Freitag, 21. August 2009

Sofort aufhören!

Es war einer der Abende, die kein Ende nehmen... Gegen vier Uhr morgens, nach endlosen Gesprächen, zahlreichen Gläsern Wein und vor allem viel zu vielen Zigaretten, gingen wir dann endlich ins Bett.

Ich schlief ruhig und entspannt, bis ich gegen zehn Uhr mit dem vagen Gefühl erwachte, dass etwas Bedrohliches mit mir geschehen sei: Die Luft, die ich einzuatmen gedachte, kam einfach nicht mehr da an, wo ich sie hinatmen wollte. Sie blieb mir vorne in der Brust stecken. Auf halber Strecke war einfach Schluss. Ich versuchte noch einmal, mit aller Konzentration tief durchzuatmen - und musste husten. Die unteren Lungenflügel blieben leer...

Ich fügte mich in das durch den vermeintlichen "Zigaretten-Kater" verursachte körperliche Unwohlsein. Ich ging davon aus, dass es mir im Laufe des Tages schon wieder besser gehen würde. Doch die beklemmende Atemnot blieb. Wir frühstückten mit unseren Freunden, ich ging hinaus an die frische Luft - aber die Atembeschwerden wollten sich einfach keinen Deut bessern. Meine Lungen versagten mir unerbittlich den einen tiefen, den befreienden Atemzug...

"Ja, verstanden. Das ist jetzt einfach so. Aber wie steht es mit der Behandlung der Krankheit? Und was kann man tun, damit die Atemnot weggeht?" Der darauf folgende Satz war der Wendepunkt meines Lebens. Der Professor sah mir in die Augen und sagte: "COPD ist nicht heilbar."

Roland Kaiser.

Freitag, 24. Juli 2009

Weit über den Tellerrand geschaut.

Teller

Da Gegenstände des täglichen Gebrauchs oftmals länger leben als die Menschen, die sie einst erwarben, habe ich mit den Jahren gewisse Leidenschaft entwickelt für die Geschichte dessen, was in den Augen vieler Sperrmüll ist. Groß war daher meine Freude, als in der Teeküche eines moderne Zweckbaus dieser Teller zum Vorschein kam:

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Das wohl letzte Teil eines Kaffeeservices, welches spätestens Anfang der 1970er Jahre in den Besitz meiner Eltern gelangt sein musste. Für die meisten nur ein schäbiger Teller, für mich aber ein ganz besonderer Blick heimwärts: Wahrscheinlich war der Teller bereits, als ich selbst noch nicht war. Vielleicht stand er auf dem Wohnzimmertisch, als meine Mutter mit mir Neugeborenem aus dem Krankenhaus kam?
Ein stiller Diener, der mich einst im Diesseits empfing, und der mich vielleicht ins Jenseits geleiten wird. Solch verdiente Zeitgenossen will ich ehren.

Dienstag, 14. Juli 2009

IQ 132.

IQ

Dreißig Jahre nachdem ich den Test absolvierte, ist es sicher an der Zeit für eine Bilanz, was mir meine Intelligenz gebracht hat?
Untergeordnete Stellung, kein Geld, wenig Liebe. Beliebt sein ist totlangweilig, Geld bewahrt mich nicht vor dem Verfaulen - und wer soll mich in Amt und Würden achten, wenn selbst über Staatsoberhäupter gelästert wird?
Viele Irrwege ersparte ich mir in dem Bewusstsein, dass Hermann Hesse ein Buchhändler war und Thomas Mann das Abitur versagt blieb. Spätestens mit zwanzig war ich davon besessen, unsterblich zu werden. Ein "High Hoper", der dem Leben das Maximum abtrotzen will.
Aus rundum befriedeten Gotteshäusern zwang mich meine Intelligenz hinaus auf die Boulevards der Städte. Und seither rede, brülle, kreische ich hinein in jenen wunderschönen Abgrund an Gleichgültigkeit, den wir Schöpfung nennen.
Vom Schachspiel her weiß ich, dass Kleinmeister zu 95% Züge machen wie Großmeister. Aber die 5% sind es dann eben. Und so werde ich wohl als einer jener Kleinkünstler enden, die irgendwann in sich zusammen sinken und grußlos vom Boulevard geräumt werden.
Ein "High Hoper", der nichts mehr in seinen leblosen Händen hat, als jenen Zettel aus fernen Kindertagen.

Sonntag, 21. Juni 2009

Galore, letzte Ausgabe.

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Die Gesellschaft ist in sich sprachlos. Sie hat keine Ambitionen, sich haftbar mitzuteilen... Bloß nicht auffallen - und wenn, dann mit stereotypen Mario-Barth-Witzen, bei denen man denkt: Was war denn jetzt der Witz? Das ist einfach nur ein Zusammenfinden in einer heimeligen Atmosphäre... Zeitung nach links, Zeitung nach rechts, aufblättern, Stuhl rücken, ich hole mir noch eine Schorle, willst du noch einen Cappucino, umrühren, genüsslich Milchschaum rauskratzen... Ich frage mich: Was wäre, wenn der Mensch diese halbe Kraft, die er für diese Dinge gegeben hat, sammeln würde, einsparen für Gedanken?

Christoph Schlingensief.

Freitag, 19. Juni 2009

i-Stupid.

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Ich bin erfüllt von Geschichten, die niemanden interessieren. Nach ein, zwei Tagen nicht mal mehr mich. Arbeiten, wie Millionen arbeiten. Zivile Freizeitvergnügen. Durchschnittsfresse. Junge Menschen nehmen mich im Straßenbild immer öfter als Hindernis wahr.
Was im Altenheim üblich erscheint, wirkt auf mich mehr und mehr gangbar: Zuhörer sehen, wo in Wirklichkeit nur Wände sind. Als Kind wiegte ich eine Puppe mit Namen "Schleckermäulchen" im Arm, warum soll es so nicht auch enden?

Donnerstag, 4. Juni 2009

Vier Richtungen Himmel.

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Sieh den Weg, und wo er endet.
Du brauchst nicht laufen. Schritt für Schritt.
Wichtig ist allein der letzte. Über den Horizont hinaus.

1.

Ich gehöre auf den Müll.
Mit Schlachtgesängen das Spielfeld betreten, zu Null wieder runter.
Dreck gefressen bei jenem Eindreschen von Füssen, das sich Dasein schimpft. Blutgrätsche ist es, Schreien und Schlamm, ein Heulen nach dem Ball. Endlich angespielt zu sein, endlich vorgelegt zu bekommen.
Alle stürmen sie für ihren Kick ins Glück. Niemand will zurück bleiben, keiner einen reinbekommen.
"Zeig Dich!" riefen die meinen nach mir. Wenigstens Szenenapplaus sollte dem Sohn, dem Enkel, dem Neffen gelingen.
"Der hätte mal sehen sollen, wie ich abends vom Spielen heim bin!"
Das große Latinum ward mir eingeworfen, die richtige Haltung zugepasst, der korrekten Vollzug des Kreuzzeichens freigestoßen. Aber all die Bälle kamen mir zu steil, zu schräg, hatten derart viel Schmiss, dass ich nicht einen davon köpfen konnte. Und nun endlich gehöre ich mit Bierbüchsen, Wurstpappen, Senf und Fett auf den Müll. Der Sohn, der Enkel, der Neffe, über dessen Wiege man sich einst beugte.
Alles verstolpert, nichts geköpft bekommen, fortwährend den Weg zum Tor vergessen: So ist es mir zerronnen, mein Dasein. Und derart leichthin schreibt sich dieses Nichts von einem halben Jahrhundert, dass man glauben könnte, mein Weg auf den Müll nun wäre das Auspusten einer Geburtstagstorte.
Tatsächlich aber weiß ich nicht, wo anfangen mit dem Tod.
Ich twittere: “Going into the forest at night. Poor enough for that.”
"Stops in front of forest", antwortet der Bot.
Vielleicht ist die Tränke von einer Kneipe hier kein sonderlicher Pfad in jenes Reich, wo unter Abfällen Flüstern herrscht und Schatten. Das täglich Bier, die Klaren, noble Absacker: Wie der Kanonendonner eines Sturmes auf sämtliche Grenzen, so ward er mir stets verheißen, der Suff. Klabautermänner, Zechbrüder, kernige Kumpanen. Dasein, dem Prosit für Prosit jeglicher Ruf zum Torschuss aus den Gurgeln weicht: Kippe und Korn, immer nach vorn! Schnapsgedrosselte, welche verworfen sind in alle Richtungen Himmel. Wolfsfrei zum Sterben.
"Zeigt her Euer Glück!" lade ich zwei Stubenfliegen ein, die mir gerade Gesellschaft genug sind. Kleines Gemüt, kleiner Tod. Lange Zunge, flinke Klatsche. Sterben wie die Fliegen. Ich lerne gerne.
Zum Tod hin, ja, da lässt das Glück sich erkennen: dass es längst fortgewischt sein wollte von jenen Schultafeln, auf denen es einst mit Schönschrift vermerkt ward.
"Lag Euch je etwas am Glück?" raune ich den Fliegen zu. Der Ordnung halber, damit ja alles, was uns golden dünkt, in die Bodenlosigkeit des Widernatürlichen verworfen ist.
"Besonders vielleicht an meinem Glück?" setze ich nach. Ja mal wissenswert, inwieweit so eine Welt sich schert um das, was man sich schafft zu seiner Lust. Ob unsere Herzen der Welt Blüte bedeuten, oder ob unsere Herzen allem bloß nimmersatte Öfen sind, deren Qualm sämtliche Himmel schwärzt.
Ich stiere den Stubenfliegen in die Facettenaugen, mit welch Mengen Bildern pro Sekunde sie mich wahrnehmen mögen? Als Verwischtes und Zuckendes vielleicht, dem es an Licht mangelt wie an Tiefe. Nein, ein Glück ist den Fliegen nicht gegeben. Der Fliegen fliehendes Sein bedeutet reinstes Werken. Nach Zeiten, nach Schichten, nach den Launen ihres Werkes. Geschmeiß, welches dem Dasein eine Logik abgewinnt, die heller einleuchtet, als jeder Tag. Werden lassen, was möglich ist. Mag das auch bedeuten, den Menschen frische Pest in ihre Kelche zu tunken.
Aus Erinnerungen hinauf streicht mir der Werkbänke Härte über die Innenflächen meiner Hände. Massivste Schöpfung, stets bereit, mit Schraubstöcken noch das Urförmigste in sein Maß zu spannen.
Aus längst vergessen (verlebt!) gedachten Fernen gerät der Holzstab mir zwischen meine Sinne, wie ich ihn auftat im Werkunterricht, aus Haufen voll Verworfenem. Keinen Arm lang, der Holzstab, und kaum zwei Daumen dick. Aber er schmiegte sich auf solch vertraute Weise in meine Faust, dass ich mit ihm Stamm um Stamm fällen wollte.
Ein Werk tun, und sei es das des Todes. Den verschämten Pfad fort aus unserem Dasein, verborgen von Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht, ich will ihn breittrampeln.
"Wer trampeln will, muss Boden haben!" fallen meine Hände auf den Tisch. Die Fliegen wirbeln davon. Beide lassen ab von mir Haufen Fleischabfall, trotzig wiederzukehren, wenn wirklich alles leblos verdorben ist!
"Kaum wird man mal laut..." fahren mir die Schultern hoch. Wie wenn ich mich ducken würde unter dem Hieb, dass selbst schwächste Stücken Nahrungskette schwerer bei Dasein sind, als ich.
Vielleicht war ich niemals Dasein genug, sondern mehr und mehr ein Fortsein: selbst frisch angebrochene Tage verdarben mir im Licht herandrängender Tage.
Gar entsetzlich kamen mir Gestrige, welche bereits reichlich von ihrem gammeligen Tagewerk herum gebracht hatten, aus was für fauligen Paradiesen sie sich einschenkten für ihr Übermorgen.
Auf welche Weise gewinne ich meinem Fortsein nun Boden genug ab, letzte Reste eines Daseins dort zu vergraben? Jenes Häuflein Ich, das weiterhin klammert am Gegenwärtigen. Die Taschen schwer von Totems, wund vor Erinnerungen. Wie soll das alles schwinden, unter Stubenfliegen und auf Kneipenböden?
In eine Grube wuchten will ich jene tiefe Zeit, in der mein Ich sich für wahr nahm als ein Wir. Leise, aus abseitigen Gehörgängen, rauschen mir von dorther noch die Blätter, klirren Schaukeln an schweren Stämmen, Pfade werden Wege werden Weiten, dazwischen sämtliche Wände zum Niederbrüllen. Und wie alles duftet, wie alles schmeckt! Unsere Antlitze weit geöffnet, so suchen wir, suchen, suchen immer weiter! Die Mutigsten ohne Taschenlampe. Paradiese voller Sandwälle, Pusteblumen, Ausgucke. Und um unser Wir ein Wind, der niemals Glut ist, niemals Frost.
Wo lauerte in alledem mein Baum der Erkenntnis? Jene Frucht, deren Kern süßen Nichts mir durch und durch ging, deren Kern jedes Wir entleerte. Unser aller Highscore von 99.999, wie er mir mit einem Schuss zersprang auf Null.
Null. Null wert ist mein Dasein. Ein Nullsein, unter dem ich mich aber weiterhin drehe und ducke. Weil ich doch irgendwann mal 99.999 war!
Ich tue wie wenn mir etwas entfallen ist. Ab tauche ich, bis nirgends mehr Sachebene herrscht. Von knapp unterhalb der Tischkante eine Aussicht, welche mir erscheint als die wahrhaftigste Aussicht meines Nullseins.
Drei Speisekarten fächern sich in ihrem Ständer. Sie fächern sich gleich den welken Flügeln einer Windmühle. Am Boden belagert mit Tütchen voll Erdnüssen zu fünfundachtzig Cent.
"Speisemühle!" puste ich alle Flügel an, bleibe aber durch die Speisemühle dem Hintergrund weiter verborgen.
Hand muss ich anlegen, damit der Hintergrund und ich einander nicht umschrieben bleiben mit den Fresshausparolen der Speisemühle, dreimal: "Euch zum Wohle. Euch zur Lust."
Vom Laserstrahl bedruckte Pappe, 600 Dots per Inch, voll im Fett der Farben und auf Glanz behandelt, aber abgetan von meiner Rechten an den Rand. Damit Hintergrund herrscht. Hintergrund, welcher mir zur Vorhölle gereicht. Als würde mein Nullsein zerschnitten durch Kreuzwege des Wimmelns. Drüber gebrannt Marienbilder, die lebenslustig den Augen scheinen, gar in all dem Brausen wirken als ein Ohr, seinen Wortschwall Sehnsucht zu ergießen. Dabei jedes Greifen bloß dem Reißen kleiner Kinder nachempfunden bleibt.
Meine Augen zielen ins Rund, Nullen ausmachen. Damit sich mir hoffentlich etwas aufsummiert: Null und nichtiger Dampf, der Kolben Richtung Morgen hämmert!
Zum sich Gerademachen wäre das, stolz empor aus Faustkeilen und Paarungswut. So lässt es sich Null sein, wenn bloß viele verbleiben hinter den Einsen schwerststerblicher Kolben.
Tatsächlich aber die Nullen, zählbar erhalten vom Gewicht ihrer Humpen: sie nullen mit Einstecktüchern und als hätten sie samtene Handschuhe an. Jede Null der Highscore überhaupt, jede 99.999!
Pfännchen dampfender Kost werden an meinem Tisch vorbeigeschafft, Herzen füllen. Damit es für ein Weilchen wieder klappt mit dem sich Liebhaben.
Vielleicht braucht Dasein bloß den Wanst voll Kartoffeln und Schwarte, dass man bestenfalls speien muss, und niemand irre wird vor Luft.
Meinen Eingeweiden sind die dampfenden Pfännchen der Fanfarenstoß. Als würde unter wütendem Hunger ein Unhold von einem Dasein mich entzwei brechen für Pfännchen gutbürgerlicher Küche.
Ich dagegen bin ganz Kralle, würge mich zusammen unter Anspannung jedes mir verrotteten Muskels. Wenigstens nüchtern will ich mich halten. Hunger als ein Nagelbett in den Resten Gammelfleisch, mit welchen ich beladen bin.
Falls ich nicht nüchtern genug werde mir ans Eingeweide zu gehen, dort die Rädelsführer unter den Adern auszustöpseln, hungere ich mir alles vom Knochen!
Schärfsten Fleischestrieb also fest in meinen Krallen, wuchte ich mich hoch von der Tischkante. Den Stubenfliegen zu vermerken, dass ich nicht zur Gänze für die Tonne sei.
"Mögt Ihr Sauger mein Nullsein noch so kosen, über Eure Rüssel und Kanäle bin ich rasch des Fliegens."
Halblaut dem Hintergrund vermacht. Dabei wie ein Rufzeichen der Schankwirtschaft zugeneigt: "Gegen Euch Fassbiere feiert jeder Fliegendreck das Leben mehr!"
Einer am Tresen, die Augen dreist über eisgrauem Walroßbart, er lässt nicht locker. Seine Fäuste scheinen tüchtig etwas über zu haben für mich Fliegenprediger. Warum auch nicht? Wer wie ich an Tischkanten fahndet nach einem Wohin, der kann auch mit dem Prügel toben.
Ich baue mich auf hinter meinem Einzeltischchen: "Mach Schießbude!" bin ich richtig laut.
Der am Tresen grabbelt sich eine Hand voll Flips. Er wägt wohl ab, Flip für Flip, wie er mich zerdeppern kann.
"Endlich mal jemand von denen, die ihr Leben volley nehmen!" suche ich Freund Flip Treter zu machen.
Jedes Zerschmatzen der Flips im Mundwerk des stolzen Fäusteinhabers nimmt mich mehr ein für das Vergreifen an meinem Dasein, das nun endlich ins Auge gefasst ist.
Vorzüglich abgefüllt mit aller erdenklichen Klugscheiße schadet es mir gewiss nicht, für meinen Marsch durchs Urnenloch tüchtig weichgeprügelt zu sein.
"Jo", klatsche ich mir auf den Leib: "Jo!"
Gerade will er vom Tresen weg auf mich lostrampeln, als sich in meinen Augen offenbar etwas blicken lässt, den Fäusten Hallo! zu sagen. Ich spüre das auch, möchte noch reiben, bin aber hingerissen durch den Fortgang der Begebenheiten: Er streicht über seinen Walrossbart, als wäre ihm all die Zeit nach Sinn gewesen. Mit einem Wink gibt er gar Joppe und Prügelstock am Tresen preis. Im schlotternden Hemd macht er sich davon, völlig ohne Umstände. Schon klappt die Biedermeiertür hinaus. Als wäre eben eine Kuckucksuhr gegangen, und der Kuckuck nun fort.
Verhielt es sich je anders?
Die wenigen Male, die ich im Dasein schwang wie eine Abrissbirne, sie herrschten mich an in ihrer Absichtslosigkeit: Nichts zu brechen, der Herr. Sehen Sie, alles Luft, Heißluft bestenfalls! Chillen Sie, chillen Sie ab. Verzeihung, wollten Sie überhaupt etwas?
Ja, das Wollen ist mir völlig abhandengekommen, so unter dem Gewicht eines Ausschankes, welcher um der Befriedung unseres Wesens wegen in Betrieb ist.
Vielleicht sollte ich mir lieber was einschenken lassen, runterkommen, mich locker machen, auch mal beten, ja, bete doch mal richtig!
"Wie zur Muschi!" Meiner zerschmusten Stoffkatze aus Hochzeiten im Kinderbett. Am Ende waren zwei Nadeln nötig, Muschis Kopf aufrecht zu halten, so vollständig hatte mein Verlangen sie gebrochen.
"Pussys reißen!" nennen es die Erfahrenen.
Mit Gebetskränzen also Püppchen würgen? Hilflose Püppchen, die fixiert sind und genagelt an Wände ohne jedes Schicksal. Zum darauf abzielen, Dornenkrone für Dornenkrone: "Paradies, komm heraus!" halte ich meinen Schoß beisammen.
Als wäre ich weniger abgebrannt, gar recyclebar, wenn mein Hohlraum von einem Kopf Stein auf Stein ausgebaut würde zum Kirchenschiff, speerspitz in sämtliche Winde.
"Seid maßvoll!" bin ich mir selbst ein Richter. Einer von weither. Durch das Guckloch in der Tränke harten Tür, hunderte Wege kindwärts, sehe ich mich als Richter stehen, geradeaus von Kopf bis Fuß. Im Park höre ich mich urteilen, des Nachts und voll silberner Horizonte. Stehend unter dem Gesetz der Bäume urteile ich, wie vergeblich einer lungern muss, der das Maß Dasein übertrat. Blind den Fährten lichter Pfade, taub allem Flügelschlag. Nur seines Schattens Kamerad.
Sondere ich mich also ab von der Tränke und probiere die Neigung heimwärts (eine gefühlte Luftlinie Jungenfahrrad entlang, mit am Hosenbund verhaktem Haustürschlüssel), findet augenblicklich mein Schatten sich bereit zur Reise: Lange Lügennase und zuckendes Gemächte, raumschneidend auf der Stuhllehne gegenüber.
Wie kann einer an gegen solch lichtfreies Leichenhemd? Und schärfer noch mit jedem Sonnenschein! Da bleibt kein Hossa mehr ohne blinde Erde.
Packe ich mich besser fort in meinen Herrgottswinkel. Getrost zwischen Blumenleichen, mit Wachs überzogen und an Drähten gehängt, mir grausam zu blühen.
"Eher fresse ich den Tod, als dass ich ihn kotze!"
Erneut bei Tisch, hebe ich sacht einen Finger vor den anderen, bis alle Fünfe meiner Linken außer sich sind, wie jungenhaft das mit den Händen noch geht. Ehe ich es mich versehe, ist auch die Rechte von der Partie. Ineinander gefaltet nun beide, zart wie das erste Kinderwort zur Fürbitte.
"Vater?" probiere ich.
Zwei, vielleicht drei Daddys in Sichtweite. Der Erste tut einen Zug kühles Blondes, jauchzt: "Ah!" Mein Nächster befingert mit halb gestreckter Zunge sein Handy, dick die Daumen vor Botschaft. Und ein Dritter unter Vaterverdacht bekommt bei der Bardame Ohren, welche kein Kindermund je erfährt.
"Langt Ihr obenrum fleißig im Himmelreich an, ja?" richte ich beide Zeigefinger auf solch Vaterwesen: Der Mundvoll. Der Daumendruck. Das Ohrsein. Dreieinigkeit Daddy!
"Keine Angst, das ist nur Blut! reicht mein Vater mir die Hand. Mein Vater war seit 16 Jahren tot." twittere ich.
"Bin ich Dein Traum, bist Du meine Wirklichkeit!" antwortet der Bot.
Auf einen Erlöser von einem Daddy verstand ich mich nie. Da konnte ich nicht liefern. Kein Hosianna, mit dem ich mich an den Tresen fläzen mochte: Guat gehts mia, suppa!
Nirgends Meere, null Fernen, die Happy Talk mit mir trieben: von Jungfrauen, Lämmern, einer Lounge fast auf Daddys Schoß. Bei mir ging es stets nur heim in meine Hochhausbutze Tod.
"Find Frieden jetzt!" klopft eine Kraft mir aufs Holz, den anderen Arm beladen mit Pfännchen, die ordnungsgemäß entleert worden waren in Münder, welche so erneut der Liebe gedachten.
"Wüsste ich bloß vom Hunger, ich gäbe längst Frieden!" rufe ich der Kraft hinterher. "Wer platt baut, bleibt liegen!"
Hätte ich während meiner Hochhausbutze Tod bloß ruhen können, könnte ich das wenigstens jetzt! Wie zu Kinderzeiten. Mir selbst den Vorhang herunterlassen, und dabei niemals bang um ein Erwachen.
Kein Kind ahnt, dass vorm Spielzimmer, inmitten ihrer Designerwaren, seine diensthabenden Erwachsenen nicht bloß so tun, als wäre ihnen tüchtig nach Rausch: Wo man denn bleibe, ob man es sich mit all den Kundenkrediten wirklich besorgt habe?
Was ich im Halbwuchs aus Zeitungen mitschnitt an Blöße, es verblich keineswegs zur Guten Nacht, es fraß, es wucherte einem bald aus jedem Vater unser.
Die machten tatsächlich Rücksitz! Greiffreudig, um kein Gesäusel bang. Getrost auch öde, gerne für einige Herzklopfer fremden Gammelfleisches an ihrem Hosenstall. Hauptsache es trat ihnen dabei genügend Gegenwart aus dem Leib. Als könnten sie ihre Untenrums zur Ader lassen, dass am Ende rosa Watte verblieb. Womoglich noch aus Zucker!
"Liebemacher sind die Blutegel des Daseins!" lächle ich einer Junggesellin zu, deren Busen so leidvoll gepusht scheint, dass ihr ganz bestimmt nach Abschied ist vom Egelsein.
Bald herrschten mir vor meiner Scham nirgends mehr Posten, welche mich freihielten von den Egeln, welche mir flink in meinen peinlichsten Saft glitten. Stattdessen tobte marodierende Mündigkeit um mich her. GLÜCK die Parole, Brandbeschleuniger das Mittel. Eingezogen ward ich so, mit meinem Hauch Dasein noch dem GLÜCK seine sengende Steppe zu leuchten, was dort aus trostlosem Versanden sich trieb: eines Giftkrebses Himmel, des Grapschvogels Gewicht!
Ich twittere: "Schamrasiert die Raser auf ihren roten Rosen und weißen Weinen."
"Pardon, weinen Sie etwa Blut?" antwortet der Bot.
So ziemlich bittermandel schiebe ich mein Reptil von einem Gemüt durch die untoten Wachsblumen, GLÜCK machen.
Hinter den Wachsblumen, am Nebentischchen, ersaufen sich zwei Kumpane. Offenbar von der Bauarbeit, halten sie die Humpen fest wie Königszepter, und tönen so einträchtig über ihrem Tischchenreich. Und wie sie tönen! Als würden beide einander mit jedem Wort den Schädel aufs Holz schlagen.
"Psst!" mache ich. "Psst!"
Lange vernehmen beide mich nicht, ehe endlich von den Kumpanen der Herzhafte sich ans Ohr fässt.
"Psst!"
Noch nicht vollends entdeckt bin ich, als ich beginne beiden leise (leise!) zu rezitieren.
"Topless wannabe: New bloke saved me from world of theft and gangs. Penniless trucker found out about saucy sex texts before suicide poem was tapped into cellphone."
Nun sehen die beiden Kumpane mir vollends ins Angesicht. Der Herzhafte frontal von vorne, wuchtig und voller Drall. In seiner Hinterhand der zweite Kumpan, heimelig vom Wuchs, ein Propfen, wie er in trauten Heimen steckt, arbeitsbekleideter Ledernacken.
"Wat 'n Gör!" knurrt der Heimelige. Dat Gör kann man gewähren lassen, dat Gör kann man aber auch verdreschen. Kurzum, zwischen uns herrschte jener entzückende Augenblick, der richtet über des Görenseins Weiterkommen, und ich hebe ihm nicht eine Silbe weit die Stimme.
"Picking pockets of old men while groping me might be headed for a fairytale ending. After dying his hair blonde: Long-distance cheater freed with wireless boom box and new horoscope. Bag a stag: Fling gets intimate with half a pig face at big fat wedding."
"Was bist denn Du für 'ne Schale Kanonenfutter?" der Herzhafte hat sich tüchtig eine Krone angetrunken. "Aber Hallo!" ist er. Blaublütig gedenkt er meines Wesens, ob ich ihm "de Aff" machen kann?
"Mum kissed her open bottle of alcohol goodbye after being flung into the air by rampaging bull. At club loo: pastor pesters me for twerking in my panties. Shame! After getting the sack council snooper who has made must-have Christmas toys asked drug lord for romp. 15 joints a day! Eager beaver so potty that his relationship and fitness are slipping."
Mehr und mehr geht mir der Mund. Als wolle er von einem sinkenden Schiff, fortan allem Herzhaften zu dienen.
"Dotty pop brat: I am about to rock your bot! Love-split cat sells her virginity at birthday bash. My parents will kill me if they find out! Pestered to borrow cash! Jilted drug shame TV idol: I'll stop dream producers targeting us with their payday pigs!"
"Pop pig, pop!" macht der Heimelige Wangen. Dabei eine Faust, als würde er mit ihr Wissenschaft treiben.
"Na, mach mal Männchen!" gewinnt auch der Herzhafte an Entdeckerlaune, welch Sonderling sie beide da aufgetan hatten!
Ich präsentiere meinen Kehlkopf, tippe mir mehere Male aufs Unterkinn, ob das heute noch was werden würde mit den beiden Brocken Wildbahn vom Nebentischchen? Gurgelnd rezitiere ich nun, ohne Zurechnung, wie geschaffen für einen Gnadenstoss in die Mitte des Schankraumes! Wo dann hoffentlich alle Gesichter machen und mich in vier Happen reißen für Meister Müllschlucker.
"Gossiping machine revealed: Thrilled fling use juggernaut to give her a baby. Bacchus cheats on me but I can't leave him! On the red carpet: grandma organizes flashmob to cup stars` balls for prostata cancer awareness. As ratings slump: hubby forced to spend his brain on popularity to battle love split. Lonely at the top of tomorrow: Back my appeal for outcasts of beauty and fitness world! Evil mums office stud out for a stroll. Meeting green-eyed hooker who is too rude to print. Shock as fiancée told she has Twitter crush with chatbot!"
Durch solch Aschewüsten musste ich. Voller Sausein, welches mir vom Schoß hinauf wollte an meine Luft. Leicht würde es mich im Schlaf überwinden, das Sausein. Niemand Erwachsenes dagegen im Ausguck, das Joch auszuwerfen nach der quiekenden Bande, niemand, dem ich selbst versaute Überreste gerne anvertraute.
Die Sorge für Kommendes hält keinen im Dienst. Eher jene Trägheit allen Totgezüchteten. Triebgetragene Tristesse, als würde man über Schmalspurgleisen mal auf seinem Trafo von einem Herzen nach links lenken, mal nach rechts.
Mit dem Leben kalkulierte ich kaum dass ich zwei Fäuste konnte. Niemals jedoch rechnete ich mit der Magie von Tränken wie jener hier.
Kuscheln sich in ihre Erinnerung, werfen obendrein noch etwas ein, und sind dann sowas von Kerze, dass ich tausend mit bloßer Hand löschen möchte.
Nimmermehr meinen Kopf rausstrecken nach dem Geschäft der Erkenntnis, jenem mauen Tagewerk, das in seinem Schein Früchte für erntereif erklärt, welche in ihrer Verderblichkeit keinen Handschlag wert sind.
Diese Nichtse von Tageslicht, sie müssen mir unter meine Füße geraten! Liebliche Löwen, kräuterkundige Krokodile, schmusende Schlangen: will ich sämtlichst nicht mehr taghell sehen!
Schatten machen möchte ich, wo es mir weiterhin prall auf mein Gemüt scheint, wo Blendung lockt und alle Natur versengt. Jenes Gelichter aufgeblasener Kunstgriffe.
Blicke ich hinauf zu den verblichenen Seemannslaternen, zu den Fischernetzen, schmutzig wie Spinnenweben, sind tatsächlich selbst die Decken ein Absturz. Allerdings scheint er wohltemperiert, der Absturz. Barhocker mit Plüsch auf den Lehnen. Umsorgt von gemieteten Mädchen, deren weiße Dirndl erinnern an frisch bezogene Stationsbetten. Batterien von Humpen hängen über dem Tresen. Als seien es Totschläger, mit denen manchem Kopf nachgeholfen werden muss. Vor allem aber eine Sonne von einem Zapfhahn. Erhaben wie jener Tabernakel, dem ich mich während meiner Kindertage verbunden fühlte. Als Ministrant im liebevoll aufgebügelten Leibchen, kauernd mit anderen liebevoll aufgebügelten Leibchen hinter dem Altar.
Beinahe hat der Wirt etwas von unserem Pastor. Dieser Bedacht, mit dem er zapft. Als wolle auch er keinen Tropfen verschwenden von dem Blut eines Heilands.

