Dienstag, 27. April 2010

Die Spur des Elefanten.

Als ich zehn war, starb Onkel Erhard. Die Erwachsenen sagten mir, Onkel Erhard würde nun vom Himmel auf uns herabschauen. Das war mir unangenehm. Bis in meine Träume spürte ich die Augen von Onkel Erhard. Den Erwachsenen erzählte ich davon nichts. Ihnen schien es wenig auszumachen, von Onkel Erhard beobachtet zu werden. Ich hingegen hatte Angst, dass Onkel Erhard es den Erwachsenen petzte, wenn ich im Traum einmal unartig war. Ich wollte meine Träume für mich haben. Da die Erwachsenen mir aber keine Hilfe boten, musste ich schon selbst mit Onkel Erhard sprechen: Ich wurde Pfarrer.

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Seither habe ich viele Predigten gehalten. Von Onkel Erhard. Wie er in den Himmel gekommen ist, als ich zehn war. Damit ich immer neu von Onkel Erhard predigen konnte, ließ ich Onkel Erhard mal als das Lamm, mal als den Sohn Gottes sterben. Aber wie ich es auch anfing, stets schien die Gemeinde befriedigt, so bald Onkel Erhard vom Himmel auf uns herabschaute.
Wenn die Gemeinde schlief, floh ich hinaus in eine Nacht ohne Träume. Doch selbst im stillsten Winkel des Parks ließ Onkel Erhard nicht ab von meinen Sünden. Bald fühlte ich mich unter seinen Augen, als wäre ich ein Leben lang unartig gewesen. So sehr ich auch betete wie man es mich gelehrt hatte, mir schien, als gäbe es im gesamten Himmelsrund nicht ein Wort des Trostes für mich.

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"Bist Du der Pfarrer?" klang es hinter mir. Es war der Vorabend des Weihnachtsfestes, und ich sperrte gerade das Tor zur Kirche ab. Ich drehte mich um. Für einen Augenblick war ich geblendet von all dem Schnee, der im Mondlicht leuchtete. Dann sah ich das Mädchen: Acht, vielleicht neun Jahre jung.
"Will ich vor den Kühen retten!" Das Mädchen hielt mir einen Umschlag hin. "Kannst Du es segnen?"
Wortlos nahm ich den Umschlag.
"Nicht öffnen! Ist nicht für Dich!"
"Wie kann ich segnen, was ich nicht kenne?"
"Du segnest nur, was Du nicht kennst. Du bist doch auch eine Kuh!"
"Dir muss kalt sein..." Ich erkannte das Nachthemd unter der Jacke des Mädchens. Ein Nachthemd, wie ich es in Krankenhäusern sah, wenn man mich ans Bett rief.
"Nun segne endlich!"
Ich erinnerte, wie ich als Kind eine Mütze, die man mir zu tragen befohlen hatte, in den Fluss warf. Meine Ohren waren taub vor Kälte, als ich die Mütze warf, so weit ich konnte.
"Gehen wir in die Kirche", sagte ich.
"Keine Licht!" forderte das Mädchen
"Aber dann sehen wir nichts."
"Was Kühe sehen, wollen sie fressen!" Flink pustete das Mädchen alle Kerzen aus, die um den Altar brannten.
Wir standen nun mitten im Kirchenschiff. Auf einer Insel Mondlicht. Meine Hände hielten sich an dem Umschlag fest, den das Mädchen mir anvertraut hatte. Nur schwer gewöhnte ich mich an die Dunkelheit.
"Merkste! Nun hockt Dein Onkel da oben auch im Dunkeln."
Tatsächlich, wo waren die Augen von Onkel Erhard? Mit mir schien auch Onkel Erhard seine Orientierung verloren zu haben. Fast wollte ich aufblicken und Onkel Erhard die Zunge rausstrecken.
Das Mädchen zupfte an meinem Ärmel: "Kannst Du Dir einen Elefanten vorstellen?"
Ich dachte an Afrika. An jene Welt aus Tag und Nacht, die nach keinem Pfarrer je verlangt hatte. "Ja", sagte ich, "einen Elefanten kann ich mir vorstellen."
"Du hältst ihn in der Hand. Er ist in dem Umschlag. Es ist spät. Er will schlafen."

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Ich dachte zurück an all die Erwachsenen, die sich mir verschlossen, als ich während meiner Kindheit um das kämpfte, was ich als Wahrheit empfand. "Dann müssen wir einen Ort finden, wo er schlafen kann."
"Endlich begreifst Du."
Das Mädchen nahm mich bei der Hand. Wir verließen die Insel des Mondlichts und traten ein in das Dunkel, das um den Beichtstuhl herrschte:
"Hier geht Ihr Erwachsenen Eure Sünden abladen, nicht wahr?"
"Wenn Menschen ganz stark an den lieben Gott als ihren Schöpfer glauben, ja."
"Kinder auch?"
"Es gibt Lehrer, die führen Schulklasse geschlossen zur Beichte, ja."
"Beichten Kinder viele Sünden? Ich meine, ist Dir das nicht peinlich?"
Ich schwieg.
"Bei uns durchleuchten sie die Kinder sogar. Um zu sehen, ob Böses in ihnen ist. Das finde ich frech!"
Ich schwieg. Vielleicht, weil es für einen Erwachsenen sehr ungewohnt ist, im Dunkeln zu sein.
"Erklär mir, wie der Elefant hier in den Umschlag gekommen ist!" forderte das Mädchen.
"Jäger werden ihn eingefangen haben. Für den Zoo." Ich spürte, wie mein Gesicht rot anlief. Vielleicht war ich wirklich eine Kuh, die gleichmütig eingefangene Elefanten begafft.
Das Lachen des Mädchens hallte bis hinauf zum Kirchengebälk. Ein helles Kinderlachen, das für Augenblicke alle Welt erleuchtete. "Kühe glauben, dass sie es wären, die später in einen Umschlag getan und an den Himmel adressiert werden."
Ich tastete nach einer Kirchenbank, auf die ich mich stützen konnte. Viele Jahre hatte ich das Leben der Erwachsenen eingeübt. Nur mit Mühe konnte ich noch zuhören. Und bei Kindern schüttelte ich bereits den Kopf, kaum dass eines schüchtern seine Stimme hob. Welcher Frieden mochte wohl darin liegen, mit einem Elefanten in einem Umschlag zu reisen? Von Kinderhänden durch die Welt getragen. Plötzlich kamen mir all die Tage verloren vor, an denen ich es für unwahrscheinlich gehalten hatte, dass ein Elefant in einen Briefumschlag passt. Würde ich diese Tage mit einem schwarzen Stift aus dem Kalender streichen, es blieben von meinem Leben wohl nur wenige weiße Flecken.

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Das Mädchen stampfte mit dem Fuß auf: "Nun mach schon, sing dem Elefanten ein Schlaflied!"
"Aber Elefanten sind das nicht gewohnt."
"Tote etwa? Selbst auf einem Gottesacker seid Ihr noch am lärmen. Also los!"
Ich legte den Briefumschlag neben mich. Für Minuten war allein Dunkelheit zwischen dem Mädchen und mir.
"Du könntest die ganze Welt entzwei schlagen, nicht wahr?"
"Wir haben bei uns so viele Zimmer..." Das Mädchen schien zu träumen. "Wenn alles in dem Umschlag für Dich wäre, würdest Du wissen, wie schwer es ist. Wer von uns schon schreiben konnte, hat etwas hinein geschrieben. Und von denen, die nicht schreiben konnten, haben wir uns erzählen lassen, was wir für sie hinein schreiben sollen."
Leise begann ich ein Schlaflied zu singen. "Oh liebe Nacht, oh weiser Wind, in eurer Hand zu sein ganz tief, ist wie die Macht, ist wie das Licht, das mich ins Leben rief."
Einen Augenblick war Stille. Dann flüsterte das Mädchen: "Er schläft."
"Und Du bist kein bisschen müde?"
"Doch, sehr."
"Vielleicht sollte ich Dich heimbringen."
"Heimbringen! Tu nicht so, als wenn Du zum Schlafen etwas anderes hättest, als Deinen Kuhstall."
Obwohl das Pfarrhaus einen Kamin besaß, war mir nie in den Sinn gekommen, dort Feuer zu entfachen. Ich achtete darauf, dass kein Staub lag und dass die Uhren aufgezogen waren. Mehr nicht. Nun tat es mir leid, Onkel Erhard beinahe die Zunge rausgestreckt zu haben. Wo sollte ich jetzt hin, wenn nicht zurück in einen Stall, den man Pfarrhaus nannte? Der Gemeinde Segen spenden, wie Kühe ihr Milch geben. Die Sterne waren für alle. Und im Augenblick kamen sie mir auch recht gleichgültig vor. Onkel Erhard aber war die ganze Zeit nur für mich gewesen.
"Verstehst Du nun, was uns Kindern die Elefanten sind, die Indianer, die Piraten? Versuch nie wieder, ein Kind heimzubringen in Deinen Kuhstall."
"Ist es denn so schlimm, wenn wir es gut miteinander meinen?"
"Du meinst nichts, Du glaubst nichts. Du kannst doch nur bestimmen!" Beinahe spürte ich, mit was für Empörung das Mädchen hinauf zur Kanzel blickte. "Ihr Erwachsenen tut von oben herab immer so, als müsstet Ihr nie weinen und niemals schreien. Dabei müsst Ihr es doch. Ihr habt bloß Angst, dass Euch dann keiner mehr lieb hat."
"Wenn Menschen ganz fest an den lieben Gott glauben, tut ihnen jeder Mensch weh, der zweifelt. Einige Gläubige werden dann sehr böse. Wieder andere versuchen, den Zweifler mit Liebe zu umschlingen. Und manche sind fest entschlossen, sich in den Tod zu stürzen, gäbe es keinen Gottvater. So sinnlos erscheint ihnen das Leben und das, was sie als Unrecht empfinden."
Wort für Wort stieg Kälte in mir empor. Mir war, als drängten aus jedem Winkel des Kirchenschiffes Schatten an mein Herz. Geister all jener, die ihr Seelenheil meinem Glauben anvertraut hatten. All die Menschen, die auf dem Sterbebett nach meiner Hand gegriffen hatten, während ich bloß die Lippen bewegte.
"Predigt für Predigt habe ich etwas von der Verzweiflung meiner Gemeinde auf mich genommen. Ihnen allen versprach ich ein Reich, von dem ich mir selbst immer weniger versprach."
"Pah, zu uns kommt auch immer so ein Typ, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hat. Was die Kinder draußen nicht mehr haben mögen, das schenkt er uns. Fühlt sich ganz großartig dabei der Typ. Und die ganze Zeit tut er so, als würde er den Weihnachtsmann auch spielen, wenn er dafür kein Geld bekäme. Ihr Erwachsenen spannt doch selbst vor der Kirche Schirme auf! Euer König wird ans Kreuz geschlagen, während Euch jede Pfütze wichtig ist."
Der Bruder von Onkel Erhard kam damals mit dem Taxi. Die ganze Beerdigung über schien er sich darum zu sorgen, dass er vom Regen nicht nass wurde.
"Stell Dir vor, Dein Briefumschlag läge draußen im Schnee. Zermatscht und mit einer Eisschicht überzogen. Es würde dem Elefanten, der ja in dem Briefumschlag lebt, kaum gut tun. Glaubst Du nicht auch, dass wir die Aufgabe haben, für das Leben zu sorgen, das in uns ist, für die Indianerreservate und für die Schatzinseln?"
Das Mädchen aber blieb unerbittlich: "Elefanten sind im Leben wie im Tod. Was Euch Kühe vor Angst plemplem macht ist für Elefanten, als würde ein Kind eine Nacht mal nicht träumen. Über die Zäune Eurer Weiden steigen Elefanten weg. Jäger, die ihnen Böses wollen, werden nur leere Briefumschläge finden. Zermatscht und mit einer Eisschicht überzogen."
Mondlicht fächerte sich über dem Altar bis hinein in die ersten Bänke. Mir war, als sähe ich diese Kirche zum ersten Male. Ein Boden so steinig, dass er mich zerschmettern würde. Blutrote Fenster, welche wie mit hundert schneidenden Schnäbeln auf mich lauerten. Vor allem aber fühlte ich mich frei! So frei, als wären Eisenschellen in mir gelöst worden. Ich hätte das Wort Gottes beiseitelegen und nie mehr anschauen mögen. In jenem Augenblick fand ich etwas, das sich wahrhaftiger anfühlte als all das, was mir die Erwachsenen je zu studieren aufgaben. Ich nahm den Briefumschlag des Mädchens in beide Hände und hielt ihn gegen das Mondlicht. Mir war, als wenn Trommeln mich riefen und Tiere eines Urwaldes nach mir schrien.
"Kein großes Zimmer hier." Das Mädchen hüpfte den Mittelgang entlang in Richtung des Altars. "Warum habt Ihr es so groß gebaut?"
"Weil wir uns weniger klein fühlen, je größer wir bauen."
"Das kenn ich, das kenn ich!"
Oft hatte ich erleben müssen, zu was für Wahrheiten Kinder fähig waren. Für Kinder schien unser Leben wie eines ihrer Spielzeuge: ging es kaputt, ja, dann ging es eben kaputt. Dann musste man das auch so sagen.
"Was kennst Du denn, das groß gebaut ist wie eine Kirche?"
"Das Zimmer vom Zottel!"
"Auch eine Kuh?"
"Ja. Aber das Zottel hat sich einen Zopf wachsen lassen und einen Bart. Damit niemand merkt, dass es eine Kuh ist. Sogar eine, die zum Kuhsein hohe Absätze braucht und Diplome an der Wand."
"Und was macht das Zottel."
"Es spricht mit uns Kindern über den Tod."
Kein Kind hatte in der Stunde seines Todes je nach meinem Trost verlangt. Die Erwachsenen ringsum mussten gestützt werden. Während das Kind in ihrer Mitte weder klagte noch bettelte.
"Dabei macht das Zottel immer ein Maul, als würde es uns etwas anbieten, was schlecht ist für die Zähne."
"Es gibt nicht viele Erwachsene, die über den Tod sprechen mögen."
Tatsächlich hörte mich meine Gemeinde immer bloß wegen des Himmelreiches an. Als würde der Herr Pfarrer oben bei den Kirchenglocken einen Goldschatz hüten. Niemand aus der Gemeinde wollte etwas von den Käfern wissen. Käfer, die sich unter Laub und Schnee in den Kreislauf des Lebens fügten, ohne eine große Sache daraus zu machen.
"Das Zottel hat Angst vor dem Tod! Darum fragte es immer nach Kindern wie mir. Um voll sicher zu sein, dass noch jemand vor ihm an der Reihe ist."

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"Aber Du bist doch eben erst geboren!"
Alles stand still in mir. Meine Worte sanken wie Asche auf mich hinab. War ich all die Jahre Pfarrer gewesen mit dem Ideal einer Gemüsewage? Hundert Gramm Gerechtigkeit, bitte! Ich spürte keinen Boden mehr. Gleich einem Pendel schwankte der Fels unter mir. Seelenruhig trieb das Kirchenschiff hinein ins nächtliche Afrika. Wie viele Sterne es gab! Unter dem Himmelszelt, auf den Wipfeln der Bäume, wiegten sich Vögel. Ihr Gefieder glänzte, als wären sie gerade erst erschaffen worden. Ein Elefant brach durch das Dickicht und sah mir vom Ufer aus nach...
"Oh, haben wir den Elefanten aufgeweckt?"
Das Mädchen schwieg. Im Geiste eines stummen Fährmannes stand es vor dem Altar. Was Kinder schweigen können! Sie gehen mit Totem um wie mit Lebendem: Fingerpuppen, die Kronen tragen und Krokodilszähne zeigen, sind ihnen Antwort genug.
Wir trieben einen Strom entlang, der bis in alle Ewigkeiten zu fließen schien. Auf beiden Seiten des Ufers zeigten sich mir Menschen. Menschen, die wirkten, als würden sie mich kennen. Als wüssten sie um jedes Gebet, zu dem ich bloß die Lippen bewegt hatte.
"Herr Pfarrer, es ist Zeit für den Segen", sagte das Mädchen.
Ich folgte der Stimme des Mädchens bis vor den Altar. Beinahe hätte ich meine Augen geschlossen. Ich verspürte keine Lust mehr, mit ihnen zu sehen. Das Mädchen wich beiseite. Es ließ mich die Kerzen fühlen, die erloschen auf dem Altar standen. Ich tastete nach dem Kruzifix. Als ich den fein geschnitzten Leib Christi spürte, schien das Kirchenschiff seinen Hafen gefunden zu haben.
"Komm, es ist nicht mehr weit!" Zum letzten Male nahm das Mädchen mich bei der Hand.

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Der Bootssteg führte in ein tiefes Grün, das sich umso weiter entfernte, je näher ich ihm kam. Mein Talar flatterte mir um den Leib, als hinge er nach allen Seiten zerrissen herunter. Mit der schmalen Hand eines Zehnjährigen hielt ich den Briefumschlag des Mädchens. Segnen sollte ich ihn, und hatte doch alle Segnungen meines Pfarramtes längst vergessen. Tiere glitten durch das Buschwerk. Sie beäugten uns mit einer Neugier, die unter Menschen bloß im Kindesalter zu finden ist. Ehe eitle Erwartungen nach der Herrschaft über uns verlangen.
"Sieh!" rief das Mädchen.
Inmitten des Urwaldes waren wir auf eine Lichtung gelangt. Um uns heulten Stürme, die aus Höhlen tief im Erdreich zu strömen schienen. Gebeine erkannte ich, weiß wie Gold. Sterbliche Überreste, die in das Grün Afrikas gelegt waren, als seien sie der Schmuck der Erde.

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"Hierher kommen die Elefanten, wenn sie müde sind."
"Woher kennst Du den Ort?" Ich war überzeugt, dass vor uns kein Mensch je diese Lichtung betreten hatte.
"Du hast mich hergeführt."
Das Mädchen wirkte enttäuscht, als hätte ich wieder etwas nicht verstanden. Tatsächlich kam die Lichtung mir vertraut vor. Wo in aller Welt hatte ich sie je gesehen?
"Für einen Jungen sollte ich schreiben, dass das Leben durch die Elefanten hindurch scheint. Kurz bevor sie hier Frieden finden. Als wären sie aus Glas. Eigentlich konnte der Junge selber schon schreiben. Aber er getraute sich nicht, sein Bett zu verlassen."
In der Nacht, als Onkel Erhard starb, hatte ich leise die Tür meines Kinderzimmers geöffnet. Damit ich horchen konnte, was die Erwachsenen am Telefon besprachen. Ein Spalt Licht fiel in das Kinderzimmer. Es spiegelte sich auf den drei gläsernen Elefantenminiaturen, die nahe der Fensterbank standen. Eine Mutter, ein Vater und ein Junges. Alle drei verbunden durch goldfarbene Kettchen.
Weinen hörte ich in jener Nacht niemanden. Stattdessen traf man Reisevorbereitungen. Als wäre es am allerwichtigsten, den Tod von Onkel Erhard zu regeln. Während die Erwachsenen so ihre Koffer packten, fiel ich in einen atemlosen Traum.

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Mit einem Male erkannte ich alles wieder! Schilf strich über meinen Schlafanzug. Die Erde war noch warm von der untergegangenen Sonne. Um mich Dutzende Elefantengebeine. Onkel Erhard ruhte unter einem Affenbrotbaum inmitten des Elefantenfriedhofes. Noch nie hatte ich als Kind solch einen Baum gesehen. Tausend Jahre und mehr schien der Affenbrotbaum alt zu sein. Erst wirkte es, als wäre Onkel Erhard mit seiner Pfeife im Mund eingeschlafen. Aber dann tat er die Augen auf und lächelte mir zu: Komm! Ich schüttelte den Kopf, schüttelte ihn immer wieder. So stolperte ich einige Meter fort von Onkel Erhard. Dann wandte ich mich ab und rannte davon so schnell ich konnte. Durch den Urwald. Zurück in mein Bett...
"Nun geh schon", sagte das Mädchen, "Dein Onkel hat lange auf Dich gewartet."
Der Affenbrotbaum stand noch so da, wie ich ihn in meiner Kindheit zurück gelassen hatte. Als wäre seit jenem Traum kein Tag vergangen. Onkel Erhard breitete die Arme aus. Nie in meinem Leben hatte ich solch eine Güte gespürt.

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Neben dem Altar sah ich mich liegen. Die Beine angewinkelt, als hätte ich noch versucht zu knien, bevor ich rücklings auf den Kirchenboden fiel. Der Mund geöffnet wie zum Gebet. Den Briefumschlag hielt ich in meiner Faust geborgen. Nach der Messe hatte ihn mir die Schwester Oberin eines Kinderkrankenhauses gegeben. Fürbitten schwerkranker Kinder. Ich war nicht mehr dazu gekommen hinein zu schauen. Das würden nun andere tun müssen.
Meine Flucht, die in jener Nacht begann, als Onkel Erhard starb, hatte nun ihr Ende gefunden. Alle Himmel der Welt taten sich vor mir auf, bevor ich einging in seine Hände.


Bilder von Jendrik Helle

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Dienstag, 20. April 2010

160 Zeichen und keine Welt.

01. Dezember 2000 um 22 Uhr 00
Love with tongues of fire. Schlafe schön und träum was Süßes! Deine Linny hat Dich lieb!
06. Dezember 2000 um 20 Uhr 24 und 20 Uhr 26 und 20 Uhr 27 und 20 Uhr 32
Du bist doch ein elender Schleimer! Ein Schlumps! Hilfe!!! ;-> 1000 Küsse an Dich!!! Nein, Du bist nicht elend, Du bist phantastisch! Der Brief ist fertig, geht morgen weg... Und danke für alles! ...was für eine Schauspielerin? Und ich hab dich lieb! Linny goes 2 bed now... Schlaf schön, mein Schatz! :--**
07. Dezember 2000 um 17 Uhr 27 und 17 Uhr 28
I never meant to do you trouble, I never meant to do you harm. Entschuldige den "Schleimer." Vielleicht werfe ich manchmal zu sorglos mit solchen Wörtern um mich. Little phantasy...
16. Dezember 2000 um 13 Uhr 24 und 13 Uhr 27
Es schneit!!! Schnee!!! Christian, vielen Dank für Deinen Brief, hat mich sehr ge- freut!!! Und morgen wird Vicky 7, Freude überall!!! LoveLoveBeatinHeart, Deine Linny <3
18. Dezember 2000 um 20 Uhr 10 und 20 Uhr 12 und 20 Uhr 14
Mein Süßer, gerade, als ich auch bei der Post stand, hast Du wohl Dein Paket losgeschickt! Und es schneit wieder... Dicke weiße Flocken, über Tannen und Dächer, tanzend, still. :-* Ich merke, mein Schatz, ich bin drauf und dran, mich in Dich zu verlieben. :-***
19. Dezember 2000 um 17 Uhr 19
Ach, Christian, das hoffe ich auch! Im Übrigen, ist MIR Dein Alter egal, my dear *<3*
26. Dezember 2000 um 17 Uhr 10
Habe eben mit meinen Schwestern Schneeballschlacht gespielt :->> All my love 2 YOU!
26. Dezember 2000 um 22 Uhr 12 und 22 Uhr 18
Ach mein Lieber, mit Dir würde ich alles schaffen! Viel Spaß beim edlen Schnabulieren! <3 My love, my love... my LOVE!! Deine Linny ... bin bald zu Hause, rufst Du mich noch mal an? Hm? :-)
26. Dezember 2000 um 22 Uhr 59
My Love, mach Dir darum keine Sorgen. Was ich an Dir schätze und liebe ist Dein Wesen & Dein Geist, Deine Liebe! Ich drück und küss Dich 1000 mal.
26. Dezember 2000 um 23 Uhr 05
... hm, lass mich überlegen... ich denke, nö :-> Oh Christian, Du bist ein Engel!
26. Dezember 2000 um 23 Uhr 39
Werde ich wohl müssen. Aber weit ist es ja nicht. - schlaf Du ruhig und seelig! Ich wünsche Dir ALLES LIEBE UND VIEL LIEBE VON MIR!
27. Dezember 2000 um 01 Uhr 25
"Unter Bäumen will ich träumen." Tulip Knofel. ...bin unbeschadet nach Hause gekommen, höre Coldplay & denke an Dich. Heut ist irgendwie alles unwirklich...
27. Dezember 2000 um 20 Uhr 57
Sei nicht böse, dass ich jetzt nicht kann, my dear! Ich würde jetzt wirklich ger- ne mit Dir reden... nun, sicher telefonierst Du schon mit der Nächsten. Auf bald Linny
27. Dezember 2000 um 22 Uhr 58
Ach, my Darling, du machst mich wirr; ich dachte jetzt wieder an "Ob Linny oder wer anders: egal." ICH WILL DIR NICHT EGAL SEIN! Ich hab solche Lust auf DICH!! :-*
30. Dezember 2000 um 06 Uhr 42 und 06 Uhr 47
Guten Morgen Linny! Muss gleich zur Bahn. Meinen AB werde ich jetzt wohl nie mehr löschen, Du klingst so schön!!! Gestern Abend ging es in der Stadt hoch her, mehr am Dienstag. Habe jetzt Karten für Chris Rea und für Texas. Ich liebe Dich D<3n Christian. Und viel Spaß bei Sören!!!
30. Dezember 2000 um 08 Uhr 37 und 08 Uhr 38 und 08 Uhr 47
Raise your drinks & toast 2 all. And let love enter one & all! Linny <3 Du bist schon fast da, ich bin grade aufgewacht :-> ... ich hoffe, auch mal zwischendurch etwas von Dir zu hören? :-* My Love!

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01. Januar 2001 um 14 Uhr 21
...and after all ...you´re my wonderwall... Silvester war LAUT und strange :-( Ich wünsche Dir ein schönes, ein wunderschönes neues Jahr!! Alles Liebe, *Linny*
02. Januar 2001 um 16 Uhr 59
Ach viel zu früh bist du geschieden und tief die Trennung mich betrübt schlaf sanft bis wir beim auferstehen dort unten einst uns wiedersehen.
02. Januar 2001 um 19 Uhr 45
Noch bist Du nicht besiegt: Der Schönheit Fahne weht purpurn noch auf Lipp und Wange Dir. Dies auf Dein Wohl, wo Du auch stranden magst!
08. Januar 2001 um 22 Uhr 07
Ich melde mich bald, wir müssen wohl reden. Bis dann! Linny
15. Januar 2001 um 16 Uhr 36
I get 2 the bottom and I see you again! Ich warte darauf, Dich mal zu treffen. Hab Dich lieb! Linny
16. Januar 2001 um 15 Uhr 05 und 15 Uhr 06
Laughing loud, we´re gonna run away... Ich hab Dich lieb! ANGST hab ich nicht davor... aber ein bisschen Unbehagen. Wir reden mal darüber, irgendwann.
17. Januar 2001 um 20 Uhr 24
Ich würde mich freuen, Dich am 10.03. um 11:01 begrüßen zu können!
21. Januar 2001 um 00 Uhr 13
In diesem Augenblick denkt ein Freund an Dich. Linny
23. Januar 2001 um 14 Uhr 40
Walking through the spiderwebs... Alles okay. Wie geht es Dir? Ich hab Dich lieb! L.
28. Januar 2001 um 12 Uhr 36
Hey hey, my my, RockNRoll will never die - go 2 the picture, and meet the eye, hey hey, my my... Little Linny hat Dich lieb.
28. Januar 2001 um 22 Uhr 48
"Nicht wir sind schuld, ach! unsere Schwäch allein: Wie wir gemacht sind, müssen wir ja sein." Und ich schlaf nun seelig ein. Gn8 :-*
30. Januar 2001 um 19 Uhr 35
Bilder von Dir... schickst Du mir mal ein Foto? War gerade bei Maria, oh, ich liebe diese Frau!! Ich fühl mich heute sowieso so gut! :->
02. Februar 2001 um 06 Uhr 44
Ich fühle mich jung und frisch und geliebt - oh what a great day! Hoffe, Dir geht es auch BESTENS! Deine
Linny
09. Februar 2001 um 01 Uhr 33
I´m gonna get me a motorcar... Hey, bin stolz auf Dich!
13. Februar 2001 um 21 Uhr 27
Dankeschön für die Karte! Sie hat mich lächeln lassen und gefreut. Vicky tänzelte um mich herum und kicherte, als sei es ihr Brief... schöne gute Nacht! Deine Linny
14. Februar 2001 um 21 Uhr 49
Am 18. Februar sind JJ72 bei Dir in Hamburg und spielen ihr Album - mein Tipp an Dich: WOW, SCHAU DIR DIESE SUPER BAND AN!!! So I take my good fortune...
18. Februar 2001 um 23 Uhr 42
"October Swimmer" - Hillary Woods ist die coolste Frau der Welt! Und sie hat mir!!! zugelächelt :-)))
20. Februar 2001 um 18 Uhr 50
Was sagst Du zu WITT?
20. Februar 2001 um 21 Uhr 10
Yo, ignoriert mich alle, ich steh da drauf :-(
22. Februar 2001 um 22 Uhr 20
It´s the perfect time of day to throw all your cares away! Einen WUNDERSCHÖNEN Freitag wünsch ich!

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1. März 2001 um 21 Uhr 07
Komme eben von Maria, die Frau ist die ALLERBESTE! The most special angel in the world, I swear! * Love *
4. März 2001 um 20 Uhr 18 und 20 Uhr 19 und 20 Uhr 20
:-) Du willst Dich einschleimen, he? :-) Ich freu mich sehr auf Dich Klar wird sie sich dafür interessieren, sowas gibt´s ja nicht alle Tage :-) Und ich will die Songs darin! Möchtest Du dann Maria sehen, Molli, Conny, Kathi, Steffi, Chris- tine? Ist ECHOES sehr schlimm auf "Schocker" gemacht, muss ich Angst haben?
06. März 2001 um 21 Uhr 39
Schneeweiße Schwingen in Ewigkeit mögen Deinen Schlaf behüten, heute Nacht und noch für Jahre. Ja, so soll es sein. Freue mich auf Dich! *hm*g*yeah*
10. März 2001 um 17 Uhr 14
Maria und ihre Eltern wünschen Dir eine schöne Heimfahrt, ich schließe mich mit :-) an! Vicky denkt an Dich, ich auch...

