Freitag, 25. September 2009

Places.

Warum sind wir Wohlstandsbürger entsetzt, wenn jemand mit Anfang vierzig unheilbar erkrankt? Warum werden an Krebs leidenden Siebzigjährige beruhigt, dass der Krebs sicher nur "eine Episode" sei? Oft fühle ich mich schrecklich verkehrt mit meinem aus Jahrtausenden gewonnenen Lebensgefühl. Einem Lebensgefühl, das Goethe bereits im 50. Lebensjahr als "ehrwürdigen Greis" erkannte. Und verwehen nicht überall auf der Welt Millionen Menschen wie Gras? Wahrscheinlich gleicht unser Lebensgefühl sich der Zivilcourage an: Was drei Abteile weiter passiert, geht einen nichts an, ist also quasi nicht vorhanden. Anders kann ich es mir schwer erklären, dass Christen regelmäßig unbeeindruckt sind von Hindus und Buddhisten. Als habe der Christengott Kontinente mit Irrglauben verfinstert. Ein ödes Nirwana, wo wir doch in Wirklichkeit Mama und Papa wieder in die Arme schließen dürfen.
Teile ich nun mein Leben durch Milliarden gelebte Leben, komme ich zu dem Endergebnis, meine kleine Reise heute vielleicht zum letzten Male angetreten zu haben. Der "Berg des Schicksals", auf dem ich am 7. Juni 1985 zum ersten Male jenes Gefühl von Freiheit empfand, die Welt erobern zu können. Wenige Augenblicke nur, während meine Klassenkameraden ringsum die Segelflieger steigen ließen, die wir im Werkunterricht gebastelt hatten.

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Konnte ich jenes rasende Gefühl von Freiheit im August 1999 und im Mai 2001 noch nachempfinden, als ich des Gedenkens wegen erneut dort hinauf kraxelte, so ist es jetzt eher die Freiheit des Heimkehrenden, die ich suche: Getan zu haben, was ich tun konnte.
Mein Leben führte ich immer mit einem gewissen Umweltbewusstsein. Tragfähiges schaffen wollte ich. Für kommende Generationen. Vielleicht hätte ich dem Leben so an anderer Stelle ein nützlicheres Werkzeug sein können, als als Kleinkünstler, aber wer kann das schon wissen?
Statt die Welt zu erobern, nun also der Friede, heimzukehren an die Orte meiner Kindheit. Jene Straßen, die immer noch sind, obwohl sie längst nicht mehr sind.
Mein Leben lang haben mich die Realitäten fasziniert, wann wir träumen und wann wir wachen. Ob das Jenseits unserer Träume weniger ist als ein Diesseits, das wir aus der Mitte unseres Bewusstseins heraus erleben, obwohl wir tatsächlich allein am Rande stehen.
Die Fassade des Glashütter Einkaufszentrums etwa, wie mag sie für andere "real" sein: Empfinden andere sich dort auch als das Kind, das selig in einer Werbung für allererste Spielkonsolen von Atari blätterte, das im Pro-Markt gegenüber seinen ersten Band "Superman" geschenkt bekam? Hier spendierte meine verstorbene Großmama mir ein Zitroneneis, hier pflückte ich Löwenzahn für mein Kaninchen "Albi". Was für andere nur Steine sein mögen, lebt und atmet in mir. Traum? Realität?
Ich habe die rechte Tageszeit gewählt. Dutzende Schüler juckeln ins Wochenende, prahlend, johlend oder selbstvergessen mit der Gitarre an der Hand. Fünfundzwanzig Jahre her, seit ich zum letzten Male mit meinem Schulranzen in den Gilcher Weg einbog. Direkt neben dem Straßenschild die "Bathöhle". Der Sandkasten am Ende der 34 b abgedeckt, eine Bank daneben für älteres Publikum. Alles so klein, so eng, so vergangen, mit wenigen Schritten zu durchmessen.
Wo im Einkaufszentrum Träume von Spider-Man verkauft wurden, jetzt ein Nagelstudio. Tattoos und Piercings haben sie auch im Angebot. Körperphantasien sind gefragt heute.
Es gibt den Chinamann noch! 1982, nach einer Klassenreise an die Ostsee: So glücklich war ich, wieder daheim zu sein. Und am Abend dann Hand in Hand mit meinen Eltern zu eben jenem Chinamann. Boxenstopp!
Eine alleinspeisende Frau vorgerückten Alters. Sie bestellt Wein zum Essen. Eine Familie. Die Tochter kauert über ihrem Gameboy, die Eltern blättern in Zeitschriften.

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Wo im Glashütter Einkaufszentrum das Hauptgeschäft meines Comichändlers "Holz" war, mit Figuren von Asterix & Obelix und Miniaturen ägyptischer Krieger, ist jetzt "Kik", wo ein freier Blick auf das evangelische Gotteshaus herrschte, haben sie einen Aldi vorgeknallt. Ich verzichte auf Fotos.
Am Ende, am Ziel dann der "Berg des Schicksals". Kein unbeschwertes Kraxeln Richtung Gipfel mehr. Stattdessen horche ich auf meine Bronchien, ob sie sich verengen unter der Anstrengung. Ich bin es so leid! Das hundeelende Gefühl am Morgen jedes einzelnen Schultages, das ließ sich händeln. Nie musste ich mich in aller Öffentlichkeit übergeben, nie ließ ich mich beherrschen von meinen Panikattacken. Aber gegen den Tod, gegen den kann ich nicht gewinnen.
Mit dieser Übermacht im Nacken, eröffnet sich mir nun auf dem Gipfel ein anderer Horizont: die Zeit, sie verrinnt! Gab ich mich nach der Schule mit einer Tafel weißer Schokolade für Stunden dem Commodore 64 hin, weil Morgen eben auch noch ein Tag war, stehe ich jetzt unter der Hochspannung Sterbenskranker. Ein intensives, ein erschöpfendes Leben. Keine Zeit, dort oben zu Atem zu kommen, zu Träumen, Mensch zu sein. Mit zwei Kameras beschieße ich die wundervolle Aussicht. Bam! Bam! Bam! Damit ich am späten Abend noch die daraus geformte Kunstgestalt in den Space frei lassen kann. Denn eines habe ich vom Leben erfahren, es wird von unseren Abbildern des Lebens bei weitem übertroffen. Für kommende Generationen sind Abbilder gar die einzige Währung. Erleben ist unteilbar. Ein sich wohlbefindender Mensch, der vielleicht bald schon wie ein Vogel von der Stange fällt. Und allzu oft begeistern wir uns für unser Federvieh mehr als für Mitmenschen, die sich einen Tag im Grünen gemacht haben. Höfliches Interesse. Freundschaftliches Interesse. Eine Insel kann kaum einsamer sein. Wenn mir keine Abbilder meines Erlebens gelingen, bin ich lebendig begraben.

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Als ich den Berg hinabgestiegen war, entspannte ich mich langsam. Mission erfüllt. Noch bevor die Nacht von neuem über mich herfallen konnte, würde ich ein weiteres Abbild von mir in die Welt gestellt haben. Für den Tag hatte ich dann getan, was ich tun konnte. Und es wird bis ans Ende meiner Tage nicht mehr nötig sein, zum "Berg des Schicksals" zurück zu kehren. Es ist nicht mehr meine Welt.

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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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