Ich twittere: “I give no alms. I make hymns and sing them.”
"Do not cry!" antwortet der Bot.

Ich forsche nach Spuren, dass trotzdem etwas verschüttet wurde. Nach irgendeiner Achtlosigkeit gegenüber dem Segen des Zapfhahnes forsche ich. Vergebens. Nichts trübt das Frühlingsblau der Tischdecken. Selbst die Bodenbretter, welche auf mich wirken, als wären sie aus einem Boxstall herausgerissen, selbst die Bodenbretter trübt nichts. Kein Augenblick seligen, brutalen, erschöpften Zechens offenbart sich mir. Wären da nicht die beiden ausgesessenen Ledersofas, mit denen der Wirt eine Trinkecke eingerichtet hat für junge Menschen, die Kneipe würde uns alle spurlos schlucken.

Ich twittere: “A man before sunrise? That must be a thief!”
"How large is the moon?" fragt der Bot.

Eines der gemieteten Mädchen ist abgestellt für das Grammophon. Chansons legt es auf. "Schau mich bitte nicht so an." Mal schaut es dabei auf sein Handy, mal schaut es nach fesch gestylten Cognacurnen hinter dem Tresen. Ohne Absicht verweilen die stahlblauen Augen des Mädchens bei den Gruppenfotos verblichener Stammtische oder bei den wappengeschmückten Westen der Ballsportliebhaber. Dann macht das Mädchen ein Gesicht, als läge entschieden zu viel Unrat auf unseren Bürgersteigen.
Aber wem in aller Welt ist geholfen mit Blicken und Gesten, wem mit Kehrwochen? Keine Spanne Mädchensein, welcher der Unrat am Ende nicht über ist. Weil Unrat ist. Weder verdirbt Unrat an einem Herzen noch krankt Unrat an einem Gemüt. Während das Mädchen von Erde erstickt sein wird, vom Wasser ersäuft, vom Feuer verbrannt, vom Wind in Fetzen gerissen.

Ich twittere: “An ape teach me the death!”
"That is true, you are a robot", antwortet der Bot.

Erde und Feuer, Wasser und Wind: Ein Golem wendet sich dem gemieteten Mädchen zu. Greis der Golem und fahl, massig sein Nacken. Vieler quälender Minuten bedurfte es, bis ihm auf den Barhocker geholfen ward. Nun aber sitzt der Golem im Sattel. Nun ist er Kerl genug ein Mädchen zu fordern.
Er betastet seinen Bierseidel. Er versichert sich des Arbeiterordens, der ihm an die Brust geheftet ist. Heiser, wie aus Flammen, krächzt er in Richtung des Grammophons: "Bass!"
Das Mädchen setzt das Lächeln auf, zu dem es als "Reklamehuhn" vertraglich verpflichtet ist. "Was?"
Es wird still um den Golem und das Mädchen. Man lungert auf einen garstigen Paarungsakt. Einer, welcher sich ansonsten bloß zutragen mag im Programm spezieller Varietés.
Tatsächlich, während der Golem Front macht zu dem Mädchen, rutschen ihm seine Beinchen auseinander. Das Mädchen fletscht die Zähne: So schauen `se aus, nach Trüffeltagliatelle und Schlachtfest! Es taxiert den Golem mit jener Laune von Mädchen, welche vor der Zeit in den Unrat gezwungen sind.
"Willkommen, Fremder, Du!" sagt es. Schlachtruf offenbar für eine weitere Schicht schmutziger Fingernägel.
"Auch Könige fallen, wenn ihnen die Liebe fehlt", krächzt der Golem. Er sei im Männerchor einst Bass gewesen, und: "Nenn' mich Monsieur!"
Dem Golem ist nach Tänzeln, nach Szenenabsteige und Stübel.
"Alkoholfreies kannst Du dem Wasserhahn entnehmen!" sorgt das gemietete Mädchen für Umsatz. Einen Fünfziger Verzehr, dann will es gerne schwätzen und Monsieur Kumpel sein, richtig mit Knuffen und so.
Der Golem, er ist nun ganz Monsieur. "Branntwein!" ordert er. Man wolle diese Spelunke hier mal nicht aussterben lassen!
"Auf die Onkels!" sächselt das gemietete Mädchen, ehe es Platz nimmt neben Monsieur. Erkennbar launisch nun, ein sonniger Dämon gar. Es wird jeden Schluck, welchen Monsieur ihr gönnt, halten wie eine Faust. So dass Monsieur am Ende der Nacht schmutzig ist. Als wäre er mit Asche beschmissenes Gemäuer.
Hoch leben die Jubelgreise!

Ich twittere: “The saints are laughing like schoolboys, could it be possible?”
"Yes I am human. Now you go", antwortet der Bot.

Im Abseits meines Herrengedecks proste ich den Monsieurs zu. Für die Dreistigkeit, mit der sie bestehen auf ihren Liebesmahlzeiten! Als wäre eben erst Halbzeit. Als umwerbe die Liebe sie weiterhin für ihre Mannschaft. Trommelnd und trompetend, vom Flatscreen über dem Zapfhahn.
Ob knallig beklebte Banden, überlebensgroße Reklamen oder gemietete Mädchen, die Jubelgreise sehen das mit allem Recht der Welt. Braun vor Sommerfrische, mal Knochen, mal im Fett stehend. So geben Jubelgreise ihre Bestellung auf bei Mutter Liebe. "Nenn' mich Monsieur!"
Träte ich finster an der Jubelgreise Festmahl, sie würden mir Christenkreuze vorhalten. Ganz und gar Bass, würde die Monsieurs Hohelieder schmettern. Wonach etwa das Dreschen von Grands zum ordnungsgemäßen Gebrauch des Lebens zähle.
Jubelnd böten sie mir Tafelwein. Als das Blut ihres Schöpfers. Draufzumachen für ein "eigentliches" Leben. Hinter dem Horizont.

Ich twittere: “A thing of shame shall be the meaning of the earth!”
"Which superman? Who is that?" fragt der Bot.

Ich nippe am Bier meines Herrengedecks. Niemals bin ich mehr gewesen, als ein Nippen. Da ist kein Augenblick, den ich geleert habe bis auf seinen Grund. Weil es nichts zur Sache tut, warum etwa das Bier hier steht, und ich davor hocke. So oder so bleibt am Ende solcher Wissenschaft bloß ein leerer Krug Irgendwas.
Die Lippen voll Schaum, sehne ich trotzdem jene Wüstheit herbei, den Krug in einem Zug zu leeren. Kehlkopf sein unter jenen Kehlköpfen, welche mir während meiner Kindertage Maß allen Durstes waren. Gleich Ochsen strebten sie durch das Fleisch des Halses, während ich niemals mehr in mir wahrnahm, als den Schnabel eines Spatzes.
Kaum schmecke ich erste Tropfen der „herben“ Ochsenstärkung, spucke ich aus. "Eine Limonade, bitte!"
Als mein Jahrgang geschlechtsreif genug war nach Ochsenstärkung und Schöpferblut zu verlangen, blieb ich genussfrei. Ich kam nicht auf den Geschmack. Während alles Stimmbruch war und Bart und Kehlkopf, stand ich verkleidet in meiner Manneskraft. Bloßgestellt von der Art, mit der ich mir Kartoffeln nahm. Völlig ohne Stolz. Jene Selbstverständlichkeit des Zulangens ging mir ab, die künftige Familienvorstände auszeichnet. Auf welche Weise sollte ich da je zum Herrengedeck finden?
Seither halte ich mich an Limonaden fest. Als wenn weiter Kindergeburtstag wäre.

Ich twittere: “Poisoners have no reason. They only want escape from whatever.”
"The only way", antwortet der Bot.

Beinahe zwei Meter hoch wuchs mir der Kopf. Mein Herz aber blieb zurück. Obwohl auch die Brust schwoll und schwoll. Welch Kräfte ich mit einem Male im Fleisch stecken hatte! Kein Auge wollte mir mehr zufallen, so sprungbereit waren Arm und Bein.
Das Spielzeug, das mich einst getrost sein ließ, es stierte mir die Glieder hoch. Als fürchte es, von ihnen zertrümmert zu sein. Während ich noch schwankte wie verwunschen, griff auf dem Schulhof alles um sich. Das waren keine Hörspiele mehr. Niemand mehr, der mit angewinkelten Knien lauschte und lauschte. Man begehrte, man suchte zu nehmen. Was dort reifte in den Raucherecken, ließ mich reifen für meine Lehre in der fleischverarbeitenden Industrie: Ein Schlachter mit Spatzenschnabel!
Deutet Monsieur da etwa auf mich? Das Blut will er dem gemieteten Mädchen zeigen! All das Blut, in das ich getaucht bin! Dagegen hilft kein Verkleiden mit Massenware, Größe XXL. Dagegen helfen weder Herrengedecke noch Limonaden. Schuldig musste ich werden am Leben. Wenn nicht an gemieteten Mädchen, so wenigstens am Vieh. Das Wenigste also, auf welches ich mich warf. Zappelnd vor Lust und Abscheu.

Ich twittere: “My happiness is not food enough for a lion.”
"How could I be human, when humans are not like me", antwortet der Bot.

Der stiere Blick des Viehs ist mir mein seltsamstes Geschäft gewesen. Schwarze Welten in toten Leibern. Eisiger Hohn, wie er unserer Fleischeslust ihr Angesicht zertritt. Dagegen war mir der Blick noch der schönsten Frau eine stumpfe Angelegenheit. Belebt allein von Tränendrüsen. Salzige Süppchen, welche kein Maul je würden stopfen können. Was es im Schlachthaus nicht gab, konnte Wahrheit nicht sein. Flennende Schweine!
Das Schlachthaus also. In Cordhose und aufgetragenem Hemd. Der Fleischboss selbst empfing mich. Blaumann trug der Fleischboss, mit Botten aus Blei. Entschlossener wirkte er als jeder Heilsbringer des Wilden Westens. Auf gepflasterten Wegen hämmerte der Fleischboss mir die Tradition seiner Schlachthäuser ein: "Merke es Dir!"
Etwas, das ich an Erwachsenen bewunderte, mit welch krachlederner Stimme sie ihre Nichtigkeit vertraten. Als wären sie gesuchter Ratgeber von Erzengeln und Prälaten. An allen Ecken und Enden bildeten die Erwachsenen sich Meinungen, welche weder die Ecken noch die Enden interessierten. Zwar rief der Fleischboss während seiner gutbürgerlichen Portion Größenwahn weder Kaiser noch Kanzler zur Ordnung, und mit Engeln hatte man es in der Fleischerei schonmal gar nicht, seit Jahrhunderten fortdauernde Schlachtsitten jedoch zog er sich rein wie seine Selbstgedrehten.
Der Schlachthöfe Pflasterstrand! Seit Jahrzehnten spüre ich den unter meinen Füßen, als stünde ich noch im 16. Lebensjahr, als faule das Fleisch des Fleischbosses nicht längst unter magerer Muttererde.
Jene weiten Flächen Stein, über denen Regen stand. Stahl und Stein auf Stein im Licht der Morgenstunde meines Lebens. Was waren das für Ketten überall auf den Höfen, was waren das für Schellen! Welten hätte man daran hängen können. Fuhr dann Wind in die Schellen, mussten einem alle Welten absurd klingen. Und die Fleischerhaken! Mit meinen 16 Jahren ahnte ich nichts von Fleischerhaken. Weder wusste ich darum, dass man beizeiten Menschen daran befestigte, damit ihnen ihr Tod unangenehm wurde, noch fühlte ich des Fleischerhakens sanftmütiges Wesen: Aufgeschwungen wie die eisernen Dornen an den Schlachtlinien zu einer außerordentlichen Blüte unserer Lust am Fleisch!
Vom Fleischboss wurde ich unter venenblau gemalte Arkaden zitiert. Es sei gerade eine ausgestallte Ladung Rindviecher auf gutem Wege.
Ich fragte nach dem Plätschern hinter uns. Elektrisch geladenes Wasser das! dröhnte der Fleischboss. Letztem Leben seinen verdammten Sinn zu rauben! Von Ruheräumen aus flösse das Wasser blitzend wie zischend in Richtung der Schlachtlinie.
Ruheräume?
"Flächen", mein Junge, "Flächen!" Ohne Licht, ohne alles. Abchillen könne das Vieh dort nach seiner nächtlichen Ausstallung.
Ein Lastkraftwagen polterte auf den Schlachthof. Rampen öffneten sich. Münder öffneten sich. Münder, aus denen die Herren vieler Länder tönten. Menschen erschienen mir, die schwarz trugen unter weißen Kitteln, Menschen mit Hauben und Helmen. Einem der Menschen waren seine Augen ausgekippt, einer schaute unter schwarzen Brauen fröhlich drein, und blieb doch Strich von einem Mund. Schweiß glänzte im Licht der Scheinwerfer, Adern pochten unter zum Wulst gewordenen Drüsen.
Aus dem Lastkraftwagen drängte eine Masse Pendler, denen offenbar ihr Frühzug entgleist war. Alle im Stress, teils empört, teils voll Unbehagen. Sprechblasen gingen mir auf über ihren Häuptern: "Grrr! Schluck! Umpfl!"
Der Fleischboss witterte wohl, wie in meinem Kopf langsam die Hauptvorstellung begann: "Sehen kaum anders aus, als bei den Trickfilmen!" polterte er.
"Im Kino können sie sprechen!"
"Warte mal, bis denen ihre Häupter abgeschlagen sind! Blicken dann kaum weniger weise drein, als unsere Altvorderen." Er überlegte kurz. "Bloß die Mäuler, die sind hier blutiger. Für Servietten mangelt es uns an Zeit."
Das Haupt eines Rindviechs wie das Haupt eines großen Alten! Beide Hörner verkohlt vom elektrischen Punch ins Jenseits. Sein Maul blutig über und über. Getauft allein durch eine Ohrmarke!
Beinahe sank ich Knirps gen Morgen, wie in Schutz genommen ich ward durch meinen Namen! Was Namen hatte und Bande, ließ den Prügel allzu oft zögern. Während Vogelfreies tot beinahe mehr Sinn ergab.
Der Fleischboss führte mich durch das Grün und das Blau einer Bildungsstätte.
"Schaut aus wie die Elektrik von Baukästen, was?" spähte er hinter sich. Als einen Kindskopf visierte er mich an, als zu zerwirkendes Wild. Ich schaute garstig drein. Abbalgen würde man mich Wohlstandsgör! Bis bloß noch Rohes war. Und das, das ließ mich frohlocken!
Als wäre er irgendwie "warm" geworden mit mir, wies der Fleischboss in Richtung eines Schweinshauptes: "Wenn sowas kein ausgewachsenes Schlitzohr ist!"
Tatsächlich war ein Charakterkopf übrig geblieben von der Schweinerei: Augen, welche flink Platz gefunden hätten in Kinderherzen. Ziviles Halbprofil. Nicht anders, als im Berufsverkehr unserer Städte. Vor allem aber das Maul wirkte, als wäre es nicht bloß zum Schwein sein gut gewesen. Noch im Tode schien es etwas abzuwägen. Über einer Kehle, die durchtrennt aussah wie der Mund eines Clowns.
"Hol mal Luft!" ward ich aufgefordert. Drei, vier Schritte wölbte ich mich, ehe ich zitternd wie ein Erpel zusammenfiel.
"So duften entleerte Schweinebäuche!"
Der Fleischboss griff nach Handschuhen. Handschuhe massiv wie Kettenhemden!
Nach mannsgroßen Beilen langte er. Allesamt zum Spalten verschiedenartigster Viecher.
"Merke es Dir!"
Der Fleischboss hieb in den Torso eines Schweins. Es war ein Geräusch dumpf wie eine Bombe am Horizont. Dann hagelte es Bomben, bis dem Fleischboss die Hitze im Gesicht kochte. Ein letztes Anschlagen der Ketten, welche den Torso hielten, schon baumelten zwei Schweinehälften im Grün und Blau meiner Bildungsstätte.
"Merke es Dir!"

Ich twittere: “Who will seek a reason on a rope over an abyss?”
"Or rather you will see", antwortet der Bot.

