Sonntag, 8. November 2009

Eyland 90, 12.

"…jeder spielt solang er kann seine Rolle mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht schließlich ins Dunkel unter, ohne dass viel Aufsehens davon gemacht würde. Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als dass ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind; die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da, welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebaren sich von den indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden."

Hermann Hesse.

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Postkarte, 4. Oktober 2008.

Nun bin ich also abgefallen vom Baum des Lebens.
Zwar klammere ich im Geiste weiter an "meinem" Ast, aber was mir Hand war und Fuß fühlt sich leicht an wie Gewicht, dessen Grund mehr und mehr Kopf steht. Ein schweres Abrücken erst, ehe alles ins Stürzen gerät.
Du magst es nicht, wenn ich Dir solche Töne schreibe, das weiß ich. Weil Du vielleicht glaubst, Dein Sohn wende sich Dir zu von der Bank eines Friedhofes aus. Bedrückt durch Laub und hereinbrechende Nacht.
Tatsächlich brause ich gerade mit dem Frühzug in einen herrlichen Sonnenaufgang.
Erinnerst Du, wie Ihr mich immer wieder zu Bett bringen musstet, weil ich frühmorgens bereits nach dem Tag verlangte? Nie hat es für mich einen größeren Auftrag gegeben, als das erste Licht am Horizont. Allein die Ahnung sanften Blaus war mir Befehl, meine Ruhestätte zu verlassen.
Der Frühling schreibt Dir, Mutter. Dein Sohn wird immer Frühling sein. Ganz gleich, was um uns herrschen mag.

Hat mein Ordner mit den Papieren Dich erreicht? Es fiel mir leicht, mich so zu sortieren. All die Zeugnisse eines Daseins. Sei bitte nicht böse, dass ich die Glückwünsche zu meiner Geburt bewahrt habe. Besonders die Unterschriften Deiner Kolleginnen taten es mir an. Das Fräulein Moll etwa, das ihr "o" verzierte zu einem strahlenden kleinen Erdenrund.
Meine Singlebutze habe ich soweit besenrein übergeben. Es wurde mir versichert, dass deswegen niemand mehr an Dich herantritt. Man war überhaupt sehr lieb mit mir. Was muss ich auch für ein Anblick sein! Kaum mag ich über die Höhlen streichen, die mal meine Augen waren. Man gewinnt schon deutlich an, nun ja, Profil.

Postkarte, 4. Oktober 2008

Mein Lebtag bin ich zu früh gewesen. Erst in einer Stunde werde ich abgeholt. Zeichen haben wir weiter keine ausgemacht. Die kennen ihre Leute, wie könnte man sie auch übersehen? Bis dahin sitze ich hier unter einer Reklame für Speiseeis. Die Frau vom Kiosk erlaubt es mir. Deinem Sohn wäre zwar mehr danach, von einem Ende des Bahnsteiges ans andere zu spazieren. Aber es haben sich bereits Zeitungsleser und Freunde des Kreuzworträtsels dort eingefunden. Das soll mein Blick zurück auf die Werktätigen nicht sein.

Ohnehin ist wenig zu erinnern. Ich könnte Dir vom Gras schreiben, wie es sich an meinen Wegen dem Wind ergab. Von den Farben der Blätter. Vom Löwenzahn, den ich unseren Kaninchen einst pflückte. Mehr Heimat hat es für mich im Leben nicht gegeben.

Postkarte, 4. Oktober 2008

Am Bahnhof hielt ich die Zeit über Ausschau nach einem Kleinbus. Tatsächlich sprach mich der Fahrer einer Limousine an. Keine professionelle Freundlichkeit, eher die eines Geistlichen. Letztendlich erwies sich sein Dienst gar als ein Ehrenamt. Bisher hat er kein Wort zu viel verloren. Was sollten wir auch miteinander reden? Die Karte zeigt die Landschaft in ihrer Weite so, wie Dein Sohn sie gerade genießt. Zweimal bat ich den Fahrer bereits anzuhalten. Einmal wegen einer Vogelscheuche, deren bunte Lumpen flatterten wie Gebetsfahnen. Ich habe nie gewusst, was am Leben ernst gemeint ist.

