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Über mich.

Ich bin in der Sonne anders als im Dunkel. Mal hungere ich, mal bin ich satt. Heute ziehe ich mit den Wolken, morgen versinke ich in der Erde. All das bin ich. Ich will mich sehen wie ein Turm, und bin doch kaum mehr als das Gras im Wind.

Musikliste




Il Divo
Ancora


the Ten Tenors
Larger Than Life


Pet Shop Boys
Nightlife


Sarah Brightman
Timeless


Herbert Grönemeyer
Mensch


Sonntag, 8. November 2009

Eyland 90, 12.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.1. Die Leibesfreudigen.

"Meine Erinnerungen", sagen die Leibesfreudigen aller Generationen, "kann mir keiner mehr nehmen." Die Leibesfreudigen zerkleinern das Leben in genießbare Events. "All you can eat." An jeder Ecke lungern die Leibesfreudigen mit ihren Tellern auf einen weiteren Schlag Leben. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt werden. Die Leibesfreudigen schlecken, dippen, glotzen, schmökern, voten, erwählen leibesfreudige Götter. So vertreiben die Leibesfreudigen das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen sind die Könige des Gewesenen.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.2. Die Liebesnestler.

Ihre Liebe ist groß wie ihre Welt, und die ist ziemlich klein: 2,00 x 1,60 Meter im Schnitt. Selten fühlt Gleichgültigkeit sich herzlicher an, als hoch oben im Liebesnest. Zwei Greifvögel beim Balzflug, bevor sie auf uns hinab stürzen. Haben wir Glück, bauen sie unser Fleisch in ihr Liebesspiel ein, füttern und necken sich damit. Liebesnestler fressen nicht, Liebesnestler schlingen nicht. Gemeine und heimtückische Reißzähne sind ihrer Liebe fremd. Liebesnestler picken sich aus dem Leben nur das zarteste Fleisch heraus. Liebesnestler sind die warmherzigsten Fleischfresser der Welt.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.3. Die Sandburgen.

Sandburgen empfinden sich als Kronen der Schöpfung, selbst wenn sie an einer Supermarktkasse erbaut wurden oder irgendwo Häppchen bereit halten. Bis auf die Zinnen sind Sandburgen gestylt. Liebevolle Peelings, harte Arbeit am Idealmaß. Geht der Wind über sie hinweg, ist es den Sandburgen, als könnten sie fliegen. Brennt Sonne auf sie herab, vermuten die Sandburgen sich in ihrer gesündesten Farbe. Und vom Wasser glauben sie bis zum Schluss, dass es sie trägt. Wenn alles Leben längst heimgekehrt ist, finden sich am Strand noch Reste einstmals stolzer Sandburgen. Oft werden Sandburgen eben selbst vom Tod vergessen.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.4. Die Engelmacher.

Allzuvieles gibt es, das wir mit unseren Sinnen schwerlich begreifen können. Der simple Blick noch durch ein Mikroskop für Kinder beweist uns jene Ebene des Unfassbaren, die Demut fordert und zur Vorsicht mahnt. Gebietet diese Unfassbarkeit aber nun, unseren Sinnen Unsinne entgegen zu setzen? Engelmacher gehen auf eine Weise mit dem Nichts um, wo selbst Kinder keine Wauwaus mehr erkennen mögen. Hat man Kinder je vor dem Nichts knien sehen? Hingegen Engelmacher für ihr Nichts gar zum Schwert greifen. Eines aber misslingt den Engelmachern regelmäßig: im Nichts Essen zu fassen.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.5. Die Fleischfeste.

Was des Menschen Anteilnahme betrifft, jene Adjuvanzien des Mitgefühls, so sind mir kinoreife Busen Lehre genug: Selten kommen Männer umhin, solchen Busen ihre Freundschaft anzudienen. Im Falle des (Frei-)Todes reichen kinoreife Busen zwar selten hin zu einem Fackelzug durch die Stadt, aber ihnen wird im Regelfall mit mehr Hingabe nachgetrauert, als den gemeinen Stücken Fleisch.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.5.1. Backstage Bum.

Es ist eine Tragik der Enzyklopädien, dass sie den Leser oft ratlos mit Vorderseiten zurück lassen, wo man die Schöpfung für Hinterteile hätte belobigen sollen. Wie etwa mit den Antlitzen gerühmter Musen, obendrein noch biographisch umrahmt? Als lade der Dichterfürst mitteldeutsche Kleinstädte in seine Gemächer. Würde man sich dem Führenden eines Menschen nähern, Wissenschaft wäre wahrlich Wissenschaft, und kein loses Geschwätz.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.6. Die Platzhalter.

Das Jetzt ist den Platzhaltern ihr Heiligtum. Kein Trotzkopf klammert sich inniger an seinen Fetisch, als ein Platzhalter an das Jetzt. Platzhalter sind begeisterte Durchatmer und leidenschaftliche Nipper. Ihre Bleiben sind dekoriert, wie nirgends sonst auf der Welt. Augenblicke gelten den Platzhaltern als Trauben des Lebens, die erlesen und breitgetreten sein wollen. Vom Wesen her sind Platzhalter zutiefst pünktlich, immer auf den besten Rängen, stets angemessen kostümiert. Wer einen Platzhalter kennt, braucht keine Zeitansage mehr.

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.7. Die Rudeler.

Man sollte sich nicht täuschen lassen, wenn Rudeler ausgelassen beim Kartenspiel zusammen sitzen. Rudeler sind auf der Jagd, immer auf der Jagd. Für Rudeler ist das Leben eine Frage der Beute. Und niemandem ist gewiss wie den Rudelern, dass einsame Jäger des Todes sind. Wer den Rudelern also genehm sein will, der mag sie tüchtig bewirten. Keine Suppe, kein Gemüse, Fleisch!

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.1. Eine Investition in die Vergänglichkeit.
1.1.8. Die Aschkasper.

Mit Verbranntem hat es zumeist folgende Bewandtnis: Qualm dringt scharf in die Augen, Gestank frisst sich durch alles Leben, Rauch vergiftet jenes letzte bißchen Atem. In solchen Katastrophen feiern die Aschkasper Auferstehung. Aschkasper gehen voran, Aschkasper haken unter, Aschkasper stimmen ein Lied an. Was ohnmächtig zur Erde fallen will, halten die Aschkasper aufrecht. Was still sich hineinsteigern möchte, befördern die Aschkasper auf den Rummel. Was verwehen mag, harken die Aschkasper säuberlich in einen Trauerrahmen. Aschkasper johlen mit Dreschflegeln auf Verbranntes ein, als wäre es Kaspers Krokodil. Aschkasper zerren das Leben fort von der Asche, und sehen doch selbst nur Asche: Asche ist ihnen allein Asche, nie, niemals Auferstehung.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.2. Vom Übermaß der Hände.

Selten mangelt es einem Menschenleben an Taten, fast immer aber an Gründen. Ein Kopf, welcher sich zwei Händen gegenüber sieht. Der Greiffreudigkeit des Menschen wird jener Zauber nachgeredet, hinter dem aller Verstand ausgenüchtert zurück bleiben muss. Hände, die sich königlichem Purpur entgegen recken. Jener seligen Hörigkeit, wo einer denkt und Tausende handeln, wo einer lebt und Tausende sterben.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.2. Vom Übermaß der Hände.
1.2.1. Henkersmahlzeiten.

Zuzulangen ist ein gemeiner Reflex auf den Hunger. Verwegene Geschmäcker fingern gar etwas aus dem Aas, das sie als Liebe empfinden. Als Liebe zum Leben. Was kundige Hände einst zu opfern verstanden, wird nun unter Applaus in den Schlund geschoben. Dabei ruhen die Finger mit eingeübter Poesie auf den Messern und auf den Forken. Munter puhlen sie in dem lang erwachsenen, dem reif gewordenen, dem zu Kraft gekommenen Reichtum der Schöpfung. Hände, welche ihr feistes Äderwerk herzeigen, Hände, die mal unter die Festtafel sinken, mal zum Gebet gefaltet sind, mal sich gebärden - und die dann in der Todeszelle mit einem Male völlig still sind: Nach keinem noch so leckeren Happen mögen sie mehr greifen, keinen Finger mehr erheben. Beinahe ist es, als wären jene einst so blaublütigen Hände nie gewesen, ja, als stünde die Todeszelle regelmäßig am Beginn eines unbegreiflichen Daseins, das, wenn auch knapp bemessen, am Ende viel schwerer wiegt, als all die reichlich gehaltenen Henkersmahlzeiten eines banalen Menschseins.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.2. Vom Übermaß der Hände.
1.2.2. Totentänze.