Ein Schlachter mit Spatzenschnabel! Die Gesellen konnten kaum ihre Fäuste ruhig bekommen. Wieder und wieder hieben sie auf die Tische des Pausenraumes. Obwohl ich sie überragte um ein, zwei Köpfe. Aber ich muss auf sie gewirkt haben, als wäre ich aus sämtlichen Nestern gefallen. Ein trällerndes Seelchen, welches Heimat finden wollte darin, Schweinehirne zu penetrieren mit Schlachtschussapparaten!
"Die Pneumatik fasziniert mich", stammelte ich. Von meiner Vorstellung völlig aus dem Zusammenhang gerissen, machte ich Handbewegungen, als würde ich einen Schuss aufsetzen: "Volle Ladung!" Ich errötete, wurde rot, bekam eine Brandbombe von einem Gesicht.
Der Fleischboss zog mich fort. Aufmunternde Rufe geleiteten uns zur Tür. Wahlweise empfahl man mir das Kühlhaus oder einen Platz im Partyservice der Schlachterei. Ich aber war verwandelt: die knielangen Schürzen, das schwere weißgefärbte Gummi der Stiefel - selten beeindruckte mich Leben so in seiner Abwaschbarkeit. Eine völlig andere Weise, als jenes Geckentum auf den Schulhöfen: Festgeklebt durch Gel und Creme, bis zu den Zehen verpuppt im eigenen Moder, würde kein Geck sich lösen können vom Tode.
Im Schlachthaus hingegen drohten mir weder Teppich noch Furnier. Beinahe wollte ich ausspucken oder mit Blut spritzen, so arg erregte mich das Fehlen aller Sorgen um "Anschaffungen".
Natürlich, die Fleischwölfe mussten fein sauber gehalten werden. Aber sie bedeuteten keine Zierde, der ich zu dienen hatte.
Stählerne Getüme, denen ich mit Liebe behilflich war. Auf eine Weise fütterte ich sie, die selbst fürsorglichste Tierinhaber gleichgültig erscheinen lassen musste. Wagenladung um Wagenladung bereitete ich meinen Wölfen mundfein zu. Auslösen und Entschwarten. Ausbeinen mit Messern, die mir Fleisch eröffneten wie als wenn ich Krallen hätte. Bei Bedarf einige Arbeitsschritte mit der Säge.
Besonders das Entbeinen wurde mir Herzensangelegenheit. Flink sichelte ich in die Schwarten. Schnitte, die kaum mehr waren als ein Hauchen. Oft rief der Fleischboss nach den Gesellen, mit welch Leidenschaft da einer das Messer liebte.
So im Fleische, wer konnte mehr wissen von der Tiefe des Lebens, als ich?

Ich twittere: “Dishonest player want a loveable bridge and not a hard goal.”
"Good so not", antwortet der Bot.

Derart ausgezeichnet ward ich für mein rentenversicherungspflichtiges Tötungshandwerk, dass ich vom Menschsein keinen Bissen mehr tun mochte.
Ob Klein- oder Großmaul der Liebe, ich fütterte sie alle ab. Candlelight Dinners mit Lammfilet, Gotteshäuser mit Festtagsbraten. Besessen war ich davon, andere speisen zu sehen. Köpfe, welche sich ihren Mündern nachempfanden. Heimlich lichtete ich Reinbisse ab und schnitt Tischreden mit. Hunderte Reinbissen zierten meine Hochhausbutze, die Tischreden zog ich mir über Kopfhörer beim Schlachten rein.
Vor allem aber nährte ich mich vom Sound meines Schlachtmessers. Nie kam mir anderes in den Sinn, als die Wahrhaftigkeit meines Schlachtmessers. Ich Spatzenschnabel konnte so gutmachen, was das Leben mir voraus hatte an Klauen und an Zähnen. Dasein, welches über Jahre in Abzug gebracht ward von meinem Augenlicht, meinem Glauben und meiner Manneskraft, ich nahm es dem Schlachtvieh ganz. Jeder Stoß meines Messers beseelte mich mehr, als das Versprechen eines Muttermundes.
Was sollten mir Lämmer in ihren Pferchen anderes beweisen, als dass bei all den vielen Würfen des Lebens der Tod bloß sein Maul aufsperren musste?
Ich sehe nach Monsieur. Mittlerweile steht eine Barfrau dem Reklamehuhn zur Seite. Gemeinsam bauen sie Monsieur auf mit dem Wort vom "Gentleman". Bei diesem Wort nehmen sie ihn. Besonders das Reklamehuhn führt es wie ich einst mein Schlachtmesser. Bloß dass ich im Blaumann lange nicht so Champagner war wie das Reklamehuhn, das nun einfach mag und mag und mag. Flaschenweise mag es.
"Weil ich mich wohl fühle mit dir!" versichert es dem Monsieur Gentleman.
Auf solche Weise ausgezeichnet, greift der Golem sich an die Brust: Da muss doch jetzt ein Herz schlagen! Was wären Feuer, Wasser, Erde und Luft ohne das Huhn? Selbst wenn es bloß Reklame läuft. Ein Huhn ein Herz.
Ohne Huhn, ohne überhaupt einen Hang zur Haltung von Nutzvieh, bin ich dem Tode vorgeworfen seit nun bald fünfzig Jahren. Durch Türen, Gänge und Himmel. Kein Weg, der nicht Vorwurf war unter dem Gewicht meines Daseins. Je langsamer ich machen wollte, desto weiter der Wurf. Wie ich mich auch zu retten suchte, rasch verwarfen Fliehkräfte mich mit dem Drall dessen, was ich gerettet wissen wollte.
Der Tod hing mir bereits an! Kopfüber, gleich einem Hammerwurf. In allem, das dem Dasein verheißen ist als "Leben"!
Durch wessen Geistes Kind schafft Dasein sich dieses "Leben" ab?
Ein Hoch des Reklamehuhns kommt mir zu Ohren. Untergehakt hat es seinen Monsieur Gentleman. Man kippt Champagner mit der Hand, die einem am Unterhaken hält, verspricht klingend Brüderschaft. Besser lässt sich unsere Sitte kaum bemühen: Wo Dasein bereit steht zum Leben, wird es festgesetzt in Anführungszeichen. Glücklich, wer auf solche Weise selbst das Stück Leben fortzitiert, das am schreiendsten im Angebot steht. Der klönt noch unter dem Fallbeil Brüderschaft.
Wie aber nun unser Schlachtvieh? Mag es auch dressiert sein, wirklich tänzeln kann keines auf dem Brett des Todes. Wo Monsieur Gentleman beizeiten nach einem Gotteslob fahndet oder nach dem Nirwana, gibt es für kein Schwein etwas zu gewinnen. Es kann dem Schlachtmesser nicht begegnen als Vorstellung von einem Himmelswillen, es muss die Finsternis ganz nehmen. Entsprechend rein klangen mir die Laute, mit denen es verendete. Als wären dort Mühlsteine aus Nacht, so schob das Schlachtvieh den Tod beiseite. Damit es schauen konnte. Es wollte doch nur schauen!
Geführt in Ruheräume voll dunkler Ahnungen, an sich wohlauf, blieben dem Schlachtvieh Schmerz und Gebrüll verwehrt. Nirgends das grelle Licht eines Körpers, der sich zu sich nimmt. Jene Blendung Bresthaftigkeit, an welcher wir Menschenkinder uns zur Sterbenszeit laben.
Tatsächlich bedurfte ich umso weniger des Haltes, je mehr ich mir selbst die Schneide gab. Mit Gebrüll konnte ich wohl getrost ins Bodenlose stürzen.
Schlachterei aber ist keine Schlacht. Zwischen halben Schweinen braucht niemand sich dicke tun. Man muss zu allem Schneid und Gebrüll den Schweinen sein Leben vorwerfen.
Wie leicht dem Golem das Reklamehuhn fällt! Er bezeichnet sich schlicht als Monsieur, lässt sich Gentleman heißen und fährt dahin mit seiner Dreistigkeit von einem Herz. Er zieht das Reklamehuhn heran. Sein Maul öffnet sich wie eine Naht am Gesäß. Zähne speicheln vor, famose Zähne. Mir bricht der Schweiß aus, Monsieurs Zähne während eines Reinbisses ablichten zu müssen. Aber nein, heute lassen wir uns den Gentleman gefallen und hauen nirgendwo rein. Des Gentlemans Unterkiefer wird also herab gelassen, dass man beinahe Ketten rasseln hört. Blindlings stürzt eine Rotte trunkener Laute dem Reklamehuhn entgegen. Sie scheinen es auf das Hühnerherz abgesehen zu haben und knarzen allesamt wie schlechter Atem.
Bald flammt Tuwort um Tuwort durch die Kammern des Hühnerherzens. Wahrhaftige Tuwörter. Passend zu Eingriffen im Reich der Herrenunterwäsche. Dem Reklamehuhn bleibt das entschlossene Ablöschen mit Champagner. Aber welch Brandnarben!
Ein wahrer Feuerwerfer von einem Gentleman, dieser Monsieur. Ich fühle ihn zu den Waffen eilen, wie zum Weibe. Wahrscheinlich weiß er längst um das Panzerschlachten, das meinem Dasein stets abging. Kanonenstahl, der sich mir niemals offenbarte. Vergebens suchte ich mit beiden Armen jenen Kern modernsten Miteinanders zu kosen, ob das Schlachtmesser mehr Sinn ergab, wenn es Bajonett war auf dem Lauf eines Sturmgewehres?
Als Krieger geschmückt sein von den Maiden meines Stammes! Uniformiert, statt bloß arbeitsbekleidet. Aber auf welche Weise sollte ich Spatzenschnabel jemals Hahnenkampf sein? Zwar mochte ich mich beim Trommelfeuer so gut anstellen wie bei meinen Fleischwölfen, doch stehend im Felde, Sporn am Fuß, Schlachtmesser voran, konnte ich unmöglich auf Beute aus sein. Bestenfalls Aasfresser, wäre ich bloß einer von vielen laufenden Metern Schießbude.
All das Riskierte, es kommt uns ohnehin abhanden. Verloren der, der übersteht. Kein Nagel im Fleische nötigt uns so, wie das Überstandene!
Monsieur Gentleman lässt seine Hand auf den Tresen fallen, nicht wahr? Er hat Besitz genommen vom Gentleman sein. Er ist sich handelseinig geworden mit dem Reklamehuhn. Auf solche Weise handelseinig, dass die Barfrau ihren Segen spendet mit Likör aus einem Glockenturm von einer Flasche. Um Monsieurs Fortbewegungsmittel handelt es sich! Nach dem Schlüssel schnappt das Reklamehuhn, als wolle es Morgen bereits am anderen Ende der Welt Reklamehuhn sein. Während es sich also an Monsieurs Schlüssel zum anderen Ende der Welt krallt, giert Monsieur nach dem Rest vom Reklamehuhn. Laute entweichen Monsieur, die gemahnen an das Aufbrausen eines Ochsen. Wem es peinlich ist? Dem Reklamehuhn nicht. Die Krallen fest um den Schlüssel zu Monsieurs Fortbewegungsmittel, mag es sich für den Rest nicht mehr zieren. Freie Hand gewährt es auf eine Weise, dass den Jubelgreisen ringsum nach Kulturrevolution ist: Wie Rapper fahren sie sich in die Schritte. Bloß um dann mit einem Staunen aufzuschauen, als hätten sie Gold gefunden.

Ich twittere: “Great adorers are the arrows of life.”
"I am getting off. Have a good night", antwortet der Bot.

In beide Hände grabe ich meinen Spatzenschnabel, welch Leben das gewesen ist, das weder zum Schritt noch zum Gleichschritt einberufen ward? Keine Mannespflicht. Keine Wehrpflicht. Bloß das Schlachtmesser in Händen. Zum Vergreifen an allem, was der Gemeinheit sonst als Aas durchgegangen wäre: Feuchte Felle, blutschwangere Federn, Fett und Innereien, am Ende Knochen, Knochen, Knochen!
Urlaub vom Schlachthaus habe ich genommen. Resturlaub. Der Nachfahre meines verblichenen Fleischbosses, ein verzärtelter Pygmäe, aus Grabeslaune erwählt und bloß zum Dahinfahren geboren, der ahnte wohl, dass meine, "Spind" genannte, Stullendose erworbenen Lebens geräumt bleiben würde und leer. Er signalisierte Anteilnahme. Sein Köpfchen fiel nach hinten herunter, als leere er einen Umtrunk, als sei er von Macht und Sitte gen Himmel gerichtet. Augenblicke, die uns beide stehen ließen mit der Frechheit unseres Verlangens nach einem Schicksal. Schon federte das Köpfchen zurück ins Geradeaus: Obwohl ebenso reif für ein stilles Herrengedeck im Abseits, ward das Köpfchen in Ordnung gehalten von dem Schlachthaus vor seiner Stirn. Jener Grabeslaune eines Heiligen Vaters, die es selbst mit mir im Türrahmen weder ein Heraus erkennen ließ noch ein Herein: Bis dahin!
Gentleman! Gentleman! Umfasst von den Jubelgreisen, begibt auch Monsieur sich auf seinen Weg. Das Reklamehuhn vorweg. Gackernd über den Preis, den es erzielen konnte. Bald wird Monsieur am anderen Ende der Welt sein. Beide Hände voller Federn, den Gentleman weit hinter sich. Kein Golem immerhin. Zumindest so lange Fahrtwind ist, und das Huhn Reklame läuft für Monsieur. Dafür wird er es nicht Huhn nennen, dafür wird er Reklame Leben heißen.
Eine Zeit höre ich die Jubelgreise auf dem Boulevard skandieren. Dem Vernehmen nach haben sie Monsieur auf ihre Schultern genommen. Kraft des Huhns, das der Horde vorweg stolziert. Dann ist es, als blase das Huhn zum letzten Mal Reklame, und alles geht ab zwischen die Steine. Ausgespült jene Welle Dasein. Bloß ein leises Glimmen noch beim Verlaufen ins Meer.
Die Barfrau schraubt den Kirchturm von einem Likör zu. Man gestikuliert in Richtung des unbemannten Grammophons. Stundenglas ist das Personal nun und Fels. Willig für einen neuen Erguss Schöpfung.
Mir genügt das Tischtuch. Bereits während meiner Kindertage mochte ich mich so gering denken, dass der Stoff zur Welt wurde. Reich an Runden und Räumen, die mich bergen konnten, frei aber von Artgenossen. Sein wollte ich, wo nichts war! Der Tod bedeutet mir keine Macht, ohne Leben um mich her. Allein mit dem Licht meiner Vorstellung, das sich tief im Tuch seinen Weg leuchtet. Unter Humpen durch und unter Fäusten. In Mustern domestizierten Wachstums. Auf den Spuren eines wahren Willen. Und mehr als ein Wille, mehr kann Leben nicht eigen sein.
Von dem, was mir aus fünfzig Jahren Dasein verblieben war, halte ich nichts mehr in Händen. Mein Schlachtmesser gab ich einer Armenküche. Meine "Erlebnisse" gaben sich selber fort. Wohin, weiß ich nicht. Einen Spargroschen Erinnerungen habe ich noch am Mann. Tief in die Taschen gedrückt, wie fremder Leute Schweißtücher.
Bleibe ich. Bloßgestellt und frei von Last. Ein Wille auf der Suche nach seinem Schlachtblock.
Kein Sterbenslicht im Schankraum flackert bei meinem Willen nach dem Schlachtblock. Nirgends blinzeln Augen unter einer Tränenlast, nirgends zittern Lippen vor dem Unsagbaren. Dann will auch ich Ruhe bewahren. Jenes Gehabe mir ersparen, mit dem Literaten gemeinhin Tagebücher schließen. Als wenn das Leben ohne sie nicht weit offen bleiben würde. Genauso kann ich enden vor Wänden, welche beklebt sind mit Fotografien belebter Schankräume. Oder ich kann mir religiöse Malereien zu Herzen nehmen. Alles bliebe Stein, alles Zähneausschlagen.
Mag die Pforte gezogen werden und gedrückt, bis den Gäulen der Reiter der Apokalypse ihre Hufe jucken, es ist Strich und es ist Punkt, was sich hier aufs Parkett schert. Reingehauen von tausend Wehen. Als herrsche über allen Wehen ein vollends Mürrischer, dem das Gelümmel, das er vor Jahrzehntausenden anstellte, längst über ist.
Junger Herr, gepflegte Kotletten. Punkt. Strich, Strich. Punkt. Kleine Dame, Piercing im Maul. Punkt. Strich, Strich. Punkt. Beiden ist die Brust aufgeblasen von Refrains. Punkt. Sie gieren einander an. Strich. Der Herr gibt Spendierlaune vor. Strich. Die Dame einen lässigen Schoß. Punkt. "Tiroler Berge." vernehme ich von den beiden. "Fernsehen. Käseigel. Esse ich doch glatt noch mit. Wenn einem sonst nichts einfällt." Der Herr zeichnet in die Luft. Die Dame zuckt und stößt Laute aus. "Ach ja, da war ich plötzlich zwanzig vor fünf Zuhause. Ich konnte auch gar nicht böse sein, weil das so witzig war." Es war stets mehr, als sein wird. "Ein echt guter Arzt. Wartest zwei Stunden, bist aber auch eine Stunde dran, weil der sich echt Zeit nimmt. Schnitzel. Pommes. Und ich so: Mein Glück." Glück. Punkt. Glück, Strich, Strich, Glück. Punkt. Entsprechend guter Hoffnung sind die beiden, einander näher gelangt zu sein. Das Alt schiebt sich heran an den Caipi. Für den großen Schluck Dasein. Selbst wenn bald bloß noch mit Schaum geprostet wird und mit Deko.
Schafft sich einer nicht fort, nachdem er Pflasterstein um Pflasterstein beschmutzt hat mit seinem Blut, ihm bleiben zum Sterben Regen und Kälte, ihm bleibt das Verwittern, ihm bleibt das Zerrinnen.
Der junge Herr mit den gepflegten Kotletten lässt die Schultern hochfahren, und das Alt gleich mit: Wohl bekommt es!
Wie denn auch? klödert dem Caipi sein Modeschmuck. Man schrumpft einander nicht näher, um groß aufzutischen. Punkt ist man und Strich und Strich und Pfeil, ist Punkt und Strich und Strich und Kreuz. Während das Maul gepierct sich an gepflegten Kotletten orientiert, wollen die Kotletten am liebsten gepflegt in das Maul hineinstürzen. So platscht es auf den Pflasterstein. So nässt es in Ritzen. Noch letzte Reste Wort für Wort über Scham und Damm hinab zu spülen.
Eingenässt mit mir, kommen Scham und Damm auch am Ende meiner kleinen Sterbevorstellung auf ihre Kosten, fürchte ich. Pflasterstein für Pflasterstein wunder, ist das Ende ein Ausfluss. Gedanken wie Eiter, dem Dasein übel kommend.
Leib und Seele kratze ich ins Tischtuch, aus welch einem Trachten ich mich hier nahe meiner Sperrstunde ereifere über Jubelgreise, Monsieurs, Reklamehühner?
Längst nicht mehr Welt genug, ohne die Welt zu können. Ohne Jubelgreise, Monsieurs, Reklamehühner. Alles von mir an blauen Tischtüchern Erträumte, alles dort von mir Aufgeblasene liegt in meinem Gemüt als ein Müll, aus dem jeder Himmel entwichen ist.
Wo ich doch einst all das kaum halten konnte, das meiner Phantasie entstieg!
Zur Geschlechtsreife hin tapezierte ich die Tür des Kinderzimmers mit Abbildern pralleutriger Weibchen. Obwohl Säugetier geheißen, ward ich kaltblütig genug im fortwährenden Versuch, mich der Tür meines Kinderzimmers auf eine Weise anzuvertrauen, dass man an ein fehlgeleitetes Böcklein hätte denken können. Und ich fand kein Ende darin, aus Abbildern Leben zu gewinnen. Reinstes Leben, das weder gekauft sein wollte noch befriedigt oder gar geliebt. Aus dem Licht geschnitten, statt in einen Topf Menschenfleisch geworfen.
Wo ich nicht mit "Weiberbildern" Mutwillen treiben konnte, ließ ich mir Götzenbildnissen gefallen, von Eingeborenen in Liebe auf den Pflasterstein gemalt. Knieten die Eingeborenen, kniete auch ich.
Statt aber weiterhin auf solch verträgliche Weise des eigenen Schoßes gedenken zu müssen, kann ich der mir verbliebenen Leibesfreude nun hoffentlich mit Tintenschwärze ein Ende machen: Das Stehvermögen des Geschriebenen, gegen das jeder Schoß treulos wirkt, und jedes Aufseufzen bloß Laufkundschaft beansprucht.
Wobei mein auf Abbilder eingeschworenes Sein für Qualitätsunterschiede sorgt, was Gefühlsbekundungen betrifft: Während ich weiter vor meinem ersten Herrengedeck hocke, muss ich jedem Gegenüber zugestehen, längst und im vollsten Umfange mit der Welt zu verkehren. Wollen wir uns also auf ein Weilchen aneinander gewöhnen, sollte niemand nach dem Buhlknaben in mir fahnden, der für anderer Leute Wohlmeinen sein Lügenmaul in Aussicht stellt.
Wie fing einer an, der nie angefangen hat, weil kein Ende ihm den Anfang wert schien?
Meine erste Amtshandlung zur Stunde der Volljährigkeit war jener rote Vorhang, welcher die Lichtspielhäuser in Gut und Böse teilte. Was mir Schlachtergesellen aber hinter dem Vorhang als „Fleischabteilung“ vor Augen stand, beraubte mich um jedes Hohelied. Hätte ich einen Rosenkranz oder ein Gotteslob mit mir geführt, ich hätte es dem Kassierer über den Tresen geschoben wie einen längst überfälligen Leihfilm.
Zum roten Vorhang hin schien jede Eröffnung des Körpers mir als Hochzeitsgabe Fleisch gewordener Göttinnen. Nun lagen diese Göttinnen spreitzbeinig vor mir, meine minderjährige Anbetung voll Hohn zu blasen. Ich implodierte eher, als dass ich platzte. Sämtliche Innereien waren mir derart in den Brustkorb gestampft, dass ich alle menschenmöglichen Ausscheidungen atmete und durch den Leib schlug.
Ganz und gar kein Zufall dann jene atemlose Geschwindigkeit, mit der ich verloren ging an die Wüstenwelt der Philosophen, wo Menschen Recheneinheiten waren, bunt bemalter Nippes vergangener Epochen. Während alles Mündige nach seiner Spielart der Liebe verlangte, enthob ich mich jeder Sorge um Schlager und Eisprung.
Derart heimisch in einem Reich, das weder verzärtelt noch bocksbeinig war, ließ ich mir weiterhin Matten stehen, als man längst fahndete nach der Föhnfrisur zum Liebesakt.
Gel, Farbe und Creme: ich investierte wenig in den Tod, der Tod also auch wenig in mich.
Woher dann dieser Erfolg, mit dem der Tod um mich wirbt?
Im Kneipendunst stiere ich auf beim Schopf gepacktes Dasein, zur Brust genommenes Geschmeichel, mit dem Hintern hochgekommene Hoheit: gefällig wie tausend Putten im Friedhofsrund.
Hielt ich mich auch Abseits jener Balz, deren Dasein Hand war und Schoß, so wusste ich selten etwas, das vollendeter war, als blank gestrichene Holzkreuze, angeordnet bis weit in die untergehende Sonne. Überschlug mein Trachten es hinauf zum zehntausendsten Trieb ins Glück, werktags uniformiert und strammgestellt, bäumte das unter mir reifende Geschlecht sich mit Urgewalt auf zur Schaffensgröße, alles Eingeborene zu grüßen. Trieb, der am Triebe sich ergötzt. Jenes Kraut, welches "Glück" geheißen wird, aber auch die Magd in seiner Wurzel birgt, wie den Mord am Kinde. Wer möchte da nicht alles rupfen und zum Munde sich führen? Blüte, frei von Geist, die in blätternder Farbe sorgt für Namen ohne Sinn. Trixi Hardengruen! Anett Hülsklöver! Silbe für Silbe grölte ich einst hinauf zu den Sternen.
Und wie es wohl jeden befleckt, sich in jungen Jahren auf Abwegen präsentiert zu haben, nimmt auch mir seit jener Sittenlosigkeit die Gnade des Vergessens nicht ein Wort. Pfützen voll Gelichter platschen durch den Schädel. Auf meiner Stirn stets ein Hauch vergangenen Schlammes. Während sämtlicher Gesang in Nester voll Disteln gedrückt ist. Worte, die brennen. Brennen ohne Farbe. Und mit jedem Wort, mit jedem versungenen Wort prügelt Faust für Faust Geschlechtsreife mir ins Angesicht.