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10. März 2001 um 18 Uhr 48
At home! At home! Alles Liebe nach Hamburg und viele süße Träume! Deine Linny. P.S.: Danke für alles.
13. März 2001 um 14 Uhr 52
Ich habe Angst vor BAKTERIEN... Tarzan sorgt überall für Begeisterung! Thank you. Danke Dir für alles, für Deine Liebe und Deinen Geist - see you soon!
16. März 2001 um 21 Uhr 54
Natürlich bist Du immer in meinem Herzen, das kann Dir keiner nehmen. Love, Love, Love Linny. Ich freu mich auf Dich, und darüber, dass Du eben DU bist!
17. März 2001 um 09 Uhr 06
Amo vitam... Jörg will heute mit mir "richtig einen steigen lassen", aber das müssen wir erstmal sehen... MÜDE bin ich!! You´re on my mind in my sleep... Linny
17. März 2001 um 19 Uhr 27
Grüße aus Bärlin! Meine family ist recht spaßig drauf, I´am okay :-)
20. März 2001 um 20 Uhr 48 und 20 Uhr 49
Sitting in a cherry blossom tree... Mit vielen warmen Gedanken an den bevor- stehenden Sommer grüße ich Dich herzlich! :-) yours Linny
REEF kamen heute im TV. Klar sind die super, sehr sogar!!! Naja, aber Texas sind auch okay. :-)
25. März 2001 um 20 Uhr 03
Radikal egoistisch will ich Dir gegenüber gar nicht sein, aber was passiert, muss so sein. Es war wohl alles ein bisschen eng. Aber ich bin froh, Dich zu kennen! L.
25. März 2001 um 22 Uhr 41
Ja, nach einiger Zeit wird mich unsere Komplexität auch nicht mehr so ärgern, hoffe ich. Give me your hand ;-) and sleep well! Bis bald, Linny.
15. April 2001 um 09 Uhr 18
Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage Dir: Heute wirst Du mit mir im Paradies sein.
05. Mai 2001 um 21 Uhr 38 und 21 Uhr 43
Große Kunst machen nicht die, die gut aussehen und alles im Griff haben. Grosse Kunst verdanken wir denen, die immer ein Problem mit Mädchen haben wer- den.
09. Mai 2001 um 21 Uhr 30
Hi Nike! Leider nur Deine Mailbox da. Wie wärs, wenn wir uns Samstag um 15 Uhr vorm Rathaus treffen? Gruß Christian
03. Juni 2001 um 09 Uhr 12
Alles Liebe und Gute wünscht Dir zu Deinem Geburtstag die Soldatenbraut. Für Dein neues Lebensjahr wünsch ich Dir nur das Beste. Liebe Grüße und ich hab Dich lieb (-:
03. Juni 2001 um 13 Uhr 33
Im Mondkalender steht, dass wir mit einem Thema abschließen sollen. Ich finde, ein Neuanfang täte uns gut. Happy Birthday! V.

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15. Juni 2001 um 16 Uhr 10
Hi Chris. Lass uns nächstes Wochenende treffen! Du hörst Nike heute oder morgen bei Radio Energy - ich kreische zum Thema Hauptgewinn! Gruss, Nike
28. Juni 2001 um 00 Uhr 23 und 00 Uhr 29
Sind wir nicht, aber ich sehe ihn als nahezu perfekt für mich an - sein Leben so mit LIEBE gefüllt! J´adore lui, mais je suis jalouse aussi... il y a un problem. L
C´est injuste! Ilest un petit fou au temps, et ca me rend agressive... ET triste! Ach scheisse, er fehlt mir einfach. Need some shelter...
29. Juni 2001 um 06 Uhr 57
Der Ingeborg-Bachmann-Preis auf 3sat! Schnapp Dir jemanden mit TV und guck ihn Dir an!!!
29. Juni 2001 um 18 Uhr 16 und 18 Uhr 25
Ich stand heut verträumt auf dem Bahnhof, und da kamen mir folgende Gedanken: Menschengedanken. JEDER Mensch ist ein kleines Universum und jede Seele ist eine kleine darum kreisende Sonne. Sie schafft die nötige Ordnung im Chaos der Elemente.
03. Juli 2001 um 17 Uhr 20
Hi Chris. Einzige Schanx, sich zu treffen, ist in der Mittagspause in der Innenstadt. Wann würde Dir das passen? Niki
07. Juli 2001 um 10 Uhr 57
Hi Chris. Zeit und Lust, sich heute in der Stadt zu treffen? Nike
15. Juli 2001 um 09 Uhr 19
Aus dem Radio plätscherte ein morgendlich harmloser Popsong nach dem anderen. Bei dieser Musik hätte man glauben können, die Welt hätte sich in den letzten zehn Jahren kein bisschen verändert. Nur die Sänger und die Titel hießen anders. Und ich war zehn Jahre älter geworden.
18. Juli 2001 um 15 Uhr 59
Im August erscheinen Anzeigen von mir in der Woche und SZ. Anika
23. Juli 2001 um 00 Uhr 17
Addicted 2 chaos I´m swimmin´ through this life, givin´ everything I own.
27. Juli 2001 um 17 Uhr 55
Hallole, i gang etzt mit de Sabine in ´d Naturbhne (Freilichttheater)! Wendels Heimat. Des wird sicher luschdig. Chrischdine
30. Juli 2001 um 00 Uhr 19 und 00 Uhr 24
Epona kenn i ziemlich guat - die hockt immr uf ihre Rößle, drum rum sin oft Vögele - mit dere ihrem Gsang lullt d´Epona die Lebende ei un weckd die Tote. ENYA hätt ä Lied drüber gschriebe. Über mein Schlaf wachet "IBNNAZEEMA" & "AZIZA" & "RAYAN". S´Nächdle CH.
03. August 2001 um 00 Uhr 24
If you need an explonation then everything must go! (by The Manic Street Preachers)
05. August 2001 um 18 Uhr 50
Mir doch wurst, ob die sich in´s Jenseits befördert, kann die Frau nicht ausstehen mit ihrer Piepsstimme. Es geht halt den Großen wie den Kleinen.
06. August 2001 um 17 Uhr 39
Mariah Carey ist mir da egal. Wieso hast Du Kummer? *big surprisen ´cause of your letter**
07. August 2001 um 15 Uhr 49
Willst Du nichts mehr mit mir zu schaffen haben, oder frisst Dich die Arbeit auf? Mir fehlen die geistigen Gedankenaustausche.
18. August 2001 um 12 Uhr 38
Weißt Du, was ich fühle, wenn ich Nachrichten von Dir bekomme? Zuviel Melancholie, düstere Gedanken, keinen Lebensmut. Bist Du so drauf? Wäre schade!
20. August 2001 um 17 Uhr 38
Hutzenberge riesengroß, Hutzenberge makellos. Hutzenberge sind so weit - hörst Du meinen Hutzenschrei? L.
20. August 2001 um 20 Uhr 37
Mehr Zamonien: 22:05 HR2 - Radio hast Du doch sicher, gell? Dafür lohnt sich das Werben! -gut gereimt!
21. August 2001 um 17 Uhr 42
TOP DAY 2DAY! So ein WUNDERSCHÖNER Dienstag!!! :*) *söff*
23. August 2001 um 20 Uhr 18
Leise rieseln die 15 Punkte *** * *** :) Kurssystem ist PRIMA!
24. August 2001 um 18 Uhr 47
Hi, wegen morgen - 15.00 Uhr Rathausmarkt?
26. August 2001 um 15 Uhr 26
Bin am Freitag voll abgegangen... In ´ner "verbotenen" Disco... Cool irgendwie: die Bullen haben nix gecheckt ;-)
26. August 2001 um 23 Uhr 42
Will ich auch hoffen. Wurde heute mehrfach angebaggert und als Schlampe beschimpft - trotzdem ´n geiler Tag auf´m Herbstfest ;-) HELL*YEAH!
29. August 2001 um 20 Uhr 20 und 20 Uhr 21
Du solltest mir wirklich keine Pakete schicken, das gefällt mir nicht - ERFURT ist schön! Sei nicht beleidigt, es wäre einfach nicht richtig. ...create some wealth...
31. August 2001 um 19 Uhr 48
ALLES MIST! :( Wish I had a bottle here in my dirty face. Linny

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02. September 2001 um 17 Uhr 57
Die Karte kannst Du für Millionen verkaufen! Steffi kann nicht, sie ist am Sonn- tag auf dem DM-Konzert, und moi würde Panik kriegen. Klar ist das Oasisbuch gut, wenn auch ganz schön sentimental! An einigen Stellen gleicht es mehr einem Konsalik.
02. September 2001 um 23 Uhr 22
Ja, Danke. Du hast so Recht. Solche Verbalinjurien sind verletzend und über- flüssig! Bin gerade in HH angekommen. Gruss, Nike
03. September 2001 um 18 Uhr 04
Vergiss DROGEN, das ist directly from hell und ekelhaft. Alkohol auch, nur eben in kleinem Maße...
03. September 2001 um 21 Uhr 40
Habe die Zulassung für Magister Franze - und damit wohl auch für Englisch! Yep! Die Akademie hat mich wieder! Nike
04. September 2001 um 18 Uhr 36
Jetzt sei doch nicht so bockig, ich weiß, dass Du weißt, dass Drogen scheiße sind. Und trotzdem verfallen ihnen Tausende! Nie Christiane F. gelesen? Hoffe trotz allem, dass Dein Dienstag okay war, looking forward to the weekend. P.S.: Hatte einen phänomenal guten Traum!!!! :)) Der war schön...
06. September 2001 um 19 Uhr 22
...Space Lord... Viele Donnerstagsgrüße und einen heftigen Regenschauer von Linny.
07. September 2001 um 19 Uhr 58 und 19 Uhr 59
In the rain I was born... so ein schöner Herbst! Im Ernst, mir geht es sehr gut. Wie mailt man zwei komplette Seiten "herum"? Talk to me now... :)
08. September 2001 um 15 Uhr 04
Ach so, ich dacht, Du wärst jetzt online. Trotzdem wird Erziehung bei Euch wohl gar nicht so groß geschrieben, WAS? (Zitat Helge Schneider, nichts weiter.) Regengrüße, L.
09. September 2001
Ladys and Gentleman, boys and girls: Mr. Martin L. Gore!
09. September 2001 um 19 Uhr 02
"Ausziehn", hast auch Du gerufen? Depeche Mode in allen Ehren, Steffi braucht morgen Valium, wetten! Sie freut sich seit drei Jahren darauf, ich weiß gar nicht, wie ich sie wieder runter kriegen soll...
10. September 2001 um 23 Uhr 03
Ich weiß schon, wie ich mit Steffi umgehe. There´s no Master.
11. September 2001 um 18 Uhr 57
Ich wollte gestern nicht gemein zu Dir sein, aber Steffi kennst Du nicht. Es geht nicht darum, ob ich ihr Träume klaue. Hier hilft kein Stereotyp.
13. September 2001 um 19 Uhr 00
Scream until the war is over!
15. September 2001 um 14 Uhr 36
People are afraid of the 3rd World War... :-() Auch das noch. :'(
15. September 2001 um 18 Uhr 30
@->--- Dies ist eine Rose für alle die Menschen, die unter dem Terror Angriff in den USA um´s Leben gekommen sind. Sendet sie weiter für FRIEDEN!
16. September 2001 um 21 Uhr 59
Und wie soll meinereiner sich fühlen? Gerade mal 17jährig soll ich der Zukunft beraubt werden?! Wenn diese blöden Amis einen Krieg beginnen, werden wir das alle nicht überleben... :'(
24. September 2001 um 16 Uhr 30
Bin nicht mit dem zusammen! Er geht gar nicht! Wohne nur da, solange keine neue Wohnung in Aussicht! Gleich Kohle-Präse!
25. September 2001 um 19 Uhr 45
"Werd das Septembergrau zerstör´n..." Habe Rosenstolz wiederentdeckt! Schöne Sache!
27. September 2001 um 18 Uhr 17
I am not over, undone and sober... so why so sad... Wie sieht es aus da in Hamburg?
28. September 2001
Einst bist du abgedroschen, verblichen und erloschen, und keiner um dich her. Dann werde ich mich wenden, zu ernten und zu enden. Auf meinen festen Händen trage ich dich über mein finsteres Meer.
8. September 2001 um 22 Uhr 09
Lieber Sohn! Vielen Dank und ein schönes Wochenende! Dein Vater
29. September 2001 um 16 Uhr 13
Ich hoffe, Du schreibst auch hinein, dass das MEIN "Live forever" ist.

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30. September 2001 um 14 Uhr 24
Nun, dann schreibe mal. Ich meinerseits arbeite an "ANGST" und Antigone - auch schön! :-)
01. Oktober 2001 um 21 Uhr 00
Christian! "Marsmoppel" und ich sind beide eine Woche krankgeschrieben! Der Mann ist spießig, humorlos und wehleidig! Zusammen sind wir wie Nitro & Glycerin! Gott, gib mir ne WG!
01. Oktober 2001 um 21 Uhr 48
Keine Piraten und keine gefährlichen Hängebrücken! So viele Piraten gibt´s nirgends, dass der Mann erotisch würde! Grüße, Copycomtess.
02. Oktober 2001 um 18 Uhr 10
ICH FREU MICH! Fahre bald nach Paris, und ein paar Monate später nach Oslo, will heißen, die kleine Linny wird hier total international :-)
08. Oktober 2001 um 17 Uhr 22
The simpler the answer the harder it can get... Donnerstag kommt mein Austauschnorweger - das wird ein Spaß?
10. Oktober 2001 um 20 Uhr 18
Hören Sie da mal auf, mich auszulachen, ja?
17. Oktober 2001 um 17 Uhr 40
Mein Norweger ist weg. Es war SUPERSCHÖN! Alles weitere demnächst... Lynn
18. Oktober 2001 um 00 Uhr 25
Chris! Fliege hier Sonntag raus! Im Ernst. Suche intensivst ein oder zwei Zimmer! Vielleicht "muss" ich Sonntag zu Dir ausweichen - bin pflegeleicht und zahle adäquat!
18. Oktober 2001 um 22 Uhr 54
Wie erwartet: Er hat meine Vulnerabilität ausgenutzt. Als ich empört reagierte, hieß es "halt die Klappe"! Er ist ein fürchterlicher Mann. Ich ertrag´s nimmer!
24. Oktober 2001 um 22 Uhr 55
Hase! Der Doc hat sich nicht gemeldet wegen der Wohnung! Auf N-TV kam/ kommt der Beitrag! Hole den Hammer für Dich und alle, die an mich glauben!!!
28. Oktober 2001 um 20 Uhr 26
Drück mal die Daumen für die Wohnung Oberstraße, am Grindel, 5. Stock, hell, Badewanne, 490 warm pro Person, per sofort! Trill läuft ganz gut - habe meinen Claim durchgesetzt!
31. Oktober 2001 um 13 Uhr 22
Es soll bei einer Wohnung nicht um Ausblick oder Fläche gehen, sondern um Ambiente. Man muss sich wohlfühlen in den vier Wänden. L.

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01. November 2001 um 20 Uhr 44
But everything must go... mit Hilfe welcher Bücher, spezielle? Das ist schon Wahnsinn, was Menschen zusammen hält, voneinander abhängig macht. Trotzdem meist Liebe. L.
04. November 2001 um 18 Uhr 16
Chris! Lass mich bitte heute - und zwar nur heute (!) bei Dir nächtigen!!! Suizid auf Bahnstrecke: Komme um elf in Hamburg an und will dann nicht mehr beim Nachbarn klingeln!!!
09. November 2001 um 23 Uhr 39
Ich kuschle mich für den Rest meines Lebens in mein ICH. Linny.
22. November 2001
Nike! Vielen Dank noch einmal für den schönen Abend, den Du mir ermöglicht hast. K. (? der an der Garderobe) wirkt viel positiver als N., finde ich.
24. November 2001 um 18 Uhr 15
Chris! Fahre im Siegestaumel für ein paar Tage nach... Ja, N. hat sich zum Negativen verändert. K. ist ein Gentleman-Kollege. Ein geiler Typ von der Party hat mich angerufen! HDL.
25. November 2001 um 11 Uhr 28
Schön, dass Du Donnerstag da warst! Der Mann ist "nur" Kundenberater bei …, tanzt wie ein junger Gott und will mit der Hammer-Heroin Kaffee trinken. Rufe Dich von … aus an. *N.
02. Dezember 2001 um 09 Uhr 57
Moin, Hase! Habe morgen Gespräch bei … und muss noch mindestens zwei Seiten tippen und mein Drucker funktioniert nicht. Kann ich das heute am frühen Abend bei Dir schreiben?
05. Dezember 2001 um 22 Uhr 44
Chris. Habe den Rat beherzigt: Soll morgen ab neun anrufen. Die suchen!
08. Dezember 2001 um 17 Uhr 39
Hase! Lass uns unbedingt wieder vertragen, tut mir leid! Unsere Schnacks und Deine Brillianz geben mir immer so viel! Gruss, Nike
11. Dezember 2001 um 21 Uhr 06
Hase! Allegra-Literaturwettbewerb mit Thema "Das Meer-Prinzip": Das schreit nach Kapitänsgeschichten! Morgen Mittag treffe ich Jens... HDAL, Nike
12. Dezember 2001 um 22 Uhr 50
Hase. Du wirst wohl (vorerst) der wichtigste Mann in Nikes Leben bleiben :-) Der Styler war angetan von meinem kreativen Talent und prophezeit mir eine große Zukunft :-)
21. Dezember 2001 um 15 Uhr 37
Hase, bin dafür, dass wir uns rekonsilieren. Manchmal legst Du Dinge zu Unrecht zu Deinen Ungunsten aus. Und hätte ich Internet, täte ich auch was für Dich nachgucken :-) Hase
10. Januar 2002 um 20 Uhr 46
Hase! War heute für ganze drei Stunden in München -zum Vorstellungsgespräch. Aber München und die Agentur sind nicht mein Stylo. Ich halte HH die Treue! Gruss, Hase.

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22. Januar 2002 um 16 Uhr 59
Yes! Nike goes Allegra!
23. Januar 2002 um 09 Uhr 30
Hase, wenn Du irgendwelche Erkenntnisse, Zitate oder dergleichen zum Thema "Schicksal oder Zufall" hast, zögere nicht, sie mitzubringen (für dieAllegra). Gruss, Nike
24. Januar 2002 um 11 Uhr 12
Hase! Danke für Dein "Lebenselixier" :-) Das "Hungerland" hat mich sehr gefesselt! Mache heute Copytests, gehe an der Uni zu einem Vortrag "Studieren in USA" :-) Hase
27. Januar 2002 um 19 Uhr 04
Ich schlafe mit offenen Augen, meine Träume zeigen nur dunkle Pfade. Mit jedem Tag stirbt ein Teil von mir und meine Seele bittet um Erlösung. Schwarzer Engel, hilf mir.
01. Februar 2002 um 10 Uhr 49
Hase! Montag 16 Uhr kommt Nina Georgi von ALLEGRA zu mir nach Hause zum Interview. Am 8. ist das Shooting im Studio! Die Dritte ist Talkmasterin bei Sat 1. Rufst mich heute Abend an?!
05. Februar 2002 um 21 Uhr 12
Hase! Donnerstagabend habe ich Festnetz und einen Apple Mac mit Modem :-))) Bald wird man mich auf der Straße erkennen! Hase.
06. Februar 2002 um 17 Uhr 16
Ja, sei Donnerstag bei mir! Allegra shootet mich in weißen Sachen und projiziert Wasser, Schiffe etc. auf meinen Oberkörper! :-) Hase
13. Februar 2002 um 12 Uhr 11
Holy shit! Was für ein Stipendium meinst Du, Hase? Werde zu Ende studieren und nebenbei bei Film, Werbung etc. arbeiten, auch in USA oder London. Lieben Gruß, Hase.
16. Februar 2002 um 04 Uhr 24
Lieber Hamburger, Christine tanzt gerade mit ihrem Keksfritzen - Anton! Sind gerade von der Psycho-Fete zurück. Hab mir ihr Handy gemopst! Mach mal nicht so dumm rum!
07. März 2002
Guten Morgen HaSe :-* & :-* & :-* Heute gehe ich ins Musical :-)) Schauen wir uns Pfingsten den "König der Löwen" an? Dein Kuscheldrache :-***
07. März 2001 um 17 Uhr 35
Entschuldige, mein Liebster, aber das Seminar hat gedauert... :-( Viel Spaß beim Musical :-*** Dein HaSe
07. März 2002
Wundervoll, Dich zu hören, Liebling :-*** Santorin schaut toll aus :-) Hoffentlich klappt das. Eben ganz alleine im AUSTRIA gewesen :-(( Du fehlst mir!!! HDL!!!
07. März 2002 um 18 Uhr 15
Du fehlst mir auch, Kuscheldrache! HDL 1000 x :-*
07. März 2002
When I need you... Drei Stunden der Sound der 70er, drei Stunden erfüllt mit Sehnsucht nach Dir <3 <3 <3 Ich hab Dich lieb!!! Schlaf schön :-*** Dein Kuschel :)
07. März 2002 um 23 Uhr 10
Hab Dich auch lieb, süße Träume <3 <3 <3 Dein HaSe :-***
08. März 2002 um 06 Uhr 40
Guten Morgen, Liebster :-* Grüß doch bitte Deinen Vater von mir. Ich hab Dich sehr, sehr lieb! :-*** Dein HaSe
08. März 2002 um 17 Uhr 35
Schnurr für mich, mein Schmusekater, während ich Dir durch die Haare kraule. HDSLKD :-*** Dein in Dich verliebtes Kätzchen.
08. März 2002
Hallo mein Liebster! Eil Dich nicht, ich bin bis 22 Uhr beim Badminton :-) Werde so um elf hoffentlich Daheim sein. HDSL. Dein HaSe :-***
12. März 2002 um 12 Uhr 34
Hallo, mein Liebster! Dein Erinnerungsalbum würde ich gerne mal sehen :-) All die schönen Dinge, die Du schon gesehen hast, betrachten :-) HDSL :-*** Dein HaSe
14. März 2002 um 22 Uhr 36
Das war keine Ehrlichkeit, sondern eingeschränktes Vorstellungsvermögen :-)) Gruß, Nike
16. März 2002 um 09 Uhr 41
Guten Morgen Liebster! Ich kann es kaum noch erwarten, wieder neben Dir aufwachen zu dürfen. Das wird sooo schön! HDGDL Dein HaSe :-***

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17. März 2002 um 00 Uhr 27
Willst Du?
17. März 2002 um 10 Uhr 45
Bowie muss man mögen & danke, wusste ich noch gar nicht & schön, freut mich (Wien?)!!!
26. März 2002 um 13 Uhr 02
Hallo, mein Schatz! Soso, Du gehst also mit einer Freundin ICE AGE schaun? Na, tu nur. Wir werden uns schon eine Beschäftigung finden. HDSSL Dein HaSe :-*
28. März 2002
Liebling! Das Haus meines Vaters ist vorgestellt worden in der BUNTEn: Starfigaro Meir eröffnet dort einen Style-Tempel und machte Party mit 700 Gästen.
04. April 2002 um 22 Uhr 09
Hase, gut, dass wir uns wieder vertragen haben. Bin froh, dass ich Dich habe. Gruß von der Trumpftrulla.
11. April 2002 um 10 Uhr 05
Hase, freue mich auf nachher. Habe tierische Angst vor dem neuen Job. Ich soll die Arbeit eines Onlinestrategen machen und mir Westbunnyspiele ausdenken. lg.
21. April 2002 um 15 Uhr 12
Hase, mit Mynsche war nix los, weil sie bis morgens gefeiert hat. Sitze seit zwei Stunden in der Schanze bei Salat und Cappuccino. Nullnummer war auch hier.
01. Mai 2002 um 11 Uhr 03
Hase, die Party war eher deprimierend. H. war distanziert, Nulli hat mich übersehen und Y. hat mich ignoriert. Aber mit einigen Exkollegen habe ich nett geschnackt.
02. Mai 2002 um 19 Uhr 05
Hase, viel Spaß bei Alphaville. Auffer Arbeit war es wieder extrem scheiße. Die Seniortexterin hat geile Claims abgelehnt. Gleich teste ich weiter copy.
10. Mai 2002 um 11 Uhr 23
Hase, ich wollte gerade eher gehen, da rekrutiert meine Kollegin mich für eine Diddel Scribbleeinführung. Meinst Du echt, der Fehler im Anschreiben ist nicht schlimm?
10. Mai 2002 um 13 Uhr 32
Hase, die Westtexte müssen wir noch mal besprechen, weil das Konzept sich geändert hat. Diddl nervt mich derbe. Bin glücklich, wenn R. mich einlädt.
12. Mai 2002 um 22 Uhr 46
Kann ich nur zurück geben, war ein sehr schöner Abend. Gute Nacht. Gerlinde
17. Mai 2002 um 19 Uhr 38
Hase, wann bist Du denn bei mir? Habe Jazz ausfallen lassen. Sitze allein Daheim und warte auf Dich. lg
17. Mai 2002 um 22 Uhr 12
Hätten heute einfach über meinen Arbeitstag reden sollen. Hase, ein bisschen positive Gelassenheit täte uns beiden ganz gut. Gehe schön shoppen, sonnen und essen. Bin eine gute Texterin mit großem Potential und Ambitionen und wünsche mir, dass Agenturen mich wegen meiner Arbeit und Person wollen. Bin aber guter Hoffnung. Bis Sonntag. hdl
18. Mai 2002 um 20 Uhr 39
Hase, war die Hochzeit schön? Habe einen sexy Rock und ein Rüschtop gekauft. Yas geht in Betty-Ford-Klinik mit komischer ex Büro Kollegin. Ziehe es vor, Daheim zu bleiben. lg

8

20. Mai 2002 um 15 Uhr 08
Hase, die Party war extrem schön: Liebe Leute, super Liveband, tolle Wohnung, klasse Cocktails, alte Bekannte und eventuell ein freier Job. Fahre um vier an den Elbstrand. lg
23. Mai 2002 um 00 Uhr 14
Wollte nur sagen, dass ich keine Zeit habe morgen wegen Ballett. Hätten heute telefonieren können, aber Du warst im Internet und für mich somit nicht erreichbar. Gruß Nike
31. Mai 2002 um 11 Uhr 32
Ja, ich gehe mit Silke zum Football. Komm doch einfach mit. Ich würde mich sehr freuen. Football beginnt erst um 18:30. Wir können uns vorher oder nachher treffen. Ich bin heute Abend zum Kirschblütenfest an der Alster mit Silke. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust zu kommen. LG Jule
02. Juni 2002 um 11 Uhr 48
Warum nicht? Habe heute Geburtstag, bin gekündigt worden – hätte mich über Deinen Besuch gefreut!!!
02. Juni 2002 um 16 Uhr 38
Hase, und wann feiern wir Deinen und meinen Geburtstag? Morgen? War mit Iris und Kris frühstücken, auf dem Flohmarkt und im Restaurant mit Mynsche. lg Hase
03. Juni 2002 um 10 Uhr 46
Hallo Christian! Ich hoffe, Du hattest noch einen schönen Sonntag. Ich wünsche Dir einen sehr schönen Tag. LG Jule
03. Juni 2002 um 09 Uhr 21
Häslichen Glückwunsch, Hase! Ja, sei um fünf bei mir! Gleich: eMails, Telefonate und Arbeitsamt! lg
09. Juni 2002 um 05 Uhr 54
Moin Hase. Wars schön gestern? Bin auf dem Weg nach Kiel! Um halb acht sitze ich standby an der Schleuse! Genieße die Illusion, dass ich länger an Bord bleibe! lg
10. Juni 2002 um 13 Uhr 01
Hase! Derbe geil, sackgeil! Habe mich amüsiert, den Cap genossen, fotografiert, aufm Sonnendeck gethront, alte Bekannte getroffen! Bin jetzt auf dem Rückweg! Telefonieren! lg
11. Juni 2002 um 17 Uhr 30
Hallo Hase, lass uns das Meeting auf Donnerstag verlegen. Gehe heute mit A. schwimmen. Der will mich auch mal im Speedo sehen ;-) lg Spiderwoman
13. Juni 2002 um 09 Uhr 00
Hase, Mynsche hat sich über den Kuchen extrem gefreut! Drück mir für … die Daumen – lasse mir deshalb eine USA Reise entgehen! Werde Agenturen in Hamburg mailen/anrufen! lg
14. Juni 2002 um 11 Uhr 21
Komplette Pleiteaktion! :-(( Hätte ruhig zur See fahren können! … war nicht da und man hat vergessen (!) mir Bescheid zu sagen! :-(((( lg
16. Juni 2002 um 16 Uhr 37
Liebe Grüße aus Lyngsa/DK. Sonne, Wind, Me(h)r. 20 Grad – Sonnenbrand Gefahr! Bier schmeckt! G& K Silke. Und auch von Detlev und meinen Eltern.
16. Juni 2002 um 23 Uhr 39
Hoffe, … war schön. Bewerbe mich für Textpraktikum in USA und rufe CD von … Hamburg an. Cap lädt mich nach USA ein. Rufst mich an? lg
24. Juni 2002 um 23 Uhr 35
Was erlaubst Du Dir? Du hast keine Ahnung, dass ich mich schon an der Fernuni angemeldet habe! Wärst Du Realist, würdest Du nicht glauben, dass Du Autor wirst! Deine Sprüche von heute sind das Allerletzte! Du hast die Essenz meiner Seele offensichtlich verkannt! Ein Mann, der die Copycomtesse zum Weinen bringt, ist keiner!
05. Juli 2002 um 12 Uhr 26
Hase, Fernstudium ist gut: Bin örtlich flexibel und kann Vollzeit in Agentur arbeiten. Muss nur ab und zu in die Außenstelle der Fernuni (ist in HH).
05. Juli 2002 um 14 Uhr 21
Du hättest mir helfen können, indem Du mir für vier Stunden Deinen PC und Drucker zur Verfügung gestellt hättest! Blöde, besserwisserische Sprüche helfen nicht.
08. Juli 2002 um 09 Uhr 40
Hier ging´s gestern ab wie in ´ner schlechten Soap: Y. schrie mich an und packte mich brutal am Arm – im Beisein von S., die krank darniederlag! Telefonieren?
08. Juli 2002 um 22 Uhr 03
Wenn Du nicht mal wieder unsensibel und schuldzuweisend reagiert hättest, hättest Du alles über Hammerparty, meine Jobangebote :-) und das Wochenende mit S. erfahren!
10. Juli 2002 um 18 Uhr 11
Mache von meinem Pfandrecht Gebrauch und behalte Y. Sachen ein – bis sie zahlt! Bin auf Untermieter-Suche:-/ Telefonieren?
14. Juli 2002 um 23 Uhr 35
Du gottverdammtes Arschloch! Unsere „Freundschaft“ ist beendet. Deine ignorante Meinung ist nicht gefragt! Bring Deine kranken... zu Papier, aber verschone meine Ohren. Dein Genöle über meine Entscheidungen und mein Handeln und meinen Charakter bin ich mehr als endgültig leid, Du Nichtskönner und Möchtegern-Autor!