4. Oktober 2008

Ob ich Dir schreiben darf von einem Lustgarten? Auf Trauerweiden war ich gefasst, auf ein Regenmoor vielleicht. Gewiss hatte ich nicht die Spätblüte im Sinn, die hier herrscht. Belebt durch ordentliche Meeresbrisen. Der wuchernde Efeu im Wappen des Briefpapieres möge Dir beweisen, in welcher Tradition man steht an diesem Ort. Auf meinem Zimmer liegen Schriften bereit über Sonnenwenden und den Erntedank. Einige noch verfasst vom Stifter selbst. Imposanter Mensch. Ein Gemälde von ihm schmückt die Empfangshalle. Man mag kaum glauben, dass sich hinter all dem Harnisch das Gemüt eines Kräuterweibleins verbirgt.
Hab aber keine Sorge, ich lasse mir alles freundlich gefallen. Als der Fahrer, welcher mich vom Bahnhof abholte, sich in der Empfangshalle dann doch mit mir bekannt machen wollte, ließ ich es geschehen. Wie bei einem Theaterstück, standen dafür sogleich zwei Rattanstühle bereit: Die Menschen hier wissen offenbar genau, was wann getan werden muss.
Ich solle ihn "Hengstmann" nennen, bat mich der Fahrer. Wem ich während der Fahrt geschrieben hätte? Dabei schien Hengstmann mir keineswegs neugierig. Vielmehr zählt er wohl zu den Menschen, die alle Welt an einem Sonntag daran erinnern, dass Sonntag ist.
Mein Schulterzucken war ihm nicht Antwort genug. Er lächelte und hielt eine Hand ans Ohr, als habe er nicht richtig gehört. Daran gewöhne sich einer! Ich begann also von Dir. Mit dem Kindergarten, wie ich am Zaun zur Chaussee stand und über Stunden nach Dir Ausschau hielt. Hengstmann nickte mehrmals, als wäre ihm während meiner Worte etwas in den Sinn gekommen. Ob ich Einwände hätte, wenn er mitschreibe? Und denk Dir, Hengstmann schreibt wie ein Künstler, der Skizzen aufs Papier wirft!
Stunden saßen wir uns so gegenüber, meine Reisetasche zu Füßen. Wir seien ab jetzt Komplizen!
Schulmediziner gibt es hier wohl auch. Ich werde mich ihnen Morgen vorstellen. Damit nicht zuletzt alles in Unordnung gerät. Du erinnerst sicher meinen Kinderarzt, wie er mich einst mahnte: Ich könne aufhören zu husten, ich wäre nicht krank.