"Unsere Erinnerungen“, sagen die Leibesfreudigen, "kann uns keiner nehmen." Leibesfreudige zerkleinern Leben in genießbare Events. All you can eat. An jeder Ecke lungern Leibesfreudige mit ihrem Geschirr auf einen weiteren Schlag Leben. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt. Leibesfreudige schlecken, Leibesfreudige dippen, glotzen, schmökern, voten, Leibesfreudige erwählen leibesfreudige Götter. Leibesfreudige vertreiben das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen sind die Könige des Gewesenen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

So sprach er in den Resten eines elterlichen Schlafzimmers, das zur Geschlechtsreife ihm diente. Oder besser, er schrieb dies. Mit Bleistift in kleinkarierte Hefte. Freiheit, der aufgeholfen wurde durch Anspitzer und Gummis.
Ob Gesetz, ob Faustrecht - stets fühlte sich der Geschlechtsreifende beschieden, frei heraus sein Meinen kund zu tun. Und niemals ohne jenen Schlag Irrwitz, der selbst Leibern, welche sich in Geschlechts- und Fressakten hoben und senkten, noch offene Herzen unterstellte.
Wie sollte solch strotzenden Gliedern jemals gewahr sein, dass allein der Tod naht mit leisem Klopfen. Sei er nun aus auf Raub oder auf ein schlichtes Erlebnis. Kein Dasein, welches nicht an "Buzz" gewinnt durch schreiende Wunden.
Die Prediger auf den - "Erlebnismeilen" genannten - Strichen etwa, wie sie zigtausenden Einkaufstüten einen Heiland entgegen brüllen. Ja, und da brüllen die Prediger dann ihren Heiland. Derart im Abseits, dass man ihnen wünscht, sie würden es ihrem Heiland an Blutzoll gleichtun. Wenigstens möchte man die Prediger in Ketten legen und peitschen. Damit sie sich, wenn schon nicht in Duseleien erlöst, so doch wenigstens durch Strafe gewürdigt fühlen: Nicht für jeden nehmen wir uns die Zeit, ihm den Schädel zu spalten.
Welch Ehrgefühl wäre das, würde sich hier einer vom Tresen aufmachen, mir den Schädel zu spalten! Gar ein Mob, ein ganzer Mob!
Weichgewirkt in der Masse aber, ist man an den Ausschänken des Daseins bereits dankbar, seinen Tod zu erfahren als Folge eines Bade- oder Skiunfalles.
Angetan von solch mit Vergnügen Gemästeten, spähe ich im Schutze meines Herrengedeckes unverdrossen in den Schankraum: Das ist kein zu Tisch sein mehr, kein Meiden von Trinkrändern. Das ist ein Schlund sein!
Was dann mehr als Schlachtvieh? Aus Transporten taumeln, lärmend vor Missbefinden: Jedes Ferkel ist dem Menschen gefälliger, als ich, jedes Schwein ihm mehr Genuss. Zubereitet will ich sein, statt als Asche verscharrt. Bordeauxrote Lippen sollen knabbern an meinen Überresten, sollen speicheln, sollen wieder und wieder mein Fett tupfen von ihrer Fülle.
Gepfercht zwischen Böcke, Lämmer und Bullen, mag ich Stampede ihrer Stampede sein. Mit Selbstverständlichkeit soll man den Gewehrkolben nach mir heben, frei heraus zum Ochsenziemer greifen. Drüse will ich sein, Absonderung und Kloake.
Kein Kreuz Holz, kein Papierkram soll mir vorgetragen werden. Bleiben mag allein das letzte Stroh, das ich zertrat im Dasein. Ins Weite gekehrt vom Wind, wie er am Ende fegt über leere Ladeflächen: Meister, da waren eben noch tausend Joch Herzsein!
Beinahe möchte man zurück gebliebene Ohrmarken verehren, die Nummern darauf sich einprägen. Bloß um nicht in einem fort mit den Schultern zu zucken.
"Bitte zahlen!"
Die Bedienung quittiert mein Daseinszeichen mit jener Hoffart, welche jungen Vollbusigen eigen ist, die ihren Dienst in der Gastronomie leisten mit dem Krönchen eigentlich Studierender.
Nun lag mir nie sonderlich daran der Hengst zu sein, mit dem vollbusige Akademikerinnen ihre Esszimmer abbezahlen mögen. Rangelassen sein, steil stehen am Gipfel der Genüsse: Körperöffnungen solch Himmelreich zuzugestehen scheint mir unbillig. Aber wie die Vollbusige vom akademischen Gipfel der Genüsse auf mich hinabschaut, das gefällt mir. Ich reiche ihr meine Zeche hinauf, als wäre Trinkgeld Ablass genug noch für den unappetitlichsten Gaffer.
Diese Schmiere von Phantasien! Gier gutgehender Bürger. Verlangen, das aus jedermanns Bleibe ein Dreckloch macht, randvoll mit Begehrlichkeiten. Knöcherne, verhärmte Jobs, Lebtage lang. Fürs Meins! Fürs Urlaubsschwein! Widerlich, wofür alles Menschen sich aufsparen. Am Ende fällt den Herrschaften vor lauter Tristesse dann selten mehr ein, als beim Boxenstopp die Trulla zu tauschen.
Wettern tat ich als Geschlechtsreifender über das, was ich einst als "Liebe" ins Maul nahm:

Ihre Liebe ist groß wie ihre Welt, und die ist klein: 2,00 x 1,60 Meter im Schnitt. Selten fühlt Gleichgültigkeit sich herzlicher an, als hoch oben im Liebesnest. Zwei Raubvögel beim Balzflug, bevor sie auf uns hinab stürzen. Haben wir Glück, bauen sie ihrem Liebesspiel unser Fleisch ein, füttern und necken sich damit. Liebesnestler fressen nicht, Liebesnestler schlingen nicht. Reißzähne sind ihrer Liebe fremd. Liebesnestler picken dem Leben das zarteste Fleisch aus. Liebesnestler sind die warmblütigsten Fleischfresser der Welt. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

Habe ich das mit den warmblütigsten Fleischfresser laut ausgesprochen? Die Vollbusige hält kurz inne beim Abschluss des Kassiervorganges.
"Machen Sie hier bloß keinen Blödsinn!" lächelt die Vollbusige. Wobei das "hier" unterstrichen von ihren manikürten Krallen im Raume steht.
"Ja!" bin ich. Ein Ja zu allem, was ich mir weiterhin antun will. "Für den Blödsinn werde ich ein Naherholungsgebiet aufsuchen!"
"Schön", verabschiedet die Vollbusige mich aus dem Dasein: "Schön!"

Ich twittere: “Build you spirit a cathedral.”
Der Bot schweigt.

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Zum Werk!

Mittwoch, 13. Mai 2009

Schlesingers letzter Kampf.

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Ich war ein Phantasiewert. Meinen Himmel versprach ich jedem, der bereit schien auf mich zu wetten. Einem Unteroffizier etwa, diszipliniert bis in den Schlamm, wie er sich lustig seine Zigarette ansteckte: „Warum nicht?“
Vor dem erloschenen Kamin hocke ich. Neben der Spielesammlung und den Buchspenden. Mein Diktiergerät gleicht dabei einem Kind, das mit offenem Mund Gespenster zeichnet.
Zum Kettenrasseln hier! Gegen meine Bleibe gleicht jedes Prosit, an das ich mich erinnere, einem Donnerwetter. Mein Krückstock lungert am Sessel herum. Gefertigt aus Niedergeschlagenem, das mal hoch am Himmel stand. Werk einer Axt im Garten Eden. Hingegen ich Abfall bin vom Baum des Lebens. Verdorben, ohne dass ein Fallbeil sich je an mir versuchte. Hinter mir lauert kein Wille. Ich bin nicht das Projekt überirdischer Heimwerker. Eher trat mir das Blut über die Ufer: Missgeschick meiner Natur, Toilettenfehler des Alltags, fruchtloser noch als jedes Plastikfigürchen einer Spielesammlung.
Das Personal feiert gerade Schichtwechsel. Bekittelte Außerirdische: von mir aus langt eine Minute im Personenkraftwagen bis mitten unter die Sterne, so gammlig fühlt meine Tiefe sich an. König eines verwitterten Wracks. Zu Grunde gehend unter schwerem Blasengang.
Ich beäuge das Diktiergerät, atme, atme, bin ganz Lebenszeichen. Es ändert nichts. Kein Kartenhaus, welches sich durch mein Gaffen und Giemen genötigt sieht in alle Richtungen auseinander zu fallen.
Die Mauern stehen, bleiben, wachsen neu und wieder neu.
Fünfundvierzig Jahre, und ich sehe in all dem Stein nicht einen Stich. Restlos abtragbar bin ich. Unwesentlich bis in den Kern. Eine Sabbelbude.
Niemals ergab ich Sinn. Ich belebte die Welt, ich besprang und beweinte sie. Ein Daseier, den selbst Kinderhände leichthin verscheuchten.
Ich greife zum Krückstock. Mein heiler Arm drückt das Ende des Krückstocks mit aller Macht auf den abfeudelbaren Flecken Welt, den ich seit Stunden bedenke. Und es verbleibt nicht ein Beweis von Kraft auf dem Linolium. Als hätte ich mich fünfundvierzig Jahre lang jeder Aussage verweigert.
Vielleicht sollte ich mich hochstemmen. Meine Runde durch den Aufenthaltsraum machen, die kleinen Abendtoiletten entlang Patrouille gehen, gar den Streifen Grün vor dem Pflegeheim beleben. So als zäher Daseier.
Eine Sportstunde aus Kindertagen kommt mir hoch, in der ich die meisten Runden rannte um den Teich. Am Ende hart von der Eitelkeit, sechs oder sieben Male im Kreis gelaufen zu sein: „Das kann er!“ hob sich der Daumen des Junge, neben dem jedes Mädchen sitzen wollte.
Sprinten und Weitspringen, ja! Ungern gedenke ich solch flinker Kindertage. Mit einem Halben von einem Körper ist nicht gut schwelgen. Der linke Arm schlaff, als wäre er mir angenäht. Das Bein darunter kaum besser. Über Nacht entzwei geschnittert alles. Was keineswegs heißen soll, dass mir anschließend nicht vollste Lebensfreude abverlangt wurde: Der Welt angemessen als ein Flicken, konnte ich mich schwer eingewöhnen in mein neues Maß. Das Pflegepersonal aber wurde dadurch nicht freundlicher. Ausgewachsene Vierbeiner, denen ich mit dem, was übrig blieb von mir, kaum zu begegnen wusste. Hätte ich wenigstens zappeln können nach der Mucke, die sie sich einführten, wenn das Schichtende nahte. Und klatschen konnte ich nur noch, wenn ich mit der Rechte auf meine Fußsohlen patschte. Nichts, worin Vierbeiner examiniert wurden. Also: Tür zu, Friedhof an!
“Warum ist die Banane krumm?“ ihre Sprachregelung, wann immer ich vorstellig wurde mit dem Tod.
Merke, entzweit darf man gerne sein, aber bitte als ein geklebter Weihnachtswichtel, der das Jahr über auf dem Boden lag: so bald jemandem nach Bescherung ist, muss einem der Wichtel im Gesicht sitzen. Ich blieb Totenmaske. Bleich, mit Spuren gewesenen Grinsens. Hin fastete ich auf das Knochenwerk, das aus meinem Sterbehause verbleiben sollte. Ja, soweit war ich schon als Schüler, wenn sich uns an Wandertagen Gruften auftaten. Totenschädel und Brustkörbe, welche dem Pestgevögele widerstanden hatten, und in ihrer Ewigkeit ruhten wie ein Hurra!
Meine Worte bedeuten ja keine Wings, an denen ich etwas zu knabbern hätte. Feuerfasten und Bitterdunkel gehen also in Ordnung. Im Fleische stehend bin ich dem Leben keine Sättigung. Herunter gebrochen auf mein Wort jedoch mag die Welt mich schlingen können. Ich reisse mich also in Buchstaben, zerfetze und versaate mich. Oder besser: ich versuche es, viertelstündchenweise. Bis dann wieder Feuerfasten und Bitterdunkelheit herrschen, und garnichts in Ordnung geht.
Wohl jede Körperöffnung müsste ich mir zuschütten für den Glauben, dass mit meinem Gewese noch etwas in Ordnung geht!
Wissen Sie eigentlich, wie Kunstlicht auf Linoleum brennt? Da wird einem die Seele schwarz vor Gefrierbrand. Selbst wenn man sich seine Faust vors Auge drückt findet sich bloß noch blaues Geklumpe, wo einst haufenweise Träume Schichtdienst taten.
Könnte ich wenigstens abrutschen auf dem Linoleum nach irgendwohin. In die schwarz wattierten Spalten kollabierender Kreisläufe etwa. Aber nein, alle Trostlosigkeit feilt sich so lange ihre Krallen, bis ich mittendrin anfange meinen eigenen Schwanz zu jagen. Ja, so bin ich der Hölle mundfein, als ein um sich kreisendes Elend, von jeder Hausmaus mit Abscheu beäugt.
Während Teufel also in Hinterzimmer locken, dort die Sache mit dem Leben zu klären, sind Engel wohl eine Verheißung von Dachgeschossen: das doppelt geflügelte Wohnzimmerfenster zur Chaussee etwa, unter dem mein Dasein begann. Sicher ward ich so verführt mir Miniaturen zu erwerben, die Engel mal als Ritter darstellten und mal als Revolverhelden. Auch Flugobjekte aus Puppenkisten beseelten mich in meinen Vorwärtsbewegungen. Eben weil es entlang der Chaussee nur lief mit der Schnauze voran, und zwar geschwind.
Auf die Fensterbank gestützt wie zur Andacht erlangte ich so ein Raumgefühl, das ich bald im Kindergarten mit Tritten verteidigte. Und dann auf ein Wort gebeten werden von ebensolchen Lüstlingen im Knirpsformat, dass man ein Messer sich borgen werde, mir den Bauch aufzuschlitzen! Das Messer sah ich nie, aber die bloße Rede davon ließ mich endlose Kindertage lang beben. Ja, so erfuhr ich mein erstes wahres Wort. Das Wort vom Messer.
Heimwärts ward ich so gewendet. Bei der Mutter mich zu bergen, danach hielt ich lange Ausschau am Zaun meines Kindergartens. Ein Zaungast des Lebens, wenn man so will, niemals mittendrin.
Die Weise, wie Mutter mir winkte von weither, wurde mein Bildnis des Lebens! Ihr Arm, der augenblicklich sich hisste, mal Ahoi signalisierte, mal Aloha, mir jedenfalls so war, als begänne alle Welt überhaupt erst dort, und nur dort: aus fünfundvierzig Jahren steigt mir nichts Vergleichbares auf, was mein Dasein je krönte!
Vom verrotteten Oberstübchen her erwarte ich so bloß noch eines, dass es mich mit seinem letzten Schlag Blut versinken lässt in Mutters Bild, wie sie von weither nach mir winkt.
Wäre ich zu jener Zeit gemischt worden unter Mündige, die bleiben konnten, wo sie wollten, ich hätte sie nicht beneidet. Auf welche Weise ließen sich grelle Freizeiten, in denen wir Mädchen nach ihren Höschen trachteten und uns mit Steinen blutig hieben, besser beenden, als durch den Segen einer Mutter? Da hatten wir Ausgeburten dann fertig. Unter Mutters Sonne fühlte niemand sich mehr ungezogen. Mutter bedeutete Absolution. Der Halt ihrer Hand ließ unsere Hand reifen zur Waffenfähigkeit. Die erste Räuberbraut. Dagegen konnten Geistliche später Panzer segnen, wie sie wollten.
Man stelle sich am Ende Mutters Bestürzung vor, als die anderen längst Wildwüchse waren, die leichthändig Böller und Kanonenschläge zündeten, während dem Sohn selbst das Pink der Wunderkerzen ins Gesicht schlug. Wohl glückte mir beizeiten ein Kraftwort, aber jene befreienden Affenlaute, mit denen alle Welt Herrschaft feierte, blieben mir fremd.
Während man also mit seinem Blut emsig Mutterboden düngte, verkam ich zur Plünne. Das Aufgetragene eignete ich, den Schlag von Vorgestern.
Meine Bronchien werden mir streng. Luft verschwendet das Leben nicht mehr an mich. Als wäre ich nie ums Wesentliche bemüht gewesen! Sag mal, Du Linoleumfresse, Du Neonskalpell, bin ich Ratsche genug, dass Dein Gedrossele Dir zum Vergnügen gereicht? Was bist Du für ein vertrottelter Aasräuber, mir Hagestolz nachzustellen, wo Du hundert Schleckermäulchen um ihren Sinn bringen könntest! Geh gefälligst und bereinige Deiner Herrschaft die Flure, die sich lohnen!
Rasend vor Ahnungen, was mir an Leben widerfahren sein könnte, breche ich herein über meine Kindertage: Abgetanes entwende ich dem Hirn aus seinen Hinterhöfen. Halden sind das, zerdepperte Laden voller Nichtsnutzigkeit. Bleichgesichter reißen mir auf am Rost der Vergangenheit. Jenes Getue mit unseren Kettcars, Fresspapier vorm Mund, die Taschen voller Murmeln. Als wären wir hohle Schalenfrüchte gewesen, welche auf dem sich drehenden Rund eines blaugewirkten Rummels mal nach da, mal nach dort rollten.
Abgesehen von der Pflicht klaffender Wunden, erinnere ich nichts, das mich überzeugt sein lässt vom Wirken einer Tatkraft. Bilder konnte ich blättern, ja, Miene zur Musik machen, natürlich, und Glotzen konnte ich wie ein Großer. Jedoch drang ich niemals durch das Kaugummi Kindheit. Ich blieb ein süßes Durchgekaue, ich blieb zum Ausspeien!
Was war das anderes in den Naherholungsgebieten, als der tausendste Tanz um Ruinen und Schrott? Neunhundertneunundneunzig Tänze davon nicht von mir. Höchstens tat ich mich hervor mit Plastik, wo ein längst verfaultes Görenwesen noch in Holz phantasierte.
Und selbstverständlich zog ich keine Schlüsse aus dem tiegelartigen Glühen, das gegen Schlafenszeit die Felder entlang über unsere Picknicke herzog, obwohl es mit weiten Mänteln Dunkelheit herbeiführte.
Das geschnittene Korn erinnere ich, Überlandleitungen, Satteltaschen, den Willen zum Erlebnis, wohl auch wie die Sonne im Sinken auf uns anlegte, aber keine Sekunde Todesmut. Eher hätten wir Glaubensbekenntnisse fahren lassen, als uns gegen das vom Horizont aus aufstiebende Schwarz zu wappnen.
Nun ächze ich hier vor Plunder. Ein punktloses Geknutsche hängt mir an. Selbst dem Tonbandgerät mag ich die blutschwangere Brühe Gemeinwesen nicht zumuten, mit der ich lederhäutiger Sack mich über Jahrzehnte abfüllte, und die mir nun aus allen Poren will.
Ginge es im Herzschlag des Lebens, wäre es hohe Zeit für eine Lanzette samt Abtritt. Aber was auf Erden ist schon entschlossen, was verschwiegen?
Oft hörte ich vom Leben als einen Fluss ohne Wiederkehr. Wenn dem so ist, trieb ich gewiss keine Wertschöpfung. Ich plantschte am Ufer meiner Zeit, tauchte während hoher Festtage in vorgeschriebenen Tiefen und ließ mich wohl auch unbemerkt einige Meter treiben ehe ich machte, dass ich zurückkam. Aber wenn dort von Urzeiten her oder von vergangenen Ufern etwas Sachdienliches an mir vorbei verflossen sein sollte: meine hatte Hände gewiss nicht danach gesucht! Zu besessen war ich durch die Lebensverdrängung, die ich Fleischeskraft verantwortete mit meinen Bocksprüngen von den Spitzen der Nahrungskette. Ausser Dreck gelangte durch meine Lust nichts zur Welt. Und nun verende ich in meinem Maß Zeitgeschehen. Tagesgeschäfte hinter mir, welche gewiss nicht übel gelangen. Dass ich mich jedoch aufmachen könnte ans Ufer, dort etwas von meinem Gewesenen Segel setzen zu lassen, würde einem Versuch gleichen Schatten in den Fluss zu werfen.
Wenig hilfreich dabei, dass es regelmäßig überall maximal für ein Reihengrab langt. Jene von Geburt an Befriedeten, welche getrost auch Christbäume hätten sein können oder Fliegenpilze: was war ich stolz auf meinen grünen Umhang und die rote Kappe, in welche Mutter weiße Punkte genäht hatte. Vermählt mit aller Welt vermochte ich so im Kindergarten zu knien als bloße Laune der Natur! Vielleicht sollte ich zum Pflegepersonal beten, mir für mein Sterbebett Ähnliches zu schneidern?
Die Form, gewiss macht die Form den Tod! Wüsste man sicher, wann einmal aufgezogene Dasein mit letztem Ruck stillstehen, viele würden sich wohl am Meer betten, oder sich wenigstens auf Wiesen bereit halten. Aber so im Pilzkostüm eigne ich mich wohl vorzüglich für den unentschlossenen Tod. Einen Tod, der nicht hinmacht, sondern der es genau nimmt mit seinem Handwerk. Hätte mich auch geärgert, hastig ausgebombt zu werden, eine Bein hier, die Arme ganz woanders. Mein Tod und ich, wir wissen schon, was wir aneinander haben.
Mit welch Sorgfalt mir seine schmutziggrünen Schimmelfinger Nerv um Nerv rauben und in jede Daseinsader Glibber stopfen! Beben würde ich unter meinem Tod, ließe er mir die Luft dazu. Aber nach Beifallsbekundungen stand ihm wohl nie der Sinn. Durchaus vorteilhaft in einer Welt, die sich erregt an Bildern von Schutzengeln: wache über meine große Morgentoilette!
Ja, welch Engel ich sei! segneten mich Tanten, als mein Fleisch noch mundete und ich die Arbeitskraft eines Elefanten verhieß. Spätestens jetzt aber mag ich hören, was für ein wundervoll anzusehender Tod ich sei! Derart empfohlen finde ich wohl sogleich Anstellung, wenn ich hinüber bin.
Vom jenseitigen Amt für Flurbereinigung möchte ich zum Tod einer Schönheitskönigin befördert werden. Kein fauler Tod will ich sein, welcher sie mal eben ins Messer eines verschmähten Verehrers steckt.
Scheu würde ich mich meiner Schönheitskönigin nähern. Nicht gleich ihr Herz beanspruchen, nein, in die Nieren dieses edlen Geschöpfes schleiche ich mich. Dass bloß an den Schienbeinen sich ein Ausschlag zeigt, von dem selbst der Hausarzt nicht ahnt, dass ich es bin.
Wie meine Schönheitskönigin mich dann mit irgendwelchen Cremes kost! Immer öfter unterbrochen von langen Blicken, wer wohl verantwortlich sei für diesen Streich? Und wie ich dann im Dunkel ihrer Nieren zittere vor Versuchung, entfacht über sie herzufallen. Aber dann ist da vielleicht schon die Schurwolle eines ihrer Liebhaber, dem seine Hose in die Kniekehlen gerutscht ist. Zu Anfang jedenfalls, bis ich für genug Flankenschmerz gesorgt habe, dass meine Schönheitskönigin es nicht mehr so gerne mit weltlichen Dienstleistern will.
Wann immer sie stattdessen ins Beten kommt werde ich flauschig im Rücken, und bin an den Schienbeinen auch viel weniger blühend.
Ah, jetzt haben sie mich entdeckt: „Wenn das mal nicht die Nierchen sind!“ verpfiff mich eine Krankenschwester.
Nun ist der Vorhang beiseite gerissen. Nackt, wild und frei stehe ich vor meiner Schönheitskönigin. Gerne hätte ich sie schlank im Schlaf mit mir genommen. Ihr Dasein auf den Punkt gebracht als ein gehauchtes: Huch! Wie sie dem Leben passierte, hätte ihr der Tod passieren sollen.
Umstellt von Ärzten nun eskaliert die Situation zur Geiselnahme. Es geht hart auf hart. In Kriegsbemalung stürze ich Strahlenkanonen und Giftspritzen entgegen: Unter Verwüstung von Nieren und Leber, mit Scharmützeln entlang der Speiseröhre, stehe ich endlich vor den Lungenflügeln meiner Schönheitskönigin. Flügel, die ich ruhig unter den Wonnen der Sonne erinnere. Nun aber zittern, zucken und beben ihre Flügel. Ein wild seine Fahne schwenkende Existenz. Und ich werde dabei nicht schwarz vor Lust, sondern vor Scham. Gerne würde ich so vorstellig werden in der Flurbereinigung, ob man dort die Praxis des Notwendigen kennt aus eigener Anschauung? Doch auch mein Mutwillen am Leib der Schönheitskönigin kommt mir übel: als wolle ich am Ende aller Weltenräume stählerne Festen angehen! Es ist nicht die Schuld der Schönheitskönigin, dass mir aus ihren Körperöffnungen kein Sternenhimmel erwuchs.
Der kümmerliche Rest, den es noch abzutöten gilt, mag eine Frage der Technik sein. Auch blind vor Pflicht und Scham bequem machbar. Es wäre aber alles nichts ohne die Anerkenntnis meines Wirkens. Die Genugtuung allen Ernstes wahrgenommen zu sein.
Als die Schönheitskönigin selbst an einem Tropf voll Morphin noch faselt vom Leben, fühle ich mich um meinen Segen gebracht. Derart geprellt will ich mir keine Nacht mehr mit meiner Schönheitskönigin schenken. Wütend breche ich auf in ihr Hinterstübchen, dort aus dem Erinnerungswust einer Schönheitskönigin das Filmchen zu schneiden, das sie zum Halali sehen soll. Ja, der Tod ist am Ende auch ein Showcutter.
Gegen drei Uhr früh begegnen wir uns. Wie zwei füreinander Geschaffene. Ich missmutig in ihrem Hinterstübchen, als ich aus dem Nichts zwei Augen spüre. Sie. In aller Form, in der sie einst gemeint worden ist, schaut die Schönheitskönigin mir zum Hinterstübchen rein. Unter zwei Sonnen kauere ich wie unter Glockenschlägen. Ein letztes Mal nimmt die Schönheitkönigin Gestalt an, und sie meint mich damit. Mich! Dann ist sie fort. Ausgezehrt und puppengleich nun auf dem Sterbebett. Im Vertrauen darauf, dass ich meinen Beitrag leiste. Und ich rausche durch ihre Erinnerungen wie hundert Frühlingsstürme! Bis in den Morgen schaffe ich an meinem Meisterwerk vom letzten Augenblick.
Ich warte, bis erste Sonnenstrahlen meine Schönheitskönigin segnen, dann starte ich den Film und sage: „Du!“
Eine letzte Welle Blut durchmisst ihren Leib. Aufgeregt wie zum Examen. Ihr Herz erhebt sich, verneigt sich nach allen Seiten. Ein letztes Zittern mit dem Taktstock, dann bricht sich das Morgenlicht in den herrlich geöffneten Augen meiner Schönheitskönigin…
Als ich mich voll frischer Erfahrungen aufmachen will, bald der Tod einer anderen Schönheitskönigin zu sein, finde ich mich wieder im Sessel eines Aufenthaltsraumes eines Pflegeheimes. Erwacht aus der Laune meines Todes. Oft lässt er mich so wegtreten. Wohl weil er unbebettelt sein Werk inspizieren will. Ums Leben gebrachtes Dasein. Als hänge in Ruinen noch irgendetwas mit Bewusstsein heilen Zeiten nach. Kinder wollen so etwas, in Abbrüchen Gespenster sehen, warum mein Tod nicht auch?

