Mein Trauerjahr mit dem Herrn Doktor.

"Seit meinem 16. Lebensjahr stehe ich auf Verlust", sage ich.
"Wie lange lebst Du denn schon?" will der Bot wissen.
"45 Jahre."
"Nicht im Sinne eines Lebewesens."
Das Pixelgesicht Typ Studentin, das ich zum Bot für 59 Cent extra erwarb, blickt nach unten.
Die Bürgersteige sind übergossen mit Regenwasser. Fehlt bloß der Feudel, der mich aus dem Straßenbild wischt.
Schnee hätte ich mir gewünscht. Das Leben unter einem weißen Laken. Und alles, was Winter bedeutete, mit dem Frühling geschmolzen. Schwer sich so freizumachen von der Welt stattdessen im Nasskalten seinen Punkt zu finden.
Eine Dame, ledern und ausgehärtet, spricht mich an: ob ich auch zum Herrn Doktor wolle? Beide beugen wir uns über mein Telefon: Nein, Kapelle 1 kann in der Zeitung nicht gemeint gewesen sein. Dort entlang spüren wir kein öffentliches Interesse. Auch hatte ich an einem anderen Ende bereits Trauergesellschaft erspäht, die dem Bühnenprogramm des Herrn Doktor angemessen schien.
Also Kurs auf das am größten Gemeinte des Friedhofes: "Forum" heißt sich jenes Drumherum, dessen Herz das Krematorium ist. Viel Stein über dem Kopf wird geboten. Gegen die trüben Wolkenmassen gehen mir zwei gegossene Christkinder ein, welche wie Pfahlhocker zu beiden Seiten des Haupttores in den Himmel ragen.
Seeblicke registriere ich. Wohl übergehen auch Nestorenaugen mein abbruchreifes Dasein. Sudoku-Damen nehmen einander in Empfang. Mancher hält Sachdienliches bereit. Hahnenfußgewächse meist, wie der Herr Doktor sie schätzte. Und, natürlich, das Feuilleton. Prall bebilderte Sonntagsausgaben, die Schlange stehen nach besten Plätzen.
Nicht ohne Lust betrachte ich den Leichenwagen. Er steht mit dem Hintern zum Forum und ist ganz Fracht. Auch der Tod will entbunden sein. Wenn das Leben ein lautes Kleines ist, bedeutet der Tod das stille Große.
Hier aber wohne ich einem leeren Leib bei. Die Fracht ist bereits ins Forum geschafft. Es verbleiben Schriftzüge vom Inhaber des Leichenwagens. Dem Namen nach ein Werktätiger auf Gottes Äckern. Dessen Trostspender nun wirken unter dem Stern des Herrn Doktor verdreifacht in ihrem Tun. Als trügen sie ihre Uniformen auch nachts.
Wo Mauern herrschen sind Türen wichtig. Und die Trostspender sind die mit den Schlüsseln. Nicht sattsehen kann ich mich am Schlüsseldienst der Trostspender. Hüten sie doch den Tod in seinen letzten Wehen. Der Herr Doktor bereute es einst, seinen Vater aufgebahrt gesehen zu haben. Würde ich mir nun solch ungeheuren Blick auf den Herrn Doktor aufsperren lassen wollen?
Ein Nimmerwiedersehen musste es bedeuten für mein Bild von einem Souverän: Der Herr Doktor, wie er mit Händen in den Taschen die Bühne bespielte. Strandkabarett war das. Vor zweihundert Badegästen. Was Schickes hatte man sich angetan, wohl auch dem Gemüt etwas nachgeholfen mit dem Neuesten des Herrn Doktor über das wilde Kurdistan.
Der Herr Doktor arbeitete sein Programm ab im Wechsel vom rechten Ende der Bühne zum linken. Sechzig Minuten taktete der Herr Doktor so durch. In Schritten, die sich erkennbar nie an Badelatschen versucht hatten. Ein Notiznehmender. Willens, jeder Erscheinung Wort zu verleihen. Und was konnten zweihundert Badegäste mehr sein als Blüten, welche bedacht werden mussten?