5. Oktober 2008

Bisher verging kein Morgen, an dem ich nicht an einen Albtraum glauben mochte. Liegen blieb ich wie mit einem Raubtier im Raume. Auch bloß die Augen zu öffnen erschien mir bereits als eine Spur Leben zu viel. Lieber disziplinierte ich mein Bedürfnis nach Luft. Lieber hielt ich die Vorstellung aus, dass ich begraben sei und vergessen, als von dem, was mit mir im Raume sein mochte, gerissen zu werden.
Ich hörte, wie auf der Erde meine Nachbarn ihren Werktag begannen, der Postbote sich im Treppenhaus Briefkasten für Briefkasten vorarbeitete, wie Müll abgefahren wurde und unser Hausmeister zum Fenster hinaus grüßte. Weder gestattete ich mir, meine Arme zu fühlen noch meine Beine. Warum sollte ich fühlen, ob ein Bein über Nacht taub geworden war oder ein Arm bloß noch hinabhing? Da gab es nichts zu fühlen! Weil es verdammt nochmal Beine bleiben würden, mit denen ich munter zur Tür hinausspazieren konnte, und Arme, die winken wollten vor lauter Lust an ihrer Kraft.
Wahrscheinlich wäre ich bis zum Verhungern so liegen geblieben, hätte nicht der Arzt täglich bei mir geklingelt. Dann schreckte ich hoch wie ein Haufen Knochen, denen ihr Bewusstsein verblieben war. Kaum mochte ich meine Füße auf den Boden setzen! Weil mir war, als stünde ich auf Streichhölzern. Ich griff also nach dem Gehstock neben dem Bett. Als wäre ich im Bett das Opfer kindlicher Dämonen, als wäre ein Gehstock die höchste Reife eines Menschen auf Erden.
Wie unerhört aber bin ich heute erwacht? Unter der neuen Ordnung, die mir nun Obdach sein soll. Es muss im Schlaf jemand an meinem Nachttisch gewesen sein. Eine schlanke Vase Wasser stand dort. Mit einer Blume, deren Namen ich nicht weiß. Beides leuchtete im Licht des Morgens. Die Blume ihres Bodens beraubt, das Wasser seines Meeres. Und doch standen beide beinahe eitel für sich. Warum kann ich nicht auch so ohne Grund sein? Mit einem Male denke ich mich nicht mehr zur Asche eines Friedhofes, sondern zum Blütenstaub über hundert Wiesen. Ob es möglich ist, dass ich mich als mein letzter Wille derart in den Wind säen lasse?
Mag Wasser in einer Vase noch so abgestanden sein, es bleibt ihm die Verheißung, als Wolke dem Meer entgegen zu ziehen. Und gewiss hatte die Vorzeit lange keine Vorstellung von meiner Blume hier. Eines Frühlings aber ward sie von Mutter Erde hineingepflanzt in den Grund des Lebens. Bloß nach etwas Wasser aus und nach etwas Sonne. Ist denn alles Dasein verdammt, dem es an Bewusstsein mangelt?
Viel wichtiger warst doch Du, als Du Dich über meine Wiege beugtest. Mein Weinen und mein Lachen hätte nie mehr bedeutet als ein stilles Grab, hättest Du mich nicht für wahr genommen.
Blühend in ihrer Zucht mag die Blume kaum einem Menschen erschienen sein wir mir nun auf dem Nachttisch. Aber dann ist sie doch erwählt worden. Gar vielleicht mit einem scharfen Schnitt des Messer getrennt von ihrer Art. Der Blume tatsächliches Ende war ihr eigentlicher Beginn als Blume! Kein Messer der Welt will Dein Sohn mehr fürchten, Mutter. Fast lauere ich auf eines, das mich erwählt.
Sei über allem aber bitte nicht beunruhigt, dass mir meine Worte immer mehr zu Füßen werden und zu Fäusten: Uns Menschen fehlt die Natur, aus uns selbst hinaus zu wachsen. Dein Sohn muss schon irre werden an sich, bis endlich bloß noch etwas Wasser sein braucht und etwas Sonne.