Ich bin mehr als die Worte, die mir glücken. Worte lassen mich nur zur Ader, Worte bedeuten höchstens eine Probe schöpferischer Urgewalt. Mag mit meinem Mundwerk nicht mehr viel los sein, meine Schreie sind so kräftig wie die eines Verdammten. Das Leben in seinem Wesen weiß mit unserem Wort wenig anzufangen, während jeder Schrei die Wälder hallen lässt.
Sollen sie da draußen Messenger bevölkern und Börsen aller Art, meine Verzweiflung wird den Erdball Richtung Himmelspforte dreschen! 
Niemand darf sich davon irreführen lassen, dass ich nirgends hinauslangte über die Sandkästen, in die ich gerahmt war: mochte ich ein Kindsein lang Matsch bespielt haben, mein Wesen ragte stets höher hinauf, als wir Menschen jemals wachsen: Himmel forderte ich, die sich bedeckt hielten wie Auftragsmörder. Heimtückisch genug, mich rücklings mit Blitz und Donner entzwei zu schlagen. Aberhunderte Tode, welche sich in den Himmeln verbargen!
Derart unters Messer befohlen sorgte ich für meine sieben Ameisen. Jede Ameise zäh wie ein Drachen, nein, zäher! Mit Sinnen, die weder verbrämt waren noch parfümiert. Während man im Himmel so anhielt bis zur Sinnflut, schaffte ich Blätter herbei und Gras. Zweige brach ich, faulen Sand zu befestigen. Nicht der Ameisen wegen, die konnten leicht ein Vielfaches dessen tragen, was mein Tuschkasten an Blut und Schwarz hergab, sondern um der Logik meiner Hände willen, dass ich im Rahmen eines Sandkastens jedes Donnerwetter überdauern würde! Steckte ich mich geduldig zwischen die Ameisen, würde sich jede Wand in durchbohrbaren Krümelkram verwandeln.
Wundert es da, dass ich selbst während meiner Blüte nicht zu unterscheiden war vom Lehm und vom Kompost? Jedem Leibchen, jeder Joppe, jedem Latschen war ein Ton Kehricht beigemengt, welcher sich weder abwaschen noch abtun ließ. Jahre, von denen nicht ein Lichtbild existiert. Bis mir mein Kehrichtsein zum Stolz erwuchs. Wäre ich von Geburt an Ameise, hätte das Leben mir bloß zwei Beinchen genommen, nicht aber mein Ameisenleben.
Drängte ich manchen Weg weit auch gen Himmel, ich war nie Teil jener Behauptung, dass Kehricht fliegen könne, wenn dies und wenn jenes. Mir ging das Als-ob ab. Ich konnte nicht so tun, ich musste schon machen. Mochten andere sich in den Wind werfen, ich wühlte und schabte. Natürlich, wenn man in Mauern Tunnel bohrt, herrschen dort Beklemmungen, welche nur mit Gleichmut zu lösen sind. Schwarz müssen einem da die Augen sein, ledern der Schlund. Ohnehin waren mir meine Ohren stets Abtritte, wo alles Leben sich entleeren konnte. Und nun, „auf Pflege“, gleiche ich wohl einem Aschenbecher: Sessel, Krückstock und überhaupt aus Ton, Loch im Schädel für die Kippen. Wenn jemand das zerstörerische Nichts unseres hochverehrten Glühens erleidet, dann ich. Und niemand naht sich mir, der mich in Liebesakten leeren könnte.
Ja, die Daseinshygiene leidet. Zum Neutrum degradiert, sind mir selbst meine Träume so trocken geworden, dass mir jeder Samen noch in seiner Blase verkümmert. Vielleicht lief es deswegen selten rund, weil ich mich nie als Revolver durchs Leben führte: der Finger am Abzug halbiert das Gedankenaufkommen, vermute ich. So blank gezogen wäre ich den verballerten Revolvern nun natürlich über, hätte die sich nicht aufs Beten verlegt. Tatsächlich genügt es zum Seelenfrieden wohl schon, wenn man rauchende Revolver schmückt mit späten Blumen.
Kehricht umgeben von Chorälen, wie hätte ich das einst ahnen können unter all jenen Faustrechtlern des Schulhofes, aus denen die kessesten Fortpflanzer erwuchsen. Nun also blitzen keck die Rosenkränze, mich Kehricht das Hallelujah zu lehren.
Ohnehin am Ende einer stillen Straße vom Spielbrett genommen, höre ich vor lauter Mitternacht seit Stunden keinen Personenkraftwagen mehr. Abgetrieben von Wogen rauschender Pferdestärken, ruhe ich in Wüsten sich ablagernder Zeit. Als wäre aus hunderten von tausenden Sanduhren jedes Körnchen hier zur Tür hineingeweht. Verschüttet vom Gleichmut zweier Zeiger: Der eine stattlich, aber so weitreichend wie der Wurf eines Affen, der andere dafür umso schneidender.
Reinstes Luftgetrete hier. Nirgends Treppenhäuser hoch zu was auch immer. Selbst noch als Vierbeiner fand ich in Jahrzehnten nichts Himmelreiches, was sich ernsthaft besteigen ließ.
Man hatte seine Frist, man hatte sein Hirn, aber es gab zu keinem Zeitpunkt etwas, das unbedingt bedacht werden musste. Besser hätte ich wohl Schrauben gedreht in Maschinen, die leicht jede Ewigkeit bewältigen konnten.
Jawohl, ich tüftelte aus Baukästen schon das eine oder andere Gefährt zusammen, ehe in mir massenhaft Grübellei anlangte. Aber wem nützt sein Fortkommen ohne Anlass? Zahnräder, die zwecklos sich bewegten, drehten mich mit jedem Reifejahr mehr gegen den Uhrzeigersinn. Selbst wenn ich was zur Hand hatte, das sich programmieren ließ: 37.531 Kilobytes ready!
Ich ahnte nicht die Stärke solcher Knechtschaft, dass Kilobyte für Kilobyte noch ready sein würden, wenn ich Herr längst Pampe war. Ein Sinnhafter. Mit eingeweichten Schriften an Pfähle gepappt, an denen sich grußlos Hunde ergingen. Hätte ich stattdessen meine bloßes Massesein akzeptiert, wer weiß? Die Welt hätte ich dann jedenfalls erfüllt.
Ich bedeutete einen Kindersegen, ich bedeutete irgendetwas mit „jung“, ehe das Leben von mir absah. Nicht binnen Tagesfrist, nein. Aber irgendwann wurde offensichtlich, dass ich meine Chance gehabt hatte. Als nähme ich jedem Gegenüber sein Augenlicht, so stumpf ward ich fortan inspiziert. 
Wie nun mit dem, was einer anhäufte, der ins Leere geht? Hoffnungslos ins Leere. Wo es keine Flugbahn nachzuvollziehen gibt, welche unser aller Leben betrifft, wenn nicht das Leben überhaupt: einen Volltreffer mitten in die Basics des Lebens.
Ja, ich hocke im Leeren! Anders hätte ich längst mein Ende gefunden: Als niederkommende Flammenzungen etwa wäre ich den Leuten durch ihre windigen Dasein gesiebt, dass sie außer sich wären vor Feuersbrunst. So aber bin ich stiller Abtrag, hinaus geschaufelt über die Scheibe Welt. Folgenlos und bar jeder Schwerkraft geistere ich weiter, immer weiter. Vom Leben bloß noch eine Wertvorstellung, die ich beseieseieseie. Meinen Phantasien abgespicktes Gespensterwesen. Wahrscheinlich bin ich längst gelöscht aus allen Zusammenhängen, und mein Nennname hunderttausend Kindersegen weit neu vergeben.
Für Augenblicke ist mir, als wäre selbst mein Schatten fort, als sei ich meiner Folgenlosigkeit angemessen worden. Ein zweidimensionaler Verschnitt, wo vorne Essen draufsteht, und hinten Schlafen.
Viele gibt es, die machen ihre Hände so, dass ein Vogel wird aus ihrem Schatten oder ein Zugochse. Kampfmoralisten, denen an der Entschlossenheit ihrer Waffenbrüder gelegen ist: Gemeinsam lachen, gemeinsam lynchen.
Ich hatte meine Vorstellungen, ja, und die bedeuteten kein herzhaftes Schattentheater. Meine Vorstellungen waren schon so, dass sie mich der Welt enthoben. Ich musste mir nicht fortwährend ins Bein schiessen, damit überhaupt etwas passierte. Jene Erscheinungen emsigsten Blutflusses; plötzliche Entleerungen, welche schäumten nach dem Revolver: heimisch genug war ich in meinen Vorstellungen, dass ich mich des Zechens von Körpersäften enthalten konnte.
Auch hatte ich wohl ein Bild von mir als krumm gekauerten Schädelspalter, dem alles Dasein versunken ist. Allein die Ameisen blieben aus, mit denen ich die Welt außer mir hätte beflüstern können.
Ich wollte es treiben wie ein Kraut, bedachte aber nicht das Ausmaß meines öden Grundes, dass dort selbst bei Ameisen keine sonderliche Lust keimen würde: Warum sollten sie auf sich nehmen, was bereits in seiner Muttererde nicht wucherte?
Mein Wesen, das mir einst ohne sonderliche Umstände ins Gewächs fuhr, es findet nun keinen Weg mehr hinaus.
Ich bin nicht länger, was ich bin. Der wilde Trieb, der jedem Blitz die Stirn bieten mag, er ist seinem Strohkopf bis ins Tiefste eingewachsen. Verweichtes Stroh, selbst für Ohnmachten nicht geschaffen. Jedes Langen nach noch so trüben Lichtern nun macht meinem Verwesen energischer den Prozess, bis ich Funken vollends Klumpen bin.
Natürlich, kein Bürgersteig schlägt aus vor Gewesenem. Bestenfalls bleiben Spuren des Urschlammes, von dem man glaubte, dass niemand daran vorbei könne. Würde ich mich jetzt aufmachen menschenleere Straßen zu bedenken, ich könnte mich achten als das Erste und das Letzte allen Daseins. Ein beschwerter Überlebensmeister.
Mag mich jeder niederschlagen, der einen Hocker Dasein besitzt, ich greife ihm durch seine Tage wie durch Heißluft.
Aber was wärmt es, dass ich ödem Gekrabbel vorstehe? Gewiss bestaunen mir zu Füßen tausende Pantoffeltierchen mich Hünen von einem Pflegefall. So bin ich bloß Erster im Feuer und allergrößtes Häuflein Asche.
Kein Wimmeln von Worten, das sich für mich wühlt durch Aschehalden in den Morgen hinein. Keine Uhrwerke aus Buchstaben, die mir ferne Stunden schlagen.
Ausrupfen wird man mich, offenlegen meine Adern, welch schmutziges Werk Erde sie am Ende bedeuteten. Tristes Gesöff vergangener Kraft. 
Ich finde den Ansatz nicht, finde und finde ihn nicht! Mag ich keinen Punkt mehr ausmachen für alles Gewese, es muss mein Grund wenigstens Begründung sein! Ein sich in Weltenräume drängender Rammbock Leben, dessen schillernde Schuppe ich bedeutete.
Ja, meine Räume waren mein Befehl ins Dasein. Sie abzufüllen als ein Gesandter unserer Schöpfung. Dabei nahm ich mir keine klingenden Paläste vor, sondern Butzen irgendwo zwischen Mittelmaß und Sarg. Ruinen besuchte ich, Außenklos. Alles, was den Tag forderte.
So ließ ich mir Schatten beigeben, den Schatten zu erhellen mit Gelichter unserer Zeit. Stumpf aber blieben selbst jene lodernden Versprechen, welche ich dem Kino und dem Plattenspieler entnahm, stumpf gegen Schatten, die wie Teer auf mir lasteten. Dahinter Hunde, deren Mäuler Bärenfallen bedeuteten. Fetzen wollte das Schattenrund mich, rädern und reißen. Weil unsere Zeit bloß geschlossenen Auges bestehen konnte gegen solch Schattenballen. Während ich unfähig war zur Flucht in die Verheißungen der Blindheit.
Mir mangelte nicht an Dasein, mir mangelte an Boden und an Licht. So bedarf es zum Sieg Unmengen Irrsinniger, welche in ihrer Flut keinem Schatten auch nur einen Fußbreit Sicht zugestehen. Spukschlösser werden derart zu Spaßbädern, wenn sie bis unter die Zinnen vollgeramscht sind mit Blindwütigen. Da winseln selbst Höllenhunde vor Luftnot.
Was blieb mir also zu erfüllen? Was bleibt jeder verdammten Schabe zu erfüllen? Könnte ich mich nur winden! Aber es bieten selbst Alpträume sich nicht an. Kein drohender Bolzenschuss, erst recht für den Kolben bin ich Narr zu schade. Verenden soll ich, zerbröseln und verschlammen…

Pflegekräfte inspizieren die Reihen. Mäuler zählen für Späthappen Brotkonfekt. Ich werde mich einreihen auf etwas Teewurst mit Senf. Und was bleibt anschließend mehr, als der Schlaf?
Irgendwo im Hasten meiner Jahrzehnte hätte ich aus dem Stand anschlagen müssen. Vielleicht um eines Stückes Zinn wegen oder aufgrund von Schnitzereien. Mir alles Dasein abreißen, bis bloß noch Brust und Keule mich bedeuteten, und dann gezuckten Herzens mittenrein. Wie ein Werkstück vorgenommen sein, registriert und sortiert, ach, irgendwas. Aber fortgekehrt. Blanken Boden hinter mir, von Drachen benebelte Schotterpisten vor mir, Meter für Meter Höchstgeschwindigkeit. Was weiß ich. Nein, wenn das ein Ende bedeutet: es ist nicht schlimm um mich, war es nie!

Freitag, 8. Mai 2009

Schmerzes Bruder.

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"Sie gehen alle von mir – es ist alles wüst und leer – ich bin allein." Georg Büchner.

Viele Menschen richten ihr Leben danach aus, als hätte man Jesus Christus nicht verspottet und gekreuzigt, sondern zum König von Jerusalem erhöht. Ihnen ist nach Bergpredigten, während sie den Karfreitag höchstens zum Anlass nehmen, sich kulinarisch ein wenig zurück zu halten.
Verlassen sein - vom Gottvater, von den Gefährten, von allen anderen sowieso - das ist vielleicht jener Frieden, nach dem unsere Herzen sich so sehr sehnen. Eins sein können mit dem Schmerz und dem Verderben. Die Kraft, sich einer letzten großen Herausforderung zu stellen.
Erlösung kann doch nur sein, wenn jemand uns den Kreuzweg vorausgeht, den wir ins Ewige Leben wählen sollen. Wäre Jesus Christus diesen Weg ein für alle Mal für uns gegangen, wäre unser Dasein so sinnlos wie das eines Knallbonbons. Kurz Lärm machen und dann wieder weg sein, das kann ein Leben nicht sein.
Jesus Christus hat nicht für uns sein Kreuz auf sich genommen, glaube ich, er ist mit uns am Kreuz gestorben. Wenn wir Frieden finden wollen, müssen wir Jesus Christus schon auf seinem Weg nachfolgen.

Als ich begann, mein Menschenalter mit Füßen zu treten, hatte ich Hengstmann 217 Normseiten weit in den Freitod gefügt. Abgetan durch Gift, das ihm zugesteckt worden war von einem Herrenausstatter. Nachdem ich Hengstmann vorsprechen ließ in einem Nachtclub, zwei Gaststätten und bei einer Prostituierten. An die Hand genommen von Ausgeburten sterbensmüder Phantasien. Heiterkeit schrieb ich Hengstmann auf den Leib, während ihm seine Lungenflügel heiser zusammen stürzten.
Ich muss abhusten. Alleine im Zugabteil, reiße ich das Fenster herunter und speie in den Herbstmorgen. Nebel lungert über Weiden und vereinzeltem Nutzvieh. Bereit, jedem aufs Gemüt zu schlagen, der bei Kaffee und Honighörnchen Brüderschaft feiern will mit dem Tag.
Was vom Wort nicht erledigt wird, schafft die Zeit fort. Mutwillig klicke ich mich weiter durch die Textverarbeitung meines Lebens: Absätze einer Gefühlsklitsche, welche auf sich hielt, nicht gespalten zu sein von Sonntagsstaat und Fressbude, sondern versöhnt.
"Die Fahrkarten bitte!" Ein Kontrolleur in Königsblau. Seine Stempelzange hält er wie ein Herz, das er im Fortgang des Lebens lieben gelernt hat. Ich halte gegen mit einem Dokument kleinsten Anspruchs. Quadratzentimeter automatisierten Rechts, dessen Zahlenwerk die Stempelzange ehrt.
Schnalzend beglaubigt die Stempelzange mir den Platz im Leben, den ich augenblicklich einnehme.
"Vorzügliche Verbindung!" lobt der Kontrolleuer meine Wahl.
"Das will niemand wahrnehmen..." ich streiche um die Höhlen, die einmal meine Augen waren.
"Besser als mit dem Frühzug bleibt niemand auf der Strecke!"
Der Kontrolleur weiß um jenen Halt zwischen zwei nach Millionen zählenden Arbeitsstätten. Einen Ort, den kein Business auf der Rechnung hat.
"Nie meine Absicht gewesen, das Geschäft des Lebens zu stören", nicke ich ins leere Rund des Abteils.
Der Kontrolleur lässt seine Stempelzange wippen, als befände die sich in anregendstem Umgange.
"Von den Werktätigen hat sich bisher niemand beschwert, falls ein Streckenbleiber mal nicht den richtigen Anschluss wusste."
Streckenbleiber? Fröhlich blickt der Kontrolleur mir ins Angesicht. Als wüsste er um ein Schattenreich im Schienennetz. Wesenhaftes, das auf den Gleisen währt.
"Kein leichtes Stück. Am Rande wirken Fahrpläne meist nebensächlich." Nun doch neugierig, um was für Verbindungen ein Kontrolleur weiß, dessen Königsblau vieles an Knochengewächsen passieren ließ.
"Nachts auf freier Strecke erscheinen Fahrpläne wie das Gestirn, das, hineingehängt in seine Bahn, unserer Stirn über ist." Der Kontrolleur langt auf solche Weise nach seinem Kopf, als wäre er nicht verwundert, statt seines Hauptes bloß die Luft des Zugabteils zu greifen.
"Sie sprechen Umlaufbahnen an?"
"Mit dem Mond tausche ich manch Nachdenklichkeit aus", nimmt der Kontrolleur wörtlich.
"Würde ich am Strick an einem Baum ebenso Sinn ergeben?"
"Wenn Wind Ihren Leib munter schwingt und Blätter Sie rauschend stimmen..."
Landpartien stelle ich mir vor. Wie man lebenslastig hinaufgrüßt, während ich als überreife Frucht gen Himmel rage, bloß mit Zehenspitzen noch auf Erdengeister weise.
"Stillgeknüpft sein. In flatterndem Fahnenwerk allein meinem Hange dienen..."
"Richtung Nacht verhält es sich gar schwerelos", lässt der Kontrolleur meine Knochen blühen.
Tatsächlich haben Raumteile ihren eigenen Drall, mögen sie selbst jeder Höhe entbehren. Bar aller Physik sehe ich meinen Leib im Nacken des Mondes Purzelbäume schlagen.
Der Kontrolleur nickt, als ich zur Probe im Zugabteil die Arme ausbreite, sie aber sogleich fallen lasse.
"Füttern Sie das Feuer?"
"Keine Angehörigen!" sinne ich nach Entschuldigung.
Die Stempelzange blickt mir auf den Platz, als läge statt meiner eine Urne zur Entsorgung frei.
"Soll ich Werktätigen Meldung machen über ihr Häuflein Asche?"
Ein Regenbogen duftender Jungfrauen stellt sich mir vor. Fruchtig gelacktes Nagelwerk, das Reste meines Odems aus dem Zugabteil lüftet.
"Lassen wir gegelter Arbeitseinheit den Fels Leben, lassen wir schmetterndes Grau unbeascht!"
"Hier wird Kehraus gemacht!" knallt der Kontrolleur seine Hacken. Wahrscheinlich notiert er Schicht für Schicht, mit welch Schräubchen Wort ein geschlagenes Werk Knochen die letzte Umdrehung nimmt, dem Henkershammer leis sich beizugeben.
Wir sehen einander in unsere verbliebenen Gesichter. Der Kontrolleur legt Hand an die Tür des Zugabteils. Seine Hand ist meine Hand. All die Türen, die ich ins Schloss sausen ließ, als das Fleisch noch zum Himmel blühte. Wagenladungen Tod pflügte mein Rücken unter!
Ich zucke mit den Schultern. Eine Geste wie eine Dämmerung. Vernarbte Vorzeit, welche ihre erste Nacht erlitten haben muss als Verheerung. Ohne Schimmer, je wieder das Feuer einer Sonne zu schauen.
Als ich Hand an Türen legte, lebte ich weiter mit dem Schulterzucken Hohläugiger. Weil Leben wenig mehr beherrscht, als fortwährendes Tropfen neuen Lichts in frisch ausgehobene Höhlen.
"Werde ich wohl noch etwas schauen." Ich tue eine Geste Richtung Fenster, das halb geöffnet im Fahrtwind schlottert.
Der Kontrolleur gewährt mir statt des Punktes ein Fragezeichen: "Bestimmt auf allen Vieren!"
In vollem Ernst zieht der Kontrolleur sich zurück. Er lässt die Stempelzange einmal in der Luft schnalzen. Als erfülle er so das Seinige. Ich im Zugabteil wie in einer Kiste Flohmarkt. Ausgenutzt und frei zur Abfuhr. Es ist wohl Fürsorge dabei. Gemeint aber für den Kram, der nicht ausbleibt. Kein Zutun wird mir mehr angesehen. Selbst an Werkbänken wäre ich bloß noch zum Wegwerfen.
Für sich erfüllt jedes Abteil mehr Zweck als ich. Beide wissen wir um abgestellte Kolonnen Fleisch, welche für jedes Polster Sorge tragen. Beide sind wir im Sachzwang. Der Kontrolleur unter seiner Stempelzange, ich auf dem Boden einer Aktiengesellschaft, die den Namen all dessen führt, das um mich herrscht.
"Yup!" grüßt der Kontrolleur. Und so fällt der Übergang vielleicht leichter als jedes geschmierte Stück Psalm.
"Yup!" grüße ich. Mit einer Neigung in Richtung des abwaschbaren Bodens, die mich gewähren lässt. Vor der ins Schloss gefallenen Tür. Vor dem schlotternden Fenster. Vor dem Nebel.