So vergegenwärtigte sich im Saal die Studienzeit des Herrn Doktor. Er dozierte von seiner einstigen Herbergsmutter. Ihre Säumigkeit, was das Verfallsdatum von Schalen mit Studentenfutter betraf. Daraus folgte eine nicht mehr zum Verzehr geeignete Hand Nüsse. Und während der Herr Doktor uns seine Gesichtsfarbe auseinandersetzte, als die Alte ihm erschloss welch abgelaufene Nüsse er da genoss, wähnte wohl niemand sich in den Kulissen eines kalkulierten Bühnenprogrammes.
Kein Bild hat sich mir erhalten von jenem Sommerabend. Bestenfalls Umrisse und Echos. Immerhin zwei Worte, für die ich bürgen kann. Als ich am Ende den Herrn Doktor bat, mir sein Werk über das wilde Kurdistan zu signieren. Er antwortete: "Sehr gerne!"
Und nun stehe ich vor seinem letzten Bühnenprogramm. Der Künstler im Sarg. Ob man ihm seine Hände in die Taschen geschoben hat?
Zustände beschrieb er, Gegenwarten. Wie Feuer gelöscht wurden und Dirnen warteten. Nichts davon machte Sinn. Er überließ es den Zuständen, dass sie bei Gelegenheit Ordnung schafften. Also eher ein Unterhalter unseres Daseins.
Meine Augen tasten den Zustand des Mauerwerkes ab, ob vielleicht Unregelmäßigkeiten über das Krematorium hinausweisen? Fortan will ich sämtliche mir verbliebene Phantasie bemühen für das Entdecken von Unregelmäßigkeiten im Zustand unserer Mauerwerke.
Für den Herrn Doktor wäre das Krematorium wohl vor allem die Schuld eines Oberbaudirektors gewesen, die es zu verhandeln galt. Während mich jeder Handschlag gruselt, den das Mauerwerk zu sich nimmt, ohne ihn wenigstens mit einem Klatschen zu quittieren. Nicht die Theorie des Knackses, sondern die Praxis des Knochenbruchs.
Wobei meist das Ermüden eines Menschenapparates dem Schaffen der Mauerwerke Vorschub leistet: Was Jünglinge noch hart nehmen können, schlägt Fortgeschrittene entzwei.
Und wer vom Mauerwerk verschont bleibt, erstickt an der Luft. Ein Friedhof voller Freiräume! Tot kann ich mich gehen in all dem Gartenbau.
Bloß dass hier, im Gegensatz zum Naherholungsgebiet, die Totgegangenen bedacht sind. Sogar derart mit Bindestrichen und Umbrüchen, als stünden Geburt und Tod im Zusammenhang wie die erste und die letzte Seite eines Buches. Dabei hätte man zwischen Geburt und Tod besser den Stein in seiner freien Fläche belassen: Das Egalsein zwischen zwei Verwaltungsakten.
"Gib mal Laut!" geht wie zum Fest der Toten ein Medium mich an, was Friedhöfe voller Freiräume übrig gelassen haben von mir Bürschchen?
Das Ohr des Mediums wird geführt von einer Schamanin. Knochen und Kippe ist die Schamanin, Luft tut für sie längst nicht mehr not. Vollkommen in ihrem Opferdienst, begehrt die Schamanin Auskunft über mein Verhältnis zum Herrn Doktor. Unbewegt steht das Ohr des Mediums mir vor, während ich Schutthaufen bröckele und bröckele, was denn da nochmal war?
Er habe mich zweimal freundlich beschieden, ist mein Mund bei der Sache. Einmal per Postkarte, einmal per Briefpost.
Die Schamanin nickt. Ihr Nicken gleicht dabei einer Mechanik, welche möglichst viel Dasein ins Medium pumpen will.
Seine Briefpost hätte ich mir aufs Telefon geladen. Als Pausenbild.
Das sind Tiergeräusche! bestürzt mich mein Gestammel. Der Schamanin scheint es gleich. Sie kehrt mich zusammen wie ein verhutzeltes Biotop. Von mir wird keine Sekunde bleiben.
Gerne nimmt die Schamanin also meine Hoffnung zu Protokoll, dass noch etwas sei mit dem Herrn Doktor. Ein Tagebuch vielleicht? Ein Tagebuch "darüber".
"Tod" nehme ich mir nicht heraus, auch vorm "Sterben" zittert mir die Zunge. Beides zu gewichtig für meinen Plunder an Worten.
Bloßer Wuchs bin ich, bald soweit und bald soweit: ein Rinsal Blut, vom Bürgersteig geschafft.