6. Oktober 2008

Meine neue Heimat ist erstaunlich weitläufig. Erstaunlich, weil nicht wenige hier bereits auf den Rollstuhl angewiesen sind. Aber es beklagt sich scheinbar niemand darüber, derart mühsam Alleen entlang zu müssen, die kein Ende nehmen. Vielleicht, weil dem Stifter und Architekten dieses Ortes aufging, wie gerne wir Menschen bis zuletzt unterwegs sind: Aufbrechen will jeder, wirklich ankommen keiner.
Das Frühstück wird hier auf einer Sonnenterrasse gefeiert, so lange die Witterung es irgendwie zulässt. Bei Regen spannt man Schirme auf, die Segeln gleichen. Für den Winter stehen Heizstrahler bereit. Mahlzeiten sind hier Feste, obwohl nur die wenigsten noch wirklich etwas zu sich nehmen können. Trotzdem ist es unmöglich, an unseren Tafeln keinen Appetit auf das Leben zu bekommen. Alles streng vegetarisch, aber mit solch einer Lust bereitet und serviert, dass jeder Bissen Liebe ist. Und Du weißt, wie schwer Deinem Sohn das Wort Liebe fällt. Süße Früchte etwa werden hier gewürzt und gebacken nach Rezepten, an denen Generationen mitschreiben. Wenn man Leidenschaft essen kann, dann hier.
Eben habe ich mich einem der Ärzte vorgestellt. Ursprünglich wohl Schulmediziner, jetzt wohl eher Medizinmann. Viel rumgekommen. In seinem Sprechzimmer stehen fernöstliche Skulpturen neben federgeschmückten Indianerspeeren. Auch zwei Totenmasken hängen dort, die zu befragen ich mir aber verbiete.
Wenig spüre ich noch von der Raserei, ja alles mit meinem Maul niederzureißen, womit wir Menschenkinder den Raum über unseren Häuptern ausschmücken. Freigeräumt wird so allein der Tod.
Weder bei dem Medizinmann noch bei meinen "Komplizen" Hengstmann wäre ich dann am rechten Platze. Mit der Fahne solch einer Vogelfreiheit könnte ich ebenso runter an den Strand, dort Sturmmöwen Reden zu halten, bis ich tot umfalle. Der Medizinmann sah mich denn auch an wie einen Wildgewordenen. Dabei machte er Bewegungen, die mich erinnern an den sanften Schwung einer Sense.
Erwartungsgemäß verschrieb er mir nichts Sonderliches. Auf keinem Rezeptblock der Welt werden wir je mehr erkennen, als Bilder der Jahreszeiten. Vielmehr nehme ich in dem Medizinmann meine letzte Chance wahr auf ein Maß Kreatürlichkeit. Damit nicht auch noch das mir verbliebene Bisschen meines Wesens in den Wind geht.
Kein Halm Weizen will ich mehr sein, der sich sorgt um das Fortkommen all dessen, was ihm erblüht. Wie ich gesät bin, bin ich auserwählt.

7. Oktober 2008

Eine wahre Wucht, wie das Meer mich angeht! Solch Brise fegt mir über den Leib und lässt mein Shirt in Wellen zittern, dass ich mich als ein Art vorzeitliches Instrument fühle, auf dem das Leben spielt. Beinahe möchte ich meinen Stock gegen die Bretter der Seebrücke stemmen. Halt gewinnen im Angesicht einer auslaufenden Flut, die mich selbst im Sitzen noch zweifeln lässt an meinem Gleichgewicht. Als ströme etwas aus mir mit den Meeresmassen.
Von Minute zu Minute verliere ich an Deutlichkeit. Ich spüre keine Schärfe mehr in mir. Hier könnte ich aller Welt wohl bis in alle Ewigkeiten Briefe schreiben. Ohne den Drang, ein einziges Wort davon zu Papier zu bringen. Tatsächlich breitet die Folgenlosigkeit hier mir derart meine Arme aus, dass ich mich überwinden muss, Dir zu schreiben.
Am Ende einer Seebrücke, keine dreißig Meter weit vom Ufer, ist mir bereits, als male ich Dir mit dem Füllfederhalter ab aus einer Stammeskultur, deren Anliegen sich mir nie erschloss. Was ich Dir alles an Worten schicke, habe ich auf Marterpfählen erblickt und in Grabkammern. Mit keiner dieser Kolonnen von Zeichen weiß ich ernstlich etwas anzufangen!
Dein Befremden über solche Töne mag ich mir gar nicht vorstellen, Mutter. Wo bin ich bloß hin? Was würde ich mich gerne wieder fürchten können davor, nachts alleine in der Wohnung bleiben zu müssen, während Du mit Papa aus bist. Oder jenes Heimweh auf Klassenreisen, als ich Stunden zählte und Tage. Wie kauerte ich damals unter all den anderen Jungen, von denen viele ihre Zähne bereits zu gebrauchen wussten. In Speisesälen, wo ich vor Angst kaum Essen fassen konnte. Krank vor Hoffnung, dass ja auch ein Brief von Dir mit dabei ist!
Zurück am Strand, wird sich Deinem Sohn manches davon neu eröffnen. Selten eine Laune der Natur, die sich uns nicht verwandelt in eine Schablone Menschsein. Meine Arme liegen dann wieder an, wie es zum Gang unserer Geschäfte eben notwendig ist. Hier draußen aber flagge ich Dir bloße Zeichen. Lebenszeichen. Damit Du zurück flaggst! Irgendetwas. Lindgrün vielleicht und nicht ohne Neugier. Lindgrün sein und nicht ohne Neugier. Darum geht es doch, oder?

