Noch heute sehe ich auf hohen Gebäuden Spiderman stehen, wie er in die Ferne schaut.
Das Interesse am Freitod keimte erst mit der "Liebe": Nicht mehr länger begehrte ich unsterbliche Kunstfiguren, sondern ich bekam eine irrsinnige Lust auf verderbliches Fleisch. Spiderman opferte sich weiter auf in der Heldentat, während ich mit Macht dem Sinnesrausch verfiel. Ein Zombie, der stöhnend zwischen Leere und Fülle taumelt.

Linny. (2)

Ich sah auf mich hinab: Cordhose, wolfsgrau, und ein abgelegtes Hemd meines Vaters. Bisher hatte ich nie in Mode gemacht. Bevor Linny mir erschien, sorgte ich mich allein darum, im Werkunterricht und überhaupt bloß keine Chemie zu atmen. Mir mit glänzend gelackten Oberflächen den Verstand zu benebeln, davor schob ich Panik.
Seit Linny aber spürte ich mit einem Male Büx und Jack als die wahren Urgetüme allen Lebens: Respekt konnten sie mir verschaffen, oder mich zum Niemand herabwürdigen. Und was nützten einem Niemand seine paar Groschen mehr an Verstand?

Sonntag, 6. September 2009

Schlesinger mini.

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Linny. (1)

Kein Zweifel, mein Weg in den Tod begann mit zwei Eintrittskarten. Die Eintrittskarten waren vor Hitze zu schützen und fühlten sich gleichgültig an in meiner Hand. Als hätte ich nicht wochenlang nach der Schule für sie geschuftet. Kisten gepackt bei ‘nem Typen, der nackte Männer an der Wand hatte, und mir dauernd vorschlug, "Du" zu ihm zu sagen. Arsch!
Ich hielt die Eintrittskarten in den Himmel, als könnte ich mit so ‘ner Siegespose etwas beweisen: Ein Held des Abendprogramms, der vorm letzten Werbeblock die Tickets ins Paradies herzeigt. Andauernd spielte ich Schnulzen nach! Wenn ich hier auf dem "Berg" stand, der im Grunde nur ein Hügel Baggersand war, fühlte ich mich meist wie ein mordsmäßig trainierter Boxer, der kurz davor war, dem Weltmeister tüchtig auf die Nase zu geben.
An jenem Tag aber, mit den beiden Eintrittskarten in der Hand, war es anders: "Oasis" las ich darauf, zweimal "Oasis". Mich erinnerte das an eine Wüste. Fette Sonne und überall Gerippe.
"Sisao", probierte ich es rückwärts: Als würde ich Depp eine Schlange beschwören! Drumherum Buden, die fröhlich taten, und wehende Fahnen. Ein Rummel, der sich bemühte, keine Wüste zu sein.
"Oasis": Vorwärts wie rückwärts brauchte ich Willenskraft, mir statt des Papiers ein Tamburin in die Hand zu träumen. Sein Tamburin! Cool werden wie Liam Gallagher, der Sänger von Oasis. Ich schwenkte ein wenig meine Hüften, bäumte mich probeweise auf - und hatte am Ende doch nur sandige Turnschuhe. Abgelatschtes Plastik. Schritt für Schritt Erinnerung daran, wie unehrenhaft ich die Schule bald verlassen musste. Wenn einer Träume nötig hatte, dann ich.
Aber wem denn gab Liam Gallagher mit seinem Tamburin den Takt vor, wem? Hände waren das, tausende Hände, die sich da in den Himmel reckten. Keine Köpfe! Nirgends! Solch Schwarm von einem Vorsänger hätte ich sofort Lebewohl gesagt - wäre nicht jenes Mädchen in der ersten Reihe gewesen: Das konnte ich mir ausmalen! Ein Irrsinn an Farbe, der mir durchs Hirn flutete. Fuchsrotes, sich wellendes Haar. Wangen, so rosig, als wären sie jenen Engeln nachgebildet, die das Himmelsrund der Kathedralen schmückten. "Linny", probte ich leise den Namen des Mädchens, "Linny!"
Keinesfalls durfte ich dem Zufall überlassen, mit welcher Geste ich Linny die Karten für das Konzert von Oasis präsentierte. Sonst wirkte ich am Ende wie ein Kleines, das sein Fläschchen herschenken will.
Lange sah ich hinaus auf das weit sich erstreckende Grün. Hamburg ganz klein in der Ferne. Als käme ich von den Sternen, so wollte ich vor Linnys Angesicht treten. Weder Fußball spielen konnte ich noch Schwimmen. Für Sterbende begeisterte ich mich mehr als für Popstars. Das war doch alles wie von einer anderen Welt, oder?

Samstag, 5. September 2009

Kibera.

Eine Million Menschen. In Hütten. Ohne Wasser. Ob ich an einem solchen Ort meinen Frieden finde?
Beten oder Boxen. Mehr steht selten zur Wahl in Slums wie Kibera. Wenig Möglichkeiten also, über verpasste Chancen nachzugrübeln. Und wie wird mir das Sterben leicht, wenn die Menschen um mich herum verwehen wie Gras?
Will ich nicht erdrückt werden von meinem überspannten Lebensentwurf eines unsterblichen Daseins als Künstler, muss ich mich hineinsteigern in den Slum. Die sonnengebräunten Greise, die tausend Freunde im sozialen Netzwerk: das sind Lügen! Millionen sind kaum lange genug am Leben für einen Freund. Alles darüber hinaus ist Gnade, kein Muss.
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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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