Als hätte das Medium mich zur Ader gelassen, sondere ich weiter ab. Fäulniskultur, deren Höchstes die Petrischale ist.
Ich lasse mich aus über Bücher "darüber". Als wäre irgendein Halten, wenn es bei mir soweit sei.
Das Medium isoliert mich ab vom Hintergrund. Bis mir nichts von außerhalb mehr als meins durch den Mund rauscht. So stehe ich unbehütet von allen Redensarten. Ein Friedhof an Freiräumen aber verlangt nach Antworten. Und hinüber ist der, den ich um ein Wort gebeten hätte.
Nichts weiter, als abgeschlagene Bitte! So gehe ich der Schamanin ein, so bewirtet mich das Medium.
Ich dagegen will abschließen, wie wenn ich einer Tugend Zierde wäre: Meine Treue zum Herrn Doktor, welch Weide er mir im Äußersten hätte sein können!
"Ein größeres Kompliment kann man jemandem wohl nicht machen", nabelt die Schamanin mich ab vom Medium, und befiehlt mich so erneut ins Nichts.
Stirb schön! nickt die Schamanin nach den Mauerwerken, damit sie das Nichts an mir vollstrecken.
Ich wende mich ab, als könnte ich mich irgendwem zuwenden.
Tatsächlich stehen nun alle Mauerwerke auf Totschlag. Und wie zäh die Menschenmasse in ihrer Mitte! Als Mörtel bloß ist selbst das Edelvolk dem Stein beigegeben.
Dem Stein sich anzudienen, das sollte meine Kunde sein. Stattdessen gehe ich irr, wo ich längst nach Plätzen stehen müsste.
Gestellt unter größere Herrschaft will ich mich sehen. Ein Herold des Himmels.
An Wolken gehängt dem Dasein Zehenspitzen weit angehören. Rausch der Karusselle und Loopings! In ihrer Bewegung besteht die Form. Als Puppe, die sich spielen lässt, will ich dauern.
Tatsächlich gleiche ich wohl jener Art von Sperrmüll, der aus Widerwillen inspiziert wird: Erneut beugt ein Medium sich über mich, warum ich vor das Haus des Herrn Doktor geschafft bin?
Ein Strichmann hält dem Medium nun die Stange. Der Strichmann lächelt nicht ohne Beißlust. Er wirkt mit Sorgfalt gezeichnet. Schwer abzutun.
Ich also erneut von den Bescheiden, mit denen der Herr Doktor mich bedachte. Ich also wie ein Stück aussortiertes Kinderzimmer, das Nachts in den Wald geworfen wird. Dort im Wind zu klappern, bis es vom Moder überwunden ist. Keine Weise, in welcher ich bestehen kann.
Auch der Strichmann denkt bei meiner Einvernahme wohl an vom Trauerfall mitgerissene Laden Vergangenheit: ein Ausheuler, mit Fäusten gegen die Totenruhe. Absichtslosigkeit, welcher zur Kundschaft bloß das Fragezeichen fehlt. Jawohl, ja, zieht man Fragezeichen in die Länge, kommen sie als Rufzeichen daher.
Ich mache dem Strichmann Meldung über Blasen eitlen Geschwätzes, welche mir beim Herrn Doktor platzten.
Ob es mein Beruf sei, Dasein in mir faueln zu lassen, bis Gammel aus sämtlichen Öffnungen dringe?
Ich krümme mich mit tausend erhobenen Händen: alles Wurmstich!
Der Strichmann federt im Wind, ist vor und zurück, links und rechts, während er wie ein Halteverbot vor mir steht. Auf die Schultern könnte ich ihm springen, ohne dass mehr als seine Brille ins Rutschen käme. Und erst das Medium, das er vorhält! Wohl kann ich dem Medium ans Ohr, gegen seine Luftherrschaft aber vermögen meine hundert Kilo Fleischabfall nichts: gleich auf welche Waage ich gewuchtet bin, man wird stets mich als im Abbau befinden. Während des Medium aus hundert Äthern braust. Lebendgehörtes gegen Totgehendes. Ein Speer Sendung, der zielt auf Kuhlen großphantasierten Maulwurftums.
Erstmal aber ist der Strichmann mein Kicker: unter seinem eisernen Swing wird mir der Vorhof des Krematoriums vollends zum Halteverbot und Totschlag. Was bleibt da mehr, als unter Verschluss auf eine Kiste Schlaf hoffen? Neben dem Herrn Doktor. Hände wild in den Taschen!