In unserer Klapse ist Xavier Legende. Als ich eingeliefert wurde, war es bereits Jahre her, dass sie, fünf Mann hoch, Xavier auf dem Bahnhofsstrich überwältigten und nach hier verfrachteten.
Der Sage nach, brauchte es Monate, ehe sich seine Träume soweit gebessert hatten, dass man es verantworten konnte, ihn auf uns loszulassen, die wir ganz normal verrückt waren.
Warum ich hier bin, besser gesagt, wieder hier bin?
Anfangs eine kleine traurige Geschichte von einer Goldgrube. Nichts Großartiges. Damit werde ich das, was man mir an Schreibzeug durchgehen lässt, bei Gelegenheit mal behelligen. Und seit der Sache mit Xavier sitze ich hier noch lange genug ein, jeden Fetzen Altpapier der Stadt vollschreiben zu können.
Reden will von den anderen natürlich keiner mit mir: Hey, Lucien, was geht ab! Kannste vergessen. Haben die Hosen voll. Dabei bin ich eher niedlich gewachsen, ziehe Shirts über mit Elchen oder Hasen drauf, und meine Haare wuscheln absichtslos auf dem Kopf herum. Nichts zu machen.
Umgekehrt bin ich während der Therapiesitzungen keine sonderliche Stimmungskanone. Ich meine, die Diplomierten hocken doch alle längst beim Abendbrot, während bei uns mit der Dunkelheit der Spaß richtig losgeht. Nacht für Nacht kommt Xavier mir dumm in meinen Träumen. Ist dann natürlich bloß irgendeine Nase von Pfleger da, der Chemiekeulen schwingt. Nö, bin ich stur.
Xavier schluckte, konnte schlucken. Tabletten und alles im Leben. Hätten die Diplomierten, wie früher seine Freier, genauso in nen Tümpel tun können. Ihre von Chemie gepimpte Hochkultur, und was ihnen an Tiergift so abging.
"Tiergift", kreischte Xavier, während er jede Visage karikierte bis ins Äffische. Seine Weise, mit der er sich hinweghangelte über die menschenfressenden Eichhörnchen, die in seinem Hirn Dienst taten.
Und selbst als er mehr und mehr einem Messer glich, ich habe ihn gemocht. Gemocht habe ich ihn wie jede gottverlassene Bestie aus den Sümpfen.
Wobei es schwer ist, einen Anfang zu finden zwischen Xavier und mir.
Meine Schwäche für Waisenkinder vielleicht. Diese Begeisterung für jedes Stück Leben, über das der Tod hergefallen ist.
Weil es mich nervt, wie Leute herumlärmen, sobald der Tod sie mal zufällig nicht im Auge hat. Einen Grabstein möchte ich denen aufs Maul hauen, ihnen ihr Leben ins Gesicht dreschen.
Umsonst bin ich eben nicht hier.
Im Aufenthaltsraum hatte Xavier seine Ecke. Eine Ecke, die er absonderte von uns durch gefühlte dreihundert Meter Niemandsland: Ob Tisch, ob Stuhl, Xavier trat alles fort, das geeignet schien für den Versuch, sich in seiner Nähe niederzulassen.
Gesellschaft genug schien ihm ein Jo-jo zu sein, das er immer mit sich führte. Teerschwarz hatte er es gefärbt und auf beide Seiten ein bleiches X gepinselt.
Stundenlang saß Xavier auf seinem Schemel im Aufenthaltsraum und ließ das Jo-Jo in die Tiefe schießen.
Manchmal zog Xavier zwischen den Zähnen Luft ein, wenn das Jo-Jo wieder an die Oberfläche rollte. Als habe es aus der Tiefe des Raumes Beute gehoben.
Prüfend blickte er die bleichen Ixe an, die im rasenden Auf- und Abrollen wie schneidender Stacheldraht ausschauten, mit dem Xavier jedem Nichts beikommen konnte.
Mochten die anderen denken, was sie wollten, für mich hatte der Abstand, den Xavier wahrte, etwas Fürsorgliches: Als wolle er niemandem von uns versehentlich das Genick brechen.
Nun war es aber damals so wenig wie heute für mich ein Unglück, das Genick gebrochen zu bekommen.
Zwar tat ich es während der ersten Wochen noch den anderen gleich, glotzte also in sicherem Abstand von Xavier vor mich hin. Aber ich hatte ihr Getuschel, wer oder was Xavier alles sei, bald über: Bestimmt war ich nicht in der Klapse, um mich weiterhin bloß im Fahrtwind anderer etwas zu trauen.
Also ließ ich mir von meiner Mutter, die während jedes Besuches tapfer bei meinem Kosenamen blieb, einen Gummiball mitbringen. Blau wie die Erde von ganz weit weg.
Als würde man Vieh keulen, so ließ der Ball sich hören, als er keinen Meter neben Xavier gegen die Wand schlug.
Xavier und sein Jo-Jo, eben noch im Flüsterton verbunden, schraken zusammen wie ein Liebespärchen tief in den Wäldern.
Daraufhin hörte ich zum ersten Male, welch fabelhafte Stille auf Erden herrschen konnte: Frei selbst von jenen Drohungen, die das Schweigen mit sich bringt, ruhte der Aufenthaltsraum im Abendrot.
Erneut machte ich Miene, den Ball Richtung Xavier zu schmettern. Xavier winkte ab. Lass bleiben! Als hätte er mit einem Seitenblick mein Leben begriffen.
Mit baumelnden Armen betrat ich das Niemandsland zwischen Xavier und mir. Während Xavier mit beiden Händen auf die Knie klatschte, ehe er sich erhob, mich zu ertragen.
"Lucien!" sagte Xavier. Wie jemand, der nach Wendungen einer Sprache fahndete, die vor Ewigkeiten ihren Zweck hatte.
"Du darfst mich gerne töten, falls Dich das beruhigt", lächelte ich.
"Darauf kommen wir zurück!"
Wie zwei Völker standen Xavier und ich uns gegenüber. Beide beherrscht vom Personal dessen, was sich uns eingelebt hatte.
Während ich aber meine Erinnerungen herbei trommelte, mich gegenüber Xavier etwas empfinden zu lassen, das sich anfühlte wie Vertrauen, stand Xavier mit den Seinen scheinbar völlig absichtslos. Als hätte er längst vergessen danach zu fragen, wie zur Hölle sich das alles anfühlte.
"Langweilig so ein Leben!" klang es blechern aus Xaviers Schlund.
"Sollte es spannend sein?" äffte ich Xaviers Art nach, den Kopf beiseite zu neigen.
Er zeigte Zähne: "So bist Du nicht!"
"Du etwa?"
"Schert das wen?"
Zeitgleich zuckten wir mit den Schultern. Was in der Klapse so viel bedeutete, dass wir unsere Brüderschaft beglaubigten.

1.

Hatte der Tropensturm ihn geweckt?
Jay Hector hörte den Wind durch die Zedern und durch die Mahagonibäume fegen. Er hörte Kiefernäste peitschen und er hörte Äste aus Teakholz brechen.
Seit Nächten mussten sie ihre Zelte mit schweren Pflöcken sichern gegen den Sturm.
Aber der Sturm hatte ihn nicht geweckt. Tropenstürme waren üblich in diesem Teil des Urwaldes, den die Eingeborenen "Mosquitia" nannten. Und Jay hatte auf vielen Expeditionen Schlimmeres erlebt. Ein Sturm brachte ihn gewiss nicht um den Schlaf.
Jay tastete nach seinem Revolver. Er nahm die Petroleumlampe und verließ das Zelt: Über der Feuerstelle schimmerte etwas Glut. Über den Zelten aber lag die tiefe Nacht des Urwaldes.
Jay streifte an den Zelten vorbei. Er tauchte jedes kurz in den Schein der Petroleumlampe: Alle verschlossen. Alle, bis auf das größte Zelt! Das Zelt von Mr. Sykes! Jay atmete schneller.
"Mr. Sykes?"
Er leuchtete in die Finsternis des Zeltes. Der Schlafsack von Mr. Sykes war leer!
Jay zog seinen Revolver. Wer ohne schussbereite Waffe in die Augen eines Pumas oder eines Leoparden blickte, der war tot.
Hinter den Zelten hatten sie mit ihren Macheten einen Pfad in den Urwald geschlagen. Dort hatten sie Holz für das Lagerfeuer gesammelt. Lebensgefährlich, den Pfad nachts alleine zu gehen.
Sollte er die anderen wecken? Kopfschüttelnd entschied Jay sich dagegen. Wahrscheinlich war es nichts. Jay stand auf der Payroll vieler abenteuerlustiger Zivilisten. Mr. Sykes aber war bei weitem der Verrückteste. Wahrscheinlich lauerte Mr. Sykes am Ende des Pfades mit dem Bärentöter auf irgendwelche Papageien oder Äffchen.
"Mr. Sykes?"
Meter für Meter pirschte Jay durch den Urwald. Immer wieder ließ er seinen Revolver kreisen. Besonders Kojoten waren tückisch, und hungrig um diese Jahreszeit.
Jay gelangte auf eine Lichtung. Fahles Mondlicht schien auf den Stamm Balsaholz, den sie tagsüber gefällt hatten für das Lagerfeuer. Er leuchtete über den Stamm hinweg: Da hing etwas! Zwischen zwei Zedern.
"Mr. Sykes?"
Hatte dieser exzentrische Cowboy aus Kansas etwa ein Beutetier aufgehängt, jeden Kojoten im Umkreis anzulocken?
Jay hielt den Revolver höher. Keinen Zweig berührte er, als er über den Baumstamm stieg. Vorsichtig näherte Jay sich dem, was da zwischen den Zedern hing.
"Mr. Sykes?"
Er schwang die Petroleumlampe in die Höhe. Das Licht brach sich in den weißen Augen von Mr. Sykes. Kopfüber, den Mund weit geöffnet, baumelte Mr. Sykes zwischen den Kiefern.
Jay wich zurück, stolperte beinahe, stand kurz davor, auf den Leichnam von Mr. Sykes zu schießen.
Viele Spuren hatte er im Laufe seiner Expeditionen gesehen. Nun war Jay Hector auf die des Teufels gestoßen.

2.

Auf dem Flughafen von Tegucigalpa drehten die Frauen sich um nach dem hochgewachsenen, eleganten Mann.
Keine bemerkte das Schulterhalfter, das der Mann verbarg unter seinem maßgeschneiderten Sakko. Keine sah, wie er an den Sicherheitskontrollen vorbeigebeten wurde mit einer Reisetasche, in die er eine Maschinenpistole und Magazine voll Spezialmunition gepackt hatte.
Der Mann hieß Mark Roadman. Er war „Special Operator“ des Außenministeriums der Vereinigten Staaten von Amerika. Wo immer auf der Welt ein Bürger der Vereinigten Staaten Opfer eines Verbrechens wurde, entsandte das Außenministerium Special Operators, das Verbrechen binnen 48 Stunden aufzuklären.
Nach dem Studium der Psychologie, heuerte Mark an bei der US-Navy. Ausgebildet zum SEAL, nahm Mark teil an Kampfeinsätzen in Afghanistan, in Somalia und im Irak. Er war Träger des Purple Heart und des Silver Star, und er brauchte regelmäßig Schlaftabletten gegen die Alpträume, die ihn heimsuchten.
"Mr. Roadman?"
Ein kräftiger Mann in Uniform trat an Mark heran.
"Der bin ich", sagte Mark und reichte dem Uniformierten die Hand.
"Willkommen in der Hauptstadt von Honduras!" lächelte der Uniformierte. "Ich bin Officer Paolo Zuniga. Während Ihres Aufenthaltes in unserem schönen Land stehe ich Ihnen gerne zur Seite."
Zuniga sprach das Englisch eines Kreolen. Am Ausgang des Flughafens kaufte er Mark für einige Lempira ein kleines Kruzifix.
"Möge es Ihnen eine Hilfe sein", lächelte Zuniga.
Mark war vertraut mit der Verehrung von Jesus Christus, die in Honduras gepflegt wurde. Er bedankte sich herzlich für Zunigas Geschenk.
Fröhlich plaudernd, geleitete Zuniga seinen Gast zu einem Geländewagen der National Police of Honduras.
Es war noch früher Morgen. Auf den Straßen von Tegucigalpa herrschte wenig Verkehr. In einem sportlichen Fahrstil chauffierte Zuniga seinen Gast durch die "Barrios marginales", die Elendsviertel der Hauptstadt.
"Jugendbanden sind hier ein großes Problem!" sagte Zuniga. Er zuckte mit den Schultern. "Wir haben nicht genügend Kräfte, dieser Banden Herr zu werden."
Mark sah erste "Colonias". Stadtteile, welche geschützt wurden von bewaffnetem Wachpersonal.
"Der Bürger ist hier selbst gefordert, für seinen Sicherheit zu sorgen?" fragte Mark.
"Bei Ihnen nennt man das wohl: Wilder Westen!" lachend zeigte Zuniga seine strahlend weißen Zähne.
Sie erreichten den Boulevard Morazan mit seinen Botschaften und Luxusrestaurants.
"An unserem Hochzeitstag waren meine Frau und ich hier Essen", lächelte Zuniga. Sein Daumen und sein Zeigefinger rieben sich aneinander, wie kostspielig dieser Tag gewesen war.
Mit quietschenden Reifen bog Zuniga ab in die Colonia Casamata, dem Sitz des Hauptquartiers der National Police of Honduras. Trotz aller Plauderei wusste er, dass sein Gast keine Zeit zu verlieren hatte. "Sie lösen jeden Fall in 48 Stunden?" wollte Zuniga wissen.
"Nicht immer. In Shanghai hatte ich Probleme mit den örtlichen Behörden. Im Sudan operierte ich mitten im Bürgerkrieg."
"Sie sind selbst ein, wie sagt man, Krieger?" Zuniga schien fasziniert von dem US-Amerikaner, dessen Haar militärisch knapp geschnitten war.
"Ein Verteidiger der Freiheit", wägte Mark ab. "Aber es fühlt sich jede Tat mies an, wenn sie begangen wird mit einem Messer in der Hand."
Zuniga war anzusehen, wie sehr der Tod in Honduras zum Leben gehörte. Wahrscheinlich sah er während eines Bandenkrieges in Tegucigalpa mehr, als viele GIs im Kriegsgebiet. Entsprechend unkompliziert seine Meinung zur Verteidigung der Freiheit mit Waffengewalt: "Wenn nicht wir, wer dann?"

3.

Das Hauptquartier der National Police of Honduras war ein weiß gestrichener Zweckbau. Die Morgensonne schien in hellen Streifen durch das verglaste Portal. Mark und Zuniga wurden sofort in Empfang genommen und zu den Fahrstühlen geleitet.
Im obersten Stockwerk, mit Blick auf die Kathedrale St. Michael, war offenbar extra für den Gast aus den Vereinigten Staaten eine "große Lage" hergerichtet worden. Mehrere altgediente Offiziere in Paradeuniformen erhoben sich, als Mark und Zuniga hereingeführt wurden.
Ein vergrößertes Passbild des ermordeten US-Amerikaners leuchtete bereits auf der Leinwand am Ende des Raumes. Nach unvermeidlichen Begrüßungsworten über die guten Beziehungen zwischen Honduras und den Vereinigten Staaten, konnte Mark gleich zur Sache kommen:
"Fleetwood Sykes, 47 Jahre alt. Inhaber einiger Diner entlang der Highways rund um Kansas City. Zwei Anklagen wegen Verstoßes gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen. Beide eingestellt."
Mark blickte Zuniga an, der aus einer schwarzen Kladde vortrug, was die Behörden in Honduras ermittelt hatten:
"Vor drei Wochen landete Mr. Sykes auf dem Flughafen von Tegucigalpa. Er gab an, in Honduras Urlaub machen zu wollen. Laut der Bilder der Überwachungskameras reiste Mr. Sykes alleine ein. Fünf Tage später wurde er dann aber am Rande der Mosquitia in Begleitung von vier Männern, zwei davon offenbar Einheimische, und einer Frau gesehen. Gestern ging hier via Sattelitentelefon ein Notruf ein. Der Anrufer war männlich und wirkte sehr gefasst, als er den gewaltsamen Tod von Mr. Sykes meldete."
"Das Satellitentelefon ist registriert auf einen Jay Hector", war die Reihe wieder an Mark. "Mr. Hector ist Kanadier. Er trat in Erscheinung als Söldner auf dem Balkan und als Bodyguard. Gegen ihn liegt eine Bewährungsstrafe vor wegen schwerer Verstöße gegen die Einfuhrbestimmungen Kanadas."
"Laut dem georteten Satellitentelefon von Mr. Hector, liegt der Tatort mehrere Tagesreisen tief im Urwald", ergänzte Zuniga. "Es sind bereits entsprechende Einsatzkräfte in Marsch gesetzt worden, mit deren Eintreffen am Tatort aber frühestens übermorgen zu rechnen ist."
Darauf erhob sich einer der Altgedienten in Paradeuniform und zählte auf, was man dem Gast aus den Vereinigten Staaten alles für seine Ermittlungen zur Verfügung stelle. Angefangen von einer Schlafgelegenheit in einem der ersten Hotels von Tegucigalpa, bis hin zu einem eigenen Schreibtisch in dem Lageraum, wo die Funksprüche der Einsatzkräfte eingingen, die sich auf dem Marsch zum Tatort befanden. Selbstverständlich würde man Mark bei Bedarf auch einen Dolmetscher stellen.
Mark bedankte sich höflich für die Umstände, die man sich wegen ihm mache.
"Kennen Sie die Koordinaten des Tatortes?" wollte Mark von dem Altgedienten wissen.
Der warf einen Seitenblick auf Zuniga und nickte.
"Dann erbitte ich von Ihnen nur zwei Dinge", lächelte Mark, "einen Fallschirm für mich und für Mr. Sykes einen Leichensack."

4.

Zwei Stunden später kreiste ein Hubschrauber der National Police of Honduras über der Mosquitia. Von den Stränden Nicaraguas bis weit nach Honduras reichte dieser Urwald. Jagdgebiet zahlreicher Raubtiere, aber auch das Reich geheimnisvoller Ureinwohner wie der Pesch oder der Tawahka Indianer.
Mark dachte an Fleetwood Sykes, diesen Cowboy aus Kansas, den in der Mosquitia vielleicht das Schicksal ereilt hatte, das Fremde häufig ereilte, denen der Respekt fehlte.
"Wegen welcher Vergehen gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen wurde Mr. Sykes angeklagt?" wollte Zuniga wissen.
Zuniga war seit seiner Militärzeit mit dem Fallschirmspringen vertraut, und er hatte darauf bestanden, Mark in die Mosquitia zu begleiten.
"Sykes hatte es sich in den Kopf gesetzt, seinen Loft mit kiloweise Elfenbein zu schmücken. Und er wollte aus zwei japanische Riesensalamandern Boots fertigen lassen." Mark schüttelte den Kopf. "Offenbar um auf Rodeos damit zu protzen."
"Vielleicht meinte er nun, in der Mosquitia Leoparden ans Fell zu müssen." Zuniga nahm sich erneut das Fernglas vor, in dem schier undurchdringlichen Grün vielleicht die Spuren von Sykes Lager zu erspähen. Ergebnislos. Sie flogen über völlig unerschlossenem Gebiet, mit nichts als den Daten eines georteten Satellitentelefones, beinahe zwei Tage alt. Seit dem Notruf war das Telefon ausgeschaltet geblieben. Jedenfalls waren ihnen aus Tegucigalpa keine neuen Daten in den Hubschrauber gefunkt worden.
Zuniga redete auf Spanisch mit dem Piloten des Hubschraubers. "Wenn wir es riskieren wollen, dann jetzt! Der Pilot besteht auf einer Reserve an Treibstoff für seinen Rückflug nach Tegucigalpa."
Ohne ein weiteres Wort schnallte Mark sich den Fallschirm um und begab sich in den hinteren Teil des Hubschraubers, wo der Co-Pilot bereits wartete.
Keine Minute später nickten sich Mark und Zuniga ein letztes Mal zu: "Go!"

5.

Baumkronen schienen auf die beiden Springenden zuzurasen, während sie von der Mittagssonne in gleißendes Licht getaucht wurden. Schon öffnete Zuniga seinen Fallschirm, Mark tat es ihm gleich. Beide wurden sie hoch in den Himmel gerissen, als der Wind brausend in die Fallschirme wehte. Sekunden später sanken Mark und Zuniga einer Gruppe von Baumriesen entgegen. Besonders Zuniga musste gegenlenken, um nicht mit seinem Fallschirm in einem der gewaltigen Äste hängen zu bleiben.
Mark und Zuniga landeten inmitten von mannshohem Buschwerk auf einer Schicht wuchernden Farnkrauts. Rasch warfen sie ihre Fallschirme ab und zeigten einander mit gehobenen Daumen an, dass alles okay war.
Routiniert kämpften beide sich durch das Buschwerk, während über ihnen zahllose Aras sie zu begrüßen schienen. Zwischen armdickem Wurzelwerk erreichten sie Streifen rötlich schimmernder Erde, auf denen Ameisen krabbelten. Dort nutzten Mark und Zuniga einen verwitterten Felsblock, um über ihre Marschroute zu beraten:
"Das GPS zeigt an, dass wir keinen Kilometer entfernt sind von der Stelle, von wo der Notruf abgesetzt wurde", stellte Zuniga fest. Er verwaltete das Material, das ihnen von der National Police of Honduras gestellt wurde. Und es war gewiss nicht seine Schuld, dass in diesem Teil der Mosquitia kein Goldrausch für exakte Landkarten gesorgt hatte. Ein Kompass blieb so ihre einzige Sicherheit, wenn die Technik versagte, was sie nach einigen Nächten im Urwald regelmäßig tat.
"Höchstens eine Stunde Richtung Süden", gab Zuniga mit der Spitze seiner Machete die Richtung vor.
"Jay Hector ist Profi genug, Fallen aufzustellen", schätzte Mark das Umfeld eines möglichen Lagers ab. Jede Expedition stand und fiel mit dem Gewicht der Rucksäcke. Profis jagten vor Ort, statt sich Feldküchen auf den Rücken zu schnallen.
Mark und Zuniga hatten in den Taschen ihrer Tarnanzüge Zwieback und Traubenzucker für zwei Tage. Darüber hinaus mussten sie eben in die Pilze gehen. Wasser würde jedenfalls kein Problem sein. Durch die Regenzeit waren in der Mosquitia aus vielen Bächen reißende Ströme geworden.
"Achten wir also auf Fallgruben und Fangsteine", seufzte Zuniga, "falls Mr. Hector nicht ohnehin aus Bequemlichkeit ein paar Tellereisen mit auf die Reise genommen hat."
Beide hatten sie kaum ihren Marsch begonnen, als Mark plötzlich herumfuhr und angestrengt in Richtung des Gestrüpps spähte, in dem sie ihre Fallschirme zurück gelassen hatten. Ein Schwarm Kolibris stob hinauf zu den Kronen der Baumriesen.
Zuniga legte Mark die Hand auf die Schulter: "Leoparden lauern nachts auf Beute", lächelte er.
Mark nickte: "Leoparden, ja."

6.