Sich zu finden und sich zu verlieren, im Totentanze ist es eine Lebensfreude. Das Abklatschen wird zum Herzschlagfinale. Im Totentanz kreist, was man bei Tage von den Bürgersteigen fegt. Nägel, gefeilt und blutig lackiert, haben im Totentanz nichts gemein mit räuberischen Tieren. Und den Wein empfindet dort niemand als ein letztes Abendmahl. Alles greift sich, alles lässt sich. Der menschliche Tatsch. Dazu Absätze, die klingen wie Sargnägel.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.2. Vom Übermaß der Hände.
1.2.3. Kettchenrasseln.

Stellen wir uns einen Horst vor, einen, wie ihn die Eulen herrichten. Obendrein schmücken wir den Horst mit Samt aus und mit Seidenpapier. Ach, sind wir doch gleich selbst die Eulen, die diesen Horst bebrüten. An der Vorstellung, fliegen zu können, träumt sich ja jedes Menschenkind wund. Was nun nehmen Menschen mit in ein neues Leben, worauf können sie selbst in Arbeitslagern und auf sinkenden Schiffen nur schwer verzichten? Richtig, auf ihren Schmuck! Legen wir also einige ausgesucht schöne Stücke der Goldschmiedekunst in unseren Horst. Und es ist sicher ein Bild der Lebensfreude, wie wir nun mit unseren zuckenden Eulenkörpern versuchen, den Schmuck auch zu tragen. Mindestens ein Kettchen sollte jeder über sein Federhaupt gezuzelt bekommen. Ja, sehen wir uns an, wie wir alle derart mit Gold geschmückt hoch oben in unserem Horst gurren: Sind wir nicht eine Krönung des Menscheitstraumes vom Fliegen?

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Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.3. Fastfood Voodoo.

Warum nicht mit Puppen? fragten Philosophen aller Zeitalter ins Rund. Besser durch solch stille Genossen die Einsamkeit erkunden, als jener Wahn, um ein Du wissen zu wollen. Selbst wenn alle Welt reich wäre, wir würden in unserer Armut bleiben. Puppen sind das Maß der Liebe. Mehr Nähe geht nicht. Nur mehr Schmerz.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.3.1. Stechers Glück.

Auf dem Sterbebett, ja, da gibt es einiges zu erinnern. All jene Körperöffnungen, die man genossen, während sich einem das Herz ergoss. Fortgeschenkt und abgeflammt. Hand angelegt, bis das Leben nur wenige Augenblicke noch arm war. Drüberreden, zärtlich, tönend, zischend, bis wirklich nicht mehr dabei heraus kam - und dann selbst hinein kommen. Als Rumpelstilzchen geradewegs zurück ist in den Mutterleib.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.3.2. Väterchens Blüte.

Mit unserem Blute hat es eine seltsame Bewandtnis. Schon der schiere Fluß mag manch Väterchen in Wallung bringen. Verzweigt das Blut sich aber, mischt und versippt es sich, so hält Väterchen es dampfend noch in die Höhe: Ein Mensch ist geboren! Jener stiere Blick, der nie weiter reicht, als Väterchens Füße tragen. Dem Blute vertraut sich an, wer es nicht sieht. Blut ist des Bullens Würde, dem Keiler sein Revier und eines Hengstes Sache. Welch Kultur aber fällt nieder vor kopulierenden Göttern? Mag Väterchen auch tanzen um seinen Haufen: Was geworfen wie ein Stein in den Sand, ist nicht gezeugt.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.3.3. Freundeskreiser Schwindel.

Während Seelenfänger sich selten ins Seichte verirren, dümpeln Freundeskreiser im Nahebei. Ein Schwärmen und Krebsen ist des Freundeskreisers Sozialkapitalismus. Der Absacker, die Stampe, das Schifferklavier: Hauptsache, es gibt gut was auf die Ohren. Im Morgengrauen dann gemeinsam zu kotzen, wird eher als verbindend empfunden. Seite an Seite, knöcheltief. Immer Grund vor Augen. Auf solch Standpunkte kehrt der Freundeskreiser entschieden zurück. Trifft man ihn ausnahmsweise schwankend, ist das Leben eben ein grundsätzlicher Schwindel. Jahrzehnte seines Sozialkapitalismus mag der Freundeskreiser daher an sich vorüber ziehen lassen, als wäre alles nur eine steife Brise gewesen.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.3.4. Zwingers Zauber.

Beziehungen, wenn sie gelingen wollen, verblüffen durch ihre Geringfügigkeit. Etwa wie zwischen Herrchen und seinem Hund. Einer macht auf Zwinger, der andere sorgt für den Zauber. Pfötchen geben, und vielleicht zur rechten Zeit mal ein Wuff! mehr hat man in der Rolle des Zwingers selten zu tun. Vielmehr obliegt es dem Zauber, daraus das Maulheldentum zweier Gefährten zu machen, die selbst im Sturme... ja, Zwingers Zauber ist ein beliebtes, ein erhabenes Gesellschaftsspiel. Echte Nähe, wie soll sie auch möglich sein ohne Leine, ohne Maulkorb, ohne Napf? Aufmerksam zu sein, richtig hinzuhören, es ist so wundervoll einfach, wenn wir etwas um unseren Hals gebunden haben, das uns nach Belieben die Luft abwürgen kann. Oder jener Hunger, der uns Männchen machen lässt, der uns vorbehaltlos vertrauen lässt. Wer also Nähe spüren will, Nähe, Nähe, Nähe, der mag reich geschmückte Obergeschosse meiden, und stattdessen Ausschau halten nach gut ausgebauten Kellern.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.3.5. Plüschtiere poppen.

In fernen Kindertagen, da besaß ich einen roten Spielzeuglaster. Und ich fand keinen Schlaf, wenn dieser Spielzeuglaster nicht neben meinem Bettchen stand. Wohl niemand von uns, der damals unbeeindruckt blieb von den Kulleraugen eines Plüschtieres. Völlig ohne Gehalt, waren uns Plüschtiere doch wichtiger als die Welt.
Nun würde natürlich jeder gerne behaupten, er sei den Plüschtieren entwachsen, jenen Gefäßen kindlicher Sehnsucht. Vielleicht ist es aber auch so, dass wir uns nur andere Verrichtungsgehilfen gesucht haben. Vom gemeinen Haustier könnte hier die Rede sein, oder mit welcher Hingabe mitunter das Nutzvieh gepäppelt wird. Schauen wir jedoch auf das Beuteschema eines Triebtäters - rote Haare, sonst nichts - können wir uns sicher auch Menschen als den Plüsch unseres Daseins vorstellen. Wie wir keinen Schlaf mehr finden, wenn man ein besonders kulleräugiges Exemplar der Gattung Mensch aus unserem Bettchen fortnimmt. Ein Lustprinzip, stärker als die Furcht vor dem Tode. Kein Plüsch, kein Leben.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.4. Grubenarbeiter im Totenhemd.

Ein frisch verrentetes Ehepaar begibt sich auf Weltreise. Camcorder, Spiegelreflex, mehrere Objektive. Geschleppe und berechtigte Sorgen, vor lauter Lichtbildern zurück zu bleiben hinter der Gruppe. Wieder daheim, erfahren die Fotos viel freundschaftliches Interesse. Über den noch zu bearbeitenden Videos stirbt der Mann weg. Sie ist bald gezwungen, sich zu verkleinern auf ein Appartement betreutes Wohnen. Vor die Wahl gestellt, ihr Ableben mit einem Wust aus Urlaubsbildern zu beengen, wirft sie alles weg. Unter ihren letzten Habseligkeiten finden sich nur ein paar kleine Aufnahmen aus Kriegszeiten.
Vom betreuten Wohnen aus besehen, stellt sich nun folgende Frage: Ist eine Weltreise realer als ein Fiebertraum oder als der Sekundenschlaf übernächtigter Grubenarbeiter?
Selten ein Mensch, der sich im Straßenbild anderer von den Mülltonnen abhebt oder sich klar von stromernden Hunden scheiden lässt. Leicht erklären können wir unserer Erkenntnis nur jene "Schnitten", die regelmäßig den ganzen Rahmen des Erlebens füllen, zu dem Männer fähig sind. "Wann sagst du deiner Alten endlich, dass Schluss ist?" Die "Alte", die wie ein übler Geruch aus unseren Sinnen schwindet. Die "Alte", sie steht vor uns, steht und steht und steht vor uns, zetert vielleicht sogar - aber wir erkennen sie nicht. Eine Tugend der Gleichgültigkeit, welche uns alles Sein als gleich gültig erkennen lässt, ist schlicht nicht lebbar. Stattdessen jener Alltag, der regelmäßig darum bittet, den Sender zu wechseln: man esse gerade.
Ein Menschenleben gilt nichts, wenn es lauter Rücken sieht. Und wir verstehen uns meisterhaft darauf, den Rücken mit flinker Hand Gesichter aufzumalen. Führendes Motiv ist das Antlitz eines Lieben Gottes, der seine Zeit damit durchbringt, über unser Tun zu urteilen. Besser noch ein Jüngstes Gericht hoch in den Wolken, mit Engeln und Teufeln und Lämmern und Löwen. Und alles im Himmelrund hört uns zu, wie gütig wir am Hauptbahnhof mit Strichern umgehen... Selbst in vollster Blüte wären wir allein Staub, könnten wir so nicht fortwährend mit Göttern brabbeln.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.5. Himmler und Entreicherer.