Ich also einen Diener in der Front des Halteverbotes, und zurück in mein Viereck. Bluttreten. Im Kreis hoch Richtung Schädel schießen, und ohnmächtig auf die Füße platschen.
Achtung! schließen mich meine Muskeln auf das Nötigste. Gefegt bin ich ins öffentliche Interesse. Zwei Entzünderinnen nahen. Abgeschabt beide, aber vom Adel langjährigen Gebrauches.
"Darauf hätte ich jetzt auch keinen Bock!" geht gar der Schamanin ein Funken ab, als sie bemerkt, wie arg wir mit Grabeshauch den Entzünderinnen ins Antlitz geraten.
Die Medien züngeln vor. Ihre Glotzaugen blitzen, blitzen!
Beide Entzünderinnen jedoch gehören längst nicht mehr dem Feuerwerkskörper unseres Gemeinwesens an. Der Zunder ist ihnen zu schmal geworden für heiße Fahrten in Reigen voller Blitzgelichter.
Und so raffen sich beide davon. Schon ist ein Trauerspender Hand in Hand, sie abzuführen hinter ihren Bonus an Schlössern. Frisch aus dem Fleisch geschnitten aber naht uns eine andere Entzünderin. Junger harter Schädel, aufs angenehmste wattiert. Wie eine Stola schlingt sie sich die Medien um den Hals. Von Ferne scheint es, als beziehe sie im Laufschritt Stellung.
Schon verzehren sich im Umkreis der jungen Entzünderin erloschen gemeinte Feuer. Auch ich nehme mir zumindest das Fleisch vor, aus dem man sie einst schnitt.
Schön, mich mal so nach Dasein recken zu können. Es nimmt einem Druck von Herz und Bronchien. Truppenbelustigung in Stücken, die nur Tote kennen.
Aber kaum zeige ich meinen Hals, will das Krematorium einen Bissen: eiserne Scharniere tun ihm sein Maul auf. Und ich, halb Hals noch, halb wieder Kröte, tue mit. In Mäuler einziehen, das können wir!
Sind deren Zähne obendrein aus Buntglas, bedeutet uns das einen vorzüglichen Abgang. Und welch lichte Schächte, welch Auftürmung überall! Wer findet sich unter solch Umständen nicht bereit zur Absalbung?
Trostspender verteilen Handzettel. Letzte Kunstgriffe. Will der Herr Doktor uns nun in finaler Weise ergreifen?
Vielleicht möchte der Herr Doktor sich aber bloß ohne Einwand sinken lassen. Die Beerdigung als alles abschließender Pflichttermin.
Mit entleerten Tagen ging der Herr Doktor um während seiner letzten Sendezeit: Bäume, wie sie sind im Wind. Ihre Häupter in herrlichen Himmeln...
"Wer sitzen gelassen wird, will sitzen bleiben!" entfährt es mir, als sich Überbelegung in meine Sinne drängt: der "Forum" genannte Ruheraum vorm Krematorium ist befüllt, dass nirgends mehr eine Blase Phantasie Luft verspricht. Keine Trauer steht das durch. Mir ist, als wolle der Herr Doktor uns Friedhofsbummlern auf mechanischem Wege Abhilfe schaffen: platte Füße gegen platte Anteilnahme!
Ich geselle mich zu den an die Wand Gestellten. Versehrte finden sich dort, Mitgenommene. Freizeithosen über Gebrochenem.
Keineswegs der Hintergrund, dem der Herr Doktor mit seinen Bühnenprogrammen vorstand: jenem Gevögele in den Rängen, das sich rausputzte wie eine Walpurgisnacht. Angriffslustige Konfettikanonen.
Im Ruheraum vorm Krematorium ist es, als hätten wir Eintritt gefunden in die Schäbigkeit betagter Nutzwirtschaft: noch wertschöpfbar, aber mit schmalen Lippen in Richtung Schlot gewendet.
Selbst der Sargschmuck scheint mehr am Platze, als unser Aneinanderklumpen: Eingetopfter Frühjahrsputz, auf Zierwänden postiert. Wachsam, aber wenig schussbereit. Artiges Meldung machen. Mehr vermochte der Herr Doktor vom Sterbebett nicht mehr. Wohl bis ins Letzte übermannt von dem, was ihn mit knappster Fristsetzung eingezogen hatte.