Mark und Zuniga schlugen sich durch das Dickicht einer urgewaltigen Vegetation. Grüne Höhlen, die sie zweifeln ließen, ob noch Tag herrschte oder bereits tiefe Nacht. Allesfressende Ameisenkolonien mussten sie überwinden, und verrottete Mückennester, die mit ihrer beider Blut Orgien feiern wollten.
"Kennen Sie die Sierra Parima in Kolumbien?" fragte Zuniga mit zusammengebissenen Zähnen.
Mark ließ seine Machete grimmig durch ein Gewirr Lianen schnittern. "Aus Erzählungen über barbarische Guaharibos, die auf unseren Knochen Flöte spielen."
Zuniga lachte bitter: "Menschen sollen in der Sierra Parima bei lebendigem Leibe verwesen! Habe ich bisher nicht geglaubt. Jetzt schon."
An einer Stromschnelle endlich brachen Mark und Zuniga aus dem Grün hervor. Wasser schöpften sie sich mit ihren Feldflaschen, Wasser!
"Ich hoffe, Sie waren auf der Polizeischule bekannt für Ihre tollkühnen Sprünge", sprach Mark seinen Marschgefährten an.
Beide blickten auf zwei Felsvorsprünge, an deren Unterseiten Getier haftete, und deren Oberseiten glänzten vor Nässe. Fünf, leicht sechs Meter breit schoss schäumend der Strom zwischen diesen steinernen Ufern hindurch.
"Ehe Sie nach dem Weltrekord fragen", Mark verzog keine Miene. "Acht Meter fünfundneunzig."
Zuniga schwieg. Er schien unschlüssig, ob er als Vertreter der National Police of Honduras gegenüber dem Gast aus den Vereinigten Staaten Galgenhumor an den Tag legen konnte.
"Ich springe zuerst!" entschied Zuniga sich für blankes Pflichtbewusstsein.
Jetzt war es an Mark, die Hand auf die Schulter seines Gegenübers zu legen: "Meine Kindheit verbrachte ich auf einer Ranch in Montana. Mit vierzehn empfand ich mich bereits als respektablen Roper. Keine Minute brauchte ich, einen ausbrechenden Stier zu Fall zu bringen." Mark zog ein Lasso aus seinem Rucksack. "Das wird uns helfen!"
Aus der Drehung warf Mark die Schlinge des Lassos nach einem der mächtigen Äste am anderen Ufer. Bereits sein erster Wurf traf. Mark spannte das Rope und schlang das Ende um den Stamm einer Kiefer.
Mit der Übung eines Polizisten in einem der unwegsamsten Länder der Welt, hangelte Zuniga sich über den reißenden Strom.
Angekommen, hob Zuniga lächelnd den Daumen.
Mark löste das Ende des Lassos, nahm Anlauf und schwang routiniert hinüber an die Seite Zunigas.
"In welche Richtung?" Mark folgte Zuniga über den Rand der Böschung, während er sein Lasso zusammen wickelte.
"Keine hundert Meter..." weiter kam Zuniga nicht. Als der Sandboden der Böschung unter ihnen nachgab, dachte Mark an Ameisenlöwen, die geduldig in Sandtrichtern auf Beute lauerten.
Sie waren in eine Falle geraten!

„Elefantenfrau!“
Vor ihren Freundinnen ruft Morgaine mich immer so. Ich will das verbuchen als die Unreife eines Mädchens, dessen einzige Zukunft es ist, das Hotelimperium ihrer Eltern zu erben.
„Serviere uns Champagner!“
Kichernd heben Morgaines Freundinnen die Tulpengläser. Morgaine aber ruft sie zur Ordnung:
„Hinstellen!“ grinst sie. „Wir wollen doch wissen, ob die Elefantenfrau alles richtig macht.“
Seit vier Tagen lässt Morgaine ihre Volljährigkeit bereits feiern. Mit jedem Tag wächst ihre Lust am Herrschen. Gestern feuerte sie einen Oberkellner. Weil der nicht freundlich und warmherzig genug reagierte, als sie ihm einen Teller Garnelen und Trüffel wie ein Frisbee vor die Füße schleuderte.
Nun schauen diese Herrinnen der Tafelrunde auf mich!
Eine Doppelmagnum, drei Liter. Ich wuchte die Flasche hoch. Dabei halte ich meinen Körper so nach vorne geneigt, wie Morgaine es ihrem Personal vorschreibt.
Daumen am Korken. Den Draht um den Korken löse ich, als würde ich eine Bombe entschärfen. Während an der Festtafel alle darauf lauern, dass mir die Doppelmagnum explodiert.
Das Flaschenglas ist schmerzhaft kalt. Ich hätte ein Geschirrtuch nehmen sollen. Aber Morgaine empfindet alles, was mit Küche zu tun hat, als unästhetisch. Meine rechte Hand krallt sich fest an der rutschigen Fläche, während ich mit der anderen am Draht fingere.
Atmen! ermahne ich mich dabei immer wieder.
Als ich den Drahtkorb des Korkens in der Hand halte, zieht Morgaine einen Strohhalm aus ihrem Cocktail: "Wer das Häubchen der Elefantenfrau trifft, kriegt einen Preis!"
Lachend rollen die Herrinnen der Tafelrunde Munition aus dem Aluminiumpapier, mit dem das Fingerfood frisch gehalten wurde.
"Was gibt es da zu glotzen, Elefantenfrau!"
Nicht zittern! Reißt mir die goldene Folie um den Korken, hat Morgaine einen weiteren Grund, mir übel mitzuspielen.
Als ich die Folie vorsichtig in einem Stück entferne, schießt mir das erste Aluminiumkügelchen an die Wange. Noch eines! Diesmal an meine Stirn.
"So ein Geschwulst von einem Kopf, und wieder daneben!" Morgaine klatscht den Strohhalm auf den Tisch, nimmt sich einen neuen.
Ich bin erleichtert: Wenn alle mit zielen beschäftigt sind, schaut niemand mir auf die Hände!
Am liebsten würde ich den Hals der Champagnerflasche auf mich richten. Damit der Korken keine der Herrinnen auch bloß entfernt treffen könnte. Kaum Luft bekomme ich bei dem Gedanken, dass Morgaine mich in Haftung nimmt. Für jeden Spritzer Champagner an den Seidentapeten der Lounge oder auf den Perserteppichen.
Mittlerweile schießen die Aluminiumkügelchen von überallher.
"Lässt Du sie eine Clownsperücke tragen?" hebt Gelächter an, als sich Kügelchen in meinen Haaren verfangen.
Der Gedanke an den „dummen August“ im Zirkus hat mich als Kind getröstet: Den lassen sie auch nicht die ganze Vorstellung über in der Manege! Eine Frage der Zeit also, bis die Festgesellschaft die Lust an mir verliert.
Ein dummer August weint nicht! nahm ich mich während meiner Kindheit immer wieder in die Pflicht. So wie ich ausschaue ist es eben unvermeidlich, dass immer mal wieder Menschen sich gegen mich zusammentun.
Ob im Kindergarten oder in der Schule: Als Clownsfigur, die aushält, konnte ich mir manches an Respekt erwerben, glaube ich. Mein Stolz war jeder Kummer, den ich Mutter ersparte.
"Treffer!" kreischt es an der Festtafel, als ein Aluminiumkügelchen mir endlich ans Häubchen klatscht.
"Einen Tag gehört die Elefantenfrau Dir!" lacht Morgaine.
"Die trittst Du ab? Das ist doch kein Preis!"
Allgemeine Empörung.
Beinahe würge ich den Hals der Champagnerflasche, beinahe will ich in Scherben greifen!
„Du hast doch Pferde. Lass sie Deine Ställe ausmisten!“ geht Morgaine die Gewinnerin an, hörbar zerknirscht.
„Muss ich erst Papa fragen.“
Ich balle die Faust um den Korken! Immer verkrampfe ich mich, wenn ein Mädchen von seinem Vater spricht.
„Habe ich was von Pause gesagt?“ brüllt Morgaine mich an.
Ich richte den Flaschenhals auf mein Kinn. Im Augenwinkel sehe ich Morgaines Hand zucken. Aber die Gaudi, die sie wittert, ist ihr dann offenbar mehr wert, als mich wegen meiner Haltung zu schelten. Sie lehnt sich zurück. Auch die anderen Herrinnen der Tafelrunde schweigen. Vergessen ist ihre kleine Misshelligkeit. Es wird sich schon ein Stall finden, wo ich Morgaines Schuld abarbeiten darf.
Meine Kopfadern schwellen mir, als ich die Doppelmagnum in eine Richtung drehe, während ich den Korken in die entgegengesetzte presse. Nichts rührt sich. Schweiß bricht mir aus. Kein Zentimeter!
Ein ergebener Blick zu Morgaine.
Die winkt ärgerlich ihr Einverständnis. Trampel!
Ich hocke mich auf den Boden, nehme die Flasche zwischen beide Knie.
„Wie ein Hündchen, ein Elefantenhündchen!“ lachen die Herrinnen.
Jetzt! Der Korken löst sich, während mir jeden Augenblick eine Ader zu platzen scheint. Ich bin ganz Werkzeug, kämpfe! Mach Mutter keinen Kummer, keucht alles in mir.
Mit einem höhnischen Ploppen löst sich der Korken.
Ich presse die Öffnung an meine Brust. Voller Panik, dass meine Uniform das Überschäumende nicht aufsaugen kann, dass tatsächlich etwas auf die Perserteppiche sprudelt.
Ich habe Glück. Außer einem tiefnassen Schandfleck auf meiner Brust ist weiter nichts passiert.
„Den vergossenen Champagner ziehe ich Dir vom Lohn ab“, fällt Morgaine ein abschließendes Urteil, „und Deine Uniform lässt Du auf Deine Kosten reinigen.“
„Jawohl, Mylady!“
Erleichtert gönne ich dem Mädchen seinen Spaß, sich vom Personal so unverschämt erhöhen zu lassen. Eigentlich muss ich „Mylady“ dankbar sein, dass ich Elefantenfrau ihr dienen darf. Als Zimmermädchen habe ich mich um dutzende Anstellungen beworben - sobald ich ein Foto von mir beifügte, verschwendete kein Arbeitgeber mehr Worte an mich. Die anderen, denen ich kein Foto geschickt hatte, glaubten dann bei der persönlichen Vorstellung an einen schlechten Scherz. Teilweise wurde man richtig wütend, was mir einfiele?
In gebeugter Haltung trage ich die Doppelmagnum vorbei an Morgaines Geburtstagsbuffet: Hünchenbrust-Saté, Involtini von der Pute, Pilze mit Rosmarinsauce, Atlantiklachs mit Zitronengremolata… Angerichtet durch den Küchenchef der Eltern, einem weltweit bekannten Sternekoch. Kaum angerührt. Gelangweilt geknabbert und zerbröselt.
„Bekommen wir den Champagner heute noch?“ Die Jüngste der Runde. Die, die mich für einen Tag gewonnen hat.
Meine Dienstuniform ist derart eng geschnitten, dass ich bloß trippeln kann. Außerdem sind mir Holzschuhe anbefohlen. Halb wohl zur Belustigung, halb, damit ich Morgaine in ihren Gemächern nicht unerwartet störe. Stolpere ich so zur Tür hinein, schaut jeder Gast mich an, als hätte er eine Erscheinung. Morgaine hat dann die Lacher auf ihrer Seite: Was für ein Wohnaccessoire!
Ich spüre jeden Muskel in meinen Unterarmen, als ich die drei Liter Champagner ansetze. Den Herrinnen perlenden Armand de Brignac vollendet einzuschenken. Dabei darf ich die Tulpengläser keinen Zentimeter verschieben. Sonst riskiere ich einen Schlag auf die Finger mit dem „Lathi“. Dieser Schlagstock aus den ehemaligen Kolonien ist eines der vielen Geschenke von Morgaines Eltern zur Volljährigkeit ihres einzigen Kindes.
Damit sie das Herrschen lernt! bestimmte der Vater ihr in seiner Ansprache launig den Weg. Während wir vom Personal dazu in Dreierreihen stramm standen.
"Woher hast Du die Elefantenfrau eigentlich?" will die Jüngste in der Runde von Morgaine wissen.
"Ich bin dem Gelächter nach!"
Da merkt die ganze Runde auf. Mir fließt das Blut tiefrot ins Gesicht. Wodurch meine Haut bloß noch unreiner wirkt als ohnehin schon. Feist lässt Morgaine sich zurückfallen in die Samtpolster ihres thronartigen Sessels.
"Wohlan!" Abschätzig blickt sie zu mir, wann ich endlich alle bedient habe mit Champagner.
Beim Einschenken sehen mich einige scheel von der Seite an, was es mit mir Elefantenfrau wohl auf sich hat!
"Stell die Flasche ab und komm her", zitiert Morgaine mich an ihre Seite.
Sie greift einen Zipfel meines Hemdarmes, als wolle sie allen den Eigentum beweisen, den sie an mir hat.
"Die Elefantenfrau ist uns mit der Frühjahreskollektion zugelaufen!"
"Seit Monaten hast Du die schon?" An der Tafel ringen sie gekünstelt nach Luft.
Morgaine zuckt mit den Schultern: "Ich bin ihrer noch nicht überdrüssig geworden."
"Hast Du die beim Shoppen von der Straße aufgelesen?"
Jetzt ist Morgaine aber beleidigt! Ich kann ihr das nicht verdenken. Seit sie mich in Dienst genommen hat, habe ich sie kein einziges Mal über den Bürgersteig flanieren sehen. Da wartete am roten Teppich immer eine Limousine auf sie.
"Die Tür meiner Suite stand auf. Models und Kleiderständer wurden hereingeschafft, mir neueste Mode vorzuführen. Da hörte ich das Personal am Ende des Flures lachen."
Beim Gedanken an lachendes Personal werden Morgaines Augen zu Schlitzen.
"Ich also raus..."
"...dem Gesinde Beine machen!" die Jüngste blickt Morgaine bewundernd an.
Morgaine nickt huldvoll: "Zwei Kreolinnen mit Servierwagen. Wie festgetackert, als ich mich vor denen aufbaue!"
Die jungen Herrinnen zeigen Zähne. Einige zucken mit den Händen, als hielten sie Peitschen.
„Beide nennen mich artig Mylady, knicksen, vergessen vor Angst das Atmen, japsen also, dass man sich beleidigt fühlen würde.“
Morgaine imitiert das Lachen der Kreolinnen, schüttelt dann die Hand vorm Gesicht, wie Menschen ihren Schmerz ausdrücken können, indem sie lachen.
„Ich pinne der einen meinen Zeigefinger auf die Stirn: Ihr lügt doch! Sie knickst erneut, nennt mich dreimal Mylady und schwört, dass das ganze Flurpersonal beleidigt sei.“
„Wegen der Elefantenfrau?“ Die Jüngste kann es nicht mehr abwarten.
Morgaines Hand gebietet der Kleinen Einhalt: Ich erzähle!
Nach einer Kunstpause, in der Morgaine tut, als müsse sie die Geschichte wieder zusammen bekommen: „Beichtet mir! befehle ich. Und die beide, Ihr könnt Euch das nicht vorstellen, waschen augenblicklich alles an schmutziger Wäsche vor mir, was ihnen in der Angelegenheit auch bloß irgendwie zu Ohren gekommen ist, alles!“
Wie kriecherisch! Die jungen Herrinnen verziehen die Gesichter.
„Also, da säße gerade eine beim Chef, da wollte der die Tür gar nicht zumachen. Man habe ins Zimmer hinein gespitzt und sei jetzt allgemein empört, dass solch… Person überhaupt zur Vorstellung eingeladen werde. Man würde etwas auf sich halten!“
Allgemeines Gepruste über die beiden Kreolinnen, die etwas auf sich halten.
„Die Person wolltest Du natürlich sofort sehen!“
„Mit erhobenem Zeigefinger lasse ich die beiden links liegen und bin sofort zum Personalchef.“ Morgaine schüttelt meinen Arm wie den einer Marionette. „Dort, auf dem Flur, ausgeeselt und heimgeschickt, lief sie mir dann zu…“
„Voll alt, ey!“ Die Jüngste wird mir gegenüber immer kecker. Ich kann es ihr nicht verdenken. Vielleicht ist das Herrin sein solch ein schweres Amt, dass es der Dressur zur Rotzgöre bedarf.
Morgaine blickt an mir hoch, an mir tumben, unförmigen Weibsbild: „23!“
Seltsam, für den Augenblick weiß an der Tafel keiner mehr etwas zu lästern. Vielleicht, weil man bei manchem Elend irgendwann einfach nicht mehr weiß, wie noch weiter hineintreten?
Morgaine als Tischherrin unternimmt einen letzten Versuch, die ausgelassene Stimmung zu retten: „Hab mal gesehen, wie Mutti sie am Personaleingang abgeholt hat. So eine Trutsche! Der hat unsere Elefantenfrau fröhlich was von der Arbeit erzählt, als käme sie gerade aus Paris.“
Die Jüngste kichert nervös. Alle anderen nippen still an ihren Champagnertulpen.
Morgaine wird ungehalten. Kann ich etwas dafür, dass die Stimmung gekippt ist?
„Wie ich diese Menschen verachte!“ knurrt sie in sich hinein. „Tragen und ertragen alles, weil man sie nicht mehr als töten kann!“
Für Augenblicke wirkt es, als wolle Morgaine mich an den Haaren reißen und mir ins Angesicht spucken.
Plötzlich wird es finster vor der Loge. Durch die schallgeschützte Glaswand Richtung Arena klingt leise Jubelgeschrei.
„Das Konzert geht los!“ Alle an der Tafel atmen auf. Schweigend begeben die Herrinnen sich in Richtung des Balkons der Loge.
Morgaine wischt mutwillig ihre Champagnertulpe vom Tisch. „Kehr das fort!“
Ich bleibe zurück mit Besen und Schaufel.
Wieder hat es niemand geschafft, mich vom rechten Weg abzubringen!
Morgaine öffnet die Tür zum Balkon. Selbst am hinteren Ende der Loge ist mir, als knalle das Leben aus tausenden Münder zu uns herein. Augenblicklich jubeln die jungen Herrinnen mit.
Auf Knien spähe ich zu dem Fernseher, der mir gegenüber an der Wand hängt. Dort schwenkt das Bild gerade durch das Rund der Arena.
Ausgehend von einem riesiger Videowürfel unterhalb des Arenendachs scheint alles zu beben im blitzenden Scheinwerferlicht. Dazu donnerndes Wummern aus Batterien von Lautsprecherboxen und Verstärkern. An die Stahlträgern gehängt wie schwarze Bienenstöcke.
"Tiger ist so süß!" ruft die Jüngste. Sie scheint halb irre vor Freude auf diesen Tiger.
Morgaine lacht: "Wie weit bist Du mit Deinem Isländisch?"
"Hyrrokkin talar habe ich mir zuletzt übersetzt. Davor Gylfaginning Sannleikurinn er und Brynhild elskar." Die Jüngste klingt trotzig.
Sie würde wohl meinen, sie habe im Internet nach den Übersetzungen der Hits der Gottesfurcht gesucht! stimmen die anderen ein in Morgaines Spott.
Natürlich habe ich von dieser Band „Gottesfurcht“ gehört! Deren Balladen scheint Morgaine allen Hotels ihrer Eltern als Fahrstuhlmusik zu verordnen.
Neulich mit Mutter im Eiscafé hörte ich gar auf den Toiletten isländisch!
Mag sein, dass mir die Musik gefällt, sehr sogar. Aber ich verbiete sie mir. Ich verbiete mir alle Musik!
Später vielleicht. Wenn ich das Geld zusammen habe für Mutters Operation. Wenn Luft ist für das Abitur oder für eine Lehre.
Die jungen Herrinnen sind in ihrer Vorfreude angelangt bei Betrachtungen über "Subwoofer", welche ihrer Musikanlagen den "fettesten" Bass hat, als ich fertig werde mit den Scherben von Morgaines Champagnertulpe.
Alle drehen mir den Rücken zu. Ich bin also frei in meinen Blicken.
Morgaine hat es nicht gerne, wenn ich ihre Gäste anschaue. Ihnen in die Augen zu sehen verbietet sie mir strikt.
Während ich zerpickten Ziegenkäse mit Honigglasur und Zitronen-Zander entsorge, wage ich mich einige Blick weit heran an die Rückseite eines Lebens als Herrin:
Wie Römerinnen tragen alle ihre mit Seidenblüten bestickten Sandaletten bis hoch an die Fesseln gebunden. Die Jüngste trägt eine vergoldete Glitzerrobe. Morgaine eine türkisfarbene Tunika, die bestickt ist mit weißen Perlen. Weiß scheint bestimmend im Leben der jungen Herrinnen. Weiße Seidentücher über mintfarbene Abendroben, weiße Schleifen und Strähnen, Weißgold!
Weiß geschmückte Schaufenster, an denen ich mir die Nase plattdrücke.
"Es geht los!" klingt es vom Balkon der Loge wie aus einem Mund.
Schlagartig liegt die Arena in vollkommener Nacht. Das Publikum kreischt vor Aufregung. Erlebnishungrige, denen die Dunkelheit das Gitter fortreißt.
Fanfaren. Aus Hörnern, welche sich in der Ferne verlieren. Die Fanfaren werden zum Rhythmus.
Ich wehre mich gegen meinen Herzschlag. So gut es eben geht, räume und putze ich selbst im Dunkeln weiter. Klare Anweisung Morgaines. Immer wenn sie mich sieht, will sie mich in Bewegung sehen!
Offenbar ist der Rhythmus bekannt. Im Publikum erhebt sich so etwas wie Triumphgesang. Auch die jungen Herrinnen grölen mit. Als wären sie aufgezogen von etwas, großer als ihr Herrinnensein.
Dann, scheinbar weit über der finsteren Arena, irgendwo in den Sternen: "Gottesfurcht!"
Die Jüngste kreischt auf. Es hört sich an, als müsse sie gestützt werden.
Eine Stimme hebt an. Scheinbar ein Refrain, ein Mantra.
"Tiger!"
Ich höre Morgaine, wie sie beruhigend einredet auf die Jüngste.
Erschrocken merke ich, dass ich still stehe, dass ich weder putze noch Ordnung schaffe.
Die Stimme… wie Glockenklang, der über den Feldern nachhallt. Sie singt nicht, sie betet!
Die Stimme verstummt. Es bleibt finster in der Arena. Pfiffe, Verzweiflung. Ich kann mich wieder rühren.
Streichmusik. Leise erst, dann lauter, stürmischer. Dort, wo die Bühne sein muss leuchtet, ja, flammt etwas auf. Ich schaue zum Fernseher: Zwei gewaltige Leinwänden an den Seiten der Bühne. Ödes Land zeigen sie, in Lava und Asche versunken.
Über die Streicher ziehen Trompeten her, als aus der Lava ein Wikingerschiff in See sticht. Die Kamera hebt ab vom Schiff. Ich erkenne die Felsen von Stonehenge. Um die Felsen herum Wikinger. In wehenden Umhängen, mit Streitäxten und glänzenden Schilden.
Stille herrscht in der Arena, als diese majestätischen Gestalten ihre Blicke hoch zum Himmel richten.
Wieder hebt die Kamera ab. Sie weht hinweg über tiefstes Mittelalter. Westminster Abbey! Eine Königskrone auf dem Altar. Die Kamera streicht über das Haupt eines einzelnen Mannes. Wie er Andacht hält vor der Krone. Richard Löwenherz?
Geschichte war nie mein Fach. Mich hat stets die Mathematik getröstet.
Erneut ist die Kamera mit Schiffen. Fahnen und Segel, bemalt mit den Symbolen des Glaubens an den Erlöser Jesus Christus.
Wir rasen über das Meer, hinein in fruchtbares Land, rasen über Stadtmauern auf die Zinnen eines prachtvollen, eines mächtigen Gebäudes.
"Der Tempel von Jerusalem!" höre ich aus dem Dunkel des Logenbalkons.
Beinahe fühle ich mich mit einer Ohrfeige aus dem Film geschlagen: Darf ich ungetauft als "Heide" eigentlich auf einem Friedhof liegen?
Benommen sehe ich, wie die Kamera weiterfliegt. Halbmonde und Minarette sehe ich. Das ist die Hagia Sophia! Von der habe ich gelesen in einem Buch über die Sternstunden der Menschheit.
Aber mein Wissen kommt nicht bei mir an...
Diese jungen Herrinnen auf dem Logenbalkon, sie mögen sich eins fühlen mit Konstantinopel und dem römischen Reich. Beinahe glaube ich sie atmen zu hören, als der Petersplatz gezeigt wird, die Alpen, der Sturm auf die Bastille, Neuschwanstein. Die jungen Herrinnen scheinen so selbstverständlich so eins mit der Welt wie nur irgendwas.
Deutschland. Binnen weniger Augenblicke ersteht es auf aus Ruinen. Im Publikum jubeln einige beim Anblick bestimmter Bauwerke, andere lachen oder pfeifen. Die Kamera schwenkt Richtung Meer.
Am Strand, auf Höhe des Marine-Ehrenmahles, verfliegt das Streichorchester. Windböen sind zu hören, als die Kamera über dem Ehrenmahl kreist. Sie nähert sich der Plattform, fast hundert Meter über dem Meer: Fünf Männer werden größer und größer. Einer am Schlagzeug, einer am Horn. Zwei Gitarristen. Der Sänger. Die „Gottesfurcht“. Schweigend und stolz.
Das Auge der Kamera gleitet zu auf die Sonnenbrille des Sängers. Bis die Brillengläser die beiden gewaltigen Leinwände beherrschen. Bis das Auge der Kamera versinkt in ihnen wie in einem schwarzen Meer.
Erneut wird es Dunkel. Meeresrauschen klingt nach. Stille. Kein Laut aus Zehntausend Mündern.
Ich knülle ein Putztuch in meinen Händen. Auf die Lippen beiße ich mir, warum ich so nutzlos herumstehe!
Ich taste nach der Küchenzeile der Lounge. Mich wenigstens an meinem Platz zu befinden, ehe Morgaine...
Das Licht explodiert! Auf dem Balkon kreischen die Herrinnen im Angesicht der Welle elektrischen Blaus, welche durch das Arenenrund brandet.
Ich lasse mein Putztuch fallen. Nein, ich werfe es fort! Welch eine Bühne, die dort aus Blitzen aufersteht!
Ein Kirchenschiff. Zwanzig Gebetsbänke weit zum Altar. Choremporen. Stuck und Marmor. Kronleuchter. Stützpfeiler, mit Putten verziert. In der Mitte der Bühne eine gewaltige astronomische Uhr. Am himmelblauen Rand geschmückt mit Skeletten.
Selbst aus der Totale des Fernsehers sehe ich, wie im Publikum zahlreiche Münder offen bleiben.
„Mortal er allt“, donnert es aus den Lautsprechern.
„Sterblich ist alles“, jubelt die Jüngste. Offenbar ein weiterer Welthit der Gottesfurcht.
Orgelmusik tönt durch das Arenenrund. Lichtspots fegen über den Kirchenboden. Tausende kreischen auf, als an den Bühnenrändern vier hohe Kirchenfenster bersten.
Das mit Raben bemalte Buntglas klirrt durch hundert Verstärker. Ihm nach springen vier Gestalten. Kriegshelme, Kettenhemden, Schuhwerk mit Eisennägeln. Sie greifen nach den Instrumenten, die auf den Gebetsbänken liegen: Eine Marschtrommel, ein Schlachtenhorn, zwei Gitarren. Das Publikum tobt.
Beinahe lasse ich mich in den Sessel von Morgaine fallen. Als wäre ich in der Musik der Gottesfurcht zuhause. Als gäbe die Musik mir das Recht dazu.
Im Gleichschritt marschieren alle vier an den Bühnenrand.
Die spielen ihre Instrumente nicht, die lieben sie! Als würden vor ihnen nicht Tausenden mit den Füßen stampfen.
Während einer Großaufnahme erkenne ich es: Den Blick wachsam auf ihren Instrumenten, flüstern alle vor sich hin. Lässt Perfektion sich beschwören?
„Wo bleibt Tiger?“
Die Jüngste lässt mich zurück zucken vom Fernseher. Was treibe ich hier eigentlich? Ein Dienstmädchen, das von allen Elefantenfrau geschimpft wird. Auf der Hut muss ich sein, immer, wenn ich überleben will. Und darum geht es doch wohl, ums Überleben.
„Tiger!“ schreit die Jüngste.
Keine der Herrinnen wirkt, als würde je eine wieder hinter sich schauen.
Immer noch stehe ich am Fernseher herum. Ohrfeigen möchte ich mich dafür. Aber die Musik lässt mich nicht.
Wenigstens ist noch genug Würde in mir, mein tumbes Fleisch nicht den Gitarrenriffs der Gottesfurcht zu überlassen. Selbst im Traum habe ich mich niemals tanzen sehen!
„Tiger! Tiger! Tiger!“ Mit einer Stimme verlangen Tausende nach ihm. Während die vier Gottesfürchtigen am Rande der Bühne wie aus einer anderen Welt spielen.
Selbst als das Skandieren zum Geschrei wird! Mehrere Mädchen fallen wie leinene Bündel vom Kronenleuchter, welcher an der höchsten Stelle der Bühnenkonstruktion montiert ist. Fünf Meter, zehn Meter, fünfzehn. Einige in der Arena reißen die Hände vor den Mund.
Nichts hält das Publikum mehr auf den Sitzen, als die Mädchen, vielleicht keine zwei Meter vor dem Aufprall, mit Macht hochgerissen werden. Gesichert offenbar durch Bungeeseile.
Die Mädchen lachen, ihre Haare wehen. Zwölf an der Zahl, breiten sie in den Lüften ihre Arme aus. Artistinnen sind das!
Die zwölf formieren sich. In vollendeter Choreographie kreisen sie um den Kronenleuchter. Als würden sie eine Sonne preisen.
Das mächtige Ornament hoch über dem Altar, es ist nicht an die Wand gemalt! Fasziniert berühre ich es auf dem Fernseher. Wie es mit einem Male trübe wird und verschwimmt. Eine Projektion war das, irgendwo aus dem Dunkel der Arena.
Stattdessen ist da jetzt der Sänger mit der Sonnenbrille als Trickfigur. Sturm fegt ihm durch den Umhang. Wie ein Freibeuter an einem Seil schwingt die Trickfigur auf das Publikum zu. Gewaltig plötzlich die Sohlen seiner Militärstiefel. Das Glas über dem Altar zerspringt in einen funkelnden Scherbenregen.
„Tiger Larsen!“ begrüßen die vier Gottesfürchtigen vom Rand der Bühne ihren Sänger.
Die Jüngste applaudiert Sturm. Morgaines Arme schießen hoch. Als wolle sie fortgerissen werden.
Tiger schwingt über der Bühne. In einer Hand das Mikrofon: „Idise losa stríðsmaður!“
Der Tierkreis der astronomischen Uhr feuert Lichtbilder in die tobende Menge. „Rope yfir hylinn!“
„Seil über dem Abgrund“, singen die Herrinnen mit.
Dieser Mann heiligt den Boden! Keine Treppenstufe habe ich je so selbstverständlich genommen, wie Tiger eine Höhe von dreißig, vierzig Metern.
Als er seinen Umhang ins Publikum wirft, will ich eher an den Klapperstorch glauben, als an die Wehen der Geburt. Tiger muss durch die Hand eines Gottes gegangen sein!
Während der Pubertät habe ich mich nach der Schule in Museen versteckt, weil ich es mit meinem Körper nirgendwo anders aushielt. Keines von den Meisterwerken dort, welche mir halfen, trotz allem an die Welt zu glauben, war auch bloß annähernd so wundervoll wie seine Statur...
Mein Schädel fliegt zur Seite. Beinahe schlage ich gegen die Wand. Solche Wucht hat die Ohrfeige.
„Träumst Du?“ Morgaine ist außer sich.
Die Erdbeertarte! So bald Tiger erscheint, sollte ich sie den Herrinnen mit Kerzen und Feuerwerk servieren. Das war Morgaine für den Ablauf ihrer Geburtstagsfeier derart wichtig, dass sie mich diese Anweisung zweimal hat wiederholen lassen, ob ich sie auch wirklich verstanden habe.
„Entschuldigen Sie, Mylady. Bitte entschuldigen Sie!“
„Schlag das Vieh tot!“ grinst die Jüngste. Ihre Augen sind leer vor Eifersucht. Auf die Artistinnen, auf alle Mädchen, welche Tiger von der Bühne aus ansieht.
„Kriegt Ihr das geregelt?“ Die anderen Herrinnen winken vom Balkon aus. Das Konzert!
Vor Haß findet Morgaine keine Worte.
„Fünf Minuten, sonst schmeißt Deine Herrin Dich nutzloses Stück vom Balkon!“ Die Jüngste zieht Morgaine mit sich.
Ich fliege zur Küchenzeile. Mit zusammen gebissenen Zähnen fingere ich sanft mehrere Lagen Schutzfolie von der Tarte. Eine Hand halte ich mir mit der andern fest, mein Zittern in den Griff zu bekommen.
Wo ich die Kerzen hineinstecke und wo das Feuerwerk, davon habe ich geträumt! Der Plan des Konditors hat sich mir eingebrannt, als wäre er Sinn und Zweck meines Lebens.
Nur zwei Streichhölzer! Ich hätte Morgaine bitten sollen, eine Packung mitbringen zu dürfen. Selbst als sie mir wütend abwinkte. Meine Uniform hat keine Taschen. Ich muss Mylady Rechenschaft geben über alles, was ich an mich nehme.
Zwei Streichhölzer für achzehn Kerzen, und für das Feuerwerk! Ich hätte siebzehn hineinstecken sollen, um mit der achzehnten alle zu entzünden. Hätte. Nun würde ich mit solch einer Aktion die Glasur riskieren.
Kopflos bin ich gewesen nach Morgaines Ohrfeige, kopflos! Dafür könnte ich mir selbst eine reinhauen.
Zwei Streichhölzer, und keine drei Minuten mehr übrig von den fünf, welche mir durch die Jüngste als Gnadenfrist gesetzt sind.
Dem Himmel sei Dank habe ich trainiert! Seit die Tarte auf dem Speiseplan der Loge steht. Holz vom Körper weg gegen die Reibefläche streichen. Bis das Holz zwischen meinen Wurstfingern weder bricht noch fehlzündet.
Mutter war fassungslos, als sie all die leeren Streichholzschachteln sah. Aber das kann ich jetzt. Dafür wird Morgaine mir keine langen können!
So gut es geht, schütze ich das kostbare Streicholz gegen die Zugluft vom Logenbalkon. Trotzdem flackert die Flamme gefährlich.
Bitte nicht, bitte! Als ich die Flamme an der ersten Kerze habe, weht sie aus. Ein kleines Wölkchen Rauch. Bloß der obere Docht ist leicht schwarz.
Noch eine Minute höchstens. Keine Zeit, andere Lösungen zu suchen.
Das letzte Streichholz ist meine letzte Chance. Beinahe balle ich eine Faust um die Flamme: Um nichts in der Welt will ich sie der Zugluft aussetzen.
Nach elf Kerzen ist das Streichholz fast heruntergebrannt. Ich beiße mir auf meine Zunge, denke am Schmerz vorbei so gut es eben geht.
Millimiter ist die Flamme entfernt von meinen Fingerspitzen, als ich auf der Tarte das Feuerwerk entzünde. Dann brennt sie sich in mein Fleisch, dass mir Tränen in die Augen schießen.
Noch eine Zündschnur! Zeigefinger und Schnur verschmelzen im Feuer. Ich gebe keinen Mucks von mir.
Glücklich verhindere ich es, dass die Asche des herunter gebrannten Streichholzes auf die Tarte fällt. Dann werfe ich meine Hände samt Asche in kalt gewordenes Spülwasser. Zum Stolz sein bleiben mir bloß Sekunden.
Als die Jüngste hineinfegt, meine Frist auf Erden zu beenden, rolle ich ihr bereits entgegen mit dem Servierwagen.
Ihr Mund verzerrt sich: Mist!
Offenbar hat Tiger noch keinen Blick gehabt für den Balkon der jungen Herrinnen. Unerwiederte Liebe macht blutrünstig.
„Mylady gab mir fünf Minuten“, knickse ich. Kopf nach unten, mag passieren was will.
Die Jüngste wirft Morgaines Lathi auf eines der Lammfelle vor dem Balkon. Als wäre das Schlagholz verbotenes Spielzeug, bei dem sie ertappt worden ist.
„Erdbeeren!“ jubeln mehrere Herrinnen vom Balkon. Morgaine wendet sich nicht um und tut keinen Schritt.
„Mylady?“
„Schneide schon an! Oder hast Du das nicht gelernt auf der Elefantenschule?“
Morgaine wirkt, als wäre sie „in Love“. Als wollen sie jeden Milimeter Leben von Tiger Larsen hören, sehen, fühlen. Ein Schauer läuft mir durch die Brust, so stark empfinde ich mit ihr.
„Das hat die Elefantenfrau Dir doch geklaut!“
Erschrocken blicke ich auf. Sofort schaue ich wieder auf meine Arbeit, die Tarte in kerzengerade Stücke zu schneiden. Gesehen habe ich allerdings, dass die Jüngste mir auf den Hals gezeigt hat.
Mein Medaillon, es ist mir aus der Uniform gerutscht!
Unbeirrt schneide ich weiter. Selbst als die Herrinnen um mich ins Tuscheln kommen.
Erst als ich Morgaines Schuhe neben mir sehe, halte ich inne.
„Elefantenfrau!“
„Mylady?“
„Schau mal an die Decke.“
Ich tue wie mir geheißen. Mein Hals liegt frei.
Als Morgaine mir an mein Medaillon will, zucke ich zurück.
„Was fällt Dir ein?“ erschreckt Morgaine über meinen Ungehorsam.
„Schlag sie!“ wütet die Jüngste.
„Gib mir das Dings um Deinen Hals, nimm es ab!“
„Katzengold“, höre ich eine Herrin kichern.
Ich schüttele den Kopf. Fest blicke ich dabei zu Boden. So dass mein Medaillon eingeklemmt ist zwischen Kinn und Hals.
Morgaine reißt mir den Kopf hoch, stößt mich zurück. Hinter mir der Tisch. Weiter weg kann ich nicht.
„Gibs mir!“ Morgaines Hand gleicht einer Klaue.
Ich schlucke, halte dabei aber eisern fest an jeder Träne. Gerne hätte ich Mutter jetzt an meiner Seite. Als sie noch jung war, und wegen mir mit den Ämtern stritt.
Schon ist die Jüngste hinter mir. Zwei weitere Herrinnen halten mir gleichgültig die Arme fest. Ich wehre mich nicht. Trotzdem werfen sie micht zu viert auf den Boden. Kurz spüre ich noch mein Medailllon, dann ist es fort.
Morgaine präsentiert mit spitzen Fingern die Beute.
Pflichtbewusste Lacher. Niemand will als Spaßbremse dastehen.
„Hast Du mir das gestohlen?“
Mit gespielter Neugier lässt Morgaine mein Medaillon vor mir pendeln. Während die Jüngste mich am Uniformkragen festhält, dass ich schwer Luft bekomme.
„Mylady...“
„Mylady, Malady“, höhnt Morgaine. „Elefantenfrauen dürfen nichts aus Gold besitzen, weißt Du das nicht?“
Sie blickt kritisch auf mein Medaillon, tickt einmal dagegen, verzieht das Gesicht. Als würde mein Medaillon stinken.
„Nein, mir hat sie das Dings nicht gestohlen. Euch vielleicht?“
Einige Herrinnen winken ab. Die meisten essen bereits mit Appetit von der Erdbeertarte. Zeit, dem Spaß ein Ende zu machen.
„Gestohlen hat sie es aber gewiss jemanden!“
Morgaine stolziert zum Balkon. Dabei schwingt sie mein Medaillon wie ein Lasso.
Ich reiße mich los.
Dafür gibt die Jüngste mir einen Tritt: „Friss Staub!“
Auf allen Vieren folge ich Morgaine.
Die steht auf dem Balkon, während ihr schlemmendes Publikum hinter dem Panoramafenster zurück bleibt.
„Überantworten wir das Diebesgut der Allgemeinheit“, lacht sie hinein in die Musik der Gottesfurcht.
Ich krabbele so schnell ich kann. Aber Morgaine hält mich mit Tritten auf Distanz. Sie schwingt mein Medaillon jetzt über der Balkonbrüstung:
„Möge es seinen rechtmäßigen Besitzer wiederfinden“, grinst sie mit gespielter Feierlichkeit.
„Mylady, ich flehe sie an!“
„Kraftur hafsins – Macht des Meers!“ donnert es durch die Arena.
Tiger singt deutsch! Etwas anderes denke ich nicht, als die Jüngste mir von hinten meine Füße wegreißt.
Ich platsche der Länge nach auf den Boden des Balkons. Morgaine weicht vor mir zurück wie vor einem Haufen Fleischabfall. Mein Medaillon hängt vergessen in ihrer Hand.
„Kraftur hafsins – Macht des Meers!“
Zum Chorus rasen Scheinwerfer über die Balkons der Logen. Mein Medaillon erstrahlt im Licht, als wäre es ein Sonnenaufgang.
Morgaine schreit auf. Geblendet taumelt sie zurück.
Das Medaillon fällt.
Ich sehe meine Hand kaum, so schnell greife ich danach. Ich berge es vor meiner Brust, rutsche damit bis an den äußersten Rand des Balkons.
„Ich sehe nichts mehr!“ Morgaine presst ihre Augen zusammen, öffnet sie, presst sie wieder zusammen.
Verwirrt suche ich die Scheinwerfer, was für ein Licht um Himmels willen derart explodieren konnte?
Stattdessen finde ich ihn. Von dem gewaltigen Videowürfel an der Decke der Arena blickt er auf mich hinab. Tiger Larsen. Sein Mund leicht geöffnet, die Halsmuskeln gespannt. Einen Ton zu halten, der dem Singen eines Schwertes gleicht.
Seine Stimme trägt die Halle. Sie hebt Tausende aus ihren Sitzen, als wären es Püppchen.
Wann habe ich das letzte Mal in mir solch eine Lust am Leben gespürt?
Unsere Augen treffen sich.
Lindgrün sind die seinen. Das Licht hunderter Scheinwerfer spiegelt sich in ihnen. Nein, es flutet hinein! Als könnten diese Augen allen Glanz der Welt aufnehmen…
„Elefantenfrau!“ Morgaine fixiert mich. Wild. Brutal.
Die Münder der Herrinnen hinter dem Panoramafenster sind bloß erschrockene Os.
„Verschwinde. Sofort.“
„Verzeihen Sie, Mylady!“
Ich halte mein Medaillon in der Faust, als ich vom Balkon flüchte,
„Lauf Elefantenfrau“, grinst die Jüngste mit vollem Mund. „Lauf so schnell Du kannst!“