Wir alle haben unsere Stunden Kino im Kopf von dem, was uns Kindheit war. Ein Warten auf die Mutter etwa, dass sie uns endlich aus der Vorschule abholen möge. Fern am Horizont schon winkt die Mutter uns zu, und wir winken, winken, winken zurück. Oder der Vater, wie er immer eine Partie Schach mit uns spielte, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Gleich einem Heiligtum bewahren wir das Schachspiel unserer Kindheit. Es ist ein Paradies, ein verlorenes Paradies. Selbst wenn wir durch Tore in den Dimensionen unseren roten Rodelschlitten wiederbekämen, wir wären doch andere. Niemand könnte uns mehr Weihnachten vorspielen, kein schwarzer Mann wäre uns selbstverständlich.
Erst recht, wenn mit dem Alter die Besucher in unserem Leben seltener und seltener werden, wenn unseren Nahtoderfahrungen das Personal abhanden kommt. Spätestens dann ist es Zeit, sich auch am Dienstagabend in die Heilige Messe zu kauern. Getragene Musik vom Endlosband. Immer wieder aus dem Off eine leuchtende Hand, welche uns, nach erhabenstem Vorspiel, die Tränen aus dem Antlitz tupft. Wir sind wieder Kinder. Dort am Horizont unsere Mutter, und hier wartet schon der Vater mit dem Schachspiel.
Wie nun bekommen wir es hin, diesen Heiland unserer Träume ans Kreuz zu schlagen? Und zwar noch qualvoller als beim ersten Mal, so dass seine Leiden nicht vor der Zeit ein Ende finden.
"Ach, das mit dem Himmelreich, das habe ich mir ausgedacht. Sonst hat man ja nur Gaffer und keinen, der hilft. Wie, was ich mit meinen Knechten für grausame Scherze treibe? Leute, denkt doch mal nach: Der alzheimerkranke Opa neben dem totgeborenen Brüderchen, an solch einen Ort kann im Ernst wohl keiner wollen. Hey, Ihr habt mir diesen Döntjes vom Himmelreich damals nicht wirklich geglaubt, oder? Jetzt rückt Ihr mir aber ein bißchen sehr auf die Pelle! Was wollt Ihr mit den Handschellen und mit den Drähten, ist da Strom drauf? Hilfe. Hilfe!"

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.6. Fernsehen im Nahebei.

Wie viele siamesische Zwillinge gibt es auf der Welt? Etwas Logistik vorausgesetzt, könnte man mit ihnen vielleicht eine Straße bevölkern oder einen Stadtteil: Seht, so ist er, der Mensch!
Es mag daher eine Tragik sein, dass wir selbst im Urwald unser Viertel nicht verlassen. Da können wir auswandern, wie wir wollen, jedes Leben bleibt das Bauwerk eines Sandkastens.
Fraglich ist allein, inwieweit wir das Naheliegende ehelichen? Zur Blindheit verdammt zu sein, verpflichtet uns nämlich noch lange nicht, auch blindlings zu handeln.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.6.1. Cliquchöre.

Ein Cliquchör ist jener kleinste gemeinsame Nenner, der unsere Zivilisation beherrscht, seit man sich müht, Fremde "Freunde" zu nennen. Auf Volksfesten werden Cliquchöre zur Recheneinheit oder auf Sportveranstaltungen. Überall, wo geschunkelt und gejohlt wird, wo man sich unterhakt, wo gute Laune mitzubringen ist.
Die Menschheit kommt seit Anbeginn ohne Worte aus, selbst wenn sie mitunter viele Worte erzeugt. Wer je im Zoo gesehen hat, wie Affen sich in sich selbst zurück ziehen, der weiß zugleich alles Notwendige über das menschliche Miteinander.
Ein Miteinander, das gekrönt wird von Cliquchören: Lachen wir, lachen auch die Cliquchöre, erheben wir uns von unseren Tribünensitzen, erheben sich auch die Cliquchöre.
Im Gegensatz zum Rudeler, sind Cliquchöre selten auf Fleisch aus, wenn sie sich etwa Kinofilme anschauen, die ihnen alleine nie in den Sinn gekommen wären, oder wenn sie auf Amüsiermeilen stundenlang jene sensiblen Augenblicke erspähen, wo es gilt, seine Lacher zu platzieren, um ordentlich Sympathie abzugreifen. Cliquchöre sind in der Mehrheit weiblich, wollen "einfach nur leben" und streben danach, den Tod in Gemeinschaft zu erfahren. Gerne auch vorzeitig. Händchenhaltend im Widerstand, im Kriegsdienst, im Terror, in der Entwicklungshilfe. Je nachdem. Sie wollen nur ihren "Homies" nahe sein.
Cliquchöre sind die Blaskörper des Lebens. Nicht Stein, nicht Feuer, nicht Flut bringt Cliquchöre zum Klingen. Cliquchöre wollen nur Luft, Cliquchöre können nur Luft.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.6.2. Trinkerbells.

Gemeinhin sparen Menschen erst viel Leben an, ehe sie ihres verscheuern. Zugegeben, es hat Stil, für den Preis eines kleinen Vermögens tödlich auf dem Mount Everest zu verunfallen. Während aber alle von "Todeszonen" hoch auf den Achttausendern schwärmen, schert sich niemand um das Erlebnis, in der Todeszone eines Badesees zu ersaufen. Keiner will rüber zum Spielplatz, sich die Nacht über im Schnee betten und schauen, was passiert. Es kann doch nicht alles Schwachsinn sein, nur weil es sich Nahebei vollzieht. Als hätte ein brennender Sportwagen mehr Charme, als die zerdrückte Kiste dreier junger Menschen, deren Fahrstil genau so sportlich gewesen sein mag. Wir haben nur verlernt hinzuschauen, das Abenteuer jedes Augenblicks zu erkennen. Etwa unsere Pimpfe, wie sie mitunter saufen wie die Großen. Stattdessen bekümmert man sich um Exzesse ehemaliger Serienstars. Es kann doch nicht alles gleichgültig sein, nur weil es sich in der gleichgültig ausschauenden Butze eines Hochhauses vollzieht. Warum allein die Totenmesse einer Königin der Herzen, wenn einem in der massiven Eiche deutscher Reihenbehausungen mitunter viel zeitiger das Sterbeglöckchen läutet.

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1. Der Stein.
1.6.3. Feinstoffel.

Mögen auch Sklaven ihnen das Spukschälchen reichen und Huren ihre Betten wärmen, selten verabsäumen es Wohlstandsbürger, dem nachzusteigen, was sie als ihren Gefühlshaushalt empfinden. "Ins Feinstoffliche gehen." Besonders Akademikerpaare zeichnen sich durch hohe Diskussionskultur aus. Studiert, promoviert, schriftgelehrt bis zum Abwinken. Würden Herr und Frau Doktor die Heiligkeit ihres Gefühlshaushaltes dem Gesinde erläutern, es könnte ihnen gewiss niemand folgen. Erst den Herrn Doktor mit herunter gelassener Hose verstünde man, wie er sich austauscht bei einem Frauenzimmer, das, jung und frisch eingerichtet, unmöglich die Frau Doktor sein kann.
Feinstofflichkeiten zählen zu den vornehmsten aller Ausscheidungen. Ein Odem, der Lippen heiligt, welche vom Weine benetzt sind, welche lächeln im Nachgeschmack zarten Fleisches.
Leicht verpuffen Wohlstandsbürger im Feinstofflichen. Auf Bütten empordichten lässt der Feinstoffler sich dann. Hinauf zu jenen Putten, welche Friedhöfen den letzten Pfiff verleihen.

Eyland 90, 12.
1. Der Stein.
1.6.4. Sternenstauber.