8. Oktober 2008

Wir haben hier einen Platz zum Grillen. Nicht allein für den Sommer. Jeden Abend tragen Ehrenamtliche Korbstühle und Decken dorthin für die, die mögen. Bisher mochte jeder. Gemüsespieße gibt es dann und Folienkartoffeln, gefüllt mit Pilzen. Aber das ist es nicht. Sonderliche Esser sind wir hier kaum noch. Viele picken den Abend über nur etwas gebackenen Käse. Das Feuer ist es, das uns speist. Jene Momente, wo Funken aus den Flammen platzen oder Holzscheite aufglühen, als wäre in unserer aller Leben nicht ein Tag vergangen.
Jener Einzug in die Nebel unserer Erinnerungen markiert regelmäßig den Zeitpunkt, an welchem der Medizinmann, der mich neulich verarztete, die Seidentücher entfernt von einem Musikinstrument, "Dan Tranh" genannt. Aus Vietnam. Schaut aus wie eine Zither. Klingt jedoch auf solch heilige Weise bis hoch in die Baumkronen, dass wir alle Jungen sind und Mädchen, welche ihren ersten Gottesdienst erfahren.
Beinahe möchte man einander bei den Händen nehmen. Stattdessen lassen bloß einige verstohlen die Arme schaukeln. Als würden sie ohne jede Absicht vom Wind bewegt. Weil, so offensichtlich am Ende, wie wir sind, möchte niemand den Ehrenamtlichen mit Gesten kommen, die gemahnen an ein Kinderspiel.
Vielleicht fassen wir selbst es nicht mehr, das Kinderspiel. Seit wann ist Vorwärtsgehen Rückwärtsblicken? Mag die Wand, vor die wir geworfen sind, so finster gemauert sein wie wenig sonst auf der Welt, es ist wohl noch trauriger, uns deswegen in die Büsche vergangener Hochzeiten zu schlagen. Da wagen längst andere ihr Glück. Durch Stillhalten allein tut keine Mauer sich auf, das wissen wir. Auch ohne Arme und Beine bleiben wir den Ehrenamtlichen fremd. Da können die mit uns auf die Mauer stieren, wie sie wollen. Denen hat davon niemand schwarzen Bruch ins Blut geschüttet oder zwischen Lunge und Nieren geschaufelt. Allein der Schmerz zieht uns ins Vertrauen. Was haben wir zu schaffen mit einer Welt, die nicht Schmerz ist? Wären wir ja bloß Luft und Geschwätz.
Tut mir leid, Mutter, dass mir das so kommt. Obwohl man es hier derart gut meint mit uns. Hab auf dem Grillplatz ja auch niemandem davon erzählt. Vor allem, weil uns unter den Ehrenamtlichen nicht einer zum Spiel der Dan Tranh anlächelte. Seit ich hier bin, probierte es keiner mit einem Lächeln. Alle haben sie ihre Augen weit geöffnet. Aber der Mund, der bleibt stets neutral in seinem Strich. Ohne einen Hauch von Zähnen und Zunge. Akkurat finde ich das. So akkurat, wie jemand eben überlebensgroße Wände absuchen kann. Nach Ungenauigkeiten. Nach einem Riss Zukunft in dem Monsterwerk. Kaum wahrnehmbar, aber da.


"Minuten vergingen, bis man dem seitlich in seinem Stuhle Hinabgesunkenen zur Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode."

Thomas Mann.
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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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