Und was bitteschön vermögen Trostspender? Ist alles bloß eifrig mit den Beinen. Wie jene wohl in der Stube des Herrn Doktor Platz nahmen? Er bereits Reisig und reingeschrubbt.
Für den Herrn Doktor müssen es wackere Zimmermänner gewesen sein, von denen alle Welt Richtung Himmel verbracht werden wollte. Während der Herr Doktor lächelnd sein Schifflein hinab orderte.
Einem gelackten Stück Affenbaum sind wir gegenüber gestellt: mit dem tierische Ernst des ausstaffierten Todes fasst der Sarg jeden von uns ins Auge. Und zwar derart gewichtig, dass wohl keinem mehr ist nach dem Schutz eines Beffchens. Wie uns auch alles von den Köppen stürzt, mit dem wir uns überbauten in Richtung angenommener Herrlichkeit: der Herr Doktor wird uns hier kein Abendbrot schmieren. Viel weniger ist er wohl das Vorwort zu all den hartnäckigen Nächten, in denen wir hungrig ins Bett werden müssen.
Eine grobe Kante von einem Sarg, während uns untenrum der Krematoriumsboden unsere Fruchtlosigkeit ins Gemüt drückt.
Und so wachen wir. Innerlich im Anlauf auf irgendetwas. Bloß um wenig später beschwert zu sein mit weiteren Augenblicken voll der Folgenlosigkeit.
Stillgestellte Beinarbeiter. Bald sind wir eingerastet, bald in unserem Wesen ausgestanden. Bis bedenkenlos alles die Zeit runterzählt. Bereit, das jetzt zu verleben.
Ein Abgestandener bin ich, dem jede Berufung vergangen ist, als ich Musik für wahr nehme. Für wahrer, als ich mich je gehalten habe. Auf Zehenspitzen inspiziert die Musik unsere Reihen. Wie wenn sie hier gewiss niemanden zum Tanz auffordern wolle.
Das letzte Immergrün des Herrn Doktor. Was er weiterhin hören mochte inmitten schmatzender Eingeweide.
Während Flöten im Hintergrund ihren Beiwohnern das Blut erlassen, spielt ein Klavier sich auf als Händehalter, dass man das ja nun auch noch schaffe. Reinheit finden im Takt und im Refrain. Sind wir eben bloß saubere Dreizeiler, mit Baumkronen auf den Häuptern!
Nachdem der Herr Doktor uns hat abstehen lassen, werden wir so nun abgetragen.
Immerhin, es geht nochmal was ab. Und wenn wir selbst es sind. Sonderlich geübt, Krematoriumsboden zu bespielen, scheint mir keiner der Umherstehenden. Da nimmt man Verluste in Kauf.
Wie wir ohnehin alle abfließenden Fluten gleichen. In klaren Nächten geht der Blick bis auf die Knochen. Durchaus also bedeutet jeder Ritus, den der Herr Doktor sich für seine Beisetzung ausbat, auch eine Forderung an uns: wollen Sie mal probieren?
Die Musik ziert sich und wird uns lang. Vor allem, weil sie hier niemandem mehr etwas verspricht. Kein Anfassen dürfen, keinen Schuss gen Himmel, nichts. Vielleicht einen Schlag Barmherzigkeit, aber selbst das eher nicht.
Routinemäßig werden Sterbestätten mit Musik animiert. Und wer ist erfahren genug, sich im Tod mehr Maß heraus zu nehmen, als ein Eingeborener?
So war selbst der Herr Doktor in der Verlegenheit, dass er auf dem Friedhof für Lärm sorgen musste. Weil Menschen gegen alles ankomponieren, weil sie alles Leben mit Refrains überziehen.
Ob der Herr Doktor dem noch Bedeutung beimessen konnte, was sein Plattenspieler hergab? Jene düdelnde Konserve, welche in uns Wild- und Zartheiten zu erzeugen sucht. Ums Lügen nicht bang, der Wahrheit oft hundert Spuren weit voraus.
Was uns aber wirklich belangt, bleibt ohne jedes Kampfgeschrei. Wie ich früher im Sandkasten stumm Ameise um Ameise ausdrückte. Tumore gleichen dem Schiffchen eines Entdeckers im stillen Ozean. Schunkeln in den Körpersäften, als wollten sie bloß nach uns sehen. Quasi ein Routinecheck, ob man schnittig genug unterwegs sei im Straßenbild.