Wir alle wissen von Stalkern, wie sie sich wahnhaft in Beziehung setzen zu einem Leben, das sich nicht im Geringsten um den Stalker bekümmert. Jene Spanner mit ihren Fernrohren, die der Unendlichkeit des Sternenbildes mal eine Haushaltswaage abgewinnen, mal ihrem Gemüt den großen Bären aufbinden. Als würde man Wissenschaft mit einem Pin-up treiben. Von der Wand weg heiraten, was nie auch nur ahnen wird, welch Gesellen sich da am Papier festmachen: Zirkelzunder und Füllfedertum. Ein Kartenwerkeln, welches Blinden zur Wahrheit gereicht, Kindsköpfe nach Buntstiften verlangen lässt.
Wenn Einfalt das ist, was im Leben am längsten klebt, haften Sternenstauber ihrer Gesinnung an, bis sie unter hundert Schaufeln schwarzer Erde von ihnen abfault.

Eyland 90, 12.
1. Stein.
1.7. Die Spirale des Wohlbefindens.

Erfahrungen eigenen Wohlbefindens wirken häufig so drollig wie Raubtiere als Babys. Sparsam dreht sich abwärts, was uns einander umbringen lässt. Wie Männer etwa in der Reinheit der Ehe beginnen, über Jahre hinweg ihrem Wohlbefinden nachsteigen bis hin zur Geliebten, mit welcher sie dann in der Reinheit der Ehe ihr Kinderspiel von Neuem beginnen.
Erfahrungen eigenen Wohlbefindens machen, ist die Leidenschaft allzu vieler Menschen. Als wäre das Leben eine Wichsvorlage, als hätte es irgendwo eine Taste: "New Game".

Eyland 90, 12.
1. Stein.
1.7.1. Unbeflecker.

Vater zu sein, das kann uns leichter fallen, als Schneemänner hüten. Joppe über und raus, sich ein Kind suchen. Eines, das wirklich spannend ist, das etwas anderes im Sinn hat, als Fussball und Reiten. Keiner jener langweiligen Filme, die Eltern mit Allerweltsgeschichten vom ersten Mal und vom Führerschein behelligen. Seit dem Wunder der unbefleckten Empfängnis, seit wir rund um den Globus an jungfräuliche Geburten glauben, braucht niemand mehr Gören, die nur kreativ sind, was das Hineinschmuggeln von Genussmitteln anbelangt.
Wenn Hohepriestern ein Himmelreich offensteht, warum vermögenden Vätern nicht die ganze Welt? Unsere Glaubens- und Bekenntnisfreiheit ermöglicht es, gleich einem Heiligen Geist Vater zu sein von jedem Kind, das wir uns wünschen. Egal, was für ein Erzeuger sich in weltlichen Urkunden dicke tun mag.
Sollte die Kindesmutter in wütenden Unglauben fallen, wenn wir ihr unsere Vaterschaft offenbaren, ja, dann werden wir eben um eines Bekenntnisses willen verfolgt.
Sicher aber verdienen wir jenen Respekt, den Hohepriester erfahren, wenn sie predigen von der routinemäßigen Fleischwerdung ihrer Götter.

Eyland 90, 12.
1. Stein.
1.7.2. Stampfkartoffeln.

Absitzen! Fünferreihen! Marschmarsch! Ihrer gemütlichen, soliden, hübschen Fernsehcouch derart zu entfliehen, danach sehnen sich Mengen von Kartoffeln. Ein Tod fürs Vaterland als unerhörte Karriere. Führer werden begrüßt wie groß geratene Stampfer, welche die weich gekochten Kartoffeln zu jenem Einheitsbrei zerquetschen, der sich hinunter schlingen lässt vom Leben: Im Orkus, statt einfach nur daneben. Gesegnet wirken Kartoffeln, drückt man sie in Uniform, gekrönt, wenn Blumenmädchen die Kartoffeln hinaus zum Stadttor geleiten.
Hinter den Kartoffeln ein kalt werdendes Leben, das von ihnen abfällt wie Pelle. Voraus, am donnernden Horizont, der Tod als letztes großes Abdampfen des Kartoffelseins.

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Des Philosophen Reich!

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Off-Topic:

- wenn sich etwas nicht auf unsere Mitmenschen übertragen lässt, sind es unsere Emotionen. Nur ein Kleinkünstler macht Aufhebens um sein Empfinden, während Genies ihre Meisterwerke "kalt" erschaffen.
Mir ist jene Theatralik fremd, mit der Beziehungen abgebrochen und wieder aufgenommen werden. Ich hatte auch nie das Bedürfnis, jemandem so zu kommen.
Schreibe ich etwa über die Döser in der Bahn, dann mit der Verwunderung eines Ethnologen, wie Menschen derart leben können? Kein Inquisitor bin ich, welcher Böcke von Lämmern scheiden will. Im Gegenteil, ich nähere mich Böcken wie Lämmern mit einiger Belustigung. Wenn jemand die Eingeborenen damals hätte machen lassen, dann ich. Würde ich denken, die Welt verändern zu können, wäre ich nicht der "Einsiedlerkrebs", als den meine Frau mich oft empfindet.
Jener schriftliche Umgang mit der Welt, den andere als Kontaktstörung empfinden, ist für mich Überzeugungstat. Als ein Werkzeug des Lebens schreibe, schreibe, schreibe ich - ohne dabei jemanden besonderes im Sinn zu haben. Eine Mission bar jeden missionarischen Eifers.
Liebe ist ein Empfinden, keine Mission. Es ist mir egal, ob jemand aus Liebe sein Brot mit mir teilt. Hauptsache, er tut es. Taten bedeuten mir so viel mehr, als das Empfinden dahinter.
Unsere Städte sähen auch völlig anders aus, würden die Menschen tun, was sie reden. Amüsiermeilen, Konsumtempel, Fressbuden: Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Alle sind mit Worten dem Himmelreich nahe, tatsächlich aber rennen sie in den Baumarkt, ihre Fassaden zu polieren. Singen höher, immer höher, während sie tiefer und tiefer sinken.
- im Februar fliegt mein Vater nach China, und gestern hatte ich wieder einen Traum, für immer von ihm Abschied zu nehmen. Irgendwo im Wald, auf einer Kreuzung. Nur wir zwei und das Rauschen der Tannen. Als ich Onkel Wolfgang damals aufgebahrt sah, wie er Paps so ähnlich war, sackten mir beinahe die Beine weg. Aber das ist nicht der Weg. Wann immer ich die Wärme meines Stalles suche, nehme ich sie den Christkindern von Morgen. China etwa mag mit tausenden Schloten unsere Zukunft vergiften, mit seiner Herzlosigkeit jedoch, Eltern deren Kindersegen zu entziehen, bewahrt es den Planeten Erde vor zehn Milliarden Chinesen, die zehn Milliarden Schlote brauchen.
Wenn eine Mutter sich gebenedeit fühlt, weil sie endlich am Kopf ein kinderreichen Festtafel thront, ist sicher mehr Menschlichkeit in ihr, als in jenen Wissenschaftlern, die fordern, man möge die "Kinderproduktion" der Entwicklungsländer eindämmen. Jene Menschlichkeit ist dann in der Mutter, finde ich, mit der Menschen plündern und sich um eines Kanister Wassers willen an die Gurgel gehen.
Seine Menschlichkeit zu verachten, das hieße dann für mich, Waisenkinder zu adoptieren, statt eitel von den eigenen Genen zu schwatzen. Seine Menschlichkeit verachten und zum Übermenschen werden, der nicht wie ein Tier Junge verhungern lässt, weil sie von anderen Müttern sind.
- eine Madame Bovary ist für mich kein Wille zur Liebe, wenn sie nachts in den Garten geht, sich selbst romantische Verse aufzusagen, damit sie ihren schnarchenden Ehemann fortan leichter ertragen kann.
Es gibt bei der Bundeswehr eine Pflicht zur Kameradschaft, die mich an jene Chemotherapien erinnert, welche Menschen lieber erdulden, als ihre elenden Körper aufzugeben. Zerschneiden lassen die Leute sich und Amputieren, während sie getrost Beziehung um Beziehung an die Wand fahren.
- gerade lese ich ein Buch über das Marketing von Greenpeace: "Mindbombs". Tatsächlich ist es wohl so, dass ich außerhalb des Internets ziemlich verklemmt bin. Böller anzuzünden und aus der Drehung zu schleudern, ist für mich undenkbar. Schwimmen habe ich nie gelernt, und wenn Lampen anzubringen sind, hole ich den Elektriker. Feuer, Wasser, Licht, darf der kleine Schlesinger nicht.
Im Denken hingegen kenne ich kein Tabu. Als etwa eine dicke Frau mir erzählte, dass sie aus körperlich bedingten Gründen nur schwer abnehmen könne, wunderte ich mich: Im Konzentrationslager, im Massengrab wären sie doch alle schlank gewesen. Da hätte dann ja auch ein Dicker sein müssen, wenn es aus Stoffwechselgründen manchmal nicht klappt mit dem Abnehmen... Und ich wundere mich heute noch, warum die dicke Frau seither kein Wort mehr mit mir spricht.
Wie Kinder lauthals Böller zünden, versuche ich mich eben im Bau von Mindbombs. "Jemanden knacken", nennen sie das in manchen Glaubensgemeinschaften.
"Ein Elefant poppt alles auf der Welt, weil ihm das Poppen so gefällt. Am liebsten poppt er kleine Spatzen, weil die am Schluss so lustig platzen", schickte man mir vor Jahren anonym aufs Handy. Als wäre ich verklemmter Typ einer, der in Discos umherstreicht, Mädels aufzureißen. Aber irgendjemand hat sich wohl von meinen Mindbombs quasi vergewaltigt gefühlt.
Warum poppen Menschen? Wer eine Antwort auf diese Frage weiß, der weiß auch, warum Kinder böllern und warum ich mich für Mindbombs begeistere.
- Philosophie ist für mich kein reines Feierabendvergnügen. Beinahe bin ich besessen davon, hinter all den wuselnden Sims die Algorithmen zu finden, die sie tun lassen, was sie tun. Natürlich, wenn man Strg, Alt und Entf drückt, wird zu besichtigen sein, dass der Rechner auch jede Menge Leerlaufprozesse fährt, etwa wenn Millionen Sims in der Sonne dösen. Jene Wüste Gedankenlosigkeit, die mich schon von Ferne zu Freitodphantasien hinreißt. Wäre ich Lehrer oder Geistlicher, hätte ich mich wohl längst aufgehängt. So aber rettet mich jene Ungewissheit, dem Leben mit Klischees vielleicht Unrecht zu tun, und nur aufgrund bedauerlicher Einzelfälle zu urteilen.
Bei sechs Milliarden Sims sorgen die Leerlaufprozesse selbstverständlich für jede Menge Abweichungen von den treibenden Algorithmen. Gewiss sein kann man sich also nie. Insofern greife ich wie ein Stürzender nach jeder Hand, welche schlichte Gedankenlosigkeit umdeutet in schweigende Weisheit, und so Badeurlauber formt zu Zen-Meistern.
- in Bewegungen zu leben, es fällt mir leicht und schwer zugleich. Marschieren etwa kann ich grandios. Mit zehn Kilo Gepäck auf dem Rücken zwanzig Kilometer weit, da war ich während meiner Bundeswehrzeit der Beste. Aber ich kann nicht im Gleichschritt marschieren. Andauernd "verschleppte" ich den Schritt. Das Formaltraining war für mich ein Grauen. Ebenso verhält es sich beim Tanzen: Als Kind konnte ich Stunden mit der Hitparade verbringen. Aber die vorbestimmten Schritte einer Tanzschule kamen mir nie in den Sinn.
Gerade dieses Gleichmaß scheint es jedoch zu sein, das die Menschen fasziniert. Sich geborgen als Teil eines Größeren zu erfahren. Folgerichtig herrschen beim Tanz szenetypische Trachten und Uniformen. Wenn es als Lebensziel darum geht, sich derart aufzulösen, ist etwa ein namenloses Holzkreuz auf dem Soldatenfriedhof fast schon das Ziel allen Wollens. Es mag somit auch geklärt sein, warum viele über formalisierten Smalltalk nicht hinaus mögen. Selbst das Intimpiercing ist ja bloße Vorgabe aus dem Katalog des Zeitgeistes. Ein frivoles Wegtreten ins Glied.
Beinahe scheinen mir Tanzschulen als spielerische Gewöhnung an spätere Arbeitseinheiten. Jenes Harmonisieren am Fließband, jenes fließende Scannen an den Kassen. Alles fließt. Geübte Tänzer sind klar im Vorteil, glaube ich, wenn es um den "Mitarbeiter des Monats" geht.
- jetzt bin ich unsicher, was für ein Martyrium es ist, seine Mitmenschen nicht zu missbrauchen? Mir Nestwärme erschwindeln, um mich liebenswert zu fühlen. Womöglich noch von halben Kindern, die lediglich auf dem Papier volljährig sind? Es langt nicht, dass die Leute einen Lieben Gott brauchen, er muss auch noch eine Handynummer haben. Allzu viele werden eben nicht weise, sondern einfach nur alt.
In diesem Sinne bin ich interessiert an Promis, die glauben, es gäbe für Frauen kein schöner Traumland, als einen Promi zu befriedigen. Wenn solch Promis wegen Missbrauchs gerichtlich einvernommen werden.
Im Grunde geht es meist um das heimtückische Nutzen des Erlöserkultes: Laufen die Dinge, wie sie laufen, werden wir alt und krank, viel mehr passiert nicht. Frauen wissen das, alle wissen das. Ohne diese Verzweiflung raunend im Hintergrund, gäbe es jenes brüllende Nachtleben unserer Städte kaum. Azubinen. Gehilfinnen. Discomuttis. Antanzen gegen den Tod. Und plötzlich mischt sich unter die Verblühenden jemand, der wirklich etwas herzuzeigen hat. Feuerrotes Panzerwerk. Geschmeide, weiß wie die Ewigkeit. Einer, der dem Tod auf Augenhöhe begegnet. Welche Frau vermag solcher Erscheinung anders zu begegnen, als mit Hingabe?
Umso kälter ihre Asche, wenn umgekehrt der Promi solcher sich emsig Hingebenden überdrüssig wird: "Schön war unsere Zeit, kostbar jeder Augenblick. Nun macht aber mal weiter Großraumbüro, bis Ihr nur noch dorniges Gestrüpp seid!"
Wenige von uns, die dermaßen Geschändete nicht zu einem Scharfrichter begleiten würden, dort um alle Brutalität der Heiligen Schrift nachzusuchen, nach deren Vollstreckung allein wimmerndes Etwas zurück bleibt: "Bringt ihn zu seiner Mutter, ihr Sohn ist ihr neu geboren worden!"