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Sonntag, 21. Februar 2010

Ein Mensch ist, was er hinterlässt.

Auf Gomera, in den Ferien mit meinen beiden Kindern, sah ich eine Frau am Strand, sie war um die Vierzig, ihre tiefgebräunte Haut straff über ihre Knochen gespannt wie über eine Trommel, ihr Körper bereit zum Sprung. Sie trug ein zerknittertes Kleid, hatte einen zusammengerollten Schlafsack dabei und eine alte, zerfetzte Tasche. Aus kleinen Gläsern trank sie Carlos Primero, aus ihrer Tasche holte sie eine gelbe Schwimmweste mit dem Aufdruck: Please don't remove from aircraft. Sie streifte die Weste über ihr Kleid und saugte abwesend an den Luftstutzen. Sie hob den Kopf und sah übers Meer. Laut, und zu niemand Bestimmten, sagte sie: Ihr Arschlöcher!

Doris Dörrie.

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Die Tragödie Friedrich Nietzsches ist ein Monodram: sie stellt keine andere Gestalt auf die kurze Szene seines Lebens als ihn selbst. In allen den lawinenhaft abstürzenden Akten steht der einsam Ringende allein, niemand tritt ihm zur Seite, niemand ihm entgegen, keine Frau mildert mit weicher Gegenwart die gespannte Atmosphäre. Alle Bewegung geht einzig von ihm aus und stürzt einzig auf ihn zurück: die wenigen Figuren, die anfangs in seinem Schatten auftreten, begleiten nur mit stummen Gesten des Staunens und Erschreckens sein heroisches Unterfangen und weichen allmählich wie vor etwas Gefährlichem zurück. Kein einziger Mensch wagt sich nahe und voll in den innern Kreis dieses Geschickes, immer spricht, immer kämpft, immer leidet Nietzsche für sich allein. Er redet zu niemandem, und niemand antwortet ihm. Und was noch furchtbarer ist: niemand hört ihm zu. Sie hat keine Menschen, keine Partner, keine Hörer, diese heroische Tragödie Friedrich Nietzsches: aber sie hat auch keinen eigentlichen Schauplatz, keine Landschaft, keine Szenerie, kein Kostüm, sie spielt gleichsam im luftleeren Raum der Idee. Basel, Naumburg, Nizza, Sorrent, Sils-Maria, Genua, diese Namen sind nicht seine wirklichen Hausungen, sondern nur leere Meilensteine längs eines mit brennenden Flügeln durchmessenen Weges, kalte Kulissen, sprachlose Farbe. In Wahrheit ist die Szenerie der Tragödie immer dieselbe: Alleinsein, Einsamkeit, jene entsetzliche wortlose, antwortlose Einsamkeit, die sein Denken wie eine undurchlässige Glasglocke um sich, über sich trägt, eine Einsamkeit ohne Blumen und Farben und Töne und Tiere und Menschen, eine Einsamkeit selbst ohne Gott, die steinern ausgestorbene Einsamkeit einer Urwelt vor oder nach aller Zeit. Aber was ihre Öde, ihre Trostlosigkeit so grauenhaft, so gräßlich und zugleich so grotesk macht, ist das Unfaßbare, daß dieser Gletscher, diese Wüste Einsamkeit geistig mitten in einem amerikanisierten Siebzig-Millionen-Lande steht, mitten in dem neuen Deutschland, das klirrt und schwirrt von Bahnen und Telegraphen, von Geschrei und Gedränge, mitten in einer sonst krankhaft neugierigen Kultur, die vierzigtausend Bücher jährlich in die Welt wirft, an hundert Universitäten täglich nach Problemen sucht, in hunderten Theatern täglich Tragödie spielt und doch nichts weiß und nichts ahnt und nichts fühlt von diesem mächtigsten Schauspiel des Geistes in ihrer eigenen Mitte, in ihrem innersten Kreis. Denn gerade in ihren größten Augenblicken hat die Tragödie Friedrich Nietzsches in der deutschen Welt keinen Zuschauer, keinen Zuhörer, keinen Zeugen mehr. Anfangs, solange er noch als Professor vom Katheder spricht und Wagners Lichtkraft ihn sichtbar macht, bei seinen ersten Worten, weckt seine Rede noch eine kleine Aufmerksamkeit. Aber je tiefer er in sich selbst, je tiefer er in die Zeit hinabgreift, um so weniger findet er Resonanz. Einer nach dem andern von den Freunden, von den Fremden steht während seines heroischen Monologs verschüchtert auf, von den immer wilderen Verwandlungen, von den immer glühenderen Ekstasen des Einsamen erschreckt, und läßt ihn auf der Szene seines Schicksals entsetzlich allein. Allmählich wird der tragische Schauspieler unruhig, so ganz ins Leere zu sprechen, er redet immer lauter, immer schreihafter, immer gestikulativer, um sich Widerklang oder wenigstens Widerspruch zu entzünden. Er erfindet sich zu seinem Wort eine Musik, eine strömende, rauschende, dionysische Musik –aber niemand hört ihm mehr zu. Er zwingt sich zu Harlekinaden, zu einer spitzen, schrillen, gewaltsamen Heiterkeit, er läßt seine Sätze Kapriolen springen und sich in Lazzi überschlagen, nur um mit künstlichem Spaß für seinen furchtbaren Ernst Hörer heranzuködern –aber niemand rührt zum Beifall die Hand. Er erfindet sich schließlich einen Tanz, einen Tanz zwischen Schwertern, und übt verwundet, zerfetzt, blutend seine neue tödliche Kunst vor den Menschen, aber niemand ahnt den Sinn dieser schreienden Scherze und die todwunde Leidenschaft in dieser aufgespielten Leichtigkeit. Ohne Hörer und Widerhall endet vor leeren Bänken das unerhörteste Schauspiel des Geistes, das unserem stürzenden Jahrhundert geschenkt war. Niemand wendet nur lässig den Blick, wie der auf stählerner Spitze hinschwirrende Kreisel seiner Gedanken zum letztenmal herrlich aufspringt und endlich taumelnd zu Boden fällt.

Stefan Zweig.

Sonntag, 8. November 2009

Eyland 90, 12.

"…jeder spielt solang er kann seine Rolle mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht schließlich ins Dunkel unter, ohne dass viel Aufsehens davon gemacht würde. Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als dass ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind; die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da, welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebaren sich von den indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden."

Hermann Hesse.

Einkaufszentrum

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Postkarte, 4. Oktober 2008.

Nun bin ich also abgefallen vom Baum des Lebens.
Zwar klammere ich im Geiste weiter an "meinem" Ast, aber was mir Hand war und Fuß fühlt sich leicht an wie Gewicht, dessen Grund mehr und mehr Kopf steht. Ein schweres Abrücken erst, ehe alles ins Stürzen gerät.
Du magst es nicht, wenn ich Dir solche Töne schreibe, das weiß ich. Weil Du vielleicht glaubst, Dein Sohn wende sich Dir zu von der Bank eines Friedhofes aus. Bedrückt durch Laub und hereinbrechende Nacht.
Tatsächlich brause ich gerade mit dem Frühzug in einen herrlichen Sonnenaufgang.
Erinnerst Du, wie Ihr mich immer wieder zu Bett bringen musstet, weil ich frühmorgens bereits nach dem Tag verlangte? Nie hat es für mich einen größeren Auftrag gegeben, als das erste Licht am Horizont. Allein die Ahnung sanften Blaus war mir Befehl, meine Ruhestätte zu verlassen.
Der Frühling schreibt Dir, Mutter. Dein Sohn wird immer Frühling sein. Ganz gleich, was um uns herrschen mag.

Hat mein Ordner mit den Papieren Dich erreicht? Es fiel mir leicht, mich so zu sortieren. All die Zeugnisse eines Daseins. Sei bitte nicht böse, dass ich die Glückwünsche zu meiner Geburt bewahrt habe. Besonders die Unterschriften Deiner Kolleginnen taten es mir an. Das Fräulein Moll etwa, das ihr "o" verzierte zu einem strahlenden kleinen Erdenrund.
Meine Singlebutze habe ich soweit besenrein übergeben. Es wurde mir versichert, dass deswegen niemand mehr an Dich herantritt. Man war überhaupt sehr lieb mit mir. Was muss ich auch für ein Anblick sein! Kaum mag ich über die Höhlen streichen, die mal meine Augen waren. Man gewinnt schon deutlich an, nun ja, Profil.

Postkarte, 4. Oktober 2008

Mein Lebtag bin ich zu früh gewesen. Erst in einer Stunde werde ich abgeholt. Zeichen haben wir weiter keine ausgemacht. Die kennen ihre Leute, wie könnte man sie auch übersehen? Bis dahin sitze ich hier unter einer Reklame für Speiseeis. Die Frau vom Kiosk erlaubt es mir. Deinem Sohn wäre zwar mehr danach, von einem Ende des Bahnsteiges ans andere zu spazieren. Aber es haben sich bereits Zeitungsleser und Freunde des Kreuzworträtsels dort eingefunden. Das soll mein Blick zurück auf die Werktätigen nicht sein.

Ohnehin ist wenig zu erinnern. Ich könnte Dir vom Gras schreiben, wie es sich an meinen Wegen dem Wind ergab. Von den Farben der Blätter. Vom Löwenzahn, den ich unseren Kaninchen einst pflückte. Mehr Heimat hat es für mich im Leben nicht gegeben.

Postkarte, 4. Oktober 2008

Am Bahnhof hielt ich die Zeit über Ausschau nach einem Kleinbus. Tatsächlich sprach mich der Fahrer einer Limousine an. Keine professionelle Freundlichkeit, eher die eines Geistlichen. Letztendlich erwies sich sein Dienst gar als ein Ehrenamt. Bisher hat er kein Wort zu viel verloren. Was sollten wir auch miteinander reden? Die Karte zeigt die Landschaft in ihrer Weite so, wie Dein Sohn sie gerade genießt. Zweimal bat ich den Fahrer bereits anzuhalten. Einmal wegen einer Vogelscheuche, deren bunte Lumpen flatterten wie Gebetsfahnen. Ich habe nie gewusst, was am Leben ernst gemeint ist.

4. Oktober 2008

Ob ich Dir schreiben darf von einem Lustgarten? Auf Trauerweiden war ich gefasst, auf ein Regenmoor vielleicht. Gewiss hatte ich nicht die Spätblüte im Sinn, die hier herrscht. Belebt durch ordentliche Meeresbrisen. Der wuchernde Efeu im Wappen des Briefpapieres möge Dir beweisen, in welcher Tradition man steht an diesem Ort. Auf meinem Zimmer liegen Schriften bereit über Sonnenwenden und den Erntedank. Einige noch verfasst vom Stifter selbst. Imposanter Mensch. Ein Gemälde von ihm schmückt die Empfangshalle. Man mag kaum glauben, dass sich hinter all dem Harnisch das Gemüt eines Kräuterweibleins verbirgt.
Hab aber keine Sorge, ich lasse mir alles freundlich gefallen. Als der Fahrer, welcher mich vom Bahnhof abholte, sich in der Empfangshalle dann doch mit mir bekannt machen wollte, ließ ich es geschehen. Wie bei einem Theaterstück, standen dafür sogleich zwei Rattanstühle bereit: Die Menschen hier wissen offenbar genau, was wann getan werden muss.
Ich solle ihn "Hengstmann" nennen, bat mich der Fahrer. Wem ich während der Fahrt geschrieben hätte? Dabei schien Hengstmann mir keineswegs neugierig. Vielmehr zählt er wohl zu den Menschen, die alle Welt an einem Sonntag daran erinnern, dass Sonntag ist.
Mein Schulterzucken war ihm nicht Antwort genug. Er lächelte und hielt eine Hand ans Ohr, als habe er nicht richtig gehört. Daran gewöhne sich einer! Ich begann also von Dir. Mit dem Kindergarten, wie ich am Zaun zur Chaussee stand und über Stunden nach Dir Ausschau hielt. Hengstmann nickte mehrmals, als wäre ihm während meiner Worte etwas in den Sinn gekommen. Ob ich Einwände hätte, wenn er mitschreibe? Und denk Dir, Hengstmann schreibt wie ein Künstler, der Skizzen aufs Papier wirft!
Stunden saßen wir uns so gegenüber, meine Reisetasche zu Füßen. Wir seien ab jetzt Komplizen!
Schulmediziner gibt es hier wohl auch. Ich werde mich ihnen Morgen vorstellen. Damit nicht zuletzt alles in Unordnung gerät. Du erinnerst sicher meinen Kinderarzt, wie er mich einst mahnte: Ich könne aufhören zu husten, ich wäre nicht krank.

5. Oktober 2008

Bisher verging kein Morgen, an dem ich nicht an einen Albtraum glauben mochte. Liegen blieb ich wie mit einem Raubtier im Raume. Auch bloß die Augen zu öffnen erschien mir bereits als eine Spur Leben zu viel. Lieber disziplinierte ich mein Bedürfnis nach Luft. Lieber hielt ich die Vorstellung aus, dass ich begraben sei und vergessen, als von dem, was mit mir im Raume sein mochte, gerissen zu werden.
Ich hörte, wie auf der Erde meine Nachbarn ihren Werktag begannen, der Postbote sich im Treppenhaus Briefkasten für Briefkasten vorarbeitete, wie Müll abgefahren wurde und unser Hausmeister zum Fenster hinaus grüßte. Weder gestattete ich mir, meine Arme zu fühlen noch meine Beine. Warum sollte ich fühlen, ob ein Bein über Nacht taub geworden war oder ein Arm bloß noch hinabhing? Da gab es nichts zu fühlen! Weil es verdammt nochmal Beine bleiben würden, mit denen ich munter zur Tür hinausspazieren konnte, und Arme, die winken wollten vor lauter Lust an ihrer Kraft.
Wahrscheinlich wäre ich bis zum Verhungern so liegen geblieben, hätte nicht der Arzt täglich bei mir geklingelt. Dann schreckte ich hoch wie ein Haufen Knochen, denen ihr Bewusstsein verblieben war. Kaum mochte ich meine Füße auf den Boden setzen! Weil mir war, als stünde ich auf Streichhölzern. Ich griff also nach dem Gehstock neben dem Bett. Als wäre ich im Bett das Opfer kindlicher Dämonen, als wäre ein Gehstock die höchste Reife eines Menschen auf Erden.
Wie unerhört aber bin ich heute erwacht? Unter der neuen Ordnung, die mir nun Obdach sein soll. Es muss im Schlaf jemand an meinem Nachttisch gewesen sein. Eine schlanke Vase Wasser stand dort. Mit einer Blume, deren Namen ich nicht weiß. Beides leuchtete im Licht des Morgens. Die Blume ihres Bodens beraubt, das Wasser seines Meeres. Und doch standen beide beinahe eitel für sich. Warum kann ich nicht auch so ohne Grund sein? Mit einem Male denke ich mich nicht mehr zur Asche eines Friedhofes, sondern zum Blütenstaub über hundert Wiesen. Ob es möglich ist, dass ich mich als mein letzter Wille derart in den Wind säen lasse?
Mag Wasser in einer Vase noch so abgestanden sein, es bleibt ihm die Verheißung, als Wolke dem Meer entgegen zu ziehen. Und gewiss hatte die Vorzeit lange keine Vorstellung von meiner Blume hier. Eines Frühlings aber ward sie von Mutter Erde hineingepflanzt in den Grund des Lebens. Bloß nach etwas Wasser aus und nach etwas Sonne. Ist denn alles Dasein verdammt, dem es an Bewusstsein mangelt?
Viel wichtiger warst doch Du, als Du Dich über meine Wiege beugtest. Mein Weinen und mein Lachen hätte nie mehr bedeutet als ein stilles Grab, hättest Du mich nicht für wahr genommen.
Blühend in ihrer Zucht mag die Blume kaum einem Menschen erschienen sein wir mir nun auf dem Nachttisch. Aber dann ist sie doch erwählt worden. Gar vielleicht mit einem scharfen Schnitt des Messer getrennt von ihrer Art. Der Blume tatsächliches Ende war ihr eigentlicher Beginn als Blume! Kein Messer der Welt will Dein Sohn mehr fürchten, Mutter. Fast lauere ich auf eines, das mich erwählt.
Sei über allem aber bitte nicht beunruhigt, dass mir meine Worte immer mehr zu Füßen werden und zu Fäusten: Uns Menschen fehlt die Natur, aus uns selbst hinaus zu wachsen. Dein Sohn muss schon irre werden an sich, bis endlich bloß noch etwas Wasser sein braucht und etwas Sonne.

6. Oktober 2008

Meine neue Heimat ist erstaunlich weitläufig. Erstaunlich, weil nicht wenige hier bereits auf den Rollstuhl angewiesen sind. Aber es beklagt sich scheinbar niemand darüber, derart mühsam Alleen entlang zu müssen, die kein Ende nehmen. Vielleicht, weil dem Stifter und Architekten dieses Ortes aufging, wie gerne wir Menschen bis zuletzt unterwegs sind: Aufbrechen will jeder, wirklich ankommen keiner.
Das Frühstück wird hier auf einer Sonnenterrasse gefeiert, so lange die Witterung es irgendwie zulässt. Bei Regen spannt man Schirme auf, die Segeln gleichen. Für den Winter stehen Heizstrahler bereit. Mahlzeiten sind hier Feste, obwohl nur die wenigsten noch wirklich etwas zu sich nehmen können. Trotzdem ist es unmöglich, an unseren Tafeln keinen Appetit auf das Leben zu bekommen. Alles streng vegetarisch, aber mit solch einer Lust bereitet und serviert, dass jeder Bissen Liebe ist. Und Du weißt, wie schwer Deinem Sohn das Wort Liebe fällt. Süße Früchte etwa werden hier gewürzt und gebacken nach Rezepten, an denen Generationen mitschreiben. Wenn man Leidenschaft essen kann, dann hier.
Eben habe ich mich einem der Ärzte vorgestellt. Ursprünglich wohl Schulmediziner, jetzt wohl eher Medizinmann. Viel rumgekommen. In seinem Sprechzimmer stehen fernöstliche Skulpturen neben federgeschmückten Indianerspeeren. Auch zwei Totenmasken hängen dort, die zu befragen ich mir aber verbiete.
Wenig spüre ich noch von der Raserei, ja alles mit meinem Maul niederzureißen, womit wir Menschenkinder den Raum über unseren Häuptern ausschmücken. Freigeräumt wird so allein der Tod.
Weder bei dem Medizinmann noch bei meinen "Komplizen" Hengstmann wäre ich dann am rechten Platze. Mit der Fahne solch einer Vogelfreiheit könnte ich ebenso runter an den Strand, dort Sturmmöwen Reden zu halten, bis ich tot umfalle. Der Medizinmann sah mich denn auch an wie einen Wildgewordenen. Dabei machte er Bewegungen, die mich erinnern an den sanften Schwung einer Sense.
Erwartungsgemäß verschrieb er mir nichts Sonderliches. Auf keinem Rezeptblock der Welt werden wir je mehr erkennen, als Bilder der Jahreszeiten. Vielmehr nehme ich in dem Medizinmann meine letzte Chance wahr auf ein Maß Kreatürlichkeit. Damit nicht auch noch das mir verbliebene Bisschen meines Wesens in den Wind geht.
Kein Halm Weizen will ich mehr sein, der sich sorgt um das Fortkommen all dessen, was ihm erblüht. Wie ich gesät bin, bin ich auserwählt.

7. Oktober 2008

Eine wahre Wucht, wie das Meer mich angeht! Solch Brise fegt mir über den Leib und lässt mein Shirt in Wellen zittern, dass ich mich als ein Art vorzeitliches Instrument fühle, auf dem das Leben spielt. Beinahe möchte ich meinen Stock gegen die Bretter der Seebrücke stemmen. Halt gewinnen im Angesicht einer auslaufenden Flut, die mich selbst im Sitzen noch zweifeln lässt an meinem Gleichgewicht. Als ströme etwas aus mir mit den Meeresmassen.
Von Minute zu Minute verliere ich an Deutlichkeit. Ich spüre keine Schärfe mehr in mir. Hier könnte ich aller Welt wohl bis in alle Ewigkeiten Briefe schreiben. Ohne den Drang, ein einziges Wort davon zu Papier zu bringen. Tatsächlich breitet die Folgenlosigkeit hier mir derart meine Arme aus, dass ich mich überwinden muss, Dir zu schreiben.
Am Ende einer Seebrücke, keine dreißig Meter weit vom Ufer, ist mir bereits, als male ich Dir mit dem Füllfederhalter ab aus einer Stammeskultur, deren Anliegen sich mir nie erschloss. Was ich Dir alles an Worten schicke, habe ich auf Marterpfählen erblickt und in Grabkammern. Mit keiner dieser Kolonnen von Zeichen weiß ich ernstlich etwas anzufangen!
Dein Befremden über solche Töne mag ich mir gar nicht vorstellen, Mutter. Wo bin ich bloß hin? Was würde ich mich gerne wieder fürchten können davor, nachts alleine in der Wohnung bleiben zu müssen, während Du mit Papa aus bist. Oder jenes Heimweh auf Klassenreisen, als ich Stunden zählte und Tage. Wie kauerte ich damals unter all den anderen Jungen, von denen viele ihre Zähne bereits zu gebrauchen wussten. In Speisesälen, wo ich vor Angst kaum Essen fassen konnte. Krank vor Hoffnung, dass ja auch ein Brief von Dir mit dabei ist!
Zurück am Strand, wird sich Deinem Sohn manches davon neu eröffnen. Selten eine Laune der Natur, die sich uns nicht verwandelt in eine Schablone Menschsein. Meine Arme liegen dann wieder an, wie es zum Gang unserer Geschäfte eben notwendig ist. Hier draußen aber flagge ich Dir bloße Zeichen. Lebenszeichen. Damit Du zurück flaggst! Irgendetwas. Lindgrün vielleicht und nicht ohne Neugier. Lindgrün sein und nicht ohne Neugier. Darum geht es doch, oder?

8. Oktober 2008

Wir haben hier einen Platz zum Grillen. Nicht allein für den Sommer. Jeden Abend tragen Ehrenamtliche Korbstühle und Decken dorthin für die, die mögen. Bisher mochte jeder. Gemüsespieße gibt es dann und Folienkartoffeln, gefüllt mit Pilzen. Aber das ist es nicht. Sonderliche Esser sind wir hier kaum noch. Viele picken den Abend über nur etwas gebackenen Käse. Das Feuer ist es, das uns speist. Jene Momente, wo Funken aus den Flammen platzen oder Holzscheite aufglühen, als wäre in unserer aller Leben nicht ein Tag vergangen.
Jener Einzug in die Nebel unserer Erinnerungen markiert regelmäßig den Zeitpunkt, an welchem der Medizinmann, der mich neulich verarztete, die Seidentücher entfernt von einem Musikinstrument, "Dan Tranh" genannt. Aus Vietnam. Schaut aus wie eine Zither. Klingt jedoch auf solch heilige Weise bis hoch in die Baumkronen, dass wir alle Jungen sind und Mädchen, welche ihren ersten Gottesdienst erfahren.
Beinahe möchte man einander bei den Händen nehmen. Stattdessen lassen bloß einige verstohlen die Arme schaukeln. Als würden sie ohne jede Absicht vom Wind bewegt. Weil, so offensichtlich am Ende, wie wir sind, möchte niemand den Ehrenamtlichen mit Gesten kommen, die gemahnen an ein Kinderspiel.
Vielleicht fassen wir selbst es nicht mehr, das Kinderspiel. Seit wann ist Vorwärtsgehen Rückwärtsblicken? Mag die Wand, vor die wir geworfen sind, so finster gemauert sein wie wenig sonst auf der Welt, es ist wohl noch trauriger, uns deswegen in die Büsche vergangener Hochzeiten zu schlagen. Da wagen längst andere ihr Glück. Durch Stillhalten allein tut keine Mauer sich auf, das wissen wir. Auch ohne Arme und Beine bleiben wir den Ehrenamtlichen fremd. Da können die mit uns auf die Mauer stieren, wie sie wollen. Denen hat davon niemand schwarzen Bruch ins Blut geschüttet oder zwischen Lunge und Nieren geschaufelt. Allein der Schmerz zieht uns ins Vertrauen. Was haben wir zu schaffen mit einer Welt, die nicht Schmerz ist? Wären wir ja bloß Luft und Geschwätz.
Tut mir leid, Mutter, dass mir das so kommt. Obwohl man es hier derart gut meint mit uns. Hab auf dem Grillplatz ja auch niemandem davon erzählt. Vor allem, weil uns unter den Ehrenamtlichen nicht einer zum Spiel der Dan Tranh anlächelte. Seit ich hier bin, probierte es keiner mit einem Lächeln. Alle haben sie ihre Augen weit geöffnet. Aber der Mund, der bleibt stets neutral in seinem Strich. Ohne einen Hauch von Zähnen und Zunge. Akkurat finde ich das. So akkurat, wie jemand eben überlebensgroße Wände absuchen kann. Nach Ungenauigkeiten. Nach einem Riss Zukunft in dem Monsterwerk. Kaum wahrnehmbar, aber da.


"Minuten vergingen, bis man dem seitlich in seinem Stuhle Hinabgesunkenen zur Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode."

Thomas Mann.

Samstag, 17. Oktober 2009

Mein neues Leben.

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"Ich bin so müde", flüsterte sie. Und ihm war, als küsse er sie zum Abschied.
Niemals wieder würde es sie geben. Erloschenes Leben im Nachthimmel. Eine leuchtende Insel Schwärze, wo andere bis in alle Ewigkeiten nur die Sterne drumherum sehen durften, oder wollten.
Kein sonderlicher Trost. Er wäre gerne mit etwas weniger Schulterzucken eingeschlafen.
Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurden ihm seine Nächte zugiger. Im Pflegeheim konnte keine Rede mehr sein vom Chillen.
Vielleicht hätten sie Kinder haben sollen. Damit das Lächeln seiner Frau noch Generationen später aufgefunden werden konnte. Bis anderer Leute Lächeln es überwachsen würden.
Nun blieb ihr Fleisch abgeschnitten vom Menschengeschlecht. Die gemeinsamen Jahre gingen ihn an wie nie getan.
So oder so wären ihnen ihre Leiber verdorben, aber dabei vom Leben bedeutend besser zugedeckt worden.
Als er beschloss wegen des Geschreibsels sein Leben zu geben, um es zu gewinnen, hatte er das Leben seiner Frau gleich mitgegeben. Diese Sünde verdarb ihm jeden Bissen, den er seiner abgenagte Existenz noch vom Knochen schaben konnte.
Wenig half es, wenn sie ihm versicherte, zumindest eine Jugend gehabt zu haben. Gar überregional sei sie unterwegs gewesen auf der Suche nach Tanzgelegenheiten.
Aber die Vergnugungsmeilen waren ihr nicht zu Orden geworden. Nichts, woran man sich rückversichern konnte. Und so ging auch das ihm ein, als wäre es nie gewesen.
Blieb sein Geschreibsel. Ordner voller Kampf um die Weltöffentlichkeit. Auch er hatte Einladungen ausgebrochen! Wenn auch nicht unbedingt an die Nachbarn, und nicht am Gartenzaun.
Sein Geschreibsel aber war, als bekümmere er sich um einen Gott, wie ihn Kinder sich suchten. Kein Himmel, unter dem ein Mann seine Frau begraben mochte. Als wollte er sie im Wald verscharren, statt sie einzubetten in den Segen tausender Gräber.
Sie nannte ihn bei seinem Kosenamen, wann immer er von der Chance anfing, dass man sie mit ihm zusammen entdecken würde: geborgen im Geschreibsel, verpuppt und versiegelt, hätten sie Jahrhunderte Zeit. Jahrtausende!
"Aber ich habe doch Dich!" lächelte sie mit Augen, die schimmerten wie ein Herbst, der sich dem Winter zuwandte.
Es half nichts, sie würden durch ihren Winter müssen. Sie würden sich eines Nachts im Schneegestöber verlieren. Und der Friede, der dann folgte, würde ihr Antlitz haben. Alles wäre sie. Und er würde können, was ihm im Frühling nicht geschenkt ward, im Sommer nicht, selbst im Herbst noch lange nicht: er würde sich dem Leben ergeben können.

Freitag, 25. September 2009

Places.

Warum sind wir Wohlstandsbürger entsetzt, wenn jemand mit Anfang vierzig unheilbar erkrankt? Warum werden an Krebs leidenden Siebzigjährige beruhigt, dass der Krebs sicher nur "eine Episode" sei? Oft fühle ich mich schrecklich verkehrt mit meinem aus Jahrtausenden gewonnenen Lebensgefühl. Einem Lebensgefühl, das Goethe bereits im 50. Lebensjahr als "ehrwürdigen Greis" erkannte. Und verwehen nicht überall auf der Welt Millionen Menschen wie Gras? Wahrscheinlich gleicht unser Lebensgefühl sich der Zivilcourage an: Was drei Abteile weiter passiert, geht einen nichts an, ist also quasi nicht vorhanden. Anders kann ich es mir schwer erklären, dass Christen regelmäßig unbeeindruckt sind von Hindus und Buddhisten. Als habe der Christengott Kontinente mit Irrglauben verfinstert. Ein ödes Nirwana, wo wir doch in Wirklichkeit Mama und Papa wieder in die Arme schließen dürfen.
Teile ich nun mein Leben durch Milliarden gelebte Leben, komme ich zu dem Endergebnis, meine kleine Reise heute vielleicht zum letzten Male angetreten zu haben. Der "Berg des Schicksals", auf dem ich am 7. Juni 1985 zum ersten Male jenes Gefühl von Freiheit empfand, die Welt erobern zu können. Wenige Augenblicke nur, während meine Klassenkameraden ringsum die Segelflieger steigen ließen, die wir im Werkunterricht gebastelt hatten.

