Dienstag, 6. Juni 2006

Braungebrannt.

Ein Mann beobachtet seine Frau, wie sie vom Braten ein Stück abschneidet, bevor sie den Braten in den Ofen schiebt.
„Warum machst Du das?“
„Der Braten gelingt dann besser“, sagt die Frau. „Meine Mutter hat das immer so gemacht.“
„Stimmt“, kommentiert die Mutter aus dem Wohnzimmer, „schon meine Mutter hat deswegen immer ein Stück vom Braten abgeschnitten.“
Der Mann ruft die Großmutter seiner Frau an: „Der Braten gelingt so besser?“
„Wie kommst Du denn darauf?“ verwundert sich die Großmutter. „Unser Ofen war damals zu klein. Anders hätte der Braten nicht hinein gepasst.“
Kaum eine Handlung, die nicht ihr Gewohnheitsrecht kennt: irgendwann verweist die Handlung auf sich selbst. Wobei sie uns dann auffordert, den Grund für unser Handeln gefälligst irgendwo herbei zu suchen.
„Ich finde keine passende Begründung in mir“, gilt dabei nicht.
„Lies Zeitung, schau im Fernsehen nach!“

Wie nun verhält es sich, wenn wir uns braten auf dem Teutonengrill?
Die um ihre Gesundheit wissenden Assyrer kannten den Teutonengrill bereits, ebenso die Ägypter und die Griechen.
Allerdings ist es im Lichte des Hippokrates eher bei einem Art Damengrill geblieben: wenige Minuten Sonne täglich reichen völlig hin für unsere Knochen. Nicht einmal vom Prallsten muss sie sein, die Sonne.
Jenes klassische Wissen der Leibärzte blieb denn auch lange so populär, wie heute vielleicht das Verpflanzen von Frischzellen.
Die uns implantierte Matrix der „gesunden Bräune“ begründet sich schlicht in einer Schnapsidee:
Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Industrialisierung beschloss, den Arbeitern ein neues Fundament der Selbstachtung zu gewähren, wusste zuerst niemand etwas anzufangen mit der Zeit, welche nun plötzlich zur freien Verfügung stand. Ratlos ließen die Arbeiter sich in den Wirtshäusern vollaufen.
Eine straffe Architektur der Matrix war also auch hier notwendig. Gesellschaftsvereine entstanden, der Fußball wurde propagiert, ein neues Schönheitsideal installiert: 1922 ließ Coco Chanel sich braun brennen und präsentierte sich so in Cannes.
Besonders die Nationalsozialisten erkannten im Sonnenbad schnell die preiswerte Möglichkeit zur Wiederherstellung von Arbeits- und Wehrfähigkeit. Braun sein, das stand im Dritten Reich für Kraft, Stärke, Abhärtung.
Braune Soße, die in den 50ern dann ausgedünnt wurde mit Einflüssen des Wirtschaftswunders: Wir können es uns leisten!
Dabei ist es bis heute verblieben. Abgesehen von gelegentlicher Produktpflege in Richtung Fit- oder Wellness, planen die Architekten der Matrix scheinbar keine im Wesentlichen neuen Module für unser Sonnenbad.
So sind wir mündigen Bürger jedes Jahr aufs Neue gefordert, uns den Teutonengrill selbst vorzuheizen.
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look at me!

Matrix.

Unheimlich, wie viele Menschen ihr Leben lang nicht hinaus kommen über das Schreiben von Urlaubspostkarten. Vielleicht reicht es der Welt tatsächlich zum Glück, wenn sie täglich ihre vier Stunden Glotze reingeschüttet bekommt. Die in die Hunderttausende gehende Gemeinschaft der Online-Gamer beweist mir, dass Menschen real mit einem tristen Viereck zufrieden sein können, wenn sie dafür virtuell Könige sein dürfen. Insofern ist "Matrix" für mich der visionärste Film des 21. Jahrhunderts. Und ich gäbe manches dafür, später der weiß gekleidete Architekt der Matrix zu sein. Und sei es in der Irrenanstalt. Wie Nietzsche. Ein Irrer, der alles weiß, der das Leben in seiner Tiefe durchmessen hat, bis es tiefer nicht mehr geht.

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