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- ein Glauben an die Liebe ist mir zu soft. Erst im Willen zur Liebe zeigt sich der grimmige Krieger, der es bis zur eisernen Hochzeit bringt.
Mein Leben lang habe ich aus einer inneren Fülle heraus gehandelt, die ich vor meinem verfaulenden Fleisch bewahren wollte. Wie eine Titanic, die Rettungsboot um Rettungsboot zu Wasser lässt. Als Kapitän eines leeren Schiffes will ich den Tod erwarten. Kein Pleitier bin ich dann, der dringend sein Himmelreich braucht.
Thomas Mann, Franz Kafka, Fernando Pessoa... alle haben sie bewiesen, dass man der Welt mehr geben kann, als die eigene Bedürftigkeit. Und alle brauchten sie nicht Mengen an Weibern, um sich selbst zu lieben.
- wäre die Ersatzreligion "Liebe" auch nur einen Cent wert, würden Jünglinge Hand in Hand mit Greisinnen zum Straßenbild gehören. Tatsächlich aber ist die Praxis unserer Liebe derart selektiv, dass sie mich anwidert. Wenn ich "17 Jahr, blondes Haar" singe, dabei aber eine Greisin über den Haufen renne, mag ich einfach nicht mehr von der Liebe schwatzen. Zu sehr ekle ich mich dann vor mir selbst und vor meinen Mitmenschen.
- sicher gibt es im Nachtleben keinen Bock, dem man nicht irgendeine Absicht unterstellt. Paradoxerweise aber betonen zum Morgengrauen hin gerade die Böcke ihr absichtsloses Handeln. Wenn jemand als Freier kommt und als Vater geht, war das dann Absicht? All die Philosophen, welche sich zu ihrem Liebchen in die Kitchenette stellen, und wenn sie sich später ergießen, ich mag darin keine Absicht sehen. Zur Beweisführung, kann man einige Döser in der Bahn wachrütteln, sie nach ihren Absichten befragen. Lauter zielstrebig ausschauende Fassaden, hinter denen Handlung ratlos neben Handlung steht. All die Scharmützel, natürlich, wo man sich mit voller Absicht etwas rausgeschunden hat. Mal einen Fuffi zusätzlichen Rabatt im Möbelhaus, mal einen Parkplatz direkt vorm Restaurant. Tatsächlich aber ist wohl allgemeingültig, was man Teenagern auf dem Friedhof hinterher ruft: Sie wollten einfach nur leben! Ja, die Weisen des Himalaya, wie sie noch aus dem abseitigsten Erdloch steigen: Lebe!
Ach, kuck, die Ehebrecher, die habe ich schon gar nicht mehr richtig auf dem Zettel. Eher würde ich Hunde vor Gericht stellen, weil sie über junge Hammel hergefallen sind, als mich nach den Absichten eines Ehebrechers zu erkundigen. All die Jahre, in denen er angeblich nur funktionierte, wie in Trance lebte, kurz vor dem Ersticken war, ehe eine Muschi von einer Seelengefährtin ihn zu seiner vollsten Größe erweckte. Sagt, geht es noch absichtsloser?
- Seelsorge hat ihre ganz eigene Komik.Wie etwa mit einer 37-jährigen Frau umgehen, die jemanden sucht, der "ganz für mich da ist"? Immerhin sitzt einem eine Wohlstandsbürgerin gegenüber, welcher früh schon das Himmelreich versprochen worden ist. Will ein Therapeut also fleißig Stunden abrechnen, fängt er jetzt besser nicht davon an, dass Männer, wenn sie 37 sind, unter "Himmelreich" mindestens eine 27-jährige verstehen. Wie also deutet man es, wenn sich die Männerwelt regelmäßig aus dem Staub macht, so bald sie zum Schuss gekommen ist?
Sofort beendet ist das Gespräch, wenn man der 37-jährigen empfiehlt, ihr nächstes Kontaktgesuch der Realität anzupassen: "...gerne auch älter." Ein Senior, der sein spätes Glück kaum fassen kann, und für seine 37-jährige Freundin rund um die Uhr da ist.
Aber nein, Wohlstandsbürger sind aufs Himmelreich eingeschworen, also muss man ihnen auch so kommen. Es ist daher alles auf die Frage zu reduzieren, wie man den himmlischen Mächten auf halbem Wege entgegen kommt, damit sie den Rest hinzutun. Busen, Bauch und Beine spielen dann nartürlich keine Rolle. Vielmehr überfordere die 37-jährige ihre Lover regelmäßig mit Erwartungen. Man müsse daher in den nächsten Therapiestunden erarbeiten, wie sie sich richtig auf ihre Lover einlasse, damit diese nicht gleich das Weite suchen. Alles eine Frage des positiven Denkens und des positiven Rüberbringens.
So begegnet man Wohlstandsbürgern, so kann man ihnen sein Bemühen in Rechnung stellen.
- keine hundert Jahre her, und ich wäre 2010 am Ende meiner Lebenserwartung angelangt. Die Gräber von Kafka, Rilke und Pessoa hätten mir in jener Generation sicher Frieden geschenkt, hingegen mich heute sonnengebräunte Greise quälen. Es ist etwa wie bei einem großen Schachturnier: 1910 wären nur noch wenige Partien am laufen gewesen, während heute, dank eines in der Breite gewachsenen Wissens, selbst nach vier Stunden noch an hunderten Tischen gekämpft wird. Entsprechend peinlich, seine Figuren vor all den vielen Anwesenden in den Sack zu packen. Und so schleppt man eine Partie weiter, die im Grunde längst verloren ist: Seit meiner Bundeswehrzeit schreibe ich Prosa, Lyrik, philosophische Texte. Zwanzig Jahre. Und nichts davon ergreift mich auch nur annähernd wie etwas, das Hermann Hesse mal eben in einem Reisetagebuch notiert.
Mit solch Sterbensgefühl beginne ich das neue Jahr. Wenn aber heutzutage selbst 72-jährige Sänger vom großen Comeback lallen, wer geht mit mir? Gewiss möchte ich auch niemanden behelligen, der sich geleitet und behütet fühlt von einem Gottvater. Beinahe wünsche ich mir das Gemüt des 11-jährigen chSchlesinger zurück, der unter seinem letzten selbstgezeichneten Comic ein Adieu an die Leser verfasst. Wobei sich der 11-jährige chSchlesinger nicht daran störte, dass keiner außer ihm je diese Comics zu Gesicht bekommen hatte.
Wie viele Minusgrade, wie viele Stunden braucht es, bis jemand wieder 11 Jahre jung ist?

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- tarnen sich mit phantasievollen Kostümen, und tragen insgeheim schon die Kittelschürze. Sollen sie sich wenigstens zur Volksmusik bekennen, anstatt Interesse an Goethes Erbe zu heucheln.
- was ist der Gekreuzigte denn mehr als eine Puppe, die man vor uns hingehängt hat?
- sind schwarze Seelen ein Produkt roter Zahlen?
- ob es die Menschen übelnehmen, wenn man sie schlicht am Funktionieren hält? Sand ins Getriebe zu schütten, klingt ja eher nach einer Straf- als nach einer Wohltat.

Samstag, 17. Oktober 2009

Mein neues Leben.

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Freitag, 25. September 2009

Places.

Warum sind wir Wohlstandsbürger entsetzt, wenn jemand mit Anfang vierzig unheilbar erkrankt, warum werden an Krebs leidenden Siebzigjährige beruhigt, dass der Krebs sicher nur "eine Episode" sei? Oft fühle ich mich schrecklich verkehrt mit meinem aus Jahrtausenden gewonnenen Lebensgefühl. Einem Lebensgefühl, das Goethe bereits im 50. Lebensjahr als "ehrwürdigen Greis" erkannte. Und verwehen nicht überall auf der Welt Millionen Menschen wie Gras? Wahrscheinlich gleicht unser Lebensgefühl sich der Zivilcourage an: Was drei Abteile weiter passiert, geht einen nichts an, ist also quasi nicht vorhanden. Anders kann ich es mir schwer erklären, dass Christen regelmäßig unbeeindruckt sind von Hindus und Buddhisten. Als habe der Christengott Kontinente mit Irrglauben verfinstert. Ein ödes Nirwana, wo wir doch in Wirklichkeit Mama und Papa wieder in die Arme schließen dürfen.
Teile ich nun mein Leben durch Milliarden gelebte Leben, komme ich zu dem Endergebnis, meine kleine Reise heute vielleicht zum letzten Male angetreten zu haben. Der "Berg des Schicksals", auf dem ich am 7. Juni 1985 zum ersten Male jenes Gefühl von Freiheit empfand, die Welt erobern zu können. Wenige Augenblicke nur, während sie ringsum Segelflieger steigen ließen, welche wir im Werkunterricht gebastelt hatten.

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Konnte ich jenes rasende Gefühl von Freiheit im August 1999 und im Mai 2001 noch nachempfinden, als ich des Gedenkens wegen erneut dort hinauf kraxelte, so ist es jetzt eher die Freiheit des Heimkehrenden, die ich suche: Getan zu haben, was ich tun konnte.
Mein Leben führte ich immer mit einem gewissen Umweltbewusstsein. Tragfähiges schaffen wollte ich. Für kommende Generationen. Vielleicht hätte ich dem Leben so an anderer Stelle ein nützlicheres Werkzeug sein können, als als Kleinkünstler, aber wer kann das schon wissen?
Statt die Welt zu erobern, nun also der Friede, heimzukehren an die Orte meiner Kindheit. Jene Straßen, die immer noch sind, obwohl sie längst nicht mehr sind.
Mein Leben lang haben mich die Realitäten fasziniert, wann wir träumen und wann wir wachen. Ob das Jenseits unserer Träume weniger ist als ein Diesseits, das wir aus der Mitte unseres Bewusstseins heraus erleben, obwohl wir tatsächlich allein am Rande stehen.
Die Fassade des Glashütter Einkaufszentrums etwa, wie mag sie für andere "real" sein: Empfinden andere sich dort auch als das Kind, das selig in einer Werbung für allererste Spielkonsolen von Atari blätterte, das im Pro-Markt gegenüber seinen ersten Band "Superman" geschenkt bekam? Hier spendierte meine verstorbene Großmama mir ein Zitroneneis, hier pflückte ich Löwenzahn für mein Kaninchen "Albi". Was für andere nur Steine sein mögen, lebt und atmet in mir. Traum? Realität?
Ich habe die rechte Tageszeit gewählt. Dutzende Schüler juckeln ins Wochenende, prahlend, johlend oder selbstvergessen mit der Gitarre an der Hand. Fünfundzwanzig Jahre her, seit ich zum letzten Male mit meinem Schulranzen in den Gilcher Weg einbog. Direkt neben dem Straßenschild die "Bathöhle". Der Sandkasten am Ende der 34 b abgedeckt, eine Bank daneben für älteres Publikum. Alles so klein, so eng, so vergangen, mit wenigen Schritten zu durchmessen.
Wo im Einkaufszentrum Träume von Spider-Man verkauft wurden, jetzt ein Nagelstudio. Tattoos und Piercings haben sie auch im Angebot. Körperphantasien sind gefragt heute.
Es gibt den Chinamann noch! 1982, nach einer Klassenreise an die Ostsee: So glücklich war ich, wieder daheim zu sein. Und am Abend dann Hand in Hand mit meinen Eltern zu eben jenem Chinamann. Boxenstopp!
Eine alleinspeisende Frau vorgerückten Alters. Sie bestellt Wein zum Essen. Eine Familie. Die Tochter kauert über ihrem Gameboy, die Eltern blättern in Zeitschriften.