Mittwoch, 6. Mai 2009

Schwarz und schweigend im Frühlingswind.

"Ich wusste, der Anfall war vorüber. Ich wusste, die Krisis meiner Krankheit war lange vorbei. Ich wusste, dass ich jetzt den vollen Gebrauch meines Gesichtssinnes wiedererlangt hatte – und dennoch war es finster – ganz finster – die tiefe Dunkelheit ewiger Nacht."
Edgar Allan Poe. Lebendig begraben.

Jeder von uns ahnt wohl, dass es sich mit hundert kleinen Lügen leichter leben lässt, als mit einer Wahrheit. Je tiefer, desto finsterer die Welt.
Nehmen wir einen Frühlingstag in der Stadt. Lauter junge Menschen, wie sie die "Erlebnismeilen" entlang flanieren. Luftige Joppen, weiße Kleidchen. Es herrscht eine Atmosphäre der Liebe und des Lachens.
Merkwürdig, denkt man, gibt es in Deutschland keinen Pflegenotstand mehr? Man beginnt, im Straßenbild die alten Menschen zu vermissen: Keine Großmutter mit Rollator trägt ihr Grau hinein in die Frühlingsgefühle, nirgends ein Enkel, der seinen Großvater bei der Hand genommen hat.
Wir wähnen uns in der Realität, irren aber durch Kulissen, die weder das Alter kennen noch den Tod.
Und wer von uns selbst nicht mehr unbedingt zum Frischfleisch zählt, kann sich sogar die volle Dröhnung geben, indem er auf die jungen Menschen ringsum zugeht:
"Da hat uns heute so ein Daddy angesprochen, voll krass! Unheimlich, ey." Wie in den Gruselfilmen, wo längst Verstorbene glauben, sie wären noch am Leben. Dabei benehmen viele Mädels und Jungs sich in unserer Gegenwart mittlerweile völlig ungezwungen, weil, da ist ja niemand.

Dienstag, 5. Mai 2009

Das Wasser, der Geist und die tausend Scherben.

"Denn es ist umsonst, und hilft nicht, dass ein Herz von Glauben und Zerbrechen und Zerschlagen zu handeln und zu sagen weiß, oder zerschlagen sein möchte; es muss wirklich zerbrochen und zerschlagen sein. Dann nur ist, nach der Heiligen Schrift, der Herr nahe." Matthias Claudius.

Gott schenkte uns das Wasser, auf dass wir in seinem Lichte unser Antlitz sehen. Ein flüchtiges Aufglänzen, ein Fließen ins Ferne. Wasser reinigt uns von der Furcht um unser Selbst.
Des Menschen eitles Handwerk hingegen narrt uns mit Spiegeln und schmeichelndem Neonschein . Fleisch, wie es mehr und mehr verdirbt, mögen wir es noch so bunt bemalen. Fern stehen wir dann dem Leben, obwohl wir meinen, es genau zu erkennen. Unseren Tod schauen wir im Spiegel an, nicht den Geist, der lebendig macht.

Montag, 13. April 2009

Das unentdeckte Land.

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"Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn was vorher war, ist vergangen."
Offenbarung 21, 4.

Der Mensch kann nicht spähen wie ein Adler, nicht wittern wie ein Wolf, nicht horchen wie ein Luchs. Er kann nur beschreiben, was ist. Ohne sinnliche Anschauung, mit den wenigen Farben, die ihm gegeben sind.
Entsprechend kindlich bildet unser Herz ab, was in Wirklichkeit die Schöpfung krönt.
Warum sollen wir nur in Form schwachen Fleisches sein können? Unser Geist ist aus jener Energie, mit der Blitze durchs Himmelsrund fliegen, unser Wort der Schall, aus dem der Donner ist, unsere gelebte Liebe der Stoff, aus dem unserer Kinder Träume sind.
Wie wir in Erinnerungen leben, erinnert die Schöpfung sich an uns. Jene Weite unseres Erlebens, die eines Nachts heimfließt ins Universum.
Wie sieht eine Erinnerung aus, wie ist sie beschaffen? Plötzlich erinnern wir, was wir längst vergessen glaubten. Möglich, dass wir nie etwas vergessen haben. Was wären wir nun ohne ein Bewusstsein, das uns in die Irre führt?
Vielleicht finden die Erinnerungen meiner Frau jenseits der Sterne die meinigen, weil sie auf eine Weise gemeinsam schwingen. Dann sind wir uns so nahe wie niemals im Leben. Dann sind wir wieder vereint am Strand von Südfrankreich. Für immer.

Sonntag, 12. April 2009

Leben versus Leben.

Sonne1

Wohlleben

Freitag, 27. März 2009

Samadhi.

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"Wenn das blanke Schwert mir den Kopf abtrennt, gleicht dies dem Zerschneiden einer Frühlingsbrise."
Seng-chao (384-414).

Früher konnte ich Stunden damit verbringen, dem Gras dabei zuzusehen, wie es sich im Wind zur Erde neigte. Käfer interessierten mich, Ameisen. Ich sprach zu den Vögeln, die sich in meiner Nähe niederließen. Und ich erhob mich mit ihnen hinauf zu den Wolken.
Jahre später aber fing ich an, mehr vom Leben zu erwarten, als ein Käfer und ein Vogel. Ja, ich fürchtete mich davor, bloß eine Ameise zu sein. Wo ich das leichte Leben hätte wählen können, sehnte ich mich nach einem schweren Tod.
Nun ist es wieder Frühling. Die Käfer sind noch da, die Ameisen und die Vögel. Werde ich auch mich wiederfinden?

Dienstag, 24. März 2009

Von meiner Wahrheit besessen.

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"Allmacht kann es nach menschlichem Ermessen nicht geben, weil keine Verbindung herzustellen ist zwischen in die Zukunft sehen können einerseits und eine freie Entscheidung treffen andererseits. Angenommen, unser Schöpferwesen sieht in die Zukunft und stellt fest, dass es Morgen ruhen wird. Am Morgen endlich muss(!) unser Schöpferwesen dann auch ruhen, da es sonst die Zukunft nicht voraussehen kann."

Solch philosophisches Zerstörungswerk ging mir in meiner Jugend leicht von der Hand. Ich war doch unsterblich, was sollte ich da mit einem "Lieben Gott" und einem Himmelreich? Derart in ein höheres Geschick fühlte ich mich eingebunden, dass ich auf bucklige Vaterunser verzichten konnte. Ich brauchte mir aus der Bibel kein Schicksal borgen, ich hatte eines. Dem Lieben Gott fühlte ich mich so über, wie manche Christen den Tiergöttern der Naturvölker. Ein Ewiges Leben im Gefolge des "Highlanders", für den die Sterne ruhig Nadelstiche im Mantel der Nacht bleiben konnten: Jene alles durchdringende Macht noch über den Sternen hatte ihn auserwählt. Da brauchte er nicht weiter fragen. Die Gnade der Selbstverständlichkeit. Heilige Erde, wo Normalsterbliche Kirchen bitter nötig hatten.
Gleich einem Rowdy fiel ich über handgeschnitzte Altäre her. Altäre, deren mühevolle Errichtung für sich schon ein Gnadenbrot im Dienste des Herrn bedeutete. Mit den Füßen sorgte ich dort für Wahrheit. Holz war Holz, und musste krachen. Liebevolle Lichter, für mich als Erben entzündet, blies ich fort. Meine Wahrheit war meine Stärke, meine Wahrheit waren Trümmer.
Es wäre Frieden genug für mich dagewesen, aber ich wählte das Kriegshandwerk. Ein wütender Kreuzritter, dem noch das argloseste Beisammensein ein Schlachtfeld war. Und es gibt kein Zurück mehr. Kein Zurück. Der Himmel schweigt still, um mich herum nichts als Zerstörung. Ich wollte schwaches Fleisch zu Asche brennen sehen. Jetzt brennt es. Meins.
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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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