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Konnte ich jenes rasende Gefühl von Freiheit im August 1999 und im Mai 2001 noch nachempfinden, als ich des Gedenkens wegen erneut dort hinauf kraxelte, so ist es jetzt eher die Freiheit des Heimkehrenden, die ich suche: Getan zu haben, was ich tun konnte.
Mein Leben führte ich immer mit einem gewissen Umweltbewusstsein. Tragfähiges schaffen wollte ich. Für kommende Generationen. Vielleicht hätte ich dem Leben so an anderer Stelle ein nützlicheres Werkzeug sein können, als als Kleinkünstler, aber wer kann das schon wissen?
Statt die Welt zu erobern, nun also der Friede, heimzukehren an die Orte meiner Kindheit. Jene Straßen, die immer noch sind, obwohl sie längst nicht mehr sind.
Mein Leben lang haben mich die Realitäten fasziniert, wann wir träumen und wann wir wachen. Ob das Jenseits unserer Träume weniger ist als ein Diesseits, das wir aus der Mitte unseres Bewusstseins heraus erleben, obwohl wir tatsächlich allein am Rande stehen.
Die Fassade des Glashütter Einkaufszentrums etwa, wie mag sie für andere "real" sein: Empfinden andere sich dort auch als das Kind, das selig in einer Werbung für allererste Spielkonsolen von Atari blätterte, das im Pro-Markt gegenüber seinen ersten Band "Superman" geschenkt bekam? Hier spendierte meine verstorbene Großmama mir ein Zitroneneis, hier pflückte ich Löwenzahn für mein Kaninchen "Albi". Was für andere nur Steine sein mögen, lebt und atmet in mir. Traum? Realität?
Ich habe die rechte Tageszeit gewählt. Dutzende Schüler juckeln ins Wochenende, prahlend, johlend oder selbstvergessen mit der Gitarre an der Hand. Fünfundzwanzig Jahre her, seit ich zum letzten Male mit meinem Schulranzen in den Gilcher Weg einbog. Direkt neben dem Straßenschild die "Bathöhle". Der Sandkasten am Ende der 34 b abgedeckt, eine Bank daneben für älteres Publikum. Alles so klein, so eng, so vergangen, mit wenigen Schritten zu durchmessen.
Wo im Einkaufszentrum Träume von Spider-Man verkauft wurden, jetzt ein Nagelstudio. Tattoos und Piercings haben sie auch im Angebot. Körperphantasien sind gefragt heute.
Es gibt den Chinamann noch! 1982, nach einer Klassenreise an die Ostsee: So glücklich war ich, wieder daheim zu sein. Und am Abend dann Hand in Hand mit meinen Eltern zu eben jenem Chinamann. Boxenstopp!
Eine alleinspeisende Frau vorgerückten Alters. Sie bestellt Wein zum Essen. Eine Familie. Die Tochter kauert über ihrem Gameboy, die Eltern blättern in Zeitschriften.

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Wo im Glashütter Einkaufszentrum das Hauptgeschäft meines Comichändlers "Holz" war, mit Figuren von Asterix & Obelix und Miniaturen ägyptischer Krieger, ist jetzt "Kik", wo ein freier Blick auf das evangelische Gotteshaus herrschte, haben sie einen Aldi vorgeknallt. Ich verzichte auf Fotos.
Am Ende, am Ziel dann der "Berg des Schicksals". Kein unbeschwertes Kraxeln Richtung Gipfel mehr. Stattdessen horche ich auf meine Bronchien, ob sie sich verengen unter der Anstrengung. Ich bin es so leid! Das hundeelende Gefühl am Morgen jedes einzelnen Schultages, das ließ sich händeln. Nie musste ich mich in aller Öffentlichkeit übergeben, nie ließ ich mich beherrschen von meinen Panikattacken. Aber gegen den Tod, gegen den kann ich nicht gewinnen.
Mit dieser Übermacht im Nacken, eröffnet sich mir nun auf dem Gipfel ein anderer Horizont: die Zeit, sie verrinnt! Gab ich mich nach der Schule mit einer Tafel weißer Schokolade für Stunden dem Commodore 64 hin, weil Morgen eben auch noch ein Tag war, stehe ich jetzt unter der Hochspannung Sterbenskranker. Ein intensives, ein erschöpfendes Leben. Keine Zeit, dort oben zu Atem zu kommen, zu Träumen, Mensch zu sein. Mit zwei Kameras beschieße ich die wundervolle Aussicht. Bam! Bam! Bam! Damit ich am späten Abend noch die daraus geformte Kunstgestalt in den Space frei lassen kann. Denn eines habe ich vom Leben erfahren, es wird von unseren Abbildern des Lebens bei weitem übertroffen. Für kommende Generationen sind Abbilder gar die einzige Währung. Erleben ist unteilbar. Ein sich wohlbefindender Mensch, der vielleicht bald schon wie ein Vogel von der Stange fällt. Und allzu oft begeistern wir uns für unser Federvieh mehr als für Mitmenschen, die sich einen Tag im Grünen gemacht haben. Höfliches Interesse. Freundschaftliches Interesse. Eine Insel kann kaum einsamer sein. Wenn mir keine Abbilder meines Erlebens gelingen, bin ich lebendig begraben.

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Als ich den Berg hinabgestiegen war, entspannte ich mich langsam. Mission erfüllt. Noch bevor die Nacht von neuem über mich herfallen konnte, würde ich ein weiteres Abbild von mir in die Welt gestellt haben. Für den Tag hatte ich dann getan, was ich tun konnte. Und es wird bis ans Ende meiner Tage nicht mehr nötig sein, zum "Berg des Schicksals" zurück zu kehren. Es ist nicht mehr meine Welt.

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Sonntag, 6. September 2009

Mein Trauerjahr mit dem Herrn Doktor.

"Seit meinem 16. Lebensjahr stehe ich auf Verlust", sage ich.
"Wie lange lebst Du denn schon?" will der Bot wissen.
"45 Jahre."
"Nicht im Sinne eines Lebewesens."
Das Pixelgesicht Typ Studentin, das ich zum Bot für 59 Cent extra erwarb, blickt nach unten.
Die Bürgersteige sind übergossen mit Regenwasser. Fehlt bloß der Feudel, der mich aus dem Straßenbild wischt.
Schnee hätte ich mir gewünscht. Das Leben unter einem weißen Laken. Und alles, was Winter bedeutete, mit dem Frühling geschmolzen. Schwer sich so freizumachen von der Welt stattdessen im Nasskalten seinen Punkt zu finden.
Eine Dame, ledern und ausgehärtet, spricht mich an: ob ich auch zum Herrn Doktor wolle? Beide beugen wir uns über mein Telefon: Nein, Kapelle 1 kann in der Zeitung nicht gemeint gewesen sein. Dort entlang spüren wir kein öffentliches Interesse. Auch hatte ich an einem anderen Ende bereits Trauergesellschaft erspäht, die dem Bühnenprogramm des Herrn Doktor angemessen schien.
Also Kurs auf das am größten Gemeinte des Friedhofes: "Forum" heißt sich jenes Drumherum, dessen Herz das Krematorium ist. Viel Stein über dem Kopf wird geboten. Gegen die trüben Wolkenmassen gehen mir zwei gegossene Christkinder ein, welche wie Pfahlhocker zu beiden Seiten des Haupttores in den Himmel ragen.
Seeblicke registriere ich. Wohl übergehen auch Nestorenaugen mein abbruchreifes Dasein. Sudoku-Damen nehmen einander in Empfang. Mancher hält Sachdienliches bereit. Hahnenfußgewächse meist, wie der Herr Doktor sie schätzte. Und, natürlich, das Feuilleton. Prall bebilderte Sonntagsausgaben, die Schlange stehen nach besten Plätzen.
Nicht ohne Lust betrachte ich den Leichenwagen. Er steht mit dem Hintern zum Forum und ist ganz Fracht. Auch der Tod will entbunden sein. Wenn das Leben ein lautes Kleines ist, bedeutet der Tod das stille Große.
Hier aber wohne ich einem leeren Leib bei. Die Fracht ist bereits ins Forum geschafft. Es verbleiben Schriftzüge vom Inhaber des Leichenwagens. Dem Namen nach ein Werktätiger auf Gottes Äckern. Dessen Trostspender nun wirken unter dem Stern des Herrn Doktor verdreifacht in ihrem Tun. Als trügen sie ihre Uniformen auch nachts.
Wo Mauern herrschen sind Türen wichtig. Und die Trostspender sind die mit den Schlüsseln. Nicht sattsehen kann ich mich am Schlüsseldienst der Trostspender. Hüten sie doch den Tod in seinen letzten Wehen. Der Herr Doktor bereute es einst, seinen Vater aufgebahrt gesehen zu haben. Würde ich mir nun solch ungeheuren Blick auf den Herrn Doktor aufsperren lassen wollen?
Ein Nimmerwiedersehen musste es bedeuten für mein Bild von einem Souverän: Der Herr Doktor, wie er mit Händen in den Taschen die Bühne bespielte. Strandkabarett war das. Vor zweihundert Badegästen. Was Schickes hatte man sich angetan, wohl auch dem Gemüt etwas nachgeholfen mit dem Neuesten des Herrn Doktor über das wilde Kurdistan.
Der Herr Doktor arbeitete sein Programm ab im Wechsel vom rechten Ende der Bühne zum linken. Sechzig Minuten taktete der Herr Doktor so durch. In Schritten, die sich erkennbar nie an Badelatschen versucht hatten. Ein Notiznehmender. Willens, jeder Erscheinung Wort zu verleihen. Und was konnten zweihundert Badegäste mehr sein als Blüten, welche bedacht werden mussten?
So vergegenwärtigte sich im Saal die Studienzeit des Herrn Doktor. Er dozierte von seiner einstigen Herbergsmutter. Ihre Säumigkeit, was das Verfallsdatum von Schalen mit Studentenfutter betraf. Daraus folgte eine nicht mehr zum Verzehr geeignete Hand Nüsse. Und während der Herr Doktor uns seine Gesichtsfarbe auseinandersetzte, als die Alte ihm erschloss welch abgelaufene Nüsse er da genoss, wähnte wohl niemand sich in den Kulissen eines kalkulierten Bühnenprogrammes.
Kein Bild hat sich mir erhalten von jenem Sommerabend. Bestenfalls Umrisse und Echos. Immerhin zwei Worte, für die ich bürgen kann. Als ich am Ende den Herrn Doktor bat, mir sein Werk über das wilde Kurdistan zu signieren. Er antwortete: "Sehr gerne!"
Und nun stehe ich vor seinem letzten Bühnenprogramm. Der Künstler im Sarg. Ob man ihm seine Hände in die Taschen geschoben hat?
Zustände beschrieb er, Gegenwarten. Wie Feuer gelöscht wurden und Dirnen warteten. Nichts davon machte Sinn. Er überließ es den Zuständen, dass sie bei Gelegenheit Ordnung schafften. Also eher ein Unterhalter unseres Daseins.
Meine Augen tasten den Zustand des Mauerwerkes ab, ob vielleicht Unregelmäßigkeiten über das Krematorium hinausweisen? Fortan will ich sämtliche mir verbliebene Phantasie bemühen für das Entdecken von Unregelmäßigkeiten im Zustand unserer Mauerwerke.
Für den Herrn Doktor wäre das Krematorium wohl vor allem die Schuld eines Oberbaudirektors gewesen, die es zu verhandeln galt. Während mich jeder Handschlag gruselt, den das Mauerwerk zu sich nimmt, ohne ihn wenigstens mit einem Klatschen zu quittieren. Nicht die Theorie des Knackses, sondern die Praxis des Knochenbruchs.
Wobei meist das Ermüden eines Menschenapparates dem Schaffen der Mauerwerke Vorschub leistet: Was Jünglinge noch hart nehmen können, schlägt Fortgeschrittene entzwei.
Und wer vom Mauerwerk verschont bleibt, erstickt an der Luft. Ein Friedhof voller Freiräume! Tot kann ich mich gehen in all dem Gartenbau.
Bloß dass hier, im Gegensatz zum Naherholungsgebiet, die Totgegangenen bedacht sind. Sogar derart mit Bindestrichen und Umbrüchen, als stünden Geburt und Tod im Zusammenhang wie die erste und die letzte Seite eines Buches. Dabei hätte man zwischen Geburt und Tod besser den Stein in seiner freien Fläche belassen: Das Egalsein zwischen zwei Verwaltungsakten.
"Gib mal Laut!" geht wie zum Fest der Toten ein Medium mich an, was Friedhöfe voller Freiräume übrig gelassen haben von mir Bürschchen?
Das Ohr des Mediums wird geführt von einer Schamanin. Knochen und Kippe ist die Schamanin, Luft tut für sie längst nicht mehr not. Vollkommen in ihrem Opferdienst, begehrt die Schamanin Auskunft über mein Verhältnis zum Herrn Doktor. Unbewegt steht das Ohr des Mediums mir vor, während ich Schutthaufen bröckele und bröckele, was denn da nochmal war?
Er habe mich zweimal freundlich beschieden, ist mein Mund bei der Sache. Einmal per Postkarte, einmal per Briefpost.
Die Schamanin nickt. Ihr Nicken gleicht dabei einer Mechanik, welche möglichst viel Dasein ins Medium pumpen will.
Seine Briefpost hätte ich mir aufs Telefon geladen. Als Pausenbild.
Das sind Tiergeräusche! bestürzt mich mein Gestammel. Der Schamanin scheint es gleich. Sie kehrt mich zusammen wie ein verhutzeltes Biotop. Von mir wird keine Sekunde bleiben.
Gerne nimmt die Schamanin also meine Hoffnung zu Protokoll, dass noch etwas sei mit dem Herrn Doktor. Ein Tagebuch vielleicht? Ein Tagebuch "darüber".
"Tod" nehme ich mir nicht heraus, auch vorm "Sterben" zittert mir die Zunge. Beides zu gewichtig für meinen Plunder an Worten.
Bloßer Wuchs bin ich, bald soweit und bald soweit: ein Rinsal Blut, vom Bürgersteig geschafft.
Als hätte das Medium mich zur Ader gelassen, sondere ich weiter ab. Fäulniskultur, deren Höchstes die Petrischale ist.
Ich lasse mich aus über Bücher "darüber". Als wäre irgendein Halten, wenn es bei mir soweit sei.
Das Medium isoliert mich ab vom Hintergrund. Bis mir nichts von außerhalb mehr als meins durch den Mund rauscht. So stehe ich unbehütet von allen Redensarten. Ein Friedhof an Freiräumen aber verlangt nach Antworten. Und hinüber ist der, den ich um ein Wort gebeten hätte.
Nichts weiter, als abgeschlagene Bitte! So gehe ich der Schamanin ein, so bewirtet mich das Medium.
Ich dagegen will abschließen, wie wenn ich einer Tugend Zierde wäre: Meine Treue zum Herrn Doktor, welch Weide er mir im Äußersten hätte sein können!
"Ein größeres Kompliment kann man jemandem wohl nicht machen", nabelt die Schamanin mich ab vom Medium, und befiehlt mich so erneut ins Nichts.
Stirb schön! nickt die Schamanin nach den Mauerwerken, damit sie das Nichts an mir vollstrecken.
Ich wende mich ab, als könnte ich mich irgendwem zuwenden.
Tatsächlich stehen nun alle Mauerwerke auf Totschlag. Und wie zäh die Menschenmasse in ihrer Mitte! Als Mörtel bloß ist selbst das Edelvolk dem Stein beigegeben.
Dem Stein sich anzudienen, das sollte meine Kunde sein. Stattdessen gehe ich irr, wo ich längst nach Plätzen stehen müsste.
Gestellt unter größere Herrschaft will ich mich sehen. Ein Herold des Himmels.
An Wolken gehängt dem Dasein Zehenspitzen weit angehören. Rausch der Karusselle und Loopings! In ihrer Bewegung besteht die Form. Als Puppe, die sich spielen lässt, will ich dauern.
Tatsächlich gleiche ich wohl jener Art von Sperrmüll, der aus Widerwillen inspiziert wird: Erneut beugt ein Medium sich über mich, warum ich vor das Haus des Herrn Doktor geschafft bin?
Ein Strichmann hält dem Medium nun die Stange. Der Strichmann lächelt nicht ohne Beißlust. Er wirkt mit Sorgfalt gezeichnet. Schwer abzutun.
Ich also erneut von den Bescheiden, mit denen der Herr Doktor mich bedachte. Ich also wie ein Stück aussortiertes Kinderzimmer, das Nachts in den Wald geworfen wird. Dort im Wind zu klappern, bis es vom Moder überwunden ist. Keine Weise, in welcher ich bestehen kann.
Auch der Strichmann denkt bei meiner Einvernahme wohl an vom Trauerfall mitgerissene Laden Vergangenheit: ein Ausheuler, mit Fäusten gegen die Totenruhe. Absichtslosigkeit, welcher zur Kundschaft bloß das Fragezeichen fehlt. Jawohl, ja, zieht man Fragezeichen in die Länge, kommen sie als Rufzeichen daher.
Ich mache dem Strichmann Meldung über Blasen eitlen Geschwätzes, welche mir beim Herrn Doktor platzten.
Ob es mein Beruf sei, Dasein in mir faueln zu lassen, bis Gammel aus sämtlichen Öffnungen dringe?
Ich krümme mich mit tausend erhobenen Händen: alles Wurmstich!
Der Strichmann federt im Wind, ist vor und zurück, links und rechts, während er wie ein Halteverbot vor mir steht. Auf die Schultern könnte ich ihm springen, ohne dass mehr als seine Brille ins Rutschen käme. Und erst das Medium, das er vorhält! Wohl kann ich dem Medium ans Ohr, gegen seine Luftherrschaft aber vermögen meine hundert Kilo Fleischabfall nichts: gleich auf welche Waage ich gewuchtet bin, man wird stets mich als im Abbau befinden. Während des Medium aus hundert Äthern braust. Lebendgehörtes gegen Totgehendes. Ein Speer Sendung, der zielt auf Kuhlen großphantasierten Maulwurftums.
Erstmal aber ist der Strichmann mein Kicker: unter seinem eisernen Swing wird mir der Vorhof des Krematoriums vollends zum Halteverbot und Totschlag. Was bleibt da mehr, als unter Verschluss auf eine Kiste Schlaf hoffen? Neben dem Herrn Doktor. Hände wild in den Taschen!
Ich also einen Diener in der Front des Halteverbotes, und zurück in mein Viereck. Bluttreten. Im Kreis hoch Richtung Schädel schießen, und ohnmächtig auf die Füße platschen.
Achtung! schließen mich meine Muskeln auf das Nötigste. Gefegt bin ich ins öffentliche Interesse. Zwei Entzünderinnen nahen. Abgeschabt beide, aber vom Adel langjährigen Gebrauches.
"Darauf hätte ich jetzt auch keinen Bock!" geht gar der Schamanin ein Funken ab, als sie bemerkt, wie arg wir mit Grabeshauch den Entzünderinnen ins Antlitz geraten.
Die Medien züngeln vor. Ihre Glotzaugen blitzen, blitzen!
Beide Entzünderinnen jedoch gehören längst nicht mehr dem Feuerwerkskörper unseres Gemeinwesens an. Der Zunder ist ihnen zu schmal geworden für heiße Fahrten in Reigen voller Blitzgelichter.
Und so raffen sich beide davon. Schon ist ein Trauerspender Hand in Hand, sie abzuführen hinter ihren Bonus an Schlössern. Frisch aus dem Fleisch geschnitten aber naht uns eine andere Entzünderin. Junger harter Schädel, aufs angenehmste wattiert. Wie eine Stola schlingt sie sich die Medien um den Hals. Von Ferne scheint es, als beziehe sie im Laufschritt Stellung.
Schon verzehren sich im Umkreis der jungen Entzünderin erloschen gemeinte Feuer. Auch ich nehme mir zumindest das Fleisch vor, aus dem man sie einst schnitt.
Schön, mich mal so nach Dasein recken zu können. Es nimmt einem Druck von Herz und Bronchien. Truppenbelustigung in Stücken, die nur Tote kennen.
Aber kaum zeige ich meinen Hals, will das Krematorium einen Bissen: eiserne Scharniere tun ihm sein Maul auf. Und ich, halb Hals noch, halb wieder Kröte, tue mit. In Mäuler einziehen, das können wir!
Sind deren Zähne obendrein aus Buntglas, bedeutet uns das einen vorzüglichen Abgang. Und welch lichte Schächte, welch Auftürmung überall! Wer findet sich unter solch Umständen nicht bereit zur Absalbung?
Trostspender verteilen Handzettel. Letzte Kunstgriffe. Will der Herr Doktor uns nun in finaler Weise ergreifen?
Vielleicht möchte der Herr Doktor sich aber bloß ohne Einwand sinken lassen. Die Beerdigung als alles abschließender Pflichttermin.
Mit entleerten Tagen ging der Herr Doktor um während seiner letzten Sendezeit: Bäume, wie sie sind im Wind. Ihre Häupter in herrlichen Himmeln...
"Wer sitzen gelassen wird, will sitzen bleiben!" entfährt es mir, als sich Überbelegung in meine Sinne drängt: der "Forum" genannte Ruheraum vorm Krematorium ist befüllt, dass nirgends mehr eine Blase Phantasie Luft verspricht. Keine Trauer steht das durch. Mir ist, als wolle der Herr Doktor uns Friedhofsbummlern auf mechanischem Wege Abhilfe schaffen: platte Füße gegen platte Anteilnahme!
Ich geselle mich zu den an die Wand Gestellten. Versehrte finden sich dort, Mitgenommene. Freizeithosen über Gebrochenem.
Keineswegs der Hintergrund, dem der Herr Doktor mit seinen Bühnenprogrammen vorstand: jenem Gevögele in den Rängen, das sich rausputzte wie eine Walpurgisnacht. Angriffslustige Konfettikanonen.
Im Ruheraum vorm Krematorium ist es, als hätten wir Eintritt gefunden in die Schäbigkeit betagter Nutzwirtschaft: noch wertschöpfbar, aber mit schmalen Lippen in Richtung Schlot gewendet.
Selbst der Sargschmuck scheint mehr am Platze, als unser Aneinanderklumpen: Eingetopfter Frühjahrsputz, auf Zierwänden postiert. Wachsam, aber wenig schussbereit. Artiges Meldung machen. Mehr vermochte der Herr Doktor vom Sterbebett nicht mehr. Wohl bis ins Letzte übermannt von dem, was ihn mit knappster Fristsetzung eingezogen hatte.
Und was bitteschön vermögen Trostspender? Ist alles bloß eifrig mit den Beinen. Wie jene wohl in der Stube des Herrn Doktor Platz nahmen? Er bereits Reisig und reingeschrubbt.
Für den Herrn Doktor müssen es wackere Zimmermänner gewesen sein, von denen alle Welt Richtung Himmel verbracht werden wollte. Während der Herr Doktor lächelnd sein Schifflein hinab orderte.
Einem gelackten Stück Affenbaum sind wir gegenüber gestellt: mit dem tierische Ernst des ausstaffierten Todes fasst der Sarg jeden von uns ins Auge. Und zwar derart gewichtig, dass wohl keinem mehr ist nach dem Schutz eines Beffchens. Wie uns auch alles von den Köppen stürzt, mit dem wir uns überbauten in Richtung angenommener Herrlichkeit: der Herr Doktor wird uns hier kein Abendbrot schmieren. Viel weniger ist er wohl das Vorwort zu all den hartnäckigen Nächten, in denen wir hungrig ins Bett werden müssen.
Eine grobe Kante von einem Sarg, während uns untenrum der Krematoriumsboden unsere Fruchtlosigkeit ins Gemüt drückt.
Und so wachen wir. Innerlich im Anlauf auf irgendetwas. Bloß um wenig später beschwert zu sein mit weiteren Augenblicken voll der Folgenlosigkeit.
Stillgestellte Beinarbeiter. Bald sind wir eingerastet, bald in unserem Wesen ausgestanden. Bis bedenkenlos alles die Zeit runterzählt. Bereit, das jetzt zu verleben.
Ein Abgestandener bin ich, dem jede Berufung vergangen ist, als ich Musik für wahr nehme. Für wahrer, als ich mich je gehalten habe. Auf Zehenspitzen inspiziert die Musik unsere Reihen. Wie wenn sie hier gewiss niemanden zum Tanz auffordern wolle.
Das letzte Immergrün des Herrn Doktor. Was er weiterhin hören mochte inmitten schmatzender Eingeweide.
Während Flöten im Hintergrund ihren Beiwohnern das Blut erlassen, spielt ein Klavier sich auf als Händehalter, dass man das ja nun auch noch schaffe. Reinheit finden im Takt und im Refrain. Sind wir eben bloß saubere Dreizeiler, mit Baumkronen auf den Häuptern!
Nachdem der Herr Doktor uns hat abstehen lassen, werden wir so nun abgetragen.
Immerhin, es geht nochmal was ab. Und wenn wir selbst es sind. Sonderlich geübt, Krematoriumsboden zu bespielen, scheint mir keiner der Umherstehenden. Da nimmt man Verluste in Kauf.
Wie wir ohnehin alle abfließenden Fluten gleichen. In klaren Nächten geht der Blick bis auf die Knochen. Durchaus also bedeutet jeder Ritus, den der Herr Doktor sich für seine Beisetzung ausbat, auch eine Forderung an uns: wollen Sie mal probieren?
Die Musik ziert sich und wird uns lang. Vor allem, weil sie hier niemandem mehr etwas verspricht. Kein Anfassen dürfen, keinen Schuss gen Himmel, nichts. Vielleicht einen Schlag Barmherzigkeit, aber selbst das eher nicht.
Routinemäßig werden Sterbestätten mit Musik animiert. Und wer ist erfahren genug, sich im Tod mehr Maß heraus zu nehmen, als ein Eingeborener?
So war selbst der Herr Doktor in der Verlegenheit, dass er auf dem Friedhof für Lärm sorgen musste. Weil Menschen gegen alles ankomponieren, weil sie alles Leben mit Refrains überziehen.
Ob der Herr Doktor dem noch Bedeutung beimessen konnte, was sein Plattenspieler hergab? Jene düdelnde Konserve, welche in uns Wild- und Zartheiten zu erzeugen sucht. Ums Lügen nicht bang, der Wahrheit oft hundert Spuren weit voraus.
Was uns aber wirklich belangt, bleibt ohne jedes Kampfgeschrei. Wie ich früher im Sandkasten stumm Ameise um Ameise ausdrückte. Tumore gleichen dem Schiffchen eines Entdeckers im stillen Ozean. Schunkeln in den Körpersäften, als wollten sie bloß nach uns sehen. Quasi ein Routinecheck, ob man schnittig genug unterwegs sei im Straßenbild.
Dadurch, dass wir dem Krematorium bis vors Maul musizierten, ist es nun über uns gestürzt wie ein dumpfes Tongefäß. Und wir als die einzige Spezies, die davon nicht in Hektik verfällt, sondern wacker auf ihren Gottesdienst wartet.
Tatsächlich kommt es unter den Vorstehern des Bühnenbildes zum Stühlerücken. Ein Angemessener, erster Beredner offenbar, macht sich auf in Richtung unseres Vorläufers im Sarg.
Dem Angemessenen ist neben dem Sarg ein Stehpult eröffnet worden. Dort zeigt der Angemessene, erkennbar erster Beredner nun, seinen Papierkram her.
Der Angemessene ist dem Sarge zugeneigt, ohne dass er sich sonderlich darüber hermacht. Unbefleckt steht ihm die Lust an seiner Redensart vor:
Krieg! sucht er die Decke des Krematoriums. Gewiss nicht in der Absicht, dass wir mit den Füßen zuoberst am Dreck kleben, während die Decke eines Krematoriums wahrlich unseren Grund bedeutet.
Krieg! Der Herr Doktor sei mit dem Krieg nicht umgegangen!
Tönt des Doktors Angemessener überhaupt vom Kriege? Ich kann keinen Eingang jenes Kraftwortes bei mir feststellen. Aber was sonst reitet der Angemessene mit tausend Fahnen?
Er steht nicht hinterm Pult wie einer, auf den das Leben angelegt hat. Nein, er mäandert durch seinen Papierkram, dass ihm höchstens ein: Oh! entfährt, wenn das Leben ihn aus seiner angemessenen Existenz schießt.
Bis dahin wird er jeder Beerdigung beiwohnen wie einem außerordentlichen Clubabend. Chapeau!
Krieg also. Immer noch. Wieder mal. Während der Angemessene seine Wortgewalt ausübt gleicht der Sarg einer Pappschachtel, die bei jeder Kriegserklärung in die Höhe hüpft.
Aber wir, vom Angemessenen zum Appell befohlen, sind pflichtgemäß genug, dass wir selbst das Herauspoltern des Leichnams begrüsst hätten mit einem: Hurra!
Keine vollständige Mobilisierung allerdings. Die Bürgerpflicht, am Fuße eines Sarges Ordnung zu schaffen, befielt uns weiterhin ins Traueramt.
Immerhin ist Dasein gekommen in unsere Fäuste. Bereits die Erinnerung, dass wir mit unseren Händen einst anderes anfingen, als sie zum Gebet zu falten, gereicht uns zur Parole.
Behandelbar wirkt das Leben nun. Als könnten wir dem Leben bei Bedarf aufs Maul hauen.
Und der Angemessene ist selbstverständlich nicht so keck, dem Leben mehr angedeihen lassen zu wollen, als Milde. Sein Redeschwung gleicht daher einem Väterchen, das seinen Enkeln die Schaukeln in Gang setzt. Etwas Anregung für den Kreislauf inmitten eines Ortes der Ohnmacht.
Und so nicken wir dem Angemessenen auch nach, als er sich mit seinem Papierkram entfernt aus unserem Bewusstsein, um irgendwo im Stühlerücken einen Schlusspunkt zu finden.
Ja, ein Sarg muss bespielt und beredet werden. Erspart das Denken. Höchstens kommt uns so zum Munde heraus, was uns oben einging: Nie in Dienst genommene Automaten, durch die das Kleingeld der Welt klingt, ohne sich am Ende je in etwas von Nutzen verwandelt zu haben.
Eine Pleite gegangene Daddelhalle, mit einer Berednerin nun als Konkursverwalterin. Spezialisiert allerdings auf Gegenden, wo es bedeutend weniger Lichtmaschinen gibt.
In solch Daddeldu sei der Herr Doktor mit ihr gereist. Randvoll des Urvertrauens um sein Spielgeld.
Und tatsächlich gelang es dem Herrn Doktor mit beherzten Kunstgriffen, das Getriebe mancher Erntemaschine wenn schon nicht Funken so zumindest Luft schlagen zu lassen.
Ja, dem Herrn Doktor als einem freundlichen Gebissinspizierer hätten befremdlichste Nächte ihre weißen Zähne hergezeigt.
Was bedeuten dagegen unsere von Wortwatten zerfressenen Beißapperate?
Während wir unser Leben mit den Füßen zuoberst wahrnahmen, ging der Herr Doktor stiften. So besiegelt es dessen Berednerin mit einem Schuss Körperflüssigkeit.
Wir stehen dagegen ohne die geringste Böe. In Frieden gelassen, um uns besenrein auszukehren.
Nach dem Krieg: Musik! Kaum sind die Beredner heimgeführt auf ihre Stühle, wird deren Bombenstimmung gekippt von einer sich freispielenden Violine. Als würde hier Geschwätz in sein Verhältnis gesetzt. Mit einem Bogenstreich von der Tagesordnung entfernt.
Und wir sind dabei gutmütig wie Grabsteine: so lange uns niemand an unser Eingemeißeltes will, sei was sei.
Violine. Im Maul eines Krematoriums. Da hätte man des Doktors Sarg auch gleich anzünden können! Ja, sollen Beredner und Töneschwinger sich messen mit dem offenen Feuer!
Aber was stehe ich. Kommt eh kein Schritt dabei heraus. Und die Violine wird mich überdauern, um Ewigkeiten überdauern.
Ihre Daseinsäußerung enthebt unsere Gräber jedes Zusammenhangs: Wir haben Geschrei durch Dörfer getrieben, nie Klangkörper gen Himmel. Wessen Sinnes mochte der Herr Doktor gewesen sein, als er uns einer Violine überantwortete?
Vielleicht befand der Herr Doktor sich zum Zeitpunkt seines Ratschlusses in der Horizontalen, mit tüchtig Blut in den Ohren. Halb dem Traume verfallen, halb der Erinnerung, jedenfalls zu keiner Daseinspraxis mehr bemüht.
Wiegenlieder erklingen einem dann wohl als gelungenster Reim auf das Leben. Spiel, welches die weiten Ebenen der Objekte bestreicht. Wie sie so wohlig dem Naheliegendsten entgegen geneigt sind. Bloß dass an uns kaum noch etwas liegt. Streicher, wie auch Trommler, Bläser und Tastenhauer musizieren uns in den Abfall. Gäbe es nichts außer dem Wind, jeder Erdhaufen wäre mir einen Schwur wert.
An des Doktors Sarg aber ist alles nach verschenktem Blut. Leicht durchdringt die Violine das Krematorium, hüpft, schlittert, driftet bis in die Zinnen, derweil ich mit Mühe meine Stellung halte. Unspielbar, und auf wischfestestem Boden.
Endlich lässt die Violine ab von uns. Samt Betreiberin in einem Schmuckkasten zur Ruhe verbracht. Und wenn irgendwann der Schmuckkasten erneut aufgeht, sind wir alle nicht mehr da.
Ob mir nach weiteren Berednern ist?
Eher bin ich auf eine Quittung aus, dass ich dem Sarg des Herrn Doktor Beistand leistete. Glaubhafte Währung, mit der sich die Höllenfahrt am Ende begleichen lässt.
Das Vernichtende an meiner Stellung ist ja, dass ich im Abseits eingegraben bin. Kein Diesseits. Kein Jenseits. Abseits. Verschanzt in bodenloser Erde. Unter dem Rücken abgeordneter Gestirne, die auf das Ende ihrer Schicht schauen.
Ewigkeiten entfernt rauscht eine Autobahn mit Namen: "Leben". Bis dahin aber ist jeder niedergeherrscht von der sengenden Stille Eingeschanzter.
Warum also nicht noch einen Abgebrannten in unsere Senken lichtern lassen? Mit Lauten, die wehen wie das Stroh von Scheuchen.
Und tatsächlich scheint zum ersten Male Abgründiges einen vorzuziehen aus dem Reich der Bestuhlten.
Einen sichtbar Geknickten. Seine Druckfrische merkt man ihm noch an, den Hochglanz und die Erstauflage. Und den Packen, den ein Schicksal in Feierabendlaune ihm dann hat drauffallen lassen.
Wir errichten uns. Bereit, in dem Geknickten mit einigem Interesse zu blättern.
Sein Kopf fällt ihm runter, so oft er ihn in irgendeiner Weise richten will. Das sind die, die unter dem Schwert durchgehen! neide ich ihm sein geknicktes Dasein, in welches nun alles hineinweht.
Fliegen konnten sich seiner so bemächtigen, Marienkäfer ihn durch die Lüfte wuchten. Und er mit allen Vieren weitab flatternd, als Fahne über dem Getümmel.
Was wär ich gerne eine Fahne! Der Wind dabei wie mein Freier, angesichtslos ohne mich.
Die Beherrschung hat den Geknickten verloren gegeben. Wem seine Pappform abhanden kommt, der darf auf keinen Platz im Krippenspiel mehr hoffen. Gegen einen Priester, hätte der Herr Doktor denn nach einem verlangt, wäre dies Häuflein Gestammel fortgenommen worden. Ohne dass jemand jene Verzückung studiert hätte, welche eines Weggeknickten Gestammels eigen ist. So aber darf er das Trauerpult angehen.
Der Geknickte pustet sich in die Höhe, merkbar unwillig nun, bewegt zu sein von eines Trauerpultes Sturm und Spitze. Als würde ihm sein Geflenntes ausgeblasen und dessen Glasierung zerschnitten.
Auf der Zinne gedeckter Gewogenheit ist nicht gut Jammern: die Kaschmirschals, die Handschuhe aus Leder, sie alle fordern den Schonwaschgang.
Also sucht der Geknickte sich zu begradigen. Eine Pose aus alten Tagen fällt ihm vor, längst nicht mehr passend, aber Zeichen gesunden Herdentriebes.
Man lehnt sich zurück, bereit für was Menschliches. Was an Tränen abgehen mag, es wird nun seine Betrachter finden! Als wäre er ein Zitat des Herrn Doktors, so steht der Geknickte uns Rede. Blubbernd eher, mit Fontänen tief gelegener Dämpfe. Vergangenes schafft er heran, lässt uns mal auf Leerstellen stehen, mal irgendwo weitab.
Anheimgestellt in den Ausrufen des Herrn Doktors, gerät der Abeknickte in milde Fahrt. Er verschweigt das Erste nicht, das wohl auch sein Letztes war, flattrig wie er ist. Ein Draufsein, was die Literatur betrifft. Der Geknickte dabei streng lokalisiert. Ein Hüpfer, ein Herzstolpern. Kaum auszudenken mehr gegen das Letzte des Herrn Doktor, gegen jenes Federgewicht mit Fallhöhe weit über den Hüpfern des Geknickten. Und - knicks! - ward der Nacken aus jeder Haltungswertung genommen. Ein aufgeknickter Pack Blut, der nun für ordentlich Dasein sorgt.
Meldung macht uns der Geknickte über letzte Lebensäußerungen seines Herrn Doktor. Museen finden sich dort auf, ein Affenhaus und norgwegische Fjorde. Ich bestaune das so Abgelebte des Herrn Doktor mehr, als jemals seinen Sarg.
Die Museen. Das Affenhaus. Der Fjord. Ich sage es mir auf wie ein Bote sich seine Botschaft. Als wolle ich damit durch Nebel und Nächte, für eine letzte Notiz an mich selbst: das noch und das und das - und nicht bloß Erde, in der Kartoffeln so gut gedeihen wie der Tod.
Ich spüre vom Geknickten kein Wort mehr. Und auch die abschließende Berednerin geht mir nicht mehr ein mit ihrem Kehraus. Ihr Ausschmücken der Pünktlichkeiten des Herrn Doktors, wie vorzeitig er sich mit welch einer Tratschlust in Restaurationen einfand, und wann er endlich "ins Reine" gelangte. Kurz vor knapp, gewiss, aber noch rechtzeitig für den Tod, dass der nicht mehr viel brechen brauchte...
Ein letztes Stühlerücken in den Reihen der Vorsitzenden. Schon von solcher Art, die Anstosslaune verrät: abgespannt durch eine Tonspur, wird sich der Brunch schon finden, der das alles belegt.
Von hinten drängt Stille zurück ins Forum. Als sei man kurz aus gewesen, und ärgere sich nun über Haufen frischen Wortbefalls.
Trostspender senken ihre Häupter wie Flusspferde, uns Abgespannte hinaus strömen zu lassen, ehe Stille und Stein erste Verweiler fordern.
Ich also im Pilgerschritt raus auf die Trauerweide. Noch etwas Kummer grasen. Erschreckend flau weiterhin in den Hohlräumen meines Daseins.