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Wo im Glashütter Einkaufszentrum das Hauptgeschäft meines Comichändlers "Holz" war, mit Figuren von Asterix & Obelix und Miniaturen ägyptischer Krieger, ist jetzt "Kik", wo ein freier Blick auf das evangelische Gotteshaus herrschte, haben sie einen Aldi vorgeknallt. Ich verzichte auf Fotos.
Am Ende, am Ziel dann der "Berg des Schicksals". Kein unbeschwertes Kraxeln Richtung Gipfel mehr. Stattdessen horche ich auf meine Bronchien, ob sie sich verengen unter der Anstrengung. Ich bin es so leid! Das hundeelende Gefühl am Morgen jedes einzelnen Schultages, das ließ sich händeln. Nie musste ich mich in aller Öffentlichkeit übergeben, nie ließ ich mich beherrschen von meinen Panikattacken. Aber gegen den Tod, gegen den kann ich nicht gewinnen.
Mit dieser Übermacht im Nacken, eröffnet sich mir nun auf dem Gipfel ein anderer Horizont: die Zeit, sie verrinnt! Gab ich mich nach der Schule mit einer Tafel weißer Schokolade für Stunden dem Commodore 64 hin, weil Morgen eben auch noch ein Tag war, stehe ich jetzt unter der Hochspannung Sterbenskranker. Ein intensives, ein erschöpfendes Leben. Keine Zeit, dort oben zu Atem zu kommen, zu Träumen, Mensch zu sein. Mit zwei Kameras beschieße ich die wundervolle Aussicht. Bam! Bam! Bam! Damit ich am späten Abend noch die daraus geformte Kunstgestalt in den Space frei lassen kann. Denn eines habe ich vom Leben erfahren, es wird von unseren Abbildern des Lebens bei weitem übertroffen. Für kommende Generationen sind Abbilder gar die einzige Währung. Erleben ist unteilbar. Ein sich wohlbefindender Mensch, der vielleicht bald schon wie ein Vogel von der Stange fällt. Und allzu oft begeistern wir uns für unser Federvieh mehr als für Mitmenschen, die sich einen Tag im Grünen gemacht haben. Höfliches Interesse. Freundschaftliches Interesse. Eine Insel kann kaum einsamer sein. Wenn mir keine Abbilder meines Erlebens gelingen, bin ich lebendig begraben.

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Als ich den Berg hinabgestiegen war, entspannte ich mich langsam. Mission erfüllt. Noch bevor die Nacht von neuem über mich herfallen konnte, würde ich ein weiteres Abbild von mir in die Welt gestellt haben. Für den Tag hatte ich dann getan, was ich tun konnte. Und es wird bis ans Ende meiner Tage nicht mehr nötig sein, zum "Berg des Schicksals" zurück zu kehren. Es ist nicht mehr meine Welt.

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Mittwoch, 16. September 2009

Ein alter Vogel und seine Viola.

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Die Wirtin gibt mir einen Brief. Einen Brief von Viola! Sie muss mittlerweile verheiratet sein, aber ihre Schrift erkenne ich sofort. Seit wie vielen Jahren ist der Kontakt abgerissen? Zwei eng mit dem Computer beschriebene Seiten, ein handschriftlicher Nachtrag. Wahrscheinlich, weil der Brief zurück kam: "Unbekannt verzogen." Ich mag gar nicht mit der Wirtin schimpfen, dass sie mir Violas Brief vielleicht über Monate vorenthielt. Jetzt hat er mich erreicht, welch ein Glück!
Ich ziehe mich in den hintersten Winkel der Gastwirtschaft zurück. Augenblicklich verlischt das Leben ringsum. Der Brief von Viola und ich, wir sind allein im Dunkeln. Und es ist genug, es ist uns zum Weiterexistieren genug. Vielleicht kann mein Bewusstsein auf einer Ebene Jahrtausende überdauern mit der Frage, was wohl in Violas Brief stehen mag?
Aber für dieses Mal noch dringt das Morgenlicht durch in mein Sein. Du träumst! Mit Macht versuche ich zurück zu kommen in den Traum: Den Brief aufreißen, und vielleicht drei, vier Worte noch lesen können! Aber zu früh. Das Leben hat mich wieder. Jener blaue Himmel, der so hungrig macht und so wenig satt.
Selbst wenn ich Viola jetzt google mit dem Nachnamen, der auf ihrem Brief stand, was soll es? Worte sind im Leben nur Worte. Keine Ewigkeit, in der wir für immer sein können.

Donnerstag, 10. September 2009

Meine Muse, ein Brecheisen.

Kunst, wie ich sie verstehe, will verschlingen, nicht gefallen. Wenn ich auch nur ein Wort bloggen würde, um beliebt zu sein, bliebe ich eine Laune der Natur. Besessen sein will ich von jenem Irrsinn, der mich seit Jahrzehnten dazu quält, an einem meisterhaften Kunstwerk zu scheitern. Einem Kunstwerk, das alles beiseite fegt in jenen, die davon berührt werden, und das sie heraus bricht aus Sitten, Ritualen und Tabus.

Mittwoch, 9. September 2009

Buschfeuer.

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Auf dem Papier leben oder gut im Fleisch sein?

Als Kind, da war ich Spiderman, Batman, Luke Skywalker, was Ihr wollt. Noch heute sehe ich auf hohen Gebäuden Spiderman stehen, wie er in die Ferne schaut.
Das Interesse am Freitod keimte erst mit der "Liebe": Nicht mehr länger begehrte ich unsterbliche Kunstfiguren, sondern ich bekam eine irrsinnige Lust auf verderbliches Fleisch. Spiderman opferte sich weiter auf in der Heldentat, während ich mit Macht dem Sinnesrausch verfiel. Ein Zombie, der stöhnend zwischen Leere und Fülle taumelt.

Linny. (2)

Ich sah auf mich hinab: Cordhose, wolfsgrau, und ein abgelegtes Hemd meines Vaters. Bisher hatte ich nie in Mode gemacht. Bevor Linny mir erschien, sorgte ich mich allein darum, im Werkunterricht und überhaupt bloß keine Chemie zu atmen. Mir mit glänzend gelackten Oberflächen den Verstand zu benebeln, davor schob ich Panik.
Seit Linny aber spürte ich mit einem Male Büx und Jack als die wahren Urgetüme allen Lebens: Respekt konnten sie mir verschaffen, oder mich zum Niemand herabwürdigen. Und was nützten einem Niemand seine paar Groschen mehr an Verstand?

Sonntag, 6. September 2009

Schlesinger mini.

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Linny. (1)