Dadurch, dass wir dem Krematorium bis vors Maul musizierten, ist es nun über uns gestürzt wie ein dumpfes Tongefäß. Und wir als die einzige Spezies, die davon nicht in Hektik verfällt, sondern wacker auf ihren Gottesdienst wartet.
Tatsächlich kommt es unter den Vorstehern des Bühnenbildes zum Stühlerücken. Ein Angemessener, erster Beredner offenbar, macht sich auf in Richtung unseres Vorläufers im Sarg.
Dem Angemessenen ist neben dem Sarg ein Stehpult eröffnet worden. Dort zeigt der Angemessene, erkennbar erster Beredner nun, seinen Papierkram her.
Der Angemessene ist dem Sarge zugeneigt, ohne dass er sich sonderlich darüber hermacht. Unbefleckt steht ihm die Lust an seiner Redensart vor:
Krieg! sucht er die Decke des Krematoriums. Gewiss nicht in der Absicht, dass wir mit den Füßen zuoberst am Dreck kleben, während die Decke eines Krematoriums wahrlich unseren Grund bedeutet.
Krieg! Der Herr Doktor sei mit dem Krieg nicht umgegangen!
Tönt des Doktors Angemessener überhaupt vom Kriege? Ich kann keinen Eingang jenes Kraftwortes bei mir feststellen. Aber was sonst reitet der Angemessene mit tausend Fahnen?
Er steht nicht hinterm Pult wie einer, auf den das Leben angelegt hat. Nein, er mäandert durch seinen Papierkram, dass ihm höchstens ein: Oh! entfährt, wenn das Leben ihn aus seiner angemessenen Existenz schießt.
Bis dahin wird er jeder Beerdigung beiwohnen wie einem außerordentlichen Clubabend. Chapeau!
Krieg also. Immer noch. Wieder mal. Während der Angemessene seine Wortgewalt ausübt gleicht der Sarg einer Pappschachtel, die bei jeder Kriegserklärung in die Höhe hüpft.
Aber wir, vom Angemessenen zum Appell befohlen, sind pflichtgemäß genug, dass wir selbst das Herauspoltern des Leichnams begrüsst hätten mit einem: Hurra!
Keine vollständige Mobilisierung allerdings. Die Bürgerpflicht, am Fuße eines Sarges Ordnung zu schaffen, befielt uns weiterhin ins Traueramt.
Immerhin ist Dasein gekommen in unsere Fäuste. Bereits die Erinnerung, dass wir mit unseren Händen einst anderes anfingen, als sie zum Gebet zu falten, gereicht uns zur Parole.
Behandelbar wirkt das Leben nun. Als könnten wir dem Leben bei Bedarf aufs Maul hauen.
Und der Angemessene ist selbstverständlich nicht so keck, dem Leben mehr angedeihen lassen zu wollen, als Milde. Sein Redeschwung gleicht daher einem Väterchen, das seinen Enkeln die Schaukeln in Gang setzt. Etwas Anregung für den Kreislauf inmitten eines Ortes der Ohnmacht.
Und so nicken wir dem Angemessenen auch nach, als er sich mit seinem Papierkram entfernt aus unserem Bewusstsein, um irgendwo im Stühlerücken einen Schlusspunkt zu finden.
Ja, ein Sarg muss bespielt und beredet werden. Erspart das Denken. Höchstens kommt uns so zum Munde heraus, was uns oben einging: Nie in Dienst genommene Automaten, durch die das Kleingeld der Welt klingt, ohne sich am Ende je in etwas von Nutzen verwandelt zu haben.
Eine Pleite gegangene Daddelhalle, mit einer Berednerin nun als Konkursverwalterin. Spezialisiert allerdings auf Gegenden, wo es bedeutend weniger Lichtmaschinen gibt.
In solch Daddeldu sei der Herr Doktor mit ihr gereist. Randvoll des Urvertrauens um sein Spielgeld.
Und tatsächlich gelang es dem Herrn Doktor mit beherzten Kunstgriffen, das Getriebe mancher Erntemaschine wenn schon nicht Funken so zumindest Luft schlagen zu lassen.
Ja, dem Herrn Doktor als einem freundlichen Gebissinspizierer hätten befremdlichste Nächte ihre weißen Zähne hergezeigt.