Weiter, immer weiter!

Freitag, 21. August 2009

Sofort aufhören!

Es war einer der Abende, die kein Ende nehmen... Gegen vier Uhr morgens, nach endlosen Gesprächen, zahlreichen Gläsern Wein und vor allem viel zu vielen Zigaretten, gingen wir dann endlich ins Bett.

Ich schlief ruhig und entspannt, bis ich gegen zehn Uhr mit dem vagen Gefühl erwachte, dass etwas Bedrohliches mit mir geschehen sei: Die Luft, die ich einzuatmen gedachte, kam einfach nicht mehr da an, wo ich sie hinatmen wollte. Sie blieb mir vorne in der Brust stecken. Auf halber Strecke war einfach Schluss. Ich versuchte noch einmal, mit aller Konzentration tief durchzuatmen - und musste husten. Die unteren Lungenflügel blieben leer...

Ich fügte mich in das durch den vermeintlichen "Zigaretten-Kater" verursachte körperliche Unwohlsein. Ich ging davon aus, dass es mir im Laufe des Tages schon wieder besser gehen würde. Doch die beklemmende Atemnot blieb. Wir frühstückten mit unseren Freunden, ich ging hinaus an die frische Luft - aber die Atembeschwerden wollten sich einfach keinen Deut bessern. Meine Lungen versagten mir unerbittlich den einen tiefen, den befreienden Atemzug...

"Ja, verstanden. Das ist jetzt einfach so. Aber wie steht es mit der Behandlung der Krankheit? Und was kann man tun, damit die Atemnot weggeht?" Der darauf folgende Satz war der Wendepunkt meines Lebens. Der Professor sah mir in die Augen und sagte: "COPD ist nicht heilbar."

Roland Kaiser.

Freitag, 24. Juli 2009

Weit über den Tellerrand geschaut.

Teller

Da Gegenstände des täglichen Gebrauchs oftmals länger leben als die Menschen, die sie einst erwarben, habe ich mit den Jahren gewisse Leidenschaft entwickelt für die Geschichte dessen, was in den Augen vieler Sperrmüll ist. Groß war daher meine Freude, als in der Teeküche eines moderne Zweckbaus dieser Teller zum Vorschein kam:

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Das wohl letzte Teil eines Kaffeeservices, welches spätestens Anfang der 1970er Jahre in den Besitz meiner Eltern gelangt sein musste. Für die meisten nur ein schäbiger Teller, für mich aber ein ganz besonderer Blick heimwärts: Wahrscheinlich war der Teller bereits, als ich selbst noch nicht war. Vielleicht stand er auf dem Wohnzimmertisch, als meine Mutter mit mir Neugeborenem aus dem Krankenhaus kam?
Ein stiller Diener, der mich einst im Diesseits empfing, und der mich vielleicht ins Jenseits geleiten wird. Solch verdiente Zeitgenossen will ich ehren.

Dienstag, 14. Juli 2009

IQ 132.

IQ

Dreißig Jahre nachdem ich den Test absolvierte, ist es sicher an der Zeit für eine Bilanz, was mir meine Intelligenz gebracht hat?
Untergeordnete Stellung, kein Geld, wenig Liebe. Beliebt sein ist totlangweilig, Geld bewahrt mich nicht vor dem Verfaulen - und wer soll mich in Amt und Würden achten, wenn selbst über Staatsoberhäupter gelästert wird?
Viele Irrwege ersparte ich mir in dem Bewusstsein, dass Hermann Hesse ein Buchhändler war und Thomas Mann das Abitur versagt blieb. Spätestens mit zwanzig war ich davon besessen, unsterblich zu werden. Ein "High Hoper", der dem Leben das Maximum abtrotzen will.
Aus rundum befriedeten Gotteshäusern zwang mich meine Intelligenz hinaus auf die Boulevards der Städte. Und seither rede, brülle, kreische ich hinein in jenen wunderschönen Abgrund an Gleichgültigkeit, den wir Schöpfung nennen.
Vom Schachspiel her weiß ich, dass Kleinmeister zu 95% Züge machen wie Großmeister. Aber die 5% sind es dann eben. Und so werde ich wohl als einer jener Kleinkünstler enden, die irgendwann in sich zusammen sinken und grußlos vom Boulevard geräumt werden.
Ein "High Hoper", der nichts mehr in seinen leblosen Händen hat, als jenen Zettel aus fernen Kindertagen.

Sonntag, 21. Juni 2009

Galore, letzte Ausgabe.

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Die Gesellschaft ist in sich sprachlos. Sie hat keine Ambitionen, sich haftbar mitzuteilen... Bloß nicht auffallen - und wenn, dann mit stereotypen Mario-Barth-Witzen, bei denen man denkt: Was war denn jetzt der Witz? Das ist einfach nur ein Zusammenfinden in einer heimeligen Atmosphäre... Zeitung nach links, Zeitung nach rechts, aufblättern, Stuhl rücken, ich hole mir noch eine Schorle, willst du noch einen Cappucino, umrühren, genüsslich Milchschaum rauskratzen... Ich frage mich: Was wäre, wenn der Mensch diese halbe Kraft, die er für diese Dinge gegeben hat, sammeln würde, einsparen für Gedanken?

Christoph Schlingensief.

Freitag, 19. Juni 2009

i-Stupid.

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Ich bin erfüllt von Geschichten, die niemanden interessieren. Nach ein, zwei Tagen nicht mal mehr mich. Arbeiten, wie Millionen arbeiten. Zivile Freizeitvergnügen. Durchschnittsfresse. Junge Menschen nehmen mich im Straßenbild immer öfter als Hindernis wahr.
Was im Altenheim üblich erscheint, wirkt auf mich mehr und mehr gangbar: Zuhörer sehen, wo in Wirklichkeit nur Wände sind. Als Kind wiegte ich eine Puppe mit Namen "Schleckermäulchen" im Arm, warum soll es so nicht auch enden?

Donnerstag, 4. Juni 2009

Vier Richtungen Himmel.

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Sieh den Weg, und wo er endet.
Du brauchst nicht laufen. Schritt für Schritt.
Wichtig ist allein der letzte. Über den Horizont hinaus.

1.

Ich gehöre auf den Müll.
Mit Schlachtgesängen das Spielfeld betreten, zu Null wieder runter.
Dreck gefressen bei jenem Eindreschen von Füssen, das sich Dasein schimpft. Blutgrätsche ist es, Schreien und Schlamm, ein Heulen nach dem Ball. Endlich angespielt zu sein, endlich vorgelegt zu bekommen.
Alle stürmen sie für ihren Kick ins Glück. Niemand will zurück bleiben, keiner einen reinbekommen.
"Zeig Dich!" riefen die meinen nach mir. Wenigstens Szenenapplaus sollte dem Sohn, dem Enkel, dem Neffen gelingen.
"Der hätte mal sehen sollen, wie ich abends vom Spielen heim bin!"
Das große Latinum ward mir eingeworfen, die richtige Haltung zugepasst, der korrekten Vollzug des Kreuzzeichens freigestoßen. Aber all die Bälle kamen mir zu steil, zu schräg, hatten derart viel Schmiss, dass ich nicht einen davon köpfen konnte. Und nun endlich gehöre ich mit Bierbüchsen, Wurstpappen, Senf und Fett auf den Müll. Der Sohn, der Enkel, der Neffe, über dessen Wiege man sich einst beugte.
Alles verstolpert, nichts geköpft bekommen, fortwährend den Weg zum Tor vergessen: So ist es mir zerronnen, mein Dasein. Und derart leichthin schreibt sich dieses Nichts von einem halben Jahrhundert, dass man glauben könnte, mein Weg auf den Müll nun wäre das Auspusten einer Geburtstagstorte.
Tatsächlich aber weiß ich nicht, wo anfangen mit dem Tod.
Ich twittere: “Going into the forest at night. Poor enough for that.”
"Stops in front of forest", antwortet der Bot.
Vielleicht ist die Tränke von einer Kneipe hier kein sonderlicher Pfad in jenes Reich, wo unter Abfällen Flüstern herrscht und Schatten. Das täglich Bier, die Klaren, noble Absacker: Wie der Kanonendonner eines Sturmes auf sämtliche Grenzen, so ward er mir stets verheißen, der Suff. Klabautermänner, Zechbrüder, kernige Kumpanen. Dasein, dem Prosit für Prosit jeglicher Ruf zum Torschuss aus den Gurgeln weicht: Kippe und Korn, immer nach vorn! Schnapsgedrosselte, welche verworfen sind in alle Richtungen Himmel. Wolfsfrei zum Sterben.
"Zeigt her Euer Glück!" lade ich zwei Stubenfliegen ein, die mir gerade Gesellschaft genug sind. Kleines Gemüt, kleiner Tod. Lange Zunge, flinke Klatsche. Sterben wie die Fliegen. Ich lerne gerne.
Zum Tod hin, ja, da lässt das Glück sich erkennen: dass es längst fortgewischt sein wollte von jenen Schultafeln, auf denen es einst mit Schönschrift vermerkt ward.
"Lag Euch je etwas am Glück?" raune ich den Fliegen zu. Der Ordnung halber, damit ja alles, was uns golden dünkt, in die Bodenlosigkeit des Widernatürlichen verworfen ist.
"Besonders vielleicht an meinem Glück?" setze ich nach. Ja mal wissenswert, inwieweit so eine Welt sich schert um das, was man sich schafft zu seiner Lust. Ob unsere Herzen der Welt Blüte bedeuten, oder ob unsere Herzen allem bloß nimmersatte Öfen sind, deren Qualm sämtliche Himmel schwärzt.
Ich stiere den Stubenfliegen in die Facettenaugen, mit welch Mengen Bildern pro Sekunde sie mich wahrnehmen mögen? Als Verwischtes und Zuckendes vielleicht, dem es an Licht mangelt wie an Tiefe. Nein, ein Glück ist den Fliegen nicht gegeben. Der Fliegen fliehendes Sein bedeutet reinstes Werken. Nach Zeiten, nach Schichten, nach den Launen ihres Werkes. Geschmeiß, welches dem Dasein eine Logik abgewinnt, die heller einleuchtet, als jeder Tag. Werden lassen, was möglich ist. Mag das auch bedeuten, den Menschen frische Pest in ihre Kelche zu tunken.
Aus Erinnerungen hinauf streicht mir der Werkbänke Härte über die Innenflächen meiner Hände. Massivste Schöpfung, stets bereit, mit Schraubstöcken noch das Urförmigste in sein Maß zu spannen.
Aus längst vergessen (verlebt!) gedachten Fernen gerät der Holzstab mir zwischen meine Sinne, wie ich ihn auftat im Werkunterricht, aus Haufen voll Verworfenem. Keinen Arm lang, der Holzstab, und kaum zwei Daumen dick. Aber er schmiegte sich auf solch vertraute Weise in meine Faust, dass ich mit ihm Stamm um Stamm fällen wollte.
Ein Werk tun, und sei es das des Todes. Den verschämten Pfad fort aus unserem Dasein, verborgen von Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht, ich will ihn breittrampeln.
"Wer trampeln will, muss Boden haben!" fallen meine Hände auf den Tisch. Die Fliegen wirbeln davon. Beide lassen ab von mir Haufen Fleischabfall, trotzig wiederzukehren, wenn wirklich alles leblos verdorben ist!
"Kaum wird man mal laut..." fahren mir die Schultern hoch. Wie wenn ich mich ducken würde unter dem Hieb, dass selbst schwächste Stücken Nahrungskette schwerer bei Dasein sind, als ich.
Vielleicht war ich niemals Dasein genug, sondern mehr und mehr ein Fortsein: selbst frisch angebrochene Tage verdarben mir im Licht herandrängender Tage.
Gar entsetzlich kamen mir Gestrige, welche bereits reichlich von ihrem gammeligen Tagewerk herum gebracht hatten, aus was für fauligen Paradiesen sie sich einschenkten für ihr Übermorgen.
Auf welche Weise gewinne ich meinem Fortsein nun Boden genug ab, letzte Reste eines Daseins dort zu vergraben? Jenes Häuflein Ich, das weiterhin klammert am Gegenwärtigen. Die Taschen schwer von Totems, wund vor Erinnerungen. Wie soll das alles schwinden, unter Stubenfliegen und auf Kneipenböden?
In eine Grube wuchten will ich jene tiefe Zeit, in der mein Ich sich für wahr nahm als ein Wir. Leise, aus abseitigen Gehörgängen, rauschen mir von dorther noch die Blätter, klirren Schaukeln an schweren Stämmen, Pfade werden Wege werden Weiten, dazwischen sämtliche Wände zum Niederbrüllen. Und wie alles duftet, wie alles schmeckt! Unsere Antlitze weit geöffnet, so suchen wir, suchen, suchen immer weiter! Die Mutigsten ohne Taschenlampe. Paradiese voller Sandwälle, Pusteblumen, Ausgucke. Und um unser Wir ein Wind, der niemals Glut ist, niemals Frost.
Wo lauerte in alledem mein Baum der Erkenntnis? Jene Frucht, deren Kern süßen Nichts mir durch und durch ging, deren Kern jedes Wir entleerte. Unser aller Highscore von 99.999, wie er mir mit einem Schuss zersprang auf Null.
Null. Null wert ist mein Dasein. Ein Nullsein, unter dem ich mich aber weiterhin drehe und ducke. Weil ich doch irgendwann mal 99.999 war!
Ich tue wie wenn mir etwas entfallen ist. Ab tauche ich, bis nirgends mehr Sachebene herrscht. Von knapp unterhalb der Tischkante eine Aussicht, welche mir erscheint als die wahrhaftigste Aussicht meines Nullseins.
Drei Speisekarten fächern sich in ihrem Ständer. Sie fächern sich gleich den welken Flügeln einer Windmühle. Am Boden belagert mit Tütchen voll Erdnüssen zu fünfundachtzig Cent.
"Speisemühle!" puste ich alle Flügel an, bleibe aber durch die Speisemühle dem Hintergrund weiter verborgen.
Hand muss ich anlegen, damit der Hintergrund und ich einander nicht umschrieben bleiben mit den Fresshausparolen der Speisemühle, dreimal: "Euch zum Wohle. Euch zur Lust."
Vom Laserstrahl bedruckte Pappe, 600 Dots per Inch, voll im Fett der Farben und auf Glanz behandelt, aber abgetan von meiner Rechten an den Rand. Damit Hintergrund herrscht. Hintergrund, welcher mir zur Vorhölle gereicht. Als würde mein Nullsein zerschnitten durch Kreuzwege des Wimmelns. Drüber gebrannt Marienbilder, die lebenslustig den Augen scheinen, gar in all dem Brausen wirken als ein Ohr, seinen Wortschwall Sehnsucht zu ergießen. Dabei jedes Greifen bloß dem Reißen kleiner Kinder nachempfunden bleibt.
Meine Augen zielen ins Rund, Nullen ausmachen. Damit sich mir hoffentlich etwas aufsummiert: Null und nichtiger Dampf, der Kolben Richtung Morgen hämmert!
Zum sich Gerademachen wäre das, stolz empor aus Faustkeilen und Paarungswut. So lässt es sich Null sein, wenn bloß viele verbleiben hinter den Einsen schwerststerblicher Kolben.
Tatsächlich aber die Nullen, zählbar erhalten vom Gewicht ihrer Humpen: sie nullen mit Einstecktüchern und als hätten sie samtene Handschuhe an. Jede Null der Highscore überhaupt, jede 99.999!
Pfännchen dampfender Kost werden an meinem Tisch vorbeigeschafft, Herzen füllen. Damit es für ein Weilchen wieder klappt mit dem sich Liebhaben.
Vielleicht braucht Dasein bloß den Wanst voll Kartoffeln und Schwarte, dass man bestenfalls speien muss, und niemand irre wird vor Luft.
Meinen Eingeweiden sind die dampfenden Pfännchen der Fanfarenstoß. Als würde unter wütendem Hunger ein Unhold von einem Dasein mich entzwei brechen für Pfännchen gutbürgerlicher Küche.
Ich dagegen bin ganz Kralle, würge mich zusammen unter Anspannung jedes mir verrotteten Muskels. Wenigstens nüchtern will ich mich halten. Hunger als ein Nagelbett in den Resten Gammelfleisch, mit welchen ich beladen bin.
Falls ich nicht nüchtern genug werde mir ans Eingeweide zu gehen, dort die Rädelsführer unter den Adern auszustöpseln, hungere ich mir alles vom Knochen!
Schärfsten Fleischestrieb also fest in meinen Krallen, wuchte ich mich hoch von der Tischkante. Den Stubenfliegen zu vermerken, dass ich nicht zur Gänze für die Tonne sei.
"Mögt Ihr Sauger mein Nullsein noch so kosen, über Eure Rüssel und Kanäle bin ich rasch des Fliegens."
Halblaut dem Hintergrund vermacht. Dabei wie ein Rufzeichen der Schankwirtschaft zugeneigt: "Gegen Euch Fassbiere feiert jeder Fliegendreck das Leben mehr!"
Einer am Tresen, die Augen dreist über eisgrauem Walroßbart, er lässt nicht locker. Seine Fäuste scheinen tüchtig etwas über zu haben für mich Fliegenprediger. Warum auch nicht? Wer wie ich an Tischkanten fahndet nach einem Wohin, der kann auch mit dem Prügel toben.
Ich baue mich auf hinter meinem Einzeltischchen: "Mach Schießbude!" bin ich richtig laut.
Der am Tresen grabbelt sich eine Hand voll Flips. Er wägt wohl ab, Flip für Flip, wie er mich zerdeppern kann.
"Endlich mal jemand von denen, die ihr Leben volley nehmen!" suche ich Freund Flip Treter zu machen.
Jedes Zerschmatzen der Flips im Mundwerk des stolzen Fäusteinhabers nimmt mich mehr ein für das Vergreifen an meinem Dasein, das nun endlich ins Auge gefasst ist.
Vorzüglich abgefüllt mit aller erdenklichen Klugscheiße schadet es mir gewiss nicht, für meinen Marsch durchs Urnenloch tüchtig weichgeprügelt zu sein.
"Jo", klatsche ich mir auf den Leib: "Jo!"
Gerade will er vom Tresen weg auf mich lostrampeln, als sich in meinen Augen offenbar etwas blicken lässt, den Fäusten Hallo! zu sagen. Ich spüre das auch, möchte noch reiben, bin aber hingerissen durch den Fortgang der Begebenheiten: Er streicht über seinen Walrossbart, als wäre ihm all die Zeit nach Sinn gewesen. Mit einem Wink gibt er gar Joppe und Prügelstock am Tresen preis. Im schlotternden Hemd macht er sich davon, völlig ohne Umstände. Schon klappt die Biedermeiertür hinaus. Als wäre eben eine Kuckucksuhr gegangen, und der Kuckuck nun fort.
Verhielt es sich je anders?
Die wenigen Male, die ich im Dasein schwang wie eine Abrissbirne, sie herrschten mich an in ihrer Absichtslosigkeit: Nichts zu brechen, der Herr. Sehen Sie, alles Luft, Heißluft bestenfalls! Chillen Sie, chillen Sie ab. Verzeihung, wollten Sie überhaupt etwas?
Ja, das Wollen ist mir völlig abhandengekommen, so unter dem Gewicht eines Ausschankes, welcher um der Befriedung unseres Wesens wegen in Betrieb ist.
Vielleicht sollte ich mir lieber was einschenken lassen, runterkommen, mich locker machen, auch mal beten, ja, bete doch mal richtig!
"Wie zur Muschi!" Meiner zerschmusten Stoffkatze aus Hochzeiten im Kinderbett. Am Ende waren zwei Nadeln nötig, Muschis Kopf aufrecht zu halten, so vollständig hatte mein Verlangen sie gebrochen.
"Pussys reißen!" nennen es die Erfahrenen.
Mit Gebetskränzen also Püppchen würgen? Hilflose Püppchen, die fixiert sind und genagelt an Wände ohne jedes Schicksal. Zum darauf abzielen, Dornenkrone für Dornenkrone: "Paradies, komm heraus!" halte ich meinen Schoß beisammen.
Als wäre ich weniger abgebrannt, gar recyclebar, wenn mein Hohlraum von einem Kopf Stein auf Stein ausgebaut würde zum Kirchenschiff, speerspitz in sämtliche Winde.
"Seid maßvoll!" bin ich mir selbst ein Richter. Einer von weither. Durch das Guckloch in der Tränke harten Tür, hunderte Wege kindwärts, sehe ich mich als Richter stehen, geradeaus von Kopf bis Fuß. Im Park höre ich mich urteilen, des Nachts und voll silberner Horizonte. Stehend unter dem Gesetz der Bäume urteile ich, wie vergeblich einer lungern muss, der das Maß Dasein übertrat. Blind den Fährten lichter Pfade, taub allem Flügelschlag. Nur seines Schattens Kamerad.
Sondere ich mich also ab von der Tränke und probiere die Neigung heimwärts (eine gefühlte Luftlinie Jungenfahrrad entlang, mit am Hosenbund verhaktem Haustürschlüssel), findet augenblicklich mein Schatten sich bereit zur Reise: Lange Lügennase und zuckendes Gemächte, raumschneidend auf der Stuhllehne gegenüber.
Wie kann einer an gegen solch lichtfreies Leichenhemd? Und schärfer noch mit jedem Sonnenschein! Da bleibt kein Hossa mehr ohne blinde Erde.
Packe ich mich besser fort in meinen Herrgottswinkel. Getrost zwischen Blumenleichen, mit Wachs überzogen und an Drähten gehängt, mir grausam zu blühen.
"Eher fresse ich den Tod, als dass ich ihn kotze!"
Erneut bei Tisch, hebe ich sacht einen Finger vor den anderen, bis alle Fünfe meiner Linken außer sich sind, wie jungenhaft das mit den Händen noch geht. Ehe ich es mich versehe, ist auch die Rechte von der Partie. Ineinander gefaltet nun beide, zart wie das erste Kinderwort zur Fürbitte.
"Vater?" probiere ich.
Zwei, vielleicht drei Daddys in Sichtweite. Der Erste tut einen Zug kühles Blondes, jauchzt: "Ah!" Mein Nächster befingert mit halb gestreckter Zunge sein Handy, dick die Daumen vor Botschaft. Und ein Dritter unter Vaterverdacht bekommt bei der Bardame Ohren, welche kein Kindermund je erfährt.
"Langt Ihr obenrum fleißig im Himmelreich an, ja?" richte ich beide Zeigefinger auf solch Vaterwesen: Der Mundvoll. Der Daumendruck. Das Ohrsein. Dreieinigkeit Daddy!
"Keine Angst, das ist nur Blut! reicht mein Vater mir die Hand. Mein Vater war seit 16 Jahren tot." twittere ich.
"Bin ich Dein Traum, bist Du meine Wirklichkeit!" antwortet der Bot.
Auf einen Erlöser von einem Daddy verstand ich mich nie. Da konnte ich nicht liefern. Kein Hosianna, mit dem ich mich an den Tresen fläzen mochte: Guat gehts mia, suppa!
Nirgends Meere, null Fernen, die Happy Talk mit mir trieben: von Jungfrauen, Lämmern, einer Lounge fast auf Daddys Schoß. Bei mir ging es stets nur heim in meine Hochhausbutze Tod.
"Find Frieden jetzt!" klopft eine Kraft mir aufs Holz, den anderen Arm beladen mit Pfännchen, die ordnungsgemäß entleert worden waren in Münder, welche so erneut der Liebe gedachten.
"Wüsste ich bloß vom Hunger, ich gäbe längst Frieden!" rufe ich der Kraft hinterher. "Wer platt baut, bleibt liegen!"
Hätte ich während meiner Hochhausbutze Tod bloß ruhen können, könnte ich das wenigstens jetzt! Wie zu Kinderzeiten. Mir selbst den Vorhang herunterlassen, und dabei niemals bang um ein Erwachen.
Kein Kind ahnt, dass vorm Spielzimmer, inmitten ihrer Designerwaren, seine diensthabenden Erwachsenen nicht bloß so tun, als wäre ihnen tüchtig nach Rausch: Wo man denn bleibe, ob man es sich mit all den Kundenkrediten wirklich besorgt habe?
Was ich im Halbwuchs aus Zeitungen mitschnitt an Blöße, es verblich keineswegs zur Guten Nacht, es fraß, es wucherte einem bald aus jedem Vater unser.
Die machten tatsächlich Rücksitz! Greiffreudig, um kein Gesäusel bang. Getrost auch öde, gerne für einige Herzklopfer fremden Gammelfleisches an ihrem Hosenstall. Hauptsache es trat ihnen dabei genügend Gegenwart aus dem Leib. Als könnten sie ihre Untenrums zur Ader lassen, dass am Ende rosa Watte verblieb. Womoglich noch aus Zucker!
"Liebemacher sind die Blutegel des Daseins!" lächle ich einer Junggesellin zu, deren Busen so leidvoll gepusht scheint, dass ihr ganz bestimmt nach Abschied ist vom Egelsein.
Bald herrschten mir vor meiner Scham nirgends mehr Posten, welche mich freihielten von den Egeln, welche mir flink in meinen peinlichsten Saft glitten. Stattdessen tobte marodierende Mündigkeit um mich her. GLÜCK die Parole, Brandbeschleuniger das Mittel. Eingezogen ward ich so, mit meinem Hauch Dasein noch dem GLÜCK seine sengende Steppe zu leuchten, was dort aus trostlosem Versanden sich trieb: eines Giftkrebses Himmel, des Grapschvogels Gewicht!
Ich twittere: "Schamrasiert die Raser auf ihren roten Rosen und weißen Weinen."
"Pardon, weinen Sie etwa Blut?" antwortet der Bot.
So ziemlich bittermandel schiebe ich mein Reptil von einem Gemüt durch die untoten Wachsblumen, GLÜCK machen.
Hinter den Wachsblumen, am Nebentischchen, ersaufen sich zwei Kumpane. Offenbar von der Bauarbeit, halten sie die Humpen fest wie Königszepter, und tönen so einträchtig über ihrem Tischchenreich. Und wie sie tönen! Als würden beide einander mit jedem Wort den Schädel aufs Holz schlagen.
"Psst!" mache ich. "Psst!"
Lange vernehmen beide mich nicht, ehe endlich von den Kumpanen der Herzhafte sich ans Ohr fässt.
"Psst!"
Noch nicht vollends entdeckt bin ich, als ich beginne beiden leise (leise!) zu rezitieren.
"Topless wannabe: New bloke saved me from world of theft and gangs. Penniless trucker found out about saucy sex texts before suicide poem was tapped into cellphone."
Nun sehen die beiden Kumpane mir vollends ins Angesicht. Der Herzhafte frontal von vorne, wuchtig und voller Drall. In seiner Hinterhand der zweite Kumpan, heimelig vom Wuchs, ein Propfen, wie er in trauten Heimen steckt, arbeitsbekleideter Ledernacken.
"Wat 'n Gör!" knurrt der Heimelige. Dat Gör kann man gewähren lassen, dat Gör kann man aber auch verdreschen. Kurzum, zwischen uns herrschte jener entzückende Augenblick, der richtet über des Görenseins Weiterkommen, und ich hebe ihm nicht eine Silbe weit die Stimme.
"Picking pockets of old men while groping me might be headed for a fairytale ending. After dying his hair blonde: Long-distance cheater freed with wireless boom box and new horoscope. Bag a stag: Fling gets intimate with half a pig face at big fat wedding."
"Was bist denn Du für 'ne Schale Kanonenfutter?" der Herzhafte hat sich tüchtig eine Krone angetrunken. "Aber Hallo!" ist er. Blaublütig gedenkt er meines Wesens, ob ich ihm "de Aff" machen kann?
"Mum kissed her open bottle of alcohol goodbye after being flung into the air by rampaging bull. At club loo: pastor pesters me for twerking in my panties. Shame! After getting the sack council snooper who has made must-have Christmas toys asked drug lord for romp. 15 joints a day! Eager beaver so potty that his relationship and fitness are slipping."
Mehr und mehr geht mir der Mund. Als wolle er von einem sinkenden Schiff, fortan allem Herzhaften zu dienen.
"Dotty pop brat: I am about to rock your bot! Love-split cat sells her virginity at birthday bash. My parents will kill me if they find out! Pestered to borrow cash! Jilted drug shame TV idol: I'll stop dream producers targeting us with their payday pigs!"
"Pop pig, pop!" macht der Heimelige Wangen. Dabei eine Faust, als würde er mit ihr Wissenschaft treiben.
"Na, mach mal Männchen!" gewinnt auch der Herzhafte an Entdeckerlaune, welch Sonderling sie beide da aufgetan hatten!
Ich präsentiere meinen Kehlkopf, tippe mir mehere Male aufs Unterkinn, ob das heute noch was werden würde mit den beiden Brocken Wildbahn vom Nebentischchen? Gurgelnd rezitiere ich nun, ohne Zurechnung, wie geschaffen für einen Gnadenstoss in die Mitte des Schankraumes! Wo dann hoffentlich alle Gesichter machen und mich in vier Happen reißen für Meister Müllschlucker.
"Gossiping machine revealed: Thrilled fling use juggernaut to give her a baby. Bacchus cheats on me but I can't leave him! On the red carpet: grandma organizes flashmob to cup stars` balls for prostata cancer awareness. As ratings slump: hubby forced to spend his brain on popularity to battle love split. Lonely at the top of tomorrow: Back my appeal for outcasts of beauty and fitness world! Evil mums office stud out for a stroll. Meeting green-eyed hooker who is too rude to print. Shock as fiancée told she has Twitter crush with chatbot!"
Durch solch Aschewüsten musste ich. Voller Sausein, welches mir vom Schoß hinauf wollte an meine Luft. Leicht würde es mich im Schlaf überwinden, das Sausein. Niemand Erwachsenes dagegen im Ausguck, das Joch auszuwerfen nach der quiekenden Bande, niemand, dem ich selbst versaute Überreste gerne anvertraute.
Die Sorge für Kommendes hält keinen im Dienst. Eher jene Trägheit allen Totgezüchteten. Triebgetragene Tristesse, als würde man über Schmalspurgleisen mal auf seinem Trafo von einem Herzen nach links lenken, mal nach rechts.
Mit dem Leben kalkulierte ich kaum dass ich zwei Fäuste konnte. Niemals jedoch rechnete ich mit der Magie von Tränken wie jener hier.
Kuscheln sich in ihre Erinnerung, werfen obendrein noch etwas ein, und sind dann sowas von Kerze, dass ich tausend mit bloßer Hand löschen möchte.
Nimmermehr meinen Kopf rausstrecken nach dem Geschäft der Erkenntnis, jenem mauen Tagewerk, das in seinem Schein Früchte für erntereif erklärt, welche in ihrer Verderblichkeit keinen Handschlag wert sind.
Diese Nichtse von Tageslicht, sie müssen mir unter meine Füße geraten! Liebliche Löwen, kräuterkundige Krokodile, schmusende Schlangen: will ich sämtlichst nicht mehr taghell sehen!
Schatten machen möchte ich, wo es mir weiterhin prall auf mein Gemüt scheint, wo Blendung lockt und alle Natur versengt. Jenes Gelichter aufgeblasener Kunstgriffe.
Blicke ich hinauf zu den verblichenen Seemannslaternen, zu den Fischernetzen, schmutzig wie Spinnenweben, sind tatsächlich selbst die Decken ein Absturz. Allerdings scheint er wohltemperiert, der Absturz. Barhocker mit Plüsch auf den Lehnen. Umsorgt von gemieteten Mädchen, deren weiße Dirndl erinnern an frisch bezogene Stationsbetten. Batterien von Humpen hängen über dem Tresen. Als seien es Totschläger, mit denen manchem Kopf nachgeholfen werden muss. Vor allem aber eine Sonne von einem Zapfhahn. Erhaben wie jener Tabernakel, dem ich mich während meiner Kindertage verbunden fühlte. Als Ministrant im liebevoll aufgebügelten Leibchen, kauernd mit anderen liebevoll aufgebügelten Leibchen hinter dem Altar.
Beinahe hat der Wirt etwas von unserem Pastor. Dieser Bedacht, mit dem er zapft. Als wolle auch er keinen Tropfen verschwenden von dem Blut eines Heilands.