Kein Zweifel, mein Weg in den Tod begann mit zwei Eintrittskarten. Die Eintrittskarten waren vor Hitze zu schützen und fühlten sich gleichgültig an in meiner Hand. Als hätte ich nicht wochenlang nach der Schule für sie geschuftet. Kisten gepackt bei ‘nem Typen, der nackte Männer an der Wand hatte, und mir dauernd vorschlug, "Du" zu ihm zu sagen. Arsch!
Ich hielt die Eintrittskarten in den Himmel, als könnte ich mit so ‘ner Siegespose etwas beweisen: Ein Held des Abendprogramms, der vorm letzten Werbeblock die Tickets ins Paradies herzeigt. Andauernd spielte ich Schnulzen nach! Wenn ich hier auf dem "Berg" stand, der im Grunde nur ein Hügel Baggersand war, fühlte ich mich meist wie ein mordsmäßig trainierter Boxer, der kurz davor war, dem Weltmeister tüchtig auf die Nase zu geben.
An jenem Tag aber, mit den beiden Eintrittskarten in der Hand, war es anders: "Oasis" las ich darauf, zweimal "Oasis". Mich erinnerte das an eine Wüste. Fette Sonne und überall Gerippe.
"Sisao", probierte ich es rückwärts: Als würde ich Depp eine Schlange beschwören! Drumherum Buden, die fröhlich taten, und wehende Fahnen. Ein Rummel, der sich bemühte, keine Wüste zu sein.
"Oasis": Vorwärts wie rückwärts brauchte ich Willenskraft, mir statt des Papiers ein Tamburin in die Hand zu träumen. Sein Tamburin! Cool werden wie Liam Gallagher, der Sänger von Oasis. Ich schwenkte ein wenig meine Hüften, bäumte mich probeweise auf - und hatte am Ende doch nur sandige Turnschuhe. Abgelatschtes Plastik. Schritt für Schritt Erinnerung daran, wie unehrenhaft ich die Schule bald verlassen musste. Wenn einer Träume nötig hatte, dann ich.
Aber wem denn gab Liam Gallagher mit seinem Tamburin den Takt vor, wem? Hände waren das, tausende Hände, die sich da in den Himmel reckten. Keine Köpfe! Nirgends! Solch Schwarm von einem Vorsänger hätte ich sofort Lebewohl gesagt - wäre nicht jenes Mädchen in der ersten Reihe gewesen: Das konnte ich mir ausmalen! Ein Irrsinn an Farbe, der mir durchs Hirn flutete. Fuchsrotes, sich wellendes Haar. Wangen, so rosig, als wären sie jenen Engeln nachgebildet, die das Himmelsrund der Kathedralen schmückten. "Linny", probte ich leise den Namen des Mädchens, "Linny!"
Keinesfalls durfte ich dem Zufall überlassen, mit welcher Geste ich Linny die Karten für das Konzert von Oasis präsentierte. Sonst wirkte ich am Ende wie ein Kleines, das sein Fläschchen herschenken will.
Lange sah ich hinaus auf das weit sich erstreckende Grün. Hamburg ganz klein in der Ferne. Als käme ich von den Sternen, so wollte ich vor Linnys Angesicht treten. Weder Fußball spielen konnte ich noch Schwimmen. Für Sterbende begeisterte ich mich mehr als für Popstars. Das war doch alles wie von einer anderen Welt, oder?

Samstag, 5. September 2009

Kibera.

Eine Million Menschen. In Hütten. Ohne Wasser. Ob ich an einem solchen Ort meinen Frieden finde?
Beten oder Boxen. Mehr steht selten zur Wahl in Slums wie Kibera. Wenig Möglichkeiten also, über verpasste Chancen nachzugrübeln. Und wie wird mir das Sterben leicht, wenn die Menschen um mich herum verwehen wie Gras?
Will ich nicht erdrückt werden von meinem überspannten Lebensentwurf eines unsterblichen Daseins als Künstler, muss ich mich hineinsteigern in den Slum. Die sonnengebräunten Greise, die tausend Freunde im sozialen Netzwerk: das sind Lügen! Millionen sind kaum lange genug am Leben für einen Freund. Alles darüber hinaus ist Gnade, kein Muss.

Dienstag, 1. September 2009

The Window.

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All I can do is look up from the train at the windows in the buildings that might be hers. Every one of them could be her window, it sometimes seems to me, and at other times I think none of them could be hers. There are simply too many of them.

Haruki Murakami.

Freitag, 21. August 2009

Sofort aufhören!

Es war einer der Abende, die kein Ende nehmen... Gegen vier Uhr morgens, nach endlosen Gesprächen, zahlreichen Gläsern Wein und vor allem viel zu vielen Zigaretten, gingen wir dann endlich ins Bett.

Ich schlief ruhig und entspannt, bis ich gegen zehn Uhr mit dem vagen Gefühl erwachte, dass etwas Bedrohliches mit mir geschehen sei: Die Luft, die ich einzuatmen gedachte, kam einfach nicht mehr da an, wo ich sie hinatmen wollte. Sie blieb mir vorne in der Brust stecken. Auf halber Strecke war einfach Schluss. Ich versuchte noch einmal, mit aller Konzentration tief durchzuatmen - und musste husten. Die unteren Lungenflügel blieben leer...

Ich fügte mich in das durch den vermeintlichen "Zigaretten-Kater" verursachte körperliche Unwohlsein. Ich ging davon aus, dass es mir im Laufe des Tages schon wieder besser gehen würde. Doch die beklemmende Atemnot blieb. Wir frühstückten mit unseren Freunden, ich ging hinaus an die frische Luft - aber die Atembeschwerden wollten sich einfach keinen Deut bessern. Meine Lungen versagten mir unerbittlich den einen tiefen, den befreienden Atemzug...

"Ja, verstanden. Das ist jetzt einfach so. Aber wie steht es mit der Behandlung der Krankheit? Und was kann man tun, damit die Atemnot weggeht?" Der darauf folgende Satz war der Wendepunkt meines Lebens. Der Professor sah mir in die Augen und sagte: "COPD ist nicht heilbar."

Roland Kaiser.

Donnerstag, 13. August 2009

Die Poesie meines Vaters.

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Vollmondnacht im September. Mit seinem freundlichen, ewigen Lächeln lässt der Mond sein mildes Licht auf die schlafende Erde fluten, und der Nachthimmel spannt sich wie ein silbergraues Gewölbe, unendlich hoch und gewaltig, über das ruhende Land. Milchige Nebelschwaden steigen aus den Wiesen herauf, umhüllen den Wald wie mit einer Decke.
Ich lasse meinen Blick über die Wiesen schweifen, die der Mond in ein blasses, mattes Licht getaucht hat. Als verzauberte Elfen und Feen huscht sein Strahlen über das Gras. Es scheint, als tanzten sie mit Zwergen und Gnomen über die schimmernden Matten hin. Das feine Rauschen des Windes in den Kronen der Pappeln spielt ihnen auf. Würdig, mit ganz sachtem Flügelschlag, senkt sich ein Nachtvogel auf die Flur, als wolle er sie beim nächtlichen Reigen nicht stören...

Hans-Rüdiger Schlesinger
21. September 1959

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Samstag, 8. August 2009

On the Beach.

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Freitag, 24. Juli 2009

Weit über den Tellerrand geschaut.

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Da selbst Gegenstände des täglichen Gebrauchs oftmals länger leben als die Menschen, die sie einst erwarben, habe ich mit den Jahren gewisse Leidenschaft entwickelt für die Geschichte dessen, was in den Augen vieler nur Sperrmüll ist. Groß war daher meine Freude, als in der Teeküche eines moderne Zweckbaus dieser Teller zum Vorschein kam:

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Das wohl letzte Teil eines Kaffeeservices, welches spätestens Anfang der 1970er Jahre in den Besitz meiner Eltern gelangt sein musste. Für die meisten nur ein schäbiger Teller, für mich aber ein ganz besonderer Blick heimwärts: Wahrscheinlich war der Teller bereits, als ich selbst noch nicht war. Vielleicht stand er auf dem Wohnzimmertisch, als meine Mutter mit mir Neugeborenem aus dem Krankenhaus kam?
Ein stiller Diener, der mich einst im Diesseits empfing, und der mich vielleicht ins Jenseits geleiten wird. Solch verdiente Zeitgenossen muss ich einfach ehren.

Dienstag, 14. Juli 2009

IQ 132.

IQ

Dreißig Jahre nachdem ich den Test absolvierte, ist es sicher an der Zeit für eine Bilanz, was mir meine Intelligenz gebracht hat?
Untergeordnete Stellung, kein Geld, wenig Liebe. Beliebt sein ist totlangweilig, Geld bewahrt mich nicht vor dem Verfaulen - und wer soll mich in Amt und Würden achten, wenn selbst über Staatsoberhäupter gelästert wird?
Viele Irrwege ersparte ich mir in dem Bewusstsein, dass Hermann Hesse ein Buchhändler war und Thomas Mann das Abitur versagt blieb. Spätestens mit zwanzig war ich davon besessen, unsterblich zu werden. Ein "High Hoper", der dem Leben das Maximum abtrotzen will.
Aus rundum befriedeten Gotteshäusern zwang mich meine Intelligenz hinaus auf die Boulevards der Städte. Und seither rede, brülle, kreische ich hinein in jenen wunderschönen Abgrund an Gleichgültigkeit, den wir Schöpfung nennen.
Vom Schachspiel her weiß ich, dass Kleinmeister zu 95% Züge machen wie Großmeister. Aber die 5% sind es dann eben. Und so werde ich wohl als einer jener Kleinkünstler enden, die irgendwann in sich zusammen sinken und grußlos vom Boulevard geräumt werden.
Ein "High Hoper", der nichts mehr in seinen leblosen Händen hat, als jenen Zettel aus fernen Kindertagen.
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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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