Was bedeuten dagegen unsere von Wortwatten zerfressenen Beißapperate?
Während wir unser Leben mit den Füßen zuoberst wahrnahmen, ging der Herr Doktor stiften. So besiegelt es dessen Berednerin mit einem Schuss Körperflüssigkeit.
Wir stehen dagegen ohne die geringste Böe. In Frieden gelassen, um uns besenrein auszukehren.
Nach dem Krieg: Musik! Kaum sind die Beredner heimgeführt auf ihre Stühle, wird deren Bombenstimmung gekippt von einer sich freispielenden Violine. Als würde hier Geschwätz in sein Verhältnis gesetzt. Mit einem Bogenstreich von der Tagesordnung entfernt.
Und wir sind dabei gutmütig wie Grabsteine: so lange uns niemand an unser Eingemeißeltes will, sei was sei.
Violine. Im Maul eines Krematoriums. Da hätte man des Doktors Sarg auch gleich anzünden können! Ja, sollen Beredner und Töneschwinger sich messen mit dem offenen Feuer!
Aber was stehe ich. Kommt eh kein Schritt dabei heraus. Und die Violine wird mich überdauern, um Ewigkeiten überdauern.
Ihre Daseinsäußerung enthebt unsere Gräber jedes Zusammenhangs: Wir haben Geschrei durch Dörfer getrieben, nie Klangkörper gen Himmel. Wessen Sinnes mochte der Herr Doktor gewesen sein, als er uns einer Violine überantwortete?
Vielleicht befand der Herr Doktor sich zum Zeitpunkt seines Ratschlusses in der Horizontalen, mit tüchtig Blut in den Ohren. Halb dem Traume verfallen, halb der Erinnerung, jedenfalls zu keiner Daseinspraxis mehr bemüht.
Wiegenlieder erklingen einem dann wohl als gelungenster Reim auf das Leben. Spiel, welches die weiten Ebenen der Objekte bestreicht. Wie sie so wohlig dem Naheliegendsten entgegen geneigt sind. Bloß dass an uns kaum noch etwas liegt. Streicher, wie auch Trommler, Bläser und Tastenhauer musizieren uns in den Abfall. Gäbe es nichts außer dem Wind, jeder Erdhaufen wäre mir einen Schwur wert.
An des Doktors Sarg aber ist alles nach verschenktem Blut. Leicht durchdringt die Violine das Krematorium, hüpft, schlittert, driftet bis in die Zinnen, derweil ich mit Mühe meine Stellung halte. Unspielbar, und auf wischfestestem Boden.
Endlich lässt die Violine ab von uns. Samt Betreiberin in einem Schmuckkasten zur Ruhe verbracht. Und wenn irgendwann der Schmuckkasten erneut aufgeht, sind wir alle nicht mehr da.
Ob mir nach weiteren Berednern ist?
Eher bin ich auf eine Quittung aus, dass ich dem Sarg des Herrn Doktor Beistand leistete. Glaubhafte Währung, mit der sich die Höllenfahrt am Ende begleichen lässt.
Das Vernichtende an meiner Stellung ist ja, dass ich im Abseits eingegraben bin. Kein Diesseits. Kein Jenseits. Abseits. Verschanzt in bodenloser Erde. Unter dem Rücken abgeordneter Gestirne, die auf das Ende ihrer Schicht schauen.
Ewigkeiten entfernt rauscht eine Autobahn mit Namen: "Leben". Bis dahin aber ist jeder niedergeherrscht von der sengenden Stille Eingeschanzter.
Warum also nicht noch einen Abgebrannten in unsere Senken lichtern lassen? Mit Lauten, die wehen wie das Stroh von Scheuchen.
Und tatsächlich scheint zum ersten Male Abgründiges einen vorzuziehen aus dem Reich der Bestuhlten.
Einen sichtbar Geknickten. Seine Druckfrische merkt man ihm noch an, den Hochglanz und die Erstauflage. Und den Packen, den ein Schicksal in Feierabendlaune ihm dann hat drauffallen lassen.
Wir errichten uns. Bereit, in dem Geknickten mit einigem Interesse zu blättern.
Sein Kopf fällt ihm runter, so oft er ihn in irgendeiner Weise richten will. Das sind die, die unter dem Schwert durchgehen! neide ich ihm sein geknicktes Dasein, in welches nun alles hineinweht.