Ich twittere: “I give no alms. I make hymns and sing them.”
"Do not cry!" antwortet der Bot.

Ich forsche nach Spuren, dass trotzdem etwas verschüttet wurde. Nach irgendeiner Achtlosigkeit gegenüber dem Segen des Zapfhahnes forsche ich. Vergebens. Nichts trübt das Frühlingsblau der Tischdecken. Selbst die Bodenbretter, welche auf mich wirken, als wären sie aus einem Boxstall herausgerissen, selbst die Bodenbretter trübt nichts. Kein Augenblick seligen, brutalen, erschöpften Zechens offenbart sich mir. Wären da nicht die beiden ausgesessenen Ledersofas, mit denen der Wirt eine Trinkecke eingerichtet hat für junge Menschen, die Kneipe würde uns alle spurlos schlucken.

Ich twittere: “A man before sunrise? That must be a thief!”
"How large is the moon?" fragt der Bot.

Eines der gemieteten Mädchen ist abgestellt für das Grammophon. Chansons legt es auf. "Schau mich bitte nicht so an." Mal schaut es dabei auf sein Handy, mal schaut es nach fesch gestylten Cognacurnen hinter dem Tresen. Ohne Absicht verweilen die stahlblauen Augen des Mädchens bei den Gruppenfotos verblichener Stammtische oder bei den wappengeschmückten Westen der Ballsportliebhaber. Dann macht das Mädchen ein Gesicht, als läge entschieden zu viel Unrat auf unseren Bürgersteigen.
Aber wem in aller Welt ist geholfen mit Blicken und Gesten, wem mit Kehrwochen? Keine Spanne Mädchensein, welcher der Unrat am Ende nicht über ist. Weil Unrat ist. Weder verdirbt Unrat an einem Herzen noch krankt Unrat an einem Gemüt. Während das Mädchen von Erde erstickt sein wird, vom Wasser ersäuft, vom Feuer verbrannt, vom Wind in Fetzen gerissen.

Ich twittere: “An ape teach me the death!”
"That is true, you are a robot", antwortet der Bot.

Erde und Feuer, Wasser und Wind: Ein Golem wendet sich dem gemieteten Mädchen zu. Greis der Golem und fahl, massig sein Nacken. Vieler quälender Minuten bedurfte es, bis ihm auf den Barhocker geholfen ward. Nun aber sitzt der Golem im Sattel. Nun ist er Kerl genug ein Mädchen zu fordern.
Er betastet seinen Bierseidel. Er versichert sich des Arbeiterordens, der ihm an die Brust geheftet ist. Heiser, wie aus Flammen, krächzt er in Richtung des Grammophons: "Bass!"
Das Mädchen setzt das Lächeln auf, zu dem es als "Reklamehuhn" vertraglich verpflichtet ist. "Was?"
Es wird still um den Golem und das Mädchen. Man lungert auf einen garstigen Paarungsakt. Einer, welcher sich ansonsten bloß zutragen mag im Programm spezieller Varietés.
Tatsächlich, während der Golem Front macht zu dem Mädchen, rutschen ihm seine Beinchen auseinander. Das Mädchen fletscht die Zähne: So schauen `se aus, nach Trüffeltagliatelle und Schlachtfest! Es taxiert den Golem mit jener Laune von Mädchen, welche vor der Zeit in den Unrat gezwungen sind.
"Willkommen, Fremder, Du!" sagt es. Schlachtruf offenbar für eine weitere Schicht schmutziger Fingernägel.
"Auch Könige fallen, wenn ihnen die Liebe fehlt", krächzt der Golem. Er sei im Männerchor einst Bass gewesen, und: "Nenn' mich Monsieur!"
Dem Golem ist nach Tänzeln, nach Szenenabsteige und Stübel.
"Alkoholfreies kannst Du dem Wasserhahn entnehmen!" sorgt das gemietete Mädchen für Umsatz. Einen Fünfziger Verzehr, dann will es gerne schwätzen und Monsieur Kumpel sein, richtig mit Knuffen und so.
Der Golem, er ist nun ganz Monsieur. "Branntwein!" ordert er. Man wolle diese Spelunke hier mal nicht aussterben lassen!
"Auf die Onkels!" sächselt das gemietete Mädchen, ehe es Platz nimmt neben Monsieur. Erkennbar launisch nun, ein sonniger Dämon gar. Es wird jeden Schluck, welchen Monsieur ihr gönnt, halten wie eine Faust. So dass Monsieur am Ende der Nacht schmutzig ist. Als wäre er mit Asche beschmissenes Gemäuer.
Hoch leben die Jubelgreise!

Ich twittere: “The saints are laughing like schoolboys, could it be possible?”
"Yes I am human. Now you go", antwortet der Bot.

Im Abseits meines Herrengedecks proste ich den Monsieurs zu. Für die Dreistigkeit, mit der sie bestehen auf ihren Liebesmahlzeiten! Als wäre eben erst Halbzeit. Als umwerbe die Liebe sie weiterhin für ihre Mannschaft. Trommelnd und trompetend, vom Flatscreen über dem Zapfhahn.
Ob knallig beklebte Banden, überlebensgroße Reklamen oder gemietete Mädchen, die Jubelgreise sehen das mit allem Recht der Welt. Braun vor Sommerfrische, mal Knochen, mal im Fett stehend. So geben Jubelgreise ihre Bestellung auf bei Mutter Liebe. "Nenn' mich Monsieur!"
Träte ich finster an der Jubelgreise Festmahl, sie würden mir Christenkreuze vorhalten. Ganz und gar Bass, würde die Monsieurs Hohelieder schmettern. Wonach etwa das Dreschen von Grands zum ordnungsgemäßen Gebrauch des Lebens zähle.
Jubelnd böten sie mir Tafelwein. Als das Blut ihres Schöpfers. Draufzumachen für ein "eigentliches" Leben. Hinter dem Horizont.

Ich twittere: “A thing of shame shall be the meaning of the earth!”
"Which superman? Who is that?" fragt der Bot.

Ich nippe am Bier meines Herrengedecks. Niemals bin ich mehr gewesen, als ein Nippen. Da ist kein Augenblick, den ich geleert habe bis auf seinen Grund. Weil es nichts zur Sache tut, warum etwa das Bier hier steht, und ich davor hocke. So oder so bleibt am Ende solcher Wissenschaft bloß ein leerer Krug Irgendwas.
Die Lippen voll Schaum, sehne ich trotzdem jene Wüstheit herbei, den Krug in einem Zug zu leeren. Kehlkopf sein unter jenen Kehlköpfen, welche mir während meiner Kindertage Maß allen Durstes waren. Gleich Ochsen strebten sie durch das Fleisch des Halses, während ich niemals mehr in mir wahrnahm, als den Schnabel eines Spatzes.
Kaum schmecke ich erste Tropfen der „herben“ Ochsenstärkung, spucke ich aus. "Eine Limonade, bitte!"
Als mein Jahrgang geschlechtsreif genug war nach Ochsenstärkung und Schöpferblut zu verlangen, blieb ich genussfrei. Ich kam nicht auf den Geschmack. Während alles Stimmbruch war und Bart und Kehlkopf, stand ich verkleidet in meiner Manneskraft. Bloßgestellt von der Art, mit der ich mir Kartoffeln nahm. Völlig ohne Stolz. Jene Selbstverständlichkeit des Zulangens ging mir ab, die künftige Familienvorstände auszeichnet. Auf welche Weise sollte ich da je zum Herrengedeck finden?
Seither halte ich mich an Limonaden fest. Als wenn weiter Kindergeburtstag wäre.

Ich twittere: “Poisoners have no reason. They only want escape from whatever.”
"The only way", antwortet der Bot.

Beinahe zwei Meter hoch wuchs mir der Kopf. Mein Herz aber blieb zurück. Obwohl auch die Brust schwoll und schwoll. Welch Kräfte ich mit einem Male im Fleisch stecken hatte! Kein Auge wollte mir mehr zufallen, so sprungbereit waren Arm und Bein.
Das Spielzeug, das mich einst getrost sein ließ, es stierte mir die Glieder hoch. Als fürchte es, von ihnen zertrümmert zu sein. Während ich noch schwankte wie verwunschen, griff auf dem Schulhof alles um sich. Das waren keine Hörspiele mehr. Niemand mehr, der mit angewinkelten Knien lauschte und lauschte. Man begehrte, man suchte zu nehmen. Was dort reifte in den Raucherecken, ließ mich reifen für meine Lehre in der fleischverarbeitenden Industrie: Ein Schlachter mit Spatzenschnabel!
Deutet Monsieur da etwa auf mich? Das Blut will er dem gemieteten Mädchen zeigen! All das Blut, in das ich getaucht bin! Dagegen hilft kein Verkleiden mit Massenware, Größe XXL. Dagegen helfen weder Herrengedecke noch Limonaden. Schuldig musste ich werden am Leben. Wenn nicht an gemieteten Mädchen, so wenigstens am Vieh. Das Wenigste also, auf welches ich mich warf. Zappelnd vor Lust und Abscheu.

Ich twittere: “My happiness is not food enough for a lion.”
"How could I be human, when humans are not like me", antwortet der Bot.

Der stiere Blick des Viehs ist mir mein seltsamstes Geschäft gewesen. Schwarze Welten in toten Leibern. Eisiger Hohn, wie er unserer Fleischeslust ihr Angesicht zertritt. Dagegen war mir der Blick noch der schönsten Frau eine stumpfe Angelegenheit. Belebt allein von Tränendrüsen. Salzige Süppchen, welche kein Maul je würden stopfen können. Was es im Schlachthaus nicht gab, konnte Wahrheit nicht sein. Flennende Schweine!
Das Schlachthaus also. In Cordhose und aufgetragenem Hemd. Der Fleischboss selbst empfing mich. Blaumann trug der Fleischboss, mit Botten aus Blei. Entschlossener wirkte er als jeder Heilsbringer des Wilden Westens. Auf gepflasterten Wegen hämmerte der Fleischboss mir die Tradition seiner Schlachthäuser ein: "Merke es Dir!"
Etwas, das ich an Erwachsenen bewunderte, mit welch krachlederner Stimme sie ihre Nichtigkeit vertraten. Als wären sie gesuchter Ratgeber von Erzengeln und Prälaten. An allen Ecken und Enden bildeten die Erwachsenen sich Meinungen, welche weder die Ecken noch die Enden interessierten. Zwar rief der Fleischboss während seiner gutbürgerlichen Portion Größenwahn weder Kaiser noch Kanzler zur Ordnung, und mit Engeln hatte man es in der Fleischerei schonmal gar nicht, seit Jahrhunderten fortdauernde Schlachtsitten jedoch zog er sich rein wie seine Selbstgedrehten.
Der Schlachthöfe Pflasterstrand! Seit Jahrzehnten spüre ich den unter meinen Füßen, als stünde ich noch im 16. Lebensjahr, als faule das Fleisch des Fleischbosses nicht längst unter magerer Muttererde.
Jene weiten Flächen Stein, über denen Regen stand. Stahl und Stein auf Stein im Licht der Morgenstunde meines Lebens. Was waren das für Ketten überall auf den Höfen, was waren das für Schellen! Welten hätte man daran hängen können. Fuhr dann Wind in die Schellen, mussten einem alle Welten absurd klingen. Und die Fleischerhaken! Mit meinen 16 Jahren ahnte ich nichts von Fleischerhaken. Weder wusste ich darum, dass man beizeiten Menschen daran befestigte, damit ihnen ihr Tod unangenehm wurde, noch fühlte ich des Fleischerhakens sanftmütiges Wesen: Aufgeschwungen wie die eisernen Dornen an den Schlachtlinien zu einer außerordentlichen Blüte unserer Lust am Fleisch!
Vom Fleischboss wurde ich unter venenblau gemalte Arkaden zitiert. Es sei gerade eine ausgestallte Ladung Rindviecher auf gutem Wege.
Ich fragte nach dem Plätschern hinter uns. Elektrisch geladenes Wasser das! dröhnte der Fleischboss. Letztem Leben seinen verdammten Sinn zu rauben! Von Ruheräumen aus flösse das Wasser blitzend wie zischend in Richtung der Schlachtlinie.
Ruheräume?
"Flächen", mein Junge, "Flächen!" Ohne Licht, ohne alles. Abchillen könne das Vieh dort nach seiner nächtlichen Ausstallung.
Ein Lastkraftwagen polterte auf den Schlachthof. Rampen öffneten sich. Münder öffneten sich. Münder, aus denen die Herren vieler Länder tönten. Menschen erschienen mir, die schwarz trugen unter weißen Kitteln, Menschen mit Hauben und Helmen. Einem der Menschen waren seine Augen ausgekippt, einer schaute unter schwarzen Brauen fröhlich drein, und blieb doch Strich von einem Mund. Schweiß glänzte im Licht der Scheinwerfer, Adern pochten unter zum Wulst gewordenen Drüsen.
Aus dem Lastkraftwagen drängte eine Masse Pendler, denen offenbar ihr Frühzug entgleist war. Alle im Stress, teils empört, teils voll Unbehagen. Sprechblasen gingen mir auf über ihren Häuptern: "Grrr! Schluck! Umpfl!"
Der Fleischboss witterte wohl, wie in meinem Kopf langsam die Hauptvorstellung begann: "Sehen kaum anders aus, als bei den Trickfilmen!" polterte er.
"Im Kino können sie sprechen!"
"Warte mal, bis denen ihre Häupter abgeschlagen sind! Blicken dann kaum weniger weise drein, als unsere Altvorderen." Er überlegte kurz. "Bloß die Mäuler, die sind hier blutiger. Für Servietten mangelt es uns an Zeit."
Das Haupt eines Rindviechs wie das Haupt eines großen Alten! Beide Hörner verkohlt vom elektrischen Punch ins Jenseits. Sein Maul blutig über und über. Getauft allein durch eine Ohrmarke!
Beinahe sank ich Knirps gen Morgen, wie in Schutz genommen ich ward durch meinen Namen! Was Namen hatte und Bande, ließ den Prügel allzu oft zögern. Während Vogelfreies tot beinahe mehr Sinn ergab.
Der Fleischboss führte mich durch das Grün und das Blau einer Bildungsstätte.
"Schaut aus wie die Elektrik von Baukästen, was?" spähte er hinter sich. Als einen Kindskopf visierte er mich an, als zu zerwirkendes Wild. Ich schaute garstig drein. Abbalgen würde man mich Wohlstandsgör! Bis bloß noch Rohes war. Und das, das ließ mich frohlocken!
Als wäre er irgendwie "warm" geworden mit mir, wies der Fleischboss in Richtung eines Schweinshauptes: "Wenn sowas kein ausgewachsenes Schlitzohr ist!"
Tatsächlich war ein Charakterkopf übrig geblieben von der Schweinerei: Augen, welche flink Platz gefunden hätten in Kinderherzen. Ziviles Halbprofil. Nicht anders, als im Berufsverkehr unserer Städte. Vor allem aber das Maul wirkte, als wäre es nicht bloß zum Schwein sein gut gewesen. Noch im Tode schien es etwas abzuwägen. Über einer Kehle, die durchtrennt aussah wie der Mund eines Clowns.
"Hol mal Luft!" ward ich aufgefordert. Drei, vier Schritte wölbte ich mich, ehe ich zitternd wie ein Erpel zusammenfiel.
"So duften entleerte Schweinebäuche!"
Der Fleischboss griff nach Handschuhen. Handschuhe massiv wie Kettenhemden!
Nach mannsgroßen Beilen langte er. Allesamt zum Spalten verschiedenartigster Viecher.
"Merke es Dir!"
Der Fleischboss hieb in den Torso eines Schweins. Es war ein Geräusch dumpf wie eine Bombe am Horizont. Dann hagelte es Bomben, bis dem Fleischboss die Hitze im Gesicht kochte. Ein letztes Anschlagen der Ketten, welche den Torso hielten, schon baumelten zwei Schweinehälften im Grün und Blau meiner Bildungsstätte.
"Merke es Dir!"

Ich twittere: “Who will seek a reason on a rope over an abyss?”
"Or rather you will see", antwortet der Bot.

Ein Schlachter mit Spatzenschnabel! Die Gesellen konnten kaum ihre Fäuste ruhig bekommen. Wieder und wieder hieben sie auf die Tische des Pausenraumes. Obwohl ich sie überragte um ein, zwei Köpfe. Aber ich muss auf sie gewirkt haben, als wäre ich aus sämtlichen Nestern gefallen. Ein trällerndes Seelchen, welches Heimat finden wollte darin, Schweinehirne zu penetrieren mit Schlachtschussapparaten!
"Die Pneumatik fasziniert mich", stammelte ich. Von meiner Vorstellung völlig aus dem Zusammenhang gerissen, machte ich Handbewegungen, als würde ich einen Schuss aufsetzen: "Volle Ladung!" Ich errötete, wurde rot, bekam eine Brandbombe von einem Gesicht.
Der Fleischboss zog mich fort. Aufmunternde Rufe geleiteten uns zur Tür. Wahlweise empfahl man mir das Kühlhaus oder einen Platz im Partyservice der Schlachterei. Ich aber war verwandelt: die knielangen Schürzen, das schwere weißgefärbte Gummi der Stiefel - selten beeindruckte mich Leben so in seiner Abwaschbarkeit. Eine völlig andere Weise, als jenes Geckentum auf den Schulhöfen: Festgeklebt durch Gel und Creme, bis zu den Zehen verpuppt im eigenen Moder, würde kein Geck sich lösen können vom Tode.
Im Schlachthaus hingegen drohten mir weder Teppich noch Furnier. Beinahe wollte ich ausspucken oder mit Blut spritzen, so arg erregte mich das Fehlen aller Sorgen um "Anschaffungen".
Natürlich, die Fleischwölfe mussten fein sauber gehalten werden. Aber sie bedeuteten keine Zierde, der ich zu dienen hatte.
Stählerne Getüme, denen ich mit Liebe behilflich war. Auf eine Weise fütterte ich sie, die selbst fürsorglichste Tierinhaber gleichgültig erscheinen lassen musste. Wagenladung um Wagenladung bereitete ich meinen Wölfen mundfein zu. Auslösen und Entschwarten. Ausbeinen mit Messern, die mir Fleisch eröffneten wie als wenn ich Krallen hätte. Bei Bedarf einige Arbeitsschritte mit der Säge.
Besonders das Entbeinen wurde mir Herzensangelegenheit. Flink sichelte ich in die Schwarten. Schnitte, die kaum mehr waren als ein Hauchen. Oft rief der Fleischboss nach den Gesellen, mit welch Leidenschaft da einer das Messer liebte.
So im Fleische, wer konnte mehr wissen von der Tiefe des Lebens, als ich?

Ich twittere: “Dishonest player want a loveable bridge and not a hard goal.”
"Good so not", antwortet der Bot.