Fliegen konnten sich seiner so bemächtigen, Marienkäfer ihn durch die Lüfte wuchten. Und er mit allen Vieren weitab flatternd, als Fahne über dem Getümmel.
Was wär ich gerne eine Fahne! Der Wind dabei wie mein Freier, angesichtslos ohne mich.
Die Beherrschung hat den Geknickten verloren gegeben. Wem seine Pappform abhanden kommt, der darf auf keinen Platz im Krippenspiel mehr hoffen. Gegen einen Priester, hätte der Herr Doktor denn nach einem verlangt, wäre dies Häuflein Gestammel fortgenommen worden. Ohne dass jemand jene Verzückung studiert hätte, welche eines Weggeknickten Gestammels eigen ist. So aber darf er das Trauerpult angehen.
Der Geknickte pustet sich in die Höhe, merkbar unwillig nun, bewegt zu sein von eines Trauerpultes Sturm und Spitze. Als würde ihm sein Geflenntes ausgeblasen und dessen Glasierung zerschnitten.
Auf der Zinne gedeckter Gewogenheit ist nicht gut Jammern: die Kaschmirschals, die Handschuhe aus Leder, sie alle fordern den Schonwaschgang.
Also sucht der Geknickte sich zu begradigen. Eine Pose aus alten Tagen fällt ihm vor, längst nicht mehr passend, aber Zeichen gesunden Herdentriebes.
Man lehnt sich zurück, bereit für was Menschliches. Was an Tränen abgehen mag, es wird nun seine Betrachter finden! Als wäre er ein Zitat des Herrn Doktors, so steht der Geknickte uns Rede. Blubbernd eher, mit Fontänen tief gelegener Dämpfe. Vergangenes schafft er heran, lässt uns mal auf Leerstellen stehen, mal irgendwo weitab.
Anheimgestellt in den Ausrufen des Herrn Doktors, gerät der Abeknickte in milde Fahrt. Er verschweigt das Erste nicht, das wohl auch sein Letztes war, flattrig wie er ist. Ein Draufsein, was die Literatur betrifft. Der Geknickte dabei streng lokalisiert. Ein Hüpfer, ein Herzstolpern. Kaum auszudenken mehr gegen das Letzte des Herrn Doktor, gegen jenes Federgewicht mit Fallhöhe weit über den Hüpfern des Geknickten. Und - knicks! - ward der Nacken aus jeder Haltungswertung genommen. Ein aufgeknickter Pack Blut, der nun für ordentlich Dasein sorgt.
Meldung macht uns der Geknickte über letzte Lebensäußerungen seines Herrn Doktor. Museen finden sich dort auf, ein Affenhaus und norgwegische Fjorde. Ich bestaune das so Abgelebte des Herrn Doktor mehr, als jemals seinen Sarg.
Die Museen. Das Affenhaus. Der Fjord. Ich sage es mir auf wie ein Bote sich seine Botschaft. Als wolle ich damit durch Nebel und Nächte, für eine letzte Notiz an mich selbst: das noch und das und das - und nicht bloß Erde, in der Kartoffeln so gut gedeihen wie der Tod.
Ich spüre vom Geknickten kein Wort mehr. Und auch die abschließende Berednerin geht mir nicht mehr ein mit ihrem Kehraus. Ihr Ausschmücken der Pünktlichkeiten des Herrn Doktors, wie vorzeitig er sich mit welch einer Tratschlust in Restaurationen einfand, und wann er endlich "ins Reine" gelangte. Kurz vor knapp, gewiss, aber noch rechtzeitig für den Tod, dass der nicht mehr viel brechen brauchte...
Ein letztes Stühlerücken in den Reihen der Vorsitzenden. Schon von solcher Art, die Anstosslaune verrät: abgespannt durch eine Tonspur, wird sich der Brunch schon finden, der das alles belegt.
Von hinten drängt Stille zurück ins Forum. Als sei man kurz aus gewesen, und ärgere sich nun über Haufen frischen Wortbefalls.
Trostspender senken ihre Häupter wie Flusspferde, uns Abgespannte hinaus strömen zu lassen, ehe Stille und Stein erste Verweiler fordern.
Ich also im Pilgerschritt raus auf die Trauerweide. Noch etwas Kummer grasen. Erschreckend flau weiterhin in den Hohlräumen meines Daseins.

Weiter, immer weiter!
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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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