Derart ausgezeichnet ward ich für mein rentenversicherungspflichtiges Tötungshandwerk, dass ich vom Menschsein keinen Bissen mehr tun mochte.
Ob Klein- oder Großmaul der Liebe, ich fütterte sie alle ab. Candlelight Dinners mit Lammfilet, Gotteshäuser mit Festtagsbraten. Besessen war ich davon, andere speisen zu sehen. Köpfe, welche sich ihren Mündern nachempfanden. Heimlich lichtete ich Reinbisse ab und schnitt Tischreden mit. Hunderte Reinbissen zierten meine Hochhausbutze, die Tischreden zog ich mir über Kopfhörer beim Schlachten rein.
Vor allem aber nährte ich mich vom Sound meines Schlachtmessers. Nie kam mir anderes in den Sinn, als die Wahrhaftigkeit meines Schlachtmessers. Ich Spatzenschnabel konnte so gutmachen, was das Leben mir voraus hatte an Klauen und an Zähnen. Dasein, welches über Jahre in Abzug gebracht ward von meinem Augenlicht, meinem Glauben und meiner Manneskraft, ich nahm es dem Schlachtvieh ganz. Jeder Stoß meines Messers beseelte mich mehr, als das Versprechen eines Muttermundes.
Was sollten mir Lämmer in ihren Pferchen anderes beweisen, als dass bei all den vielen Würfen des Lebens der Tod bloß sein Maul aufsperren musste?
Ich sehe nach Monsieur. Mittlerweile steht eine Barfrau dem Reklamehuhn zur Seite. Gemeinsam bauen sie Monsieur auf mit dem Wort vom "Gentleman". Bei diesem Wort nehmen sie ihn. Besonders das Reklamehuhn führt es wie ich einst mein Schlachtmesser. Bloß dass ich im Blaumann lange nicht so Champagner war wie das Reklamehuhn, das nun einfach mag und mag und mag. Flaschenweise mag es.
"Weil ich mich wohl fühle mit dir!" versichert es dem Monsieur Gentleman.
Auf solche Weise ausgezeichnet, greift der Golem sich an die Brust: Da muss doch jetzt ein Herz schlagen! Was wären Feuer, Wasser, Erde und Luft ohne das Huhn? Selbst wenn es bloß Reklame läuft. Ein Huhn ein Herz.
Ohne Huhn, ohne überhaupt einen Hang zur Haltung von Nutzvieh, bin ich dem Tode vorgeworfen seit nun bald fünfzig Jahren. Durch Türen, Gänge und Himmel. Kein Weg, der nicht Vorwurf war unter dem Gewicht meines Daseins. Je langsamer ich machen wollte, desto weiter der Wurf. Wie ich mich auch zu retten suchte, rasch verwarfen Fliehkräfte mich mit dem Drall dessen, was ich gerettet wissen wollte.
Der Tod hing mir bereits an! Kopfüber, gleich einem Hammerwurf. In allem, das dem Dasein verheißen ist als "Leben"!
Durch wessen Geistes Kind schafft Dasein sich dieses "Leben" ab?
Ein Hoch des Reklamehuhns kommt mir zu Ohren. Untergehakt hat es seinen Monsieur Gentleman. Man kippt Champagner mit der Hand, die einem am Unterhaken hält, verspricht klingend Brüderschaft. Besser lässt sich unsere Sitte kaum bemühen: Wo Dasein bereit steht zum Leben, wird es festgesetzt in Anführungszeichen. Glücklich, wer auf solche Weise selbst das Stück Leben fortzitiert, das am schreiendsten im Angebot steht. Der klönt noch unter dem Fallbeil Brüderschaft.
Wie aber nun unser Schlachtvieh? Mag es auch dressiert sein, wirklich tänzeln kann keines auf dem Brett des Todes. Wo Monsieur Gentleman beizeiten nach einem Gotteslob fahndet oder nach dem Nirwana, gibt es für kein Schwein etwas zu gewinnen. Es kann dem Schlachtmesser nicht begegnen als Vorstellung von einem Himmelswillen, es muss die Finsternis ganz nehmen. Entsprechend rein klangen mir die Laute, mit denen es verendete. Als wären dort Mühlsteine aus Nacht, so schob das Schlachtvieh den Tod beiseite. Damit es schauen konnte. Es wollte doch nur schauen!
Geführt in Ruheräume voll dunkler Ahnungen, an sich wohlauf, blieben dem Schlachtvieh Schmerz und Gebrüll verwehrt. Nirgends das grelle Licht eines Körpers, der sich zu sich nimmt. Jene Blendung Bresthaftigkeit, an welcher wir Menschenkinder uns zur Sterbenszeit laben.
Tatsächlich bedurfte ich umso weniger des Haltes, je mehr ich mir selbst die Schneide gab. Mit Gebrüll konnte ich wohl getrost ins Bodenlose stürzen.
Schlachterei aber ist keine Schlacht. Zwischen halben Schweinen braucht niemand sich dicke tun. Man muss zu allem Schneid und Gebrüll den Schweinen sein Leben vorwerfen.
Wie leicht dem Golem das Reklamehuhn fällt! Er bezeichnet sich schlicht als Monsieur, lässt sich Gentleman heißen und fährt dahin mit seiner Dreistigkeit von einem Herz. Er zieht das Reklamehuhn heran. Sein Maul öffnet sich wie eine Naht am Gesäß. Zähne speicheln vor, famose Zähne. Mir bricht der Schweiß aus, Monsieurs Zähne während eines Reinbisses ablichten zu müssen. Aber nein, heute lassen wir uns den Gentleman gefallen und hauen nirgendwo rein. Des Gentlemans Unterkiefer wird also herab gelassen, dass man beinahe Ketten rasseln hört. Blindlings stürzt eine Rotte trunkener Laute dem Reklamehuhn entgegen. Sie scheinen es auf das Hühnerherz abgesehen zu haben und knarzen allesamt wie schlechter Atem.
Bald flammt Tuwort um Tuwort durch die Kammern des Hühnerherzens. Wahrhaftige Tuwörter. Passend zu Eingriffen im Reich der Herrenunterwäsche. Dem Reklamehuhn bleibt das entschlossene Ablöschen mit Champagner. Aber welch Brandnarben!
Ein wahrer Feuerwerfer von einem Gentleman, dieser Monsieur. Ich fühle ihn zu den Waffen eilen, wie zum Weibe. Wahrscheinlich weiß er längst um das Panzerschlachten, das meinem Dasein stets abging. Kanonenstahl, der sich mir niemals offenbarte. Vergebens suchte ich mit beiden Armen jenen Kern modernsten Miteinanders zu kosen, ob das Schlachtmesser mehr Sinn ergab, wenn es Bajonett war auf dem Lauf eines Sturmgewehres?
Als Krieger geschmückt sein von den Maiden meines Stammes! Uniformiert, statt bloß arbeitsbekleidet. Aber auf welche Weise sollte ich Spatzenschnabel jemals Hahnenkampf sein? Zwar mochte ich mich beim Trommelfeuer so gut anstellen wie bei meinen Fleischwölfen, doch stehend im Felde, Sporn am Fuß, Schlachtmesser voran, konnte ich unmöglich auf Beute aus sein. Bestenfalls Aasfresser, wäre ich bloß einer von vielen laufenden Metern Schießbude.
All das Riskierte, es kommt uns ohnehin abhanden. Verloren der, der übersteht. Kein Nagel im Fleische nötigt uns so, wie das Überstandene!
Monsieur Gentleman lässt seine Hand auf den Tresen fallen, nicht wahr? Er hat Besitz genommen vom Gentleman sein. Er ist sich handelseinig geworden mit dem Reklamehuhn. Auf solche Weise handelseinig, dass die Barfrau ihren Segen spendet mit Likör aus einem Glockenturm von einer Flasche. Um Monsieurs Fortbewegungsmittel handelt es sich! Nach dem Schlüssel schnappt das Reklamehuhn, als wolle es Morgen bereits am anderen Ende der Welt Reklamehuhn sein. Während es sich also an Monsieurs Schlüssel zum anderen Ende der Welt krallt, giert Monsieur nach dem Rest vom Reklamehuhn. Laute entweichen Monsieur, die gemahnen an das Aufbrausen eines Ochsen. Wem es peinlich ist? Dem Reklamehuhn nicht. Die Krallen fest um den Schlüssel zu Monsieurs Fortbewegungsmittel, mag es sich für den Rest nicht mehr zieren. Freie Hand gewährt es auf eine Weise, dass den Jubelgreisen ringsum nach Kulturrevolution ist: Wie Rapper fahren sie sich in die Schritte. Bloß um dann mit einem Staunen aufzuschauen, als hätten sie Gold gefunden.

Ich twittere: “Great adorers are the arrows of life.”
"I am getting off. Have a good night", antwortet der Bot.

In beide Hände grabe ich meinen Spatzenschnabel, welch Leben das gewesen ist, das weder zum Schritt noch zum Gleichschritt einberufen ward? Keine Mannespflicht. Keine Wehrpflicht. Bloß das Schlachtmesser in Händen. Zum Vergreifen an allem, was der Gemeinheit sonst als Aas durchgegangen wäre: Feuchte Felle, blutschwangere Federn, Fett und Innereien, am Ende Knochen, Knochen, Knochen!
Urlaub vom Schlachthaus habe ich genommen. Resturlaub. Der Nachfahre meines verblichenen Fleischbosses, ein verzärtelter Pygmäe, aus Grabeslaune erwählt und bloß zum Dahinfahren geboren, der ahnte wohl, dass meine, "Spind" genannte, Stullendose erworbenen Lebens geräumt bleiben würde und leer. Er signalisierte Anteilnahme. Sein Köpfchen fiel nach hinten herunter, als leere er einen Umtrunk, als sei er von Macht und Sitte gen Himmel gerichtet. Augenblicke, die uns beide stehen ließen mit der Frechheit unseres Verlangens nach einem Schicksal. Schon federte das Köpfchen zurück ins Geradeaus: Obwohl ebenso reif für ein stilles Herrengedeck im Abseits, ward das Köpfchen in Ordnung gehalten von dem Schlachthaus vor seiner Stirn. Jener Grabeslaune eines Heiligen Vaters, die es selbst mit mir im Türrahmen weder ein Heraus erkennen ließ noch ein Herein: Bis dahin!
Gentleman! Gentleman! Umfasst von den Jubelgreisen, begibt auch Monsieur sich auf seinen Weg. Das Reklamehuhn vorweg. Gackernd über den Preis, den es erzielen konnte. Bald wird Monsieur am anderen Ende der Welt sein. Beide Hände voller Federn, den Gentleman weit hinter sich. Kein Golem immerhin. Zumindest so lange Fahrtwind ist, und das Huhn Reklame läuft für Monsieur. Dafür wird er es nicht Huhn nennen, dafür wird er Reklame Leben heißen.
Eine Zeit höre ich die Jubelgreise auf dem Boulevard skandieren. Dem Vernehmen nach haben sie Monsieur auf ihre Schultern genommen. Kraft des Huhns, das der Horde vorweg stolziert. Dann ist es, als blase das Huhn zum letzten Mal Reklame, und alles geht ab zwischen die Steine. Ausgespült jene Welle Dasein. Bloß ein leises Glimmen noch beim Verlaufen ins Meer.
Die Barfrau schraubt den Kirchturm von einem Likör zu. Man gestikuliert in Richtung des unbemannten Grammophons. Stundenglas ist das Personal nun und Fels. Willig für einen neuen Erguss Schöpfung.
Mir genügt das Tischtuch. Bereits während meiner Kindertage mochte ich mich so gering denken, dass der Stoff zur Welt wurde. Reich an Runden und Räumen, die mich bergen konnten, frei aber von Artgenossen. Sein wollte ich, wo nichts war! Der Tod bedeutet mir keine Macht, ohne Leben um mich her. Allein mit dem Licht meiner Vorstellung, das sich tief im Tuch seinen Weg leuchtet. Unter Humpen durch und unter Fäusten. In Mustern domestizierten Wachstums. Auf den Spuren eines wahren Willen. Und mehr als ein Wille, mehr kann Leben nicht eigen sein.
Von dem, was mir aus fünfzig Jahren Dasein verblieben war, halte ich nichts mehr in Händen. Mein Schlachtmesser gab ich einer Armenküche. Meine "Erlebnisse" gaben sich selber fort. Wohin, weiß ich nicht. Einen Spargroschen Erinnerungen habe ich noch am Mann. Tief in die Taschen gedrückt, wie fremder Leute Schweißtücher.
Bleibe ich. Bloßgestellt und frei von Last. Ein Wille auf der Suche nach seinem Schlachtblock.
Kein Sterbenslicht im Schankraum flackert bei meinem Willen nach dem Schlachtblock. Nirgends blinzeln Augen unter einer Tränenlast, nirgends zittern Lippen vor dem Unsagbaren. Dann will auch ich Ruhe bewahren. Jenes Gehabe mir ersparen, mit dem Literaten gemeinhin Tagebücher schließen. Als wenn das Leben ohne sie nicht weit offen bleiben würde. Genauso kann ich enden vor Wänden, welche beklebt sind mit Fotografien belebter Schankräume. Oder ich kann mir religiöse Malereien zu Herzen nehmen. Alles bliebe Stein, alles Zähneausschlagen.
Mag die Pforte gezogen werden und gedrückt, bis den Gäulen der Reiter der Apokalypse ihre Hufe jucken, es ist Strich und es ist Punkt, was sich hier aufs Parkett schert. Reingehauen von tausend Wehen. Als herrsche über allen Wehen ein vollends Mürrischer, dem das Gelümmel, das er vor Jahrzehntausenden anstellte, längst über ist.
Junger Herr, gepflegte Kotletten. Punkt. Strich, Strich. Punkt. Kleine Dame, Piercing im Maul. Punkt. Strich, Strich. Punkt. Beiden ist die Brust aufgeblasen von Refrains. Punkt. Sie gieren einander an. Strich. Der Herr gibt Spendierlaune vor. Strich. Die Dame einen lässigen Schoß. Punkt. "Tiroler Berge." vernehme ich von den beiden. "Fernsehen. Käseigel. Esse ich doch glatt noch mit. Wenn einem sonst nichts einfällt." Der Herr zeichnet in die Luft. Die Dame zuckt und stößt Laute aus. "Ach ja, da war ich plötzlich zwanzig vor fünf Zuhause. Ich konnte auch gar nicht böse sein, weil das so witzig war." Es war stets mehr, als sein wird. "Ein echt guter Arzt. Wartest zwei Stunden, bist aber auch eine Stunde dran, weil der sich echt Zeit nimmt. Schnitzel. Pommes. Und ich so: Mein Glück." Glück. Punkt. Glück, Strich, Strich, Glück. Punkt. Entsprechend guter Hoffnung sind die beiden, einander näher gelangt zu sein. Das Alt schiebt sich heran an den Caipi. Für den großen Schluck Dasein. Selbst wenn bald bloß noch mit Schaum geprostet wird und mit Deko.
Schafft sich einer nicht fort, nachdem er Pflasterstein um Pflasterstein beschmutzt hat mit seinem Blut, ihm bleiben zum Sterben Regen und Kälte, ihm bleibt das Verwittern, ihm bleibt das Zerrinnen.
Der junge Herr mit den gepflegten Kotletten lässt die Schultern hochfahren, und das Alt gleich mit: Wohl bekommt es!
Wie denn auch? klödert dem Caipi sein Modeschmuck. Man schrumpft einander nicht näher, um groß aufzutischen. Punkt ist man und Strich und Strich und Pfeil, ist Punkt und Strich und Strich und Kreuz. Während das Maul gepierct sich an gepflegten Kotletten orientiert, wollen die Kotletten am liebsten gepflegt in das Maul hineinstürzen. So platscht es auf den Pflasterstein. So nässt es in Ritzen. Noch letzte Reste Wort für Wort über Scham und Damm hinab zu spülen.
Eingenässt mit mir, kommen Scham und Damm auch am Ende meiner kleinen Sterbevorstellung auf ihre Kosten, fürchte ich. Pflasterstein für Pflasterstein wunder, ist das Ende ein Ausfluss. Gedanken wie Eiter, dem Dasein übel kommend.
Leib und Seele kratze ich ins Tischtuch, aus welch einem Trachten ich mich hier nahe meiner Sperrstunde ereifere über Jubelgreise, Monsieurs, Reklamehühner?
Längst nicht mehr Welt genug, ohne die Welt zu können. Ohne Jubelgreise, Monsieurs, Reklamehühner. Alles von mir an blauen Tischtüchern Erträumte, alles dort von mir Aufgeblasene liegt in meinem Gemüt als ein Müll, aus dem jeder Himmel entwichen ist.
Wo ich doch einst all das kaum halten konnte, das meiner Phantasie entstieg!
Zur Geschlechtsreife hin tapezierte ich die Tür des Kinderzimmers mit Abbildern pralleutriger Weibchen. Obwohl Säugetier geheißen, ward ich kaltblütig genug im fortwährenden Versuch, mich der Tür meines Kinderzimmers auf eine Weise anzuvertrauen, dass man an ein fehlgeleitetes Böcklein hätte denken können. Und ich fand kein Ende darin, aus Abbildern Leben zu gewinnen. Reinstes Leben, das weder gekauft sein wollte noch befriedigt oder gar geliebt. Aus dem Licht geschnitten, statt in einen Topf Menschenfleisch geworfen.
Wo ich nicht mit "Weiberbildern" Mutwillen treiben konnte, ließ ich mir Götzenbildnissen gefallen, von Eingeborenen in Liebe auf den Pflasterstein gemalt. Knieten die Eingeborenen, kniete auch ich.
Statt aber weiterhin auf solch verträgliche Weise des eigenen Schoßes gedenken zu müssen, kann ich der mir verbliebenen Leibesfreude nun hoffentlich mit Tintenschwärze ein Ende machen: Das Stehvermögen des Geschriebenen, gegen das jeder Schoß treulos wirkt, und jedes Aufseufzen bloß Laufkundschaft beansprucht.
Wobei mein auf Abbilder eingeschworenes Sein für Qualitätsunterschiede sorgt, was Gefühlsbekundungen betrifft: Während ich weiter vor meinem ersten Herrengedeck hocke, muss ich jedem Gegenüber zugestehen, längst und im vollsten Umfange mit der Welt zu verkehren. Wollen wir uns also auf ein Weilchen aneinander gewöhnen, sollte niemand nach dem Buhlknaben in mir fahnden, der für anderer Leute Wohlmeinen sein Lügenmaul in Aussicht stellt.
Wie fing einer an, der nie angefangen hat, weil kein Ende ihm den Anfang wert schien?
Meine erste Amtshandlung zur Stunde der Volljährigkeit war jener rote Vorhang, welcher die Lichtspielhäuser in Gut und Böse teilte. Was mir Schlachtergesellen aber hinter dem Vorhang als „Fleischabteilung“ vor Augen stand, beraubte mich um jedes Hohelied. Hätte ich einen Rosenkranz oder ein Gotteslob mit mir geführt, ich hätte es dem Kassierer über den Tresen geschoben wie einen längst überfälligen Leihfilm.
Zum roten Vorhang hin schien jede Eröffnung des Körpers mir als Hochzeitsgabe Fleisch gewordener Göttinnen. Nun lagen diese Göttinnen spreitzbeinig vor mir, meine minderjährige Anbetung voll Hohn zu blasen. Ich implodierte eher, als dass ich platzte. Sämtliche Innereien waren mir derart in den Brustkorb gestampft, dass ich alle menschenmöglichen Ausscheidungen atmete und durch den Leib schlug.
Ganz und gar kein Zufall dann jene atemlose Geschwindigkeit, mit der ich verloren ging an die Wüstenwelt der Philosophen, wo Menschen Recheneinheiten waren, bunt bemalter Nippes vergangener Epochen. Während alles Mündige nach seiner Spielart der Liebe verlangte, enthob ich mich jeder Sorge um Schlager und Eisprung.
Derart heimisch in einem Reich, das weder verzärtelt noch bocksbeinig war, ließ ich mir weiterhin Matten stehen, als man längst fahndete nach der Föhnfrisur zum Liebesakt.
Gel, Farbe und Creme: ich investierte wenig in den Tod, der Tod also auch wenig in mich.
Woher dann dieser Erfolg, mit dem der Tod um mich wirbt?
Im Kneipendunst stiere ich auf beim Schopf gepacktes Dasein, zur Brust genommenes Geschmeichel, mit dem Hintern hochgekommene Hoheit: gefällig wie tausend Putten im Friedhofsrund.
Hielt ich mich auch Abseits jener Balz, deren Dasein Hand war und Schoß, so wusste ich selten etwas, das vollendeter war, als blank gestrichene Holzkreuze, angeordnet bis weit in die untergehende Sonne. Überschlug mein Trachten es hinauf zum zehntausendsten Trieb ins Glück, werktags uniformiert und strammgestellt, bäumte das unter mir reifende Geschlecht sich mit Urgewalt auf zur Schaffensgröße, alles Eingeborene zu grüßen. Trieb, der am Triebe sich ergötzt. Jenes Kraut, welches "Glück" geheißen wird, aber auch die Magd in seiner Wurzel birgt, wie den Mord am Kinde. Wer möchte da nicht alles rupfen und zum Munde sich führen? Blüte, frei von Geist, die in blätternder Farbe sorgt für Namen ohne Sinn. Trixi Hardengruen! Anett Hülsklöver! Silbe für Silbe grölte ich einst hinauf zu den Sternen.
Und wie es wohl jeden befleckt, sich in jungen Jahren auf Abwegen präsentiert zu haben, nimmt auch mir seit jener Sittenlosigkeit die Gnade des Vergessens nicht ein Wort. Pfützen voll Gelichter platschen durch den Schädel. Auf meiner Stirn stets ein Hauch vergangenen Schlammes. Während sämtlicher Gesang in Nester voll Disteln gedrückt ist. Worte, die brennen. Brennen ohne Farbe. Und mit jedem Wort, mit jedem versungenen Wort prügelt Faust für Faust Geschlechtsreife mir ins Angesicht.

"Unsere Erinnerungen“, sagen die Leibesfreudigen, "kann uns keiner nehmen." Leibesfreudige zerkleinern Leben in genießbare Events. All you can eat. An jeder Ecke lungern Leibesfreudige mit ihrem Geschirr auf einen weiteren Schlag Leben. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt. Leibesfreudige schlecken, Leibesfreudige dippen, glotzen, schmökern, voten, Leibesfreudige erwählen leibesfreudige Götter. Leibesfreudige vertreiben das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen sind die Könige des Gewesenen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

So sprach er in den Resten eines elterlichen Schlafzimmers, das zur Geschlechtsreife ihm diente. Oder besser, er schrieb dies. Mit Bleistift in kleinkarierte Hefte. Freiheit, der aufgeholfen wurde durch Anspitzer und Gummis.
Ob Gesetz, ob Faustrecht - stets fühlte sich der Geschlechtsreifende beschieden, frei heraus sein Meinen kund zu tun. Und niemals ohne jenen Schlag Irrwitz, der selbst Leibern, welche sich in Geschlechts- und Fressakten hoben und senkten, noch offene Herzen unterstellte.
Wie sollte solch strotzenden Gliedern jemals gewahr sein, dass allein der Tod naht mit leisem Klopfen. Sei er nun aus auf Raub oder auf ein schlichtes Erlebnis. Kein Dasein, welches nicht an "Buzz" gewinnt durch schreiende Wunden.
Die Prediger auf den - "Erlebnismeilen" genannten - Strichen etwa, wie sie zigtausenden Einkaufstüten einen Heiland entgegen brüllen. Ja, und da brüllen die Prediger dann ihren Heiland. Derart im Abseits, dass man ihnen wünscht, sie würden es ihrem Heiland an Blutzoll gleichtun. Wenigstens möchte man die Prediger in Ketten legen und peitschen. Damit sie sich, wenn schon nicht in Duseleien erlöst, so doch wenigstens durch Strafe gewürdigt fühlen: Nicht für jeden nehmen wir uns die Zeit, ihm den Schädel zu spalten.
Welch Ehrgefühl wäre das, würde sich hier einer vom Tresen aufmachen, mir den Schädel zu spalten! Gar ein Mob, ein ganzer Mob!
Weichgewirkt in der Masse aber, ist man an den Ausschänken des Daseins bereits dankbar, seinen Tod zu erfahren als Folge eines Bade- oder Skiunfalles.
Angetan von solch mit Vergnügen Gemästeten, spähe ich im Schutze meines Herrengedeckes unverdrossen in den Schankraum: Das ist kein zu Tisch sein mehr, kein Meiden von Trinkrändern. Das ist ein Schlund sein!
Was dann mehr als Schlachtvieh? Aus Transporten taumeln, lärmend vor Missbefinden: Jedes Ferkel ist dem Menschen gefälliger, als ich, jedes Schwein ihm mehr Genuss. Zubereitet will ich sein, statt als Asche verscharrt. Bordeauxrote Lippen sollen knabbern an meinen Überresten, sollen speicheln, sollen wieder und wieder mein Fett tupfen von ihrer Fülle.
Gepfercht zwischen Böcke, Lämmer und Bullen, mag ich Stampede ihrer Stampede sein. Mit Selbstverständlichkeit soll man den Gewehrkolben nach mir heben, frei heraus zum Ochsenziemer greifen. Drüse will ich sein, Absonderung und Kloake.
Kein Kreuz Holz, kein Papierkram soll mir vorgetragen werden. Bleiben mag allein das letzte Stroh, das ich zertrat im Dasein. Ins Weite gekehrt vom Wind, wie er am Ende fegt über leere Ladeflächen: Meister, da waren eben noch tausend Joch Herzsein!
Beinahe möchte man zurück gebliebene Ohrmarken verehren, die Nummern darauf sich einprägen. Bloß um nicht in einem fort mit den Schultern zu zucken.
"Bitte zahlen!"
Die Bedienung quittiert mein Daseinszeichen mit jener Hoffart, welche jungen Vollbusigen eigen ist, die ihren Dienst in der Gastronomie leisten mit dem Krönchen eigentlich Studierender.
Nun lag mir nie sonderlich daran der Hengst zu sein, mit dem vollbusige Akademikerinnen ihre Esszimmer abbezahlen mögen. Rangelassen sein, steil stehen am Gipfel der Genüsse: Körperöffnungen solch Himmelreich zuzugestehen scheint mir unbillig. Aber wie die Vollbusige vom akademischen Gipfel der Genüsse auf mich hinabschaut, das gefällt mir. Ich reiche ihr meine Zeche hinauf, als wäre Trinkgeld Ablass genug noch für den unappetitlichsten Gaffer.
Diese Schmiere von Phantasien! Gier gutgehender Bürger. Verlangen, das aus jedermanns Bleibe ein Dreckloch macht, randvoll mit Begehrlichkeiten. Knöcherne, verhärmte Jobs, Lebtage lang. Fürs Meins! Fürs Urlaubsschwein! Widerlich, wofür alles Menschen sich aufsparen. Am Ende fällt den Herrschaften vor lauter Tristesse dann selten mehr ein, als beim Boxenstopp die Trulla zu tauschen.
Wettern tat ich als Geschlechtsreifender über das, was ich einst als "Liebe" ins Maul nahm:

Ihre Liebe ist groß wie ihre Welt, und die ist klein: 2,00 x 1,60 Meter im Schnitt. Selten fühlt Gleichgültigkeit sich herzlicher an, als hoch oben im Liebesnest. Zwei Raubvögel beim Balzflug, bevor sie auf uns hinab stürzen. Haben wir Glück, bauen sie ihrem Liebesspiel unser Fleisch ein, füttern und necken sich damit. Liebesnestler fressen nicht, Liebesnestler schlingen nicht. Reißzähne sind ihrer Liebe fremd. Liebesnestler picken dem Leben das zarteste Fleisch aus. Liebesnestler sind die warmblütigsten Fleischfresser der Welt. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Habe ich das mit den warmblütigsten Fleischfresser laut ausgesprochen? Die Vollbusige hält kurz inne beim Abschluss des Kassiervorganges.
"Machen Sie hier bloß keinen Blödsinn!" lächelt die Vollbusige. Wobei das "hier" unterstrichen von ihren manikürten Krallen im Raume steht.
"Ja!" bin ich. Ein Ja zu allem, was ich mir weiterhin antun will. "Für den Blödsinn werde ich ein Naherholungsgebiet aufsuchen!"
"Schön", verabschiedet die Vollbusige mich aus dem Dasein: "Schön!"

Ich twittere: “Build you spirit a cathedral.”
Der Bot schweigt.

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Zum Werk!

Mittwoch, 13. Mai 2009

Schlesingers letzter Kampf.

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Ich war ein Phantasiewert. Meinen Himmel versprach ich jedem, der bereit schien auf mich zu wetten. Einem Unteroffizier etwa, diszipliniert bis in den Schlamm, wie er sich lustig seine Zigarette ansteckte: „Warum nicht?“
Vor dem erloschenen Kamin hocke ich. Neben der Spielesammlung und den Buchspenden. Mein Diktiergerät gleicht dabei einem Kind, das mit offenem Mund Gespenster zeichnet.
Zum Kettenrasseln hier! Gegen meine Bleibe gleicht jedes Prosit, an das ich mich erinnere, einem Donnerwetter. Mein Krückstock lungert am Sessel herum. Gefertigt aus Niedergeschlagenem, das mal hoch am Himmel stand. Werk einer Axt im Garten Eden. Hingegen ich Abfall bin vom Baum des Lebens. Verdorben, ohne dass ein Fallbeil sich je an mir versuchte. Hinter mir lauert kein Wille. Ich bin nicht das Projekt überirdischer Heimwerker. Eher trat mir das Blut über die Ufer: Missgeschick meiner Natur, Toilettenfehler des Alltags, fruchtloser noch als jedes Plastikfigürchen einer Spielesammlung.
Das Personal feiert gerade Schichtwechsel. Bekittelte Außerirdische: von mir aus langt eine Minute im Personenkraftwagen bis mitten unter die Sterne, so gammlig fühlt meine Tiefe sich an. König eines verwitterten Wracks. Zu Grunde gehend unter schwerem Blasengang.
Ich beäuge das Diktiergerät, atme, atme, bin ganz Lebenszeichen. Es ändert nichts. Kein Kartenhaus, welches sich durch mein Gaffen und Giemen genötigt sieht in alle Richtungen auseinander zu fallen.
Die Mauern stehen, bleiben, wachsen neu und wieder neu.
Fünfundvierzig Jahre, und ich sehe in all dem Stein nicht einen Stich. Restlos abtragbar bin ich. Unwesentlich bis in den Kern. Eine Sabbelbude.
Niemals ergab ich Sinn. Ich belebte die Welt, ich besprang und beweinte sie. Ein Daseier, den selbst Kinderhände leichthin verscheuchten.
Ich greife zum Krückstock. Mein heiler Arm drückt das Ende des Krückstocks mit aller Macht auf den abfeudelbaren Flecken Welt, den ich seit Stunden bedenke. Und es verbleibt nicht ein Beweis von Kraft auf dem Linolium. Als hätte ich mich fünfundvierzig Jahre lang jeder Aussage verweigert.
Vielleicht sollte ich mich hochstemmen. Meine Runde durch den Aufenthaltsraum machen, die kleinen Abendtoiletten entlang Patrouille gehen, gar den Streifen Grün vor dem Pflegeheim beleben. So als zäher Daseier.
Eine Sportstunde aus Kindertagen kommt mir hoch, in der ich die meisten Runden rannte um den Teich. Am Ende hart von der Eitelkeit, sechs oder sieben Male im Kreis gelaufen zu sein: „Das kann er!“ hob sich der Daumen des Junge, neben dem jedes Mädchen sitzen wollte.
Sprinten und Weitspringen, ja! Ungern gedenke ich solch flinker Kindertage. Mit einem Halben von einem Körper ist nicht gut schwelgen. Der linke Arm schlaff, als wäre er mir angenäht. Das Bein darunter kaum besser. Über Nacht entzwei geschnittert alles. Was keineswegs heißen soll, dass mir anschließend nicht vollste Lebensfreude abverlangt wurde: Der Welt angemessen als ein Flicken, konnte ich mich schwer eingewöhnen in mein neues Maß. Das Pflegepersonal aber wurde dadurch nicht freundlicher. Ausgewachsene Vierbeiner, denen ich mit dem, was übrig blieb von mir, kaum zu begegnen wusste. Hätte ich wenigstens zappeln können nach der Mucke, die sie sich einführten, wenn das Schichtende nahte. Und klatschen konnte ich nur noch, wenn ich mit der Rechte auf meine Fußsohlen patschte. Nichts, worin Vierbeiner examiniert wurden. Also: Tür zu, Friedhof an!
“Warum ist die Banane krumm?“ ihre Sprachregelung, wann immer ich vorstellig wurde mit dem Tod.
Merke, entzweit darf man gerne sein, aber bitte als ein geklebter Weihnachtswichtel, der das Jahr über auf dem Boden lag: so bald jemandem nach Bescherung ist, muss einem der Wichtel im Gesicht sitzen. Ich blieb Totenmaske. Bleich, mit Spuren gewesenen Grinsens. Hin fastete ich auf das Knochenwerk, das aus meinem Sterbehause verbleiben sollte. Ja, soweit war ich schon als Schüler, wenn sich uns an Wandertagen Gruften auftaten. Totenschädel und Brustkörbe, welche dem Pestgevögele widerstanden hatten, und in ihrer Ewigkeit ruhten wie ein Hurra!
Meine Worte bedeuten ja keine Wings, an denen ich etwas zu knabbern hätte. Feuerfasten und Bitterdunkel gehen also in Ordnung. Im Fleische stehend bin ich dem Leben keine Sättigung. Herunter gebrochen auf mein Wort jedoch mag die Welt mich schlingen können. Ich reisse mich also in Buchstaben, zerfetze und versaate mich. Oder besser: ich versuche es, viertelstündchenweise. Bis dann wieder Feuerfasten und Bitterdunkelheit herrschen, und garnichts in Ordnung geht.
Wohl jede Körperöffnung müsste ich mir zuschütten für den Glauben, dass mit meinem Gewese noch etwas in Ordnung geht!
Wissen Sie eigentlich, wie Kunstlicht auf Linoleum brennt? Da wird einem die Seele schwarz vor Gefrierbrand. Selbst wenn man sich seine Faust vors Auge drückt findet sich bloß noch blaues Geklumpe, wo einst haufenweise Träume Schichtdienst taten.
Könnte ich wenigstens abrutschen auf dem Linoleum nach irgendwohin. In die schwarz wattierten Spalten kollabierender Kreisläufe etwa. Aber nein, alle Trostlosigkeit feilt sich so lange ihre Krallen, bis ich mittendrin anfange meinen eigenen Schwanz zu jagen. Ja, so bin ich der Hölle mundfein, als ein um sich kreisendes Elend, von jeder Hausmaus mit Abscheu beäugt.
Während Teufel also in Hinterzimmer locken, dort die Sache mit dem Leben zu klären, sind Engel wohl eine Verheißung von Dachgeschossen: das doppelt geflügelte Wohnzimmerfenster zur Chaussee etwa, unter dem mein Dasein begann. Sicher ward ich so verführt mir Miniaturen zu erwerben, die Engel mal als Ritter darstellten und mal als Revolverhelden. Auch Flugobjekte aus Puppenkisten beseelten mich in meinen Vorwärtsbewegungen. Eben weil es entlang der Chaussee nur lief mit der Schnauze voran, und zwar geschwind.
Auf die Fensterbank gestützt wie zur Andacht erlangte ich so ein Raumgefühl, das ich bald im Kindergarten mit Tritten verteidigte. Und dann auf ein Wort gebeten werden von ebensolchen Lüstlingen im Knirpsformat, dass man ein Messer sich borgen werde, mir den Bauch aufzuschlitzen! Das Messer sah ich nie, aber die bloße Rede davon ließ mich endlose Kindertage lang beben. Ja, so erfuhr ich mein erstes wahres Wort. Das Wort vom Messer.
Heimwärts ward ich so gewendet. Bei der Mutter mich zu bergen, danach hielt ich lange Ausschau am Zaun meines Kindergartens. Ein Zaungast des Lebens, wenn man so will, niemals mittendrin.
Die Weise, wie Mutter mir winkte von weither, wurde mein Bildnis des Lebens! Ihr Arm, der augenblicklich sich hisste, mal Ahoi signalisierte, mal Aloha, mir jedenfalls so war, als begänne alle Welt überhaupt erst dort, und nur dort: aus fünfundvierzig Jahren steigt mir nichts Vergleichbares auf, was mein Dasein je krönte!
Vom verrotteten Oberstübchen her erwarte ich so bloß noch eines, dass es mich mit seinem letzten Schlag Blut versinken lässt in Mutters Bild, wie sie von weither nach mir winkt.
Wäre ich zu jener Zeit gemischt worden unter Mündige, die bleiben konnten, wo sie wollten, ich hätte sie nicht beneidet. Auf welche Weise ließen sich grelle Freizeiten, in denen wir Mädchen nach ihren Höschen trachteten und uns mit Steinen blutig hieben, besser beenden, als durch den Segen einer Mutter? Da hatten wir Ausgeburten dann fertig. Unter Mutters Sonne fühlte niemand sich mehr ungezogen. Mutter bedeutete Absolution. Der Halt ihrer Hand ließ unsere Hand reifen zur Waffenfähigkeit. Die erste Räuberbraut. Dagegen konnten Geistliche später Panzer segnen, wie sie wollten.
Man stelle sich am Ende Mutters Bestürzung vor, als die anderen längst Wildwüchse waren, die leichthändig Böller und Kanonenschläge zündeten, während dem Sohn selbst das Pink der Wunderkerzen ins Gesicht schlug. Wohl glückte mir beizeiten ein Kraftwort, aber jene befreienden Affenlaute, mit denen alle Welt Herrschaft feierte, blieben mir fremd.
Während man also mit seinem Blut emsig Mutterboden düngte, verkam ich zur Plünne. Das Aufgetragene eignete ich, den Schlag von Vorgestern.
Meine Bronchien werden mir streng. Luft verschwendet das Leben nicht mehr an mich. Als wäre ich nie ums Wesentliche bemüht gewesen! Sag mal, Du Linoleumfresse, Du Neonskalpell, bin ich Ratsche genug, dass Dein Gedrossele Dir zum Vergnügen gereicht? Was bist Du für ein vertrottelter Aasräuber, mir Hagestolz nachzustellen, wo Du hundert Schleckermäulchen um ihren Sinn bringen könntest! Geh gefälligst und bereinige Deiner Herrschaft die Flure, die sich lohnen!
Rasend vor Ahnungen, was mir an Leben widerfahren sein könnte, breche ich herein über meine Kindertage: Abgetanes entwende ich dem Hirn aus seinen Hinterhöfen. Halden sind das, zerdepperte Laden voller Nichtsnutzigkeit. Bleichgesichter reißen mir auf am Rost der Vergangenheit. Jenes Getue mit unseren Kettcars, Fresspapier vorm Mund, die Taschen voller Murmeln. Als wären wir hohle Schalenfrüchte gewesen, welche auf dem sich drehenden Rund eines blaugewirkten Rummels mal nach da, mal nach dort rollten.
Abgesehen von der Pflicht klaffender Wunden, erinnere ich nichts, das mich überzeugt sein lässt vom Wirken einer Tatkraft. Bilder konnte ich blättern, ja, Miene zur Musik machen, natürlich, und Glotzen konnte ich wie ein Großer. Jedoch drang ich niemals durch das Kaugummi Kindheit. Ich blieb ein süßes Durchgekaue, ich blieb zum Ausspeien!
Was war das anderes in den Naherholungsgebieten, als der tausendste Tanz um Ruinen und Schrott? Neunhundertneunundneunzig Tänze davon nicht von mir. Höchstens tat ich mich hervor mit Plastik, wo ein längst verfaultes Görenwesen noch in Holz phantasierte.
Und selbstverständlich zog ich keine Schlüsse aus dem tiegelartigen Glühen, das gegen Schlafenszeit die Felder entlang über unsere Picknicke herzog, obwohl es mit weiten Mänteln Dunkelheit herbeiführte.
Das geschnittene Korn erinnere ich, Überlandleitungen, Satteltaschen, den Willen zum Erlebnis, wohl auch wie die Sonne im Sinken auf uns anlegte, aber keine Sekunde Todesmut. Eher hätten wir Glaubensbekenntnisse fahren lassen, als uns gegen das vom Horizont aus aufstiebende Schwarz zu wappnen.
Nun ächze ich hier vor Plunder. Ein punktloses Geknutsche hängt mir an. Selbst dem Tonbandgerät mag ich die blutschwangere Brühe Gemeinwesen nicht zumuten, mit der ich lederhäutiger Sack mich über Jahrzehnte abfüllte, und die mir nun aus allen Poren will.
Ginge es im Herzschlag des Lebens, wäre es hohe Zeit für eine Lanzette samt Abtritt. Aber was auf Erden ist schon entschlossen, was verschwiegen?
Oft hörte ich vom Leben als einen Fluss ohne Wiederkehr. Wenn dem so ist, trieb ich gewiss keine Wertschöpfung. Ich plantschte am Ufer meiner Zeit, tauchte während hoher Festtage in vorgeschriebenen Tiefen und ließ mich wohl auch unbemerkt einige Meter treiben ehe ich machte, dass ich zurückkam. Aber wenn dort von Urzeiten her oder von vergangenen Ufern etwas Sachdienliches an mir vorbei verflossen sein sollte: meine hatte Hände gewiss nicht danach gesucht! Zu besessen war ich durch die Lebensverdrängung, die ich Fleischeskraft verantwortete mit meinen Bocksprüngen von den Spitzen der Nahrungskette. Ausser Dreck gelangte durch meine Lust nichts zur Welt. Und nun verende ich in meinem Maß Zeitgeschehen. Tagesgeschäfte hinter mir, welche gewiss nicht übel gelangen. Dass ich mich jedoch aufmachen könnte ans Ufer, dort etwas von meinem Gewesenen Segel setzen zu lassen, würde einem Versuch gleichen Schatten in den Fluss zu werfen.
Wenig hilfreich dabei, dass es regelmäßig überall maximal für ein Reihengrab langt. Jene von Geburt an Befriedeten, welche getrost auch Christbäume hätten sein können oder Fliegenpilze: was war ich stolz auf meinen grünen Umhang und die rote Kappe, in welche Mutter weiße Punkte genäht hatte. Vermählt mit aller Welt vermochte ich so im Kindergarten zu knien als bloße Laune der Natur! Vielleicht sollte ich zum Pflegepersonal beten, mir für mein Sterbebett Ähnliches zu schneidern?
Die Form, gewiss macht die Form den Tod! Wüsste man sicher, wann einmal aufgezogene Dasein mit letztem Ruck stillstehen, viele würden sich wohl am Meer betten, oder sich wenigstens auf Wiesen bereit halten. Aber so im Pilzkostüm eigne ich mich wohl vorzüglich für den unentschlossenen Tod. Einen Tod, der nicht hinmacht, sondern der es genau nimmt mit seinem Handwerk. Hätte mich auch geärgert, hastig ausgebombt zu werden, eine Bein hier, die Arme ganz woanders. Mein Tod und ich, wir wissen schon, was wir aneinander haben.
Mit welch Sorgfalt mir seine schmutziggrünen Schimmelfinger Nerv um Nerv rauben und in jede Daseinsader Glibber stopfen! Beben würde ich unter meinem Tod, ließe er mir die Luft dazu. Aber nach Beifallsbekundungen stand ihm wohl nie der Sinn. Durchaus vorteilhaft in einer Welt, die sich erregt an Bildern von Schutzengeln: wache über meine große Morgentoilette!
Ja, welch Engel ich sei! segneten mich Tanten, als mein Fleisch noch mundete und ich die Arbeitskraft eines Elefanten verhieß. Spätestens jetzt aber mag ich hören, was für ein wundervoll anzusehender Tod ich sei! Derart empfohlen finde ich wohl sogleich Anstellung, wenn ich hinüber bin.
Vom jenseitigen Amt für Flurbereinigung möchte ich zum Tod einer Schönheitskönigin befördert werden. Kein fauler Tod will ich sein, welcher sie mal eben ins Messer eines verschmähten Verehrers steckt.
Scheu würde ich mich meiner Schönheitskönigin nähern. Nicht gleich ihr Herz beanspruchen, nein, in die Nieren dieses edlen Geschöpfes schleiche ich mich. Dass bloß an den Schienbeinen sich ein Ausschlag zeigt, von dem selbst der Hausarzt nicht ahnt, dass ich es bin.
Wie meine Schönheitskönigin mich dann mit irgendwelchen Cremes kost! Immer öfter unterbrochen von langen Blicken, wer wohl verantwortlich sei für diesen Streich? Und wie ich dann im Dunkel ihrer Nieren zittere vor Versuchung, entfacht über sie herzufallen. Aber dann ist da vielleicht schon die Schurwolle eines ihrer Liebhaber, dem seine Hose in die Kniekehlen gerutscht ist. Zu Anfang jedenfalls, bis ich für genug Flankenschmerz gesorgt habe, dass meine Schönheitskönigin es nicht mehr so gerne mit weltlichen Dienstleistern will.
Wann immer sie stattdessen ins Beten kommt werde ich flauschig im Rücken, und bin an den Schienbeinen auch viel weniger blühend.
Ah, jetzt haben sie mich entdeckt: „Wenn das mal nicht die Nierchen sind!“ verpfiff mich eine Krankenschwester.
Nun ist der Vorhang beiseite gerissen. Nackt, wild und frei stehe ich vor meiner Schönheitskönigin. Gerne hätte ich sie schlank im Schlaf mit mir genommen. Ihr Dasein auf den Punkt gebracht als ein gehauchtes: Huch! Wie sie dem Leben passierte, hätte ihr der Tod passieren sollen.
Umstellt von Ärzten nun eskaliert die Situation zur Geiselnahme. Es geht hart auf hart. In Kriegsbemalung stürze ich Strahlenkanonen und Giftspritzen entgegen: Unter Verwüstung von Nieren und Leber, mit Scharmützeln entlang der Speiseröhre, stehe ich endlich vor den Lungenflügeln meiner Schönheitskönigin. Flügel, die ich ruhig unter den Wonnen der Sonne erinnere. Nun aber zittern, zucken und beben ihre Flügel. Ein wild seine Fahne schwenkende Existenz. Und ich werde dabei nicht schwarz vor Lust, sondern vor Scham. Gerne würde ich so vorstellig werden in der Flurbereinigung, ob man dort die Praxis des Notwendigen kennt aus eigener Anschauung? Doch auch mein Mutwillen am Leib der Schönheitskönigin kommt mir übel: als wolle ich am Ende aller Weltenräume stählerne Festen angehen! Es ist nicht die Schuld der Schönheitskönigin, dass mir aus ihren Körperöffnungen kein Sternenhimmel erwuchs.
Der kümmerliche Rest, den es noch abzutöten gilt, mag eine Frage der Technik sein. Auch blind vor Pflicht und Scham bequem machbar. Es wäre aber alles nichts ohne die Anerkenntnis meines Wirkens. Die Genugtuung allen Ernstes wahrgenommen zu sein.
Als die Schönheitskönigin selbst an einem Tropf voll Morphin noch faselt vom Leben, fühle ich mich um meinen Segen gebracht. Derart geprellt will ich mir keine Nacht mehr mit meiner Schönheitskönigin schenken. Wütend breche ich auf in ihr Hinterstübchen, dort aus dem Erinnerungswust einer Schönheitskönigin das Filmchen zu schneiden, das sie zum Halali sehen soll. Ja, der Tod ist am Ende auch ein Showcutter.
Gegen drei Uhr früh begegnen wir uns. Wie zwei füreinander Geschaffene. Ich missmutig in ihrem Hinterstübchen, als ich aus dem Nichts zwei Augen spüre. Sie. In aller Form, in der sie einst gemeint worden ist, schaut die Schönheitskönigin mir zum Hinterstübchen rein. Unter zwei Sonnen kauere ich wie unter Glockenschlägen. Ein letztes Mal nimmt die Schönheitkönigin Gestalt an, und sie meint mich damit. Mich! Dann ist sie fort. Ausgezehrt und puppengleich nun auf dem Sterbebett. Im Vertrauen darauf, dass ich meinen Beitrag leiste. Und ich rausche durch ihre Erinnerungen wie hundert Frühlingsstürme! Bis in den Morgen schaffe ich an meinem Meisterwerk vom letzten Augenblick.
Ich warte, bis erste Sonnenstrahlen meine Schönheitskönigin segnen, dann starte ich den Film und sage: „Du!“
Eine letzte Welle Blut durchmisst ihren Leib. Aufgeregt wie zum Examen. Ihr Herz erhebt sich, verneigt sich nach allen Seiten. Ein letztes Zittern mit dem Taktstock, dann bricht sich das Morgenlicht in den herrlich geöffneten Augen meiner Schönheitskönigin…
Als ich mich voll frischer Erfahrungen aufmachen will, bald der Tod einer anderen Schönheitskönigin zu sein, finde ich mich wieder im Sessel eines Aufenthaltsraumes eines Pflegeheimes. Erwacht aus der Laune meines Todes. Oft lässt er mich so wegtreten. Wohl weil er unbebettelt sein Werk inspizieren will. Ums Leben gebrachtes Dasein. Als hänge in Ruinen noch irgendetwas mit Bewusstsein heilen Zeiten nach. Kinder wollen so etwas, in Abbrüchen Gespenster sehen, warum mein Tod nicht auch?

Ich bin mehr als die Worte, die mir glücken. Worte lassen mich nur zur Ader, Worte bedeuten höchstens eine Probe schöpferischer Urgewalt. Mag mit meinem Mundwerk nicht mehr viel los sein, meine Schreie sind so kräftig wie die eines Verdammten. Das Leben in seinem Wesen weiß mit unserem Wort wenig anzufangen, während jeder Schrei die Wälder hallen lässt.
Sollen sie da draußen Messenger bevölkern und Börsen aller Art, meine Verzweiflung wird den Erdball Richtung Himmelspforte dreschen! 
Niemand darf sich davon irreführen lassen, dass ich nirgends hinauslangte über die Sandkästen, in die ich gerahmt war: mochte ich ein Kindsein lang Matsch bespielt haben, mein Wesen ragte stets höher hinauf, als wir Menschen jemals wachsen: Himmel forderte ich, die sich bedeckt hielten wie Auftragsmörder. Heimtückisch genug, mich rücklings mit Blitz und Donner entzwei zu schlagen. Aberhunderte Tode, welche sich in den Himmeln verbargen!
Derart unters Messer befohlen sorgte ich für meine sieben Ameisen. Jede Ameise zäh wie ein Drachen, nein, zäher! Mit Sinnen, die weder verbrämt waren noch parfümiert. Während man im Himmel so anhielt bis zur Sinnflut, schaffte ich Blätter herbei und Gras. Zweige brach ich, faulen Sand zu befestigen. Nicht der Ameisen wegen, die konnten leicht ein Vielfaches dessen tragen, was mein Tuschkasten an Blut und Schwarz hergab, sondern um der Logik meiner Hände willen, dass ich im Rahmen eines Sandkastens jedes Donnerwetter überdauern würde! Steckte ich mich geduldig zwischen die Ameisen, würde sich jede Wand in durchbohrbaren Krümelkram verwandeln.
Wundert es da, dass ich selbst während meiner Blüte nicht zu unterscheiden war vom Lehm und vom Kompost? Jedem Leibchen, jeder Joppe, jedem Latschen war ein Ton Kehricht beigemengt, welcher sich weder abwaschen noch abtun ließ. Jahre, von denen nicht ein Lichtbild existiert. Bis mir mein Kehrichtsein zum Stolz erwuchs. Wäre ich von Geburt an Ameise, hätte das Leben mir bloß zwei Beinchen genommen, nicht aber mein Ameisenleben.
Drängte ich manchen Weg weit auch gen Himmel, ich war nie Teil jener Behauptung, dass Kehricht fliegen könne, wenn dies und wenn jenes. Mir ging das Als-ob ab. Ich konnte nicht so tun, ich musste schon machen. Mochten andere sich in den Wind werfen, ich wühlte und schabte. Natürlich, wenn man in Mauern Tunnel bohrt, herrschen dort Beklemmungen, welche nur mit Gleichmut zu lösen sind. Schwarz müssen einem da die Augen sein, ledern der Schlund. Ohnehin waren mir meine Ohren stets Abtritte, wo alles Leben sich entleeren konnte. Und nun, „auf Pflege“, gleiche ich wohl einem Aschenbecher: Sessel, Krückstock und überhaupt aus Ton, Loch im Schädel für die Kippen. Wenn jemand das zerstörerische Nichts unseres hochverehrten Glühens erleidet, dann ich. Und niemand naht sich mir, der mich in Liebesakten leeren könnte.
Ja, die Daseinshygiene leidet. Zum Neutrum degradiert, sind mir selbst meine Träume so trocken geworden, dass mir jeder Samen noch in seiner Blase verkümmert. Vielleicht lief es deswegen selten rund, weil ich mich nie als Revolver durchs Leben führte: der Finger am Abzug halbiert das Gedankenaufkommen, vermute ich. So blank gezogen wäre ich den verballerten Revolvern nun natürlich über, hätte die sich nicht aufs Beten verlegt. Tatsächlich genügt es zum Seelenfrieden wohl schon, wenn man rauchende Revolver schmückt mit späten Blumen.
Kehricht umgeben von Chorälen, wie hätte ich das einst ahnen können unter all jenen Faustrechtlern des Schulhofes, aus denen die kessesten Fortpflanzer erwuchsen. Nun also blitzen keck die Rosenkränze, mich Kehricht das Hallelujah zu lehren.
Ohnehin am Ende einer stillen Straße vom Spielbrett genommen, höre ich vor lauter Mitternacht seit Stunden keinen Personenkraftwagen mehr. Abgetrieben von Wogen rauschender Pferdestärken, ruhe ich in Wüsten sich ablagernder Zeit. Als wäre aus hunderten von tausenden Sanduhren jedes Körnchen hier zur Tür hineingeweht. Verschüttet vom Gleichmut zweier Zeiger: Der eine stattlich, aber so weitreichend wie der Wurf eines Affen, der andere dafür umso schneidender.
Reinstes Luftgetrete hier. Nirgends Treppenhäuser hoch zu was auch immer. Selbst noch als Vierbeiner fand ich in Jahrzehnten nichts Himmelreiches, was sich ernsthaft besteigen ließ.
Man hatte seine Frist, man hatte sein Hirn, aber es gab zu keinem Zeitpunkt etwas, das unbedingt bedacht werden musste. Besser hätte ich wohl Schrauben gedreht in Maschinen, die leicht jede Ewigkeit bewältigen konnten.
Jawohl, ich tüftelte aus Baukästen schon das eine oder andere Gefährt zusammen, ehe in mir massenhaft Grübellei anlangte. Aber wem nützt sein Fortkommen ohne Anlass? Zahnräder, die zwecklos sich bewegten, drehten mich mit jedem Reifejahr mehr gegen den Uhrzeigersinn. Selbst wenn ich was zur Hand hatte, das sich programmieren ließ: 37.531 Kilobytes ready!
Ich ahnte nicht die Stärke solcher Knechtschaft, dass Kilobyte für Kilobyte noch ready sein würden, wenn ich Herr längst Pampe war. Ein Sinnhafter. Mit eingeweichten Schriften an Pfähle gepappt, an denen sich grußlos Hunde ergingen. Hätte ich stattdessen meine bloßes Massesein akzeptiert, wer weiß? Die Welt hätte ich dann jedenfalls erfüllt.
Ich bedeutete einen Kindersegen, ich bedeutete irgendetwas mit „jung“, ehe das Leben von mir absah. Nicht binnen Tagesfrist, nein. Aber irgendwann wurde offensichtlich, dass ich meine Chance gehabt hatte. Als nähme ich jedem Gegenüber sein Augenlicht, so stumpf ward ich fortan inspiziert. 
Wie nun mit dem, was einer anhäufte, der ins Leere geht? Hoffnungslos ins Leere. Wo es keine Flugbahn nachzuvollziehen gibt, welche unser aller Leben betrifft, wenn nicht das Leben überhaupt: einen Volltreffer mitten in die Basics des Lebens.
Ja, ich hocke im Leeren! Anders hätte ich längst mein Ende gefunden: Als niederkommende Flammenzungen etwa wäre ich den Leuten durch ihre windigen Dasein gesiebt, dass sie außer sich wären vor Feuersbrunst. So aber bin ich stiller Abtrag, hinaus geschaufelt über die Scheibe Welt. Folgenlos und bar jeder Schwerkraft geistere ich weiter, immer weiter. Vom Leben bloß noch eine Wertvorstellung, die ich beseieseieseie. Meinen Phantasien abgespicktes Gespensterwesen. Wahrscheinlich bin ich längst gelöscht aus allen Zusammenhängen, und mein Nennname hunderttausend Kindersegen weit neu vergeben.
Für Augenblicke ist mir, als wäre selbst mein Schatten fort, als sei ich meiner Folgenlosigkeit angemessen worden. Ein zweidimensionaler Verschnitt, wo vorne Essen draufsteht, und hinten Schlafen.
Viele gibt es, die machen ihre Hände so, dass ein Vogel wird aus ihrem Schatten oder ein Zugochse. Kampfmoralisten, denen an der Entschlossenheit ihrer Waffenbrüder gelegen ist: Gemeinsam lachen, gemeinsam lynchen.
Ich hatte meine Vorstellungen, ja, und die bedeuteten kein herzhaftes Schattentheater. Meine Vorstellungen waren schon so, dass sie mich der Welt enthoben. Ich musste mir nicht fortwährend ins Bein schiessen, damit überhaupt etwas passierte. Jene Erscheinungen emsigsten Blutflusses; plötzliche Entleerungen, welche schäumten nach dem Revolver: heimisch genug war ich in meinen Vorstellungen, dass ich mich des Zechens von Körpersäften enthalten konnte.
Auch hatte ich wohl ein Bild von mir als krumm gekauerten Schädelspalter, dem alles Dasein versunken ist. Allein die Ameisen blieben aus, mit denen ich die Welt außer mir hätte beflüstern können.
Ich wollte es treiben wie ein Kraut, bedachte aber nicht das Ausmaß meines öden Grundes, dass dort selbst bei Ameisen keine sonderliche Lust keimen würde: Warum sollten sie auf sich nehmen, was bereits in seiner Muttererde nicht wucherte?
Mein Wesen, das mir einst ohne sonderliche Umstände ins Gewächs fuhr, es findet nun keinen Weg mehr hinaus.
Ich bin nicht länger, was ich bin. Der wilde Trieb, der jedem Blitz die Stirn bieten mag, er ist seinem Strohkopf bis ins Tiefste eingewachsen. Verweichtes Stroh, selbst für Ohnmachten nicht geschaffen. Jedes Langen nach noch so trüben Lichtern nun macht meinem Verwesen energischer den Prozess, bis ich Funken vollends Klumpen bin.
Natürlich, kein Bürgersteig schlägt aus vor Gewesenem. Bestenfalls bleiben Spuren des Urschlammes, von dem man glaubte, dass niemand daran vorbei könne. Würde ich mich jetzt aufmachen menschenleere Straßen zu bedenken, ich könnte mich achten als das Erste und das Letzte allen Daseins. Ein beschwerter Überlebensmeister.
Mag mich jeder niederschlagen, der einen Hocker Dasein besitzt, ich greife ihm durch seine Tage wie durch Heißluft.
Aber was wärmt es, dass ich ödem Gekrabbel vorstehe? Gewiss bestaunen mir zu Füßen tausende Pantoffeltierchen mich Hünen von einem Pflegefall. So bin ich bloß Erster im Feuer und allergrößtes Häuflein Asche.
Kein Wimmeln von Worten, das sich für mich wühlt durch Aschehalden in den Morgen hinein. Keine Uhrwerke aus Buchstaben, die mir ferne Stunden schlagen.
Ausrupfen wird man mich, offenlegen meine Adern, welch schmutziges Werk Erde sie am Ende bedeuteten. Tristes Gesöff vergangener Kraft. 
Ich finde den Ansatz nicht, finde und finde ihn nicht! Mag ich keinen Punkt mehr ausmachen für alles Gewese, es muss mein Grund wenigstens Begründung sein! Ein sich in Weltenräume drängender Rammbock Leben, dessen schillernde Schuppe ich bedeutete.
Ja, meine Räume waren mein Befehl ins Dasein. Sie abzufüllen als ein Gesandter unserer Schöpfung. Dabei nahm ich mir keine klingenden Paläste vor, sondern Butzen irgendwo zwischen Mittelmaß und Sarg. Ruinen besuchte ich, Außenklos. Alles, was den Tag forderte.
So ließ ich mir Schatten beigeben, den Schatten zu erhellen mit Gelichter unserer Zeit. Stumpf aber blieben selbst jene lodernden Versprechen, welche ich dem Kino und dem Plattenspieler entnahm, stumpf gegen Schatten, die wie Teer auf mir lasteten. Dahinter Hunde, deren Mäuler Bärenfallen bedeuteten. Fetzen wollte das Schattenrund mich, rädern und reißen. Weil unsere Zeit bloß geschlossenen Auges bestehen konnte gegen solch Schattenballen. Während ich unfähig war zur Flucht in die Verheißungen der Blindheit.
Mir mangelte nicht an Dasein, mir mangelte an Boden und an Licht. So bedarf es zum Sieg Unmengen Irrsinniger, welche in ihrer Flut keinem Schatten auch nur einen Fußbreit Sicht zugestehen. Spukschlösser werden derart zu Spaßbädern, wenn sie bis unter die Zinnen vollgeramscht sind mit Blindwütigen. Da winseln selbst Höllenhunde vor Luftnot.
Was blieb mir also zu erfüllen? Was bleibt jeder verdammten Schabe zu erfüllen? Könnte ich mich nur winden! Aber es bieten selbst Alpträume sich nicht an. Kein drohender Bolzenschuss, erst recht für den Kolben bin ich Narr zu schade. Verenden soll ich, zerbröseln und verschlammen…

Pflegekräfte inspizieren die Reihen. Mäuler zählen für Späthappen Brotkonfekt. Ich werde mich einreihen auf etwas Teewurst mit Senf. Und was bleibt anschließend mehr, als der Schlaf?
Irgendwo im Hasten meiner Jahrzehnte hätte ich aus dem Stand anschlagen müssen. Vielleicht um eines Stückes Zinn wegen oder aufgrund von Schnitzereien. Mir alles Dasein abreißen, bis bloß noch Brust und Keule mich bedeuteten, und dann gezuckten Herzens mittenrein. Wie ein Werkstück vorgenommen sein, registriert und sortiert, ach, irgendwas. Aber fortgekehrt. Blanken Boden hinter mir, von Drachen benebelte Schotterpisten vor mir, Meter für Meter Höchstgeschwindigkeit. Was weiß ich. Nein, wenn das ein Ende bedeutet: es ist nicht schlimm um mich, war es